Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 10 (4.3.1932)
- Date
- 1932-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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^ffl Postauflage dieser Nummer: 4500 SiUckilV NI VE RS I [PS. DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Pas Crmrlndeblact erscheint |cden Freitag und wird den Mitgliedern der Keltglonsgemetnde unentgeltlich durch die Pott »igeatrllt - S r Ii r I f t I e l t u n g : Indrrabblncx Gustav Cohn, Leipzig, Löhrttrafle 10 NUMMER lO / JAHRAAN6 8 FREITAG 4* APRIL 1912 Anzeigen Verwaltung und Drude: Budidru<ker<-i August Pries Leipzig, BrQderatr. SS - Kernruf 7000t - Postscheck Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung de« Vertanen gestattet „Junge Frau von 1914' Arnold Zweig, der große deutsehe Jade und große deutsche Kullurtriger, hat sich entschlossen, in ■einem neuen Kornau „Junge Krim von Iiil4" (Verlag Kiepenheuer, Kerlin) einiges von der Fabel su seinem von Wellruhni gekrönten Werk „Der Sergeant icha" zu erzählen. Allerdings sind es nur vage Andeutungen, die ■ Verbindung (wischen beiden Büchern herstellen. Wir wissen iwar, dilti wir dem sozialistisch angehauchten jungen Schriilsleller und Kunsthistoriker Hertin aus der „Jungen Krau von l!)14" im „Sergean- (irischa" in weltgeschichtlicher Mission wiederbegegnen; wir erkennen auch in der „Jungen Krau von 1914" die uns vertrauten Zflge Obersten Schiefiensahn (lies: Ludeudnrff) wieder, den wir im ischa als allmächtigen Oherhefehlshaher, der letzten Endes das lieksal des armen Qriseha entscheidet, näher kennen lernen. So- I die Personalunion zwischen beiden Werken. Sonst aber prüsen- I sich uns die „Junge Krau von 1914" als organisch vollkommen istlndige Schöpfung mit Gestalten, an deren dereinstige Zukunft wohl Neugier und Hoffnung zu setzen vermögen, ohne daß uns r eine zwangsläufige Perspektive sugemutet wird. Ks ist Arnold eig meisterhaft gelungen, in seiner Leonore Wahl, dieser Tochter seh wer bürgerlichen jüdischen Hankhauses Wahl in Potsdam, die i von den allzu lastenden Kamilic nhindungen emanzipiert, um in liehen zu studieren und dort in ihrem Kommilitonen Hertin den iftilgen Lebensgefährten zu finden, jenen Typus der nur in sich 'ist beruhenden und auf sich selbst fußenden Krau zu ebnen, der eben an der Wende zwischen Friedenszeit und egsepoehe geboren ward. „In Freiheit und unter eigener ant wortung". so hatte der Magier aus dem Norden, Henrik en, etwa zwei Jahrzehnte zuvor das Dogma seiner befreiten, elterier wie ehelicher Prohn entronnenen Frau prophetisch dargestellt, dichterische Weissagung ist in Krfüllung gegangen. Zumal von um des Weltkrieges an halten inshesondere die deutschen Krauen Vorzüge und Nachteile der Unabhängigkeit, Selbständigkeit und antwortlichkeil für sich seihst kennen gelernt. Leonore Wahl, die bter von U)14, ist noch umwittert von der Tragik einer auf der >nse Stehenden. Sie hat sich zwar losgelöst aus den zu beengenden iditionen der reichen jüdischen Familie; sie lebt „In Freiheit und er eigener Verantwortung" mit ihrem Herzensfreunde Hertin; alter das Schicksal ihr zwar alle Gnaden des Weibseins schenkt, von jedoch auch die grausame Opferung ihrer Mutterinstinkte er- -cht. leimen sich noch einmal die Atavismen der Jahrtausende zu der Hebellion in ihr auf. Die Welt verändert unterdessen ihr Antvon Tag zu Tag. Und als es so weit ist, daß selbst der soziali- •che Schriftsteller und Kunstgelehrte Hertin unter den Waffen dient. ' nicht nur er sich schon einen literarischen Namen gemacht, sonni vor allem ist die Imrgerstoize, judisch-ehrgeizige Kamilie Wahl reits etwas bescheidener, nicht nur in ihren Ueberlieferungen. sonrn auch in ihren Ansprüchen geworden, SO daß sie gegen eine Kriegsinung