Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 10 (4.3.1932)
- Date
- 1932-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummei |i Krisenhilfe Ein Bericht und ein Aufruf! Die besondere Not der Zeit macht besondere Opfer erforderlieb. Oberall bat es sich gezeigt, dafl die auf normale Verhältnisse angeschnittene Wohlfahrt von Staat, Stailt und religiösen Gemeinden heute nicht ausreicht, und unter den verschiedensten Namen haben sich freiwillige Organisationen gebildet, um der ins Ungeinessene gestiegenen Not unserer Tage KU steuern. Verhältnismäßig spät hat man sich in der Leipziger jüdischen Gemeinde die Notwendigkeit einer besonderen llilfsarbeit klargemacht. Und das ist besonders verwunderlich, da es in Deutschland kaum irgendeine Gemeinde gibt, dereif Berölkerung einen so stark proletarischen Charakter auf in ist iric Leipzig. Waren schon in besseren Zeiten die Wohlfahrtsaufgaben in der meist aus Kleinhändlern. Hausierern und Marktfahrern bestehenden jüdischen Bevölkerung unendlich groß, so steigerten sie sich ins LT."gemessene, als die Arbeitslosigkeit unter Angestellten und Arbeitern noch hinzutrat. Der Verfall des selbständigen jüdischen Mittelstandes kommt vielleicht nirgends zu einem so krassen Ausdruck wie in Le- >zig. Dazu traten und treten die besonderen Schwierigkeiten, die aus der Tatsache stammen, dafl ein großer Teil der Leipziger .ludenheit aus Ausländern besteht. War den deutschen Staatsbürgern wenigstens das Recht auf die staatlichen Unterstützungei esichert, so schwebte und schwebt der Ausländer ganz in der Uns Herbert. Die Israelitische Heligionsgemeinde geht bis an die letzten Grenzen ihrer Möglichkeiten. Bei der um ein Vielfaches vermehrten Not und der durch den katastrophalen Rückgang des selbständige!) jüdischen Mittelstandes bedingten Minderung der Steuerkraft der Gemeinde ist es ihr aber nicht mehr möglich, durchgreifend zu helfen. So sehr sie auch zu ihrer Entlastung alle gesetzlichen Möglichkeiten bei der Inanspruchnahme der allgemeinen Wohlfahrtseinrichtunge;. a isschöpft, es bleibt zuviel nn Not zurück. Gewiß ist die politische Gemeinde, die Stadt Leipzig, verpflichtet, auch den hilfsbedürftigen .Umländer zu unterstützen. Nur mit Widerstreben konnte er aber die Hilfe annehmen, stand ihm doch nach kurier Zeil die Ausweisung bevor, die nicht nur angedroht, sondern auch schon des öfteren vollstreckt worden ist! Unter diesem l allbeil der Ausweisung leidet der Ausländer ganz besonders, weil er ihr nicht nur verfällt, wenn er Öffentliche Unterstützung in Anspruch nimmt, sondern auch schon dann, wenn er mit Steuern, ja sogar Krankenkaasenbeitrflgen im Rückstände bleibt! Kurz entschlossen gründeten darum im Au^.'.st des vorigen .Iahres drei 90cial denkende Leipziger Geiueiiidemitglieae.'. die Herren Hudolf Schick. Moritz Ury und Julius Ijus ig. der Ausseht!/! für Krisenhilf'-! Ohne großen Apparat suchten sie zunächst aus freiwilligen Beiträgen sich die erforderlichen Mittel zu schaffen und begannen dann ihr Werk,' Uber das heute ein kurzer Bericht gegeben sei. Die Ausführung der Arbeit übernahm dabei Herr Hudolf Schick. Als erste und wesentliche Tat muß die Einrichtung einer Volksküche gewertet werden. In den früher vom Jüdischen Studentenverein in der Morilzstraße bewohnten Räumen wurde eine Volksküche geschaffen, die für den billigen Preis von nur zehn Pfennigen ein sehr schmackhaftes und reichliches Mi'.iagesse» verausgabt. Jeder Besucher darf mehrere Portionen entnehmen, >ind insbesondere auch zum Abendbrot oder für andere Personen das Essen mitnehmen. Selbstverständlich kostet die Portion in der Herstellung weit mehr, der Zuschuß wird eben aus den eingeh.....len Beiträgen geleistet. Die Volkskücheneinrichtung ist sowohl in ihrer Organisation wie in ihren Leistungen von Fachleuten als mustergültig bezeichnet worden. Als weitere Gebiete der Krisenhilfe kamen zunächst Mielbeihilf.en w, Betracht. Wohnung neben dem Essen zu schaffen, ist die elementarst) Aufgabe jeder Hilfe. Uni die Bemühungen produktiv zu gestal! wurde alles gefördert, was bei der Wiederanfrichlnng oder S einrirhlung einer Existenz nützlich sein konnte. In großem Maße s od Lebensmittel und Kohlen verteilt worden, wobei erfreulicherweise die Krisenhilfe über bedeutende Sachspenden verfügen konnte. Große Anstrengungen, denen der Erfolg nicht versagt blieb, wurden in 1 ei Sammlung und Verteilung ron