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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-01-01 · 1 (1.1.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 BIBLA GKMEINDKB vT'l DKli ISUAKLlUTsOHfH RKttUlg»iKMK!N'l)K ZU LEIPZIG Nummer 1 langen in Deutschland, etwa 10 bis höchstens 20, von denen größeren Gemeinden 500 .luden zählen mochten. Dr. Theilhabor neigt zu der Auffassung, dali die Anzahl der deutschen Juden um das Jahr 1090 knapp 5000 betrug. Wir finden hundert Jahre nach der Katastrophe von 1096 Juden in den neu aufstrebenden Siedlungen, in Regensburg, Prag, Magdeburg, Halle und anderen Orten. Immer dichter werden ihre Siedlungen in der Maingegend, im Ries, im Taubergrund, an der Donau; die fruchtbaren Gegenden Hessens linden jüdischen Zuzug, langsam schieben sich Gemeinden In die Rhön bis nach Thüringen vor und übersiedeln von da in den Harz. Waren es um die Zeit des ersten Kreuzzuges knapp 20 Orte, in denen sich Juden aufhielten, so sind es hundert Jahre später fast 100 Städte und um 1348 etwa '250 bis 300. Die Herkunft der Hauptinasse der Ansiedler aus den rheinischen Städten läßt sich aus verschiedenen Umständen annehmen. Es wäre recht wertvoll, über die Anzahl der deutschen Juden in der Zeit von 1250—1350 genaue Kenntnis zu besitzen. Leider gestattet die Höhe der Reichssteuern keinen Anhaltspunkt für die Größe der Gemeinde: es war keine Kopfsteuer. 1241 bezahlten in ganz Deutschland 29 .ludengemeinden an den Kaiser 857 Mark Silber. Es ist nach den Untersuchungen durchaus wahrscheinlich, daß die Mehrzahl der jüdischen Gemeinden meist recht klein war. Im Jahre 1349 gab es in 00 größeren und 150 kleineren Gemeinden Judenverfolgungen: viele dieser jüdischen Gemeinden wurden bei den Pogromen vollkommen ausgetilgt, alle jüdischen Bewohner kamen ums Leben, und so erfahren wir die Anzahl der jüdischen Einwohner, die nicht groß war. Eine Unzahl Namen deutet darauf hin, daß der französichjüdische Einschlag recht groß gewesen ist. War um das Jahr 1000 die französische Sprache unter den Juden des Rheins noch vorherrschend, so hat sich allgemein um 1250 die mittelrheinische Mundart durchgesetzt. Die Anzahl der Juden um das Jahr 1100 dürfte 4000 bis 5000 nicht stark Uberstiegen haben. Um das Jahr 1350, nach etwa 250 Jahren, ist mit einer jüdischen Bevölkerung von höchstens 18000 zu rechnen. Auch die Immigration, die aus Deutschland nach Polen geht, wird ziffernmäßig gewaltig Ubertrieben. Von den eingewanderten Juden wurden direkt nur wenige Gemeinden in Polen gegründet. Vor dem Jahre 1300 läßt sich in Polen eine jüdische Bevölkerung hauptsäch-?osen, Kaiisch (anscheinend vom Jahre 1287 her) und in einigen anderen Orten nachweisen. Die Anfänge der jüdischen Gemeinden von Warschau, Bremberg, Lublin, Sandomir, Krakau, Lemberg fallen in die Zeit von 1304—1367, wie Meisl in seiner Geschichte der Juden in Polen und Rußland darlegt. Es waren deutsche Juden, die Polen besiedelten. Es werden damals nach den vorliegenden Angaben 20 bis allerhöchstens 50 Gemeinden gewesen sein. Wir können mit vielleicht 1000 Familien rechnen, die von Deutschland die weite Reise in das fremde Land antraten, so daß wir um das Jahr 1350 vielleicht mit einer jüdischen Revölkerung in Polen von 6000 Seelen zu rechnen haben. Der große Nachwuchs bevölkert von den Handelszentren aus das übrige Land. Auf Grund der im Jahre 1549 eingeführten Kopfsteuer ist die Zahl der Juden in Polen im Jahre 1569 auf 30 000 bis 50 000 Seelen zu veranschlagen. Die jüdische Bevölkerung nahm infolge der übergroßen Fruchtbarkeit stark zu. Mit Hilfe der Angaben von Meisl und der Unterlagen für die Neuzeit kämen wir zu folgendem Schema: Die Zahl der Juden in Groß-Polen war: im Jahre 1350 etwa 6000; 1450 etwa 15 000; 1550 etwa 40—50 000; 1650 etwa 250 000; 1750 etwa 500 000, 1828 etwa 2 Millionen; 1900 etwa 0 Millionen. Diese Ziffern erfassen die jüdische Bevölkerung in Groß- Polen (einschließlich Ukraine) und Litauen. Dazu kommen noch die Massen der Juden, die im 18., 19. und 20. Jahrhundert aus den polnischen Gebieten nach Rumänien, Tschechoslowakei, Ungarn, Deutschland, Frankreich, England, Nord- und Südamerika, Afrika, Asien ausgewandert sind. Ihre Zahl inbegriffen, war die Nachkommenschaft der polnischen Juden im Jahre 1930 auf etwa 12 bis 13 Millionen angewachsen. Mögen die Unterlagen, auf die sich das obige Schema stützt, mangelhaft sein, dies hindert nicht, daß durch die Erforschung der Volkszahl uns wesentliche Erkenntnisse erschlossen werden. Die statistische Erforschung der jüdischen Siedelungen läßt die Geschieht de« jüdischen Volkes vielfach in anderem Lichte erscheinen. Gewiß sind die in diesem Artikel angeführten Ziffern zum Teil schon verstreut von anderen Autoren angedeutet. Aber erst ihre Zusammenstellung liefert uns das plastische, überraschende Bild von dem Werdegang der deutschen und polnischen Juden. Jüdische Verbände und Gemeinden Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk au! Führ. Es gibt in Deutschland eine Reihe von gemeinnützigen Institutionen, die der jüdischen Bevölkerung, für die sie geschaffen wurden, nicht genug bekannt sind. Das ist darum verhängnisvoll, weil der Zweck dieser Institutionen dann nicht erfüllt werden kann, zum Schaden für alle, denen sie dienlich sein sollen. Als der Jüdische Frauenbund vor 5 Jahren durch eine Sammlung in ganz Deutschland und durch eine Subvention des Reiches Mittel in die Hand bekam, für Kinder und weibliche Jugendliche in Wyk auf Föhr eine Heilanstalt zu errichten, konnte man erwarten, daß diese kaum imstande sein würde, soviel Pfleglinge aufzunehmen, wie nötig wäre. In der Tat wurde das Heim im Laufe der Zeit aus allen Teilen des Reiches beschickt, und auch im vergangenen Sommer war es bis auf den letzten Platz besetzt. Aber jetzt zu den besonders heilkräftigen Herbst- und Winterkuren, wartet es auf die jungen Patienten. Gemeinden und Organisationen sind im Augenblick nicht in der Lage, Mittel für alle kurbedürftigen Kinder aufzubringen, wenn man auch hoffen muß. daß die dringendsten Fälle berücksichtigt werden können. Eine Stützung unseres Hilfsfonds, aus dem Kurbeihilfen gewährt werden für die Kinder, die unbedingt einen Aufenthalt gebrauchen, und für die nicht der volle, kaum unsere Spesen deckende Kurpreis gezahlt werden kann, ist dringend nötig. Wir bitten daher alle Kinderfreunde, diesen Hilfsfonds durch Spenden zu fördern. Aber nicht nur gemeinnützigen Organisationen, sondern auch Privatpersonen gilt unser Heim. Noch immer werden viele Kinder nach Wyk geschickt. Warum nicht jüdische Kinder in unser jüdisches Heim? Wir müssen annehmen, daß man von seitier Existenz und von seiner Art und Führung nicht genügend unterrichtet ist. Daß ein jüdisches Kind jetzt in der Zeit des Antisemitismus, wenn es außerhalb des schützenden Elternhauses ist. in jüdischer Umgebung besser aufgehoben ist als in anderer, bedarf keiner weiteren Erklärung. Es erscheint deswegen angebracht, jüdische Eltern auf die Einrichtungen hinzuweisen, die für sie geschaffen wurden und derer sie sich bedienen sollten. Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk auf Föhr liegt am geschützten Südstrand. Es unterscheidet sich durch nichts von einem guten Privatheiin, sowohl im Bau wie in der inneren Einrichtung. Daß es Zentralheizung, Warmwasserversorgung, eine genügende Anzahl von Tagesräumen, eine heizbare, geschlossene und eine offene Liegehalle hat, Höhensonne und alle sonstigen sanitären Einrichtungen, einen großen Garten mit Rasenflächen zum Spielen, sei hier erwähnt. Das Heim ist pflegerisch und pädagogisch durch eine Oberin und eine gut ausgebildete Beamtinnenschaft aufs beste betreut. Die Kinder unterstehen der Aufsicht eines erprobten und interessierten Arztes, der unser Heim schon mehrere Jahre versorgt. Durch allmähliche Abhärtung wird eine Widerstandsfähigkeit erworben, die — wie die Erfahrung bewiesen hat — die Anfälligkeit der Kinder erheblich herabmindert. Das Spielen und Wandern in der klaren, würzigen Seeluft, bei