Leonorea mit dem eingezogenen „Armierungssoldaten" Hertin cht» mehr einzuwenden hat. 24 Stunden Urlaub müssen dem jungen i;ir genügen, zwischen den Schatten der Vergangenheit und denen 'f Zukunft Hochzeit zu halten. Und nun wird aus der „Jungen ran von lt)14". die ihr S"in und Werden so tapfer in die eigenen ab Im di Mi ki tr F Hände nahm, sich erat jene wirklich freie Krau zu entpuppen haben, die wir in den Nachkriegsgenerationen mit großem Interesse, wenn auch nicht immer mit ungemischter Freude, kennen gelernt hatten. Arnold Zweig bewährt sich auch in seinem neuen Hornau wieder als jener Meister einer gepflegten Sprache, als den wir ihn seit seinen „Novellen um Claudia" liehen und verehren. Kr ist dem modernen oder, sagen wir besser, modischen Stil der kurzen abgehackten Sätze, dem Mißbrauch der Interjektionen mit Ausrufungszeichen und <iedankenstrichen abhold: er haut noch kunstvolle Perioden, die ihren eigenen Rhythmus haben: er läßt sich nicht beeinflussen von zeitlicher Art oder Unart. Und er hat eine seelische Optik, die Menschen zu sehen, die zu schildern er unternimmt. Viele Männer und Krauen aus dem Volke, klar und gütig erschaut, snobistische Literaten, mit unbarmherzigem (iriffel gezeichnet, die engstirnige und engherzige Beschränktheit des Potsdamer gesellschaftlichen Milieus und — mitten darin drei jüdische Generationen. Der Großvater Wahl, Seniorchef des Hauses, unverbrüchlich am Alten Hunde hangend, von der inbrünstigen Frömmigkeit der Vorväter durchdrungen, immer tolerant, wohl aber skeptisch gegen Konzessionen und Kompromisse mit einer Umwelt, die er. trotz seinen Greisenaugen, am schärfsten erkennt. Leonores Vater, der Chef tles Bankhauses Wahl, verbindlich und geschmeidig, immer zu Assimilationen bereit, bis er im Hauptquartier des Befehlshabers von „Oberost" mit eigenen Sinnen wahrnehmen muß, wie es Millionen seiner Volks- und Glaubensgenossen in jener Elendstone ergeht, und bis ihm von dem Höchstkommandierenden, General Schieflensahn, zugemutet wird, selbst die Hand dazu zu bieten, daß eben diese seine Glaubensgenossen unter dem Zwange „militärischer Notwendigkeit" auf seeuntüchtigen Schiffen unter frivoler Nichtbeachtung von Unterseeboot- und Minengefahr nach irgendwelchen fernen Brdteilen „evakuiert" werden sollen. Als ihn und seine Oefährten. nach der Ablehnung solchen Ansinnens, die Herren im feldgrauen Hock nicht mehr zu kenneu belieben, kelirt er nach Potsdam heim, innerlich verwundet und gewandelt. Und die dritte Generation? Leonore und Berlin, heilte frei von dem im Blute wohnenden Wissen des Großvaters, von der qualvollen Erkenntnis des Vaters, nur beseelt von dem Willen, als deutsche Juden ihrem Vaterlande zu dienen. Der Verfasser läßt den Blick in die Zukunft offen. Kr wirft die große, die brennende Krage nicht auf. Denn: „Nur ein Narr wartet auf Antwort". Die deutschen Juden von 1982, die das hellseherische Buch tles Dichters Arnold Zweig lesen, werden es vielleicht mit jener Ergriffenheit tun, womit sie die Propheten tles Alten Testamentes für und für le;;en. Sie werden wissen, daß seit dem vierjährigen Hitt der apokalyptischen Heiter über den europäischen Boden, ihnen trotzdem die deutsche Erde und die deutsche Luft nicht leichter geworden ist. Aber dann werden sie sich vielleicht in ihre heiligen Schritten und auch in die Geschichte der Welt vertiefen und werden daraus die Lehre ziehen, daß noch keine Not und keine Knechtschaft, keine Willkür und keine Gefahr das Judentum zu brechen vermochte, sobald es nicht an sich selbst verzweifelte. Dem Dichter Arnold Zweig aber gebührt Dank dafür, daß er dieser zeitlosen Erkenntnis durch sein neues Buch ein zeitliches Bekenntnis von hohem sittlichen und poetischen Wert hinzugefügt hat. Doris Wittner. I