Kleidern und Schuhwerk gemacht, vn bei durch die erforderlich werdenden Reparaturen jüdischen arbc*' losen llundirerkern in gewissem Umfange Beschäftigung gebot « wurde. Die Krisenhilfe hat sich auch sonst um Arbeilsbesihaffuni bemüht, und die Arbeit ist in Sonderfällen über den Rahmen der angegebenen Gebiete hinausgetragen worden. Es soll an dieser Stelle nicht auf Einzelheiten eingegangen werden. Einige Zahlen seien abet doch genannt. Vom Tage der Eröffnung der Volksküche, dem 10. November 1081, bis zum 81. Dezember des Jahres sind rund 10 000 Por- Honen Essen ausgegeben worden, und im Jabrc 1882 werden es bb zum 1. Februar rund 12 000 Portionen gewesen sein! Eine Leistuni die um so höher anzuschlagen ist, als sie ohne großen Apparat, last improvisiert geschaffen wurde, die freilich nicht möglich gewesei wäre, wenn nichl der Leiter der Krisenhilfe und die Angestellten nebst einigen jungen Damen, die sich freiwillig zur Verfügung stellten, in aufopfernder Treue intensive und wertvolle Arbeit geleistet hätten. Die sonstigen Ausgaben eines Monats für Mietbeihilfen, Fr werbsunterstützung und Lebensunterhalt dürften heute an 1000 Mark monatlich heranreichen. Dieser kurze Bericht wird nun keinesfalls erstattet, nur um das Werk zu rühmen! Sein Sinn ist die Erireckung der ollgemeinen Hill' bereitschafl! Nur sechzig Personen sind es bisher, die zur Krisenhillregelmäßig beitragen! Im Eifer der Gründung, im Willen zur Hil < hat man Jiisher noch nicht die Zeit gefunden, sich an eine große > Öffentlichkeit zu wenden und eindringliche Propaganda zu treib, \. Die Größe der Not, die unendliche Fülle der Arbeit zwingt aber Jetzt dazu! Nicht sechzig Personen, sondern sechshundert müssen in Leipzig f, r die Krimhilft ihre regelmäßige Spende entrichten! Daß jeder, dr sich noch zu den besser gestellten Schichten rechnen darf, es tun mu ist ganz selbstverständlich! Aber mich die kleine (labe des (leirerb treibenden, der noch seinen BttLirb hol, des Angestellten, der siili seiner Stellung noch erfreut, darf der großen Sache nicht fehlen! Jedr denke daran, daß so mancher von denen, die heute die Krisenhilfe Anspruch nehmen, noch vur nicht allzu langer Zeit vielleicht selbr gespendet hat! Jeder denke daran, daß schweres Schicksal beute 1 manchen treffen kann, der nie nn eigene Not gedacht hat. Und ob seine (labe klein oder groß ist, jeder zeichne darum sofort einen regt mäßigen Beitrag! Und er gebe dadurch dem höchsten, das wir .lud< n besitzen, Ausdruck: Dem tieirußtsein der Verbundenheit in Freud und Leid, dem Pflichtgefühl, da» dem Armen zu helfen al» soziale i'flir 1 gebietet. F. G. Zahle Deinen Beitrag entweder sofort auf das Konto „Krisenhaft" beim Bankhaus Kroch jun., Augustusplatz, ein, oder klingele bei d- Krisenhilfe (Leipzig (' 1, Zentralstraße 7—9, Fernsprecher 1415 70) u damit er abgeholt wird. Auch für getragene Sachen, für Stiefel, f' r Köhler und andere Gaben ist die Kriseuhilfe herzlich dankbar. Sächsische Gemeinden Plauen i. V. Am Sonntag, den 21. Februar 1082, tand anläßlich des Trauertages für die Gefallenen des Weltkrieges eine schlichte Gedenkleier statt, zu der Herr Dr. Isciat freund, Berlin, die llauptanipraehe „Wae sind wir unseren Totes >-c:.uldig?" übernommen hatte. Unsere neue Synagoge war gefüllt 11111 Mitgliedern unserer Gemeinde ciihI .-ehr viel Andersgläubigen. Die Predigt wurde umrahmt von Chorgesingen. Die von Dr. Freund gestellte Frage „Was sind wir unseren Toten schuldig?" beantwort te er unter den Hinweis auf die Lehren der Geschichte, daß wir ihnen schuldig sind: das Ideal der Vaterlandsliebe über alles zu stellen. Für dieses Ideal haben auch 12000 deutsche jüdische Frontsoldaten im Weltkriege ihr Leben für d: - Vaterland gegeben und mit ihrem Tode haben sie die unlösliche Verbundenheit des deutschen Juden mit der deutschen Fürde besiegelt, eire Verbundenheit, die in einer 2000jährigen Geschichte ihre Wurzeln hui. Dr. F'reund beklagte tief den Heist der Unbrüderliclikeit, d< r unter den Folgen der Wirtschaftsnot sich über diese Tatsache hin wegsetzt und schloß seine Ausführungen mit der Mahnung, daß nur Einigkeit in allen Gliedern und Konfessionen des Deutschen Volk - alleinige Gewähr für einen neuen Aufstieg des deutschen Volkes ur<l Vaterlandes bilde. Der lluuptanspracbe folgte ein" tlefergreitend« Ehrung der gefallenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde Plauen bei