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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-04-08 · 15 (8.4.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
15 (8.4.1932)
Date
1932-04-08
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer |( von solchen, die sich auf dem Gebiete des Wohlfahrtswesens verdien! gemacht haben, überragen, wie sie selbst im Leben, ihre Umgebung. Die Steine von Schülern des Prager Rabbi Bezalel Low sind um den seinen gruppiert und von ihm behütel wie die Herde vom Hirten und die Küchlein von der Henne. Wir haben das Beispiel eines solchen guten Friedhofes und seiner allmählichen Entwicklung im älteren Teile des ersten jüdischen Leipziger im Johannistal. Wenn er in seiner Gestaltung auch nicht an die von Prag. Frankfurt a. M., Wien usw. heranreicht, so kann man doch die einheitliehe schlichte Stilentwicklung bis ungefähr IKÖO—(iO verfolgen. Von da ab beginnt langsam die Sucht, den Nachbarn übertreffen zu wollen. Geht das eine Grabmal in die Höhe, so muU das andere entweder noch höher oder nach der Breite zu ausgestaltet werden. Ks muß vor allem anders sein, als das nachbarliche. Die Steine hören auch auf, den Persönlichkeitswert und den Charakter der Zeit zu tragen, in der sie entstanden. Vielleicht liegt das aber auch daran, weil die Zeit auch keinen Charakter hat — sind doch die Formen der Spiegel der Zeit —. und sie es nicht versteht, eigene zu schaffen. sondern bei den verschiedenartigsten Zeiten und Stilarten Anleil en macht. Noch schlimmer werden die Verhältnisse allerdings in der Wilhelm), nilchen Epoche, deren falsches Pathos und Großmannssucht sich in den Dimensionen auszudrücken versucht. Das gelingt ihr auch Klotzig und protzig, grob und groß machen die Grabmale, wie man et am besten auf dem Weißenseer Friedhof in Berlin feststellen kam. auf ihr Dasein aufmerksam. Nicht die Feinheit der Formen, nicht die materialgerechte Bearbeitung der Steine, nicht die ornamentale V r teilung der hebräischen und deutschen Schrift: Wucht und Größeneutwicklung sollen alles ersetzen. Wenn sich auch vielfach schon der Schleier der grünen Ueberwucl erung auf einzelne Auswüchse gelegt und sie gemildert hat, wir mÜMen sehen, sie überhaupt zu vermeiden. Gerade uns .luden dürfte das nii hl schwer fallen, da wir nur an die eine Zeitlang in Vergessenheit geratene Tradition anzuknüpfen haben, um etwas wirklich Gutes tu schaffen. Diesem Ziel gilt auch die neue Friedhofsordnung der Gemeinde. Der Sohar in deutschem Gewände C h a j i in Bloch. Eine mächtige metaphysische Strömung beherrscht unsere Zeit. Der Materialismus, von dem die Menschen seit einem halben Jahrhundert beherrscht wurden, scheint seinem Ende entgegenzugehen. Die furchtbare Not. die uns heimsuchte, der wirtschaftliche Zusammenbruch von Staaten und Völkern führte unsere Generation, wenn auch in sehr langsamem Tempo, zur Besinnung. Man ist heute vielfach überzeugt, daß nur auf den Trümmern des Materialismus eine neue Menschheit in Glück und F'rieden und Brüderlichkeit entstehen kann, in unseren Tagen sehen auch viele Gebildete, in einein religiösem Dogma nicht geradezu befangene Menschen ein, daß die Rätsel des Lebens durch die Naturwissenschaft allein nicht gelöst werden können und daß das, was sich in allen Lebeiiserscheinungen und Lebensvorgängen äußert, nicht bloße „Natur", sondern Höheres, Göttliches bedeutet. (Die Kahhala weist darauf hin, daß das Wort „ha- Teba" — „die Natur" — den gleichen Zahlenwert wie das hebräische Wort „Elohim" — „Gott" hat!) Die durch die unglücklichen Folgeerscheinungen der gottlosen Lebensauffassung in Verzweiflung geratenen Seeleu suchen nun. jeder unter Anpassung an die nationalen und religiösen Verhältnisse, in der Mystik, im Unfaßbaren und Unsichtbaren. Trost und Zuflucht. Besonders stark war und ist der im Diasporalehen schwer gemarterte Jude mit der Qeheimlehre seines Volkes, mit der Kahhala. verbunden. In den letzten Jahrzehnten wurde auch das moderne Judentum, das seit Moses Meudelsohn die kabbaliastische Denkweise auf das entschiedenste ablehnte, von dieser Lehre mächtig beeinflußt und nicht weniger Beachtung wird der abzweigenden (ieistesrichtung. dem Chassidismus zugewendet, was die vielfachen Schriften und Abhandlungen auf diesem (iebiete am besten beweisen. In erster Linie steht das Buch Sohar (Licht, (ilanz), das die urälteste Weisheit überliefert (das Wort ..Kahhala" bedeutet denn auch Ueberlii-ferung") und vermittelt, im Judentum in großer Verehrung. Der Ursprung des Sohar, der neben dem von Zahlenmystik erfüllten Sephei