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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-02-19 · 8 (19.2.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
8 (19.2.1932)
Date
1932-02-19
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seit« 2 UEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer I Jüdische Verbände und Gemeinden Eine Ueichsvertretuna «1er deutschen Juden geschaffen. Die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände des Deutschen Reichel trat am 81. .lanuar 1932 in Berlin zu einer Sitzung zusammen, an der zahlreiche Vertreter, insbesondere diejenigen des preußischen Verbandes und der süddeutschen Verbände, teilnahmen. Wie der Vorsitzende, Kammergerichtiral Leo Wollt, bei der Begrüßung der Anwesenden hervorhob, ist seit der letzten Zusammenkunft ein volle» Jahr vergangen, ein .lahr, in dem die auf Deutschland lastenden Sorgen die jüdische Bevölkerung und ihre Organisationen in besonders starkem MaSe bedrückten. Diese Sorgen und die in Frage kommenden Möglichkeiten, ihnen zu begegnen, nahmen in den Beratungen einen breiten Raum ein und gaben den Unterton selbst bei solchen Punkten der umfangreichen Tagesordnung, die auf einem scheinbar von den Sorgen des Tages nicht berührten Gebiete liegen. Die politische Entwicklung hat es mit sich gebincht. daß es denjenigen Parteien, bei denen der Judenhaß einen unentbehrlichen Teil ihres Programms bildet, geglückt ist, ihre Anhängerznhl in geradezu verhängnisvoller Weise zu vermehren. Das deutsche Judentum ist der ihm dadurch drohenden Gefahr gegenüber nicht blind. Allerorten haben seine verantwortungsbewußten Führer bei den zuständigen Stellen in geeigneter Weise auf diese hingewiesen und auch von sich aus Maßnahmen ergriffen, die zum Schutze von Leib und Leben sowie der Ehre des jüdischen Namens nötig sind. Um auch an der zentralsten Stelle, von der den etwa kommenden Ereignissen am wirkungsvollsten entgegengetreten werden kann, ein besonderes Organ zu besitzen, das hierzu berufen und legitimiert ist. hat die Reichsarbeitsgemeinschaft den Beschluß gefaßt, zur Vertretung der jüdischen allgemeinen Interessen bei den öffentlichen Stellen im Reiche eine Reichsvertretung zu schaffen. In diese sollen der preußische Landesverband •>. die süddeutsche Arbeitsgemeinschaft 4 und die übrigen Landesverbände 3 Mitglieder abordnen, auch sollen ihr zwei Rabbiner angehören. Diese Reichsvertretung soll in geeigneten Fällen mit anderen sich über das Reich erstreckenden jüdischen Organisationen, insbesondere mit dem l'entralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zusammenwirken. Es darf erwartet werden, daß die so gebildete Ueichsvertretung kraft der ihr innewohnenden Autorität ihre Aufgaben erfolgreich durchzuführen in der Lage sein wird. Ein eroßer Teil der Beratungen war der wirtschaftlichen Not der jüdischen Bevölkerung gewidmet. Der Berichterstatter, Dipi.-Ing. Bruno Woyda, knüpfte an die früher über die Tätigkeit des Landesverbandes in dieser Beziehung erstatteten Mitteilungen und besonders an die Beratungen an, welche am Abend zuvor in der neugebildeten Arbeitsgemeinschaft für jüdische Wirtschaftet ragen stattgefunden hatten. Hervorzuheben sind die von verschiedenen Seiten gemachten Ausführungen üh.-i die Notwendigkeit der Schaffung von Bezirks-' dnrlehnskassen und der nebenberuflichen Städternndsiedlung von Erwerbslosen. Auch die Fragen, welche mit der Ansiedlung von Juden BUl dem flache-. Lande und der Möglichkeit ihrer Berufstätigkeit in der Landwirtschaft zusammenhängen, fanden eine tiefschürfende und für die Lösung des Problems bedeutungsvolle Behandlung. Daneben stand eine Reihe von Angelegenheiten auf der Tagesordnung, welche nicht die einzelnen Landesverbände betreffen, sondern über dieae hinaus für das ganze Reich von Wichtigkeit sind. Insbesondere handelte es sich dabei um die Aufbringung der Mittel für Organisationen, die sich auf das Reichsgebiet erstrecken, insbesondere solche der Wohlfahrtspflege und der Ausbildung, ferner der Mittel für die (iewfthrung von Unterstützungen an solche Beamte im Ruhestande, deren Tätigkeit sich auf mehrere Länder verteilte, an Rabbiner, die früher im abgetretenen Gebiet amtiert haben. Dabei wurde auf Grund von eingehenden Mitteilungen über die Wirksamkeit des an der Universität (üeßen tätigen Lektors der rabbinischen Wissenschaften und seiner Vorgänger die weitere Aufrerhterhaltung der durch ihn bekleideten Stelle als im höchsten Grade wünschenswert bezeichnet. Während das Fortbestehen der großen Landesverbände trotz der immer wachsenden Schwierigkeiten, die die Aufbringung der Mittel mit sich bringt, gesichert erscheint, hat die sinkend" Zahl der Juden und vor allem Jas allmähliche, aber unaufhaltsame Schwinden ihrer Steuerkraft die kleineren Landesverbände fast durchweg in die äußerste Gefahr gebracht, und es müssen Mittel und Wege gefunden werden, um sie zu erhalten und ihnen die Erfüllung der innen obliegenden Aufgaben zu ermöglichen. Ein besonderer Ausschuß der Reichsarbeitsgemeinschaft wird sich mit dieser Frage befassen, der im Interesse der den kleineren Landesverbänden angehörenden Gemeinden die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden ist. Alles in allem hat sich wieder herausgestellt, daß in den für das ganze Reich gemeinsamen Angelegenheiten häufige Beratungen und H Schlußfassungen, unter Umständen auch ein tatkräftiges Handeln, nlchl entbehrt werden können. Solange es nicht gelingt, die seit länger -r Zeit in Angriff genommenen Arbeiten zur Begründung eines Reicl Verbandes zu einem glücklichen Ende zu führen, muß die Reich* arbeitswmeinschaft im Rahmen der ihr gegebenen Möglichkeit.» weiter die Interessen der deutsch-jüdischen Gesamtheit wahrnehmen Auf Grund des aurh hierüber erfolgten gründlichen Meinungsau* tauschet kann gesagt werden, daß die niemals zum Stillstand gekoi i menen Bemühungen um die Schaffung einer Gesamtorganisation nie il vergeblich sein, sondern aller Voraussicht nach in absehbarer Zeit zur Erreichung dieses von allen Seiten mit Sehnsucht angestrebten Ziel - führen dürften. Sächsische Gemeinden Plauen. Am 20. Januar 1932 verstarb im 90. Lebensjahre der Senioi unserer Gemeinde, Herr M. Hammel. Er war der erste Jude, dei nach Aufhebung der Aufenthaltsbeschränkungen für Juden in Sachsen sich im Vogtlande ansässig gemacht hat. Er war der letzte leben« Mitbegründer unserer Gemeinde, in den ersten zehn Jahren Kassien': und dann noch jahrzehntelang im Gemeinderai tätig, insbesondere ab Synagogenvorsteher und Friedhofsverwalter. Die Beerdigung fai d unter großer Beteiligung statt. Die Ansprache hielt Lehrer Worn ser; für die Israelitische Religionsgemeinde dankte ihm der Vorsteher, Herr RA. Dr. Goldberg, für seine treue Mitarbeit. Pemei nahm an der Beerdigung aurh eine Abordnung des Reichsbnnne - teil, die mit umflorter Fahne erschienen war. Herr Lehrer Forke als Vertreter des Reichsbanners, rühmte die aktive Betätigung de» Verstorbenen, der noch bis in die letzte Zeit hinein sich au den Anmärschen des Reichsbanners und seinen Veranstaltungen eifrig!>• teiligt hat. Der Verstorbene war das älteste Mitglied «les Plauen« i Reichsbanners, dürfte sogar das ältesle Mitglied des gesamten Reichbnnners in Deutschland gewesen sein. -• Am Hl. Januar 1932 fanden die Wahlen zum Gemeindernt statt. Unter Zugrundelegung der für Plauen Wahlberechtigten wurde eine Wahlbeteiligung von 51" erreicht. Gewählt wurden I liberale und 3 konservative Vertret« r Der Vorsteher der Gemeinde, der ebenfalls zur Wiederwahl stand, wurde mit M*/t aller abgegebenen Stimmen gewählt. — Herr Rabbiner Dr. Emil B e r n h a r d - C o h n , bekannt unter dem Schriftstellernamen Emil Bernhard, sprach am 19. Januar 1932 bei uns im Rahm« n einer gemeindlichen Veranstaltung über: „Das Gesetz I s r a«! und die moderne jüdische Jngen d." Für alle Zuhörenden, selbst für die seinen Ausführungen nicht zustimmenden Persone i war dieser Vortrag ein Erlebnis, durch die Art und das Temperamei I. mit dein der Vortragende seine Ausführungen zu Gehör brachte, ri trat entschieden der Meinung entgegen, «laß das Judentum überalter! sei. Im Gegenteil: das Judentum sei durchaus jung, denn es hat" sich die drei Merkmale der Jugend erhalten, nämlich: Unbedingthe I. Bewegtheit und Trotz. Auch nur diese drei Merkmale haben 1 zuwegegebracht, daß sich das Judentum durch die Jahrtausende erhi« II und erhalten wird. Das Judentum verlangt keinen Glauben, sonde n es wird dargetan durch das Gesetz, ausgedrückt in Geboten und Verboten. Die Gemeinschaft des Judentums ist auch keine Gefühlssacl''. sondern sie muß erlebt werden. Infolgedessen müsse die moder M jüdische Jugend, die sich zuviel abseits hält, wieder auf den W f gebracht werden, dein Gesetze Israels zuzustreben, wobei es gleichgültig ist, auf welchem Wege dieses Ziel erreicht wird. Der Vortr i; fand starken Beifall. — Vom C.V., Ortsgruppe Vogtland wurde am 2. Februar 1932 ein Vortrag vor geladenen Gästen ttbw „Die .Verjudung' der deutschen Literatur" veranstall i zu dem der Schriftsteller Julius B a b, Berlin, gebeten war. I seinen ausgezeichneten Ausführungen trat er diesem Schlagworte, itt von den Nationalsozialisten aller Richtungen heute ausgiebig nge wendet wird, entgegen und zeigte, daß die Leistungen der Juden, ihr Anteil am geistigen Leben des deutschen Volkes, sich kaum abgrenz * lasse. Jedoch sei ihre literarische Betätigung ganz zu Unrecht heftit ' Kritik ausgesetzt. Der Vortrag fand die ungeteilte Aufmerksamkeit aller, insbesondere auch der nicht jüdischen Gäste, und der Widerh M in den Tageszeitungen zeugte von dein Eindruck, den die Worte Biiki hinterlassen haben. An den Vortrag schloß sich eine Besichtigung < ••'1 neuen Synagoge an. Aus dem Gemeindeamt 150 Jahre Toleranz-Patent. Wir geben, einem besonderen Wunsche I ilj gend, gerne davon Kenntnis, daß der in Nr. 3 unseres Gemeindeblatlei veröffentlichte Aufsatz „150 Jahre Toleranz-Patent" \ot| Herrn Rabbiner Dr. Grunwald. Baden bei Wien, verfaßt ist.

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