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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-02-26 · 9 (26.2.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
9 (26.2.1932)
Date
1932-02-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer übertragen wird. Daneben soll Dr. Hermann Berlalc mit dem K.c. und K..I.V. rawie dem Akademikernach weit des e.V. in Verbindung treten, um eine Spitsenorganisation für den akademischen Stellennachweis zu schaffen, die dem bisherigen Neben- und Durcheinander auf diesem Gebiete ein Ende macht Die Durchführung einer Steuerenquete, aus der wichtige Grundlagen für die deneitige soziale Lage der Juden In Deutachland gewonnen werden sollen, wird vorläufig vertagt, da erst im Spitsommer die Einkommensteuerveranlagungen für 1981 bekannt werden. Die Form der Enquete und die Art ihrer Verbindung mit den vom Preußischen Landesverband regelmlfiig vorgenommenen Einkommensteuerermittlungen -ollen jedoch in der Zwischenzeit von einer Kommission aus den Herren Zieleniiger, Lestschinsky, Marcus und Birnbaum durchberaten werden. Die in dem Arbeitsprogramm ferner vorgesehene Bekämpfung di Wirtschaftsboykotts soll dem C.V. übertragen werden. Der Vertrete des C.V. soll zur nächsten Sitzung einen Plan für die BehandlUD «lieser Aufgabe vorlegen. Nachdem noch die Wege zur Erlangung öffentlicher Mittel für pr< duktive jüdische WirtachafUmafinahmen (Darlehnakassen, Sledlun USW.) und die Interessierung der internationalen jüdischen Hilf- Organisationen für die Behebung der jüdischen Wirtschaftsnot i: Deutschland besprochen worden waren, schloU die arbeitsreich' Sitsong, die bei allen Beteiligten die Hoffnung auf endliche Verwirk Hebung praktischer Hilfsmaßnahmen gestärkt hat. In etwa drei Wochei soll die Arbeitsgemeinschaft wieder zusammentreten, um die Bericht, der Kommissionen entgegenzunehmen und sich über die weiterei Schritte schlüssig zu werden. Heinrich Mann warnt vor dem Spiel mit „Entrechtung der Juden" Die Wochenschrift ..Das Tagebuch" und die „Abwehrblätter" veröffentlichen einen längeren „Gut geartete Menschen" übersehriebenen Aufsatz von Heinrich Mann, in welchem der Dichter, der bekanntlich Präsident der Deutschen Dichter-Akademie ist, ungefähr ausführt: Die antisemitischen Bewegungen sind bisher mit einer seltenen Gleichförmigkeit erfolglos verlaufen — oder haben ungewollte Erfolge gehabt. Die früheren russischen Judenverfolgungen haben allenfalls bewirkt, dal.) die .luden sich an der Revolution etwas stärker beteiligen durften, als ihnen zahlenmäßig zukam. Die Dreyfus-Affäre machte den Antisemitismus in Prankreich unmöglich, sie führte zu einer außerordentlichen Geltung der Vernunft im Leben iles Landes. Der Wiener Antisemitismus, einst besonders geräuschvoll, endete mit der viel ruhigeren Tatsache, dal! dort dauernd die Sozialdemokraten regieren. In Deutschland aber mufl man am Anfang der neunziger Jahre die große Bewegung der Ahlwardt und Stöcker schon mitangeseheu haben, dann weiß man für das ganze Leben, was es heißt. Mißerfolg zu haben, sich an unfruchtbare Aufgaben zu verschwenden und neben den wirklich zeitgemäßen blind herzulaufen. Was will man eigentlich von der Kasse'.' Man tut. einzig und allein den .luden zu Ehren, als hellen sich die Mischvölker, die Europa bewohnen, der Basse nach bestimmen und trennen. Dann stellt man jeder der erfundenen reinen Hassen den ebenso unglaubwürdigen reinen .luden entgegen und läßt den Unglücklichen sie alle niederzwingen, bis er sie beherrscht, bis sie nur noch sein Geschöpf und Abbild sind. Mau hat noch niemals die Bedeutung eines Menschentyps in dem Grade übertrieben, wie der Antisemit seinen Juden Übertreibt Antisemitisch angesehen stammt der moderne Kapitalismus plötzlich nicht mehr von der Maschine, sondern vom .luden. Die Großstadl ist keine Schöpfung des Kapitals, sondern des luden. Ausbeutung der Arbeitskraft und Zinswucher sind jüdische Erfindungen; Verelendung der Massen, der sittliche Verfall der Nationen begleiten den Schritt des Juden. Seine Werkzeuge lind sowohl der Liberalismus als die Demokratie, der Sozialismus nicht weniger als der Kapitalismus, vor allem aber die böse, böse Vernunft, auch jüdischer Intellekt genannt Es ist schrecklich. Ist es noch guter (Haube, wenn deutsche Antisemiten in diesem Industrieland immer nur von der Macht der Banken wissen wollen. ni<- aber von der Macht der Industrie'.' Die Banken sind im ganzen keine jQdische Einrichtung, hingegen sitzt in der Industrie, wo sie am wichtigsten ist. nicht einmal der kleinste Jude. Die rheinischwestfäUache Industrie, und kein .lüde, hat den grüßten, zuletzt entscheidenden Einfluß gehabt auf die Regierungen des Reiches, ob kaiserlich oder republikanisch. Sie hat das Wohl Deutschlandmit ihrem eigenen verwechselt und hat zum Schluß keinem gedient In Deutachland besteht die unbedingte Vorherrschaft einer nicht jüdischen Wirtschaftsgruppe und das Zurücktreten der .luden, sogai derer, die es vermöchten, sich stärker gellend zu macheu. Ihre Presse erwehrt sich, nicht sehr heftig, des Antisemitismus. Im üb rigen neigen sie zum Nationalismus, nicht zum jüdischen, sondern zum deutschen. Die Hauptsache bleibt ihnen immer, eine Zeitung für alle zu sein, und dies nicht nur aus geschäftlichen Gründen, ebensowohl aus denen des Charakters. Sie sind lieber bei einei großen Mehrheit als allein. Ihre Presse hat eine höchst achtbare geistige (irundluge. Der Meuschentyp der (iroßstadt ist merklich derselbe geworden überall. Paris und Berlin halten einander nichts vorzuwerfen, nichts zu neiden. In Paris aber wird niemand behuup ten, die geistige Luft sei jüdisch. Die .luden sind vielleicht vom Bürgertum die einzigen, die sich noch erinnern, «laß sie auf grund der Forderungen des Geistes einst alle ihre Gelegenheiten bekom tnen haben; und ein «est der inneren Verpflichtung gegen die deut sehe Gesittung lebt, wenn sonst nicht bei vielen mehr, Verhältnis mäßig oft in ihnen noch fort. Die Antisemiten betonen Ahnung, Gefühl das Unbewußte, sie hallen aber auch die Gewohnheit, den Intelleki sowohl infam als jüdisch zu nennen, und hier muß ihnen gegenübei die Strenge beginnen. Das vernünftige Denken ist die entscheidend« Eroberung, die uns zu Menschen macht. Shakespeare und Goeth« haben nichts geahnt und nicht gefühlt, was sie nicht erst lebens fähig gemacht hätten durch das Denken. „Jüdischer Intellekt", das ist kein Angriff auf eine Schicht, es ist weit darüber hinaus die Ver leumduug unseres Menschlichsten. Man will sich der menschlichei Verantwortung entheben, dann beschimpft man den Intellekt. Mit dem Intellekt steht und fällt das sittliche Empfinden. Es wir« durch ihn erst wirksam und man unterdrückt es zugleich mit ihm Nur eine geistig unempfindliche Menschenarl entledigt sich einet Verpflichtung gegen andere und verlegt sich auf Entrechtungen. Wei mit Entrechtungen erst angefangen hat, hört hei den Juden nirh auf. Gewalt und Unvernunft liegen auf derselben Ebene; man kam nicht gegen die Vernunft sein, ohne gewalttätig zu handeln. Dil Antisemiten macheu sich mitschuldig au allen sittlichen Unmöglich keilen, die auf die Entrechtung der Juden noch folgen werden. Be klagenswerter als die Juden wären die Deutschen, die als einzige Volk des westlichen Europa im Antisemitismus noch immer eine ernste Verführung fänden. Auch der Boykott kann erfolgreich bekämpft werden Von Hechtsanwalt Dr. Hans Lazarus (Berlin). Die Boykottbewegung gegen die jüdische Geschäftswelt und gegen die freien Berufe: „Kauft nicht bei Juden!". „Meidet jüdische Aerzte und Rechtsanwälte!" geMrt zum eisernen Bestand nationalsozialistischer Aufiufe und PrcsaeCTieugnlsae. Hand in Hand damit gehen Verunglimpfungen und Beschimpfungen. Der Centralverein hat frühseitig die Wichtigkeit und Gefährlichkeit dieser Bewegung erkannt und ist energisch dagegen eingeschritten. Es kann gesagt werden, daß dieser Abvehrkampf bisher von gutem Erfolg begleitet worden ist. Die Boykottfrage, die in dieser Form Iiisher im deutschen Hecht noch nicht akut gewesen ist. hat in juristisches Neuland geführt. Der C.V. hat die in Frage kommenden Hechtsgrundsätze wissenschaftlich bearbeiten lassen und Broschüren hierzu veröffentlich' Ferner ist vom C.V. eine groß angelegte Hrteilssuinmlung hergestellt worden, die, bei allen Landesverbänden verbreitet, in vorkommenden Fällen ausgiebiges Abwehrmate rial darstellt. Einstweilige Verfügungen bei den Zivilger lebten und Strafa n drohungen sowie Stratfeatsetiungen sind ei n geeignetes Mittel, um die jüdische Geschäftswelt v o r d e n o n berechtigten Angriffen zu SC h üt■ z e n . Erst jüngst hat sich wiederum ein Fall zugetragen, der zeigt, in welcher Form die feindliche Presse gegen die jüdischen Gewerbe-

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