Jezirah (Buch der Formung, der Schöpfung), das den Urahnen Abraham zum Verfasser haben soll, für das (irundwerk hebräischer Mystik gehalten wird, ist in Dunkel gehüllt. Es stammt angeblich von dem vom frommen Judentum höchstgefeierien Itabbi Simon ben JochaJ, der' vom römischen Kaiser Hadrian verfolgt, dreizehn Jahre in einer Höhle verborgen lebte, wo ihm die größten und heiligsten Geheimnisse über das Wesen Gottes und des Weltalls offenbart wurden. Rabbi Simon erscheint in seinem Werke als ein gewaltiger Dichter, der in Bildern denkt und kraftvolle und hinreißende Sprache besitzt. Gewiß linden sich im Sohar Stellen, die für unsere Rede- und Denkweise fremdartig erscheinen, Gedenken, die uns merkwürdig anmuten und die wohl nur diejenigen begreifen, welche sozusagen dafür empfänglich geworden sind. Was aber in diesem Werke verständlich ist, verrät eine tiefe Liebe zu dem Unendlichen, zu dein En-Soph, unter dem (iott sich verbirgt, ein Streben nach höchster Erkenntnis und einem vollkommenen, heiligen Leben, das durch inbrünstiges Gebet und Verzicht auf wellliche Genüsse zu erreichen ist. Das Sobar-Buch gibt in symbolischer Weise auf viele F'ragen, über die in der Heiligen Schrift und im Talmud kein Aufschluß zu linden ist, Antwort und erörtert, wenn auch in wortkarger Weise, die leisten Dinge, die Beschaffenheit der künftigen Welt, Lohn und Strafe, dal Fortleben der Seele und das Auferstehen des Fleisches. Dieses Werk in die Weltliteratur einzuführen, war vom religionwisseuschaftlichen Standpunkt geradezu eine Notwendigkeit. Aber in noch anderer Beziehung war eine deutsche Uebersetzuug dl i Buche* von großem Wert. Dieses Werk, dem christliche Denker früherer Jahrhunderte tiefe Verehrung verliehen, war seit einem halben Jahrhundert häufig die Zielscheibe für judenfeindliche Angriff Der im vorigen Jahr verstorbene Nestor des österreichischen Aul - semitismus, Prof. Dr. Aug. Rohling, hat durch falsche Deutung in I Auslegungen in diesem herrlichen Buche Aufforderungen zum Freu - denhaß und Menschenmord finden zu können geglaubt. Ein Sturn der Entrüstung ging seinerzeit in den christlichen Gelehrteukreise i gegen Rohling und seinen Anhang los, als er den Sohar als Beweia für seine judenfeindlichen Beschuldigungen anführte. Die Saat d< i Hasses, die Rohling ausstreute, ist aber dennoch aufgegangen. Im Hilsner-Prozeß und ein Jahrzehnt später, im Beilis-Prozeß, wurde ii Gerichtssaal auf Stellen im „Geheimbuch" der Juden, dem Werke Sobar hingewiesen. Eigentlich hatte der Sohar das gleiche Schicks; I wie der Talmud. (Treffend meint der Sohar Alisch. Nosso: „All« - hängt vom Schicksal ab, selbst die Gesetzesrolle in der Synagoge.'') Jahrhunderte hindurch wurde auch der Talmud als Geheimlehre bi zeichnet und das Judentum beschuldigt, daß es eine Uehersctzuii des Talmuds in eine moderne Sprache mit aller Macht verhinder Erst als Lazarus Goldschmidt seine großartige deutsche Uebersetzun : des Talmuds, die Frucht einer dreißigjährigen Arbeit, der Well übergab, verstummte die erwähnte Anklage. Der Talmud ist heut jedem Kenner der deutschen Sprache zugänglich. Nun wurde abe der gleiche Vorwurf in bezug auf den Sohar erhoben. Oft und oft wurde von jüdischen und auch christlichen Kennern des Sohars aui klärende Abhandlungen über das Wesen dieses Werkes veröffentlich und einzelne Stellen daraus ins Deutsche übertragen. Die Ueberset zung des ganzen Werkes vermochte keiner der Kabbalakenner zu staiidezuhringen. Ich begann diese schwierige Arbeit, mußte abe bald einsehen, daß ich, verschiedener persönlicher Umstände halbe ihr nicht gewachsen sei. (Einige von mir bearbeitete Texte veröffenl lichte ich im Jahr 1917 in einem Archiv für religiöse Forschung.) Erst Ernst Midier, dem stillen Wiener Gelehrten, war es beschiedei eine große Auswahl von Texten aus dem Sohar der deutschen Lest weit zu vermitteln. F>nst Müller verstand es, für die Uebersetzun. eine Sprache zu wählen, die sich dem schwierigen Stoff anpaßt. Di' von Müller gewählten Texte offenbaren eine gewaltige Gedankenwelt deren Größe und Erhabenheit man zu begreifen beginnt, je mehr 111:11 sich in das schöne Werk vertieft. Uriel Birnbaum hat durch sinnvollen reichen Bildersrhmuck den Werke ein schönes äußeres Gepräge gegeben. Der Herausgeber ist für seine Leistung auf das Wärmste zu beglück wünschen. Er hat das deutsche Schrifttum bereichert, den Gegneri des Judentums ist aber gleichzeitig der Boden für eine ihrer schärf steu und unglücklichsten Beschuldigungen genommen worden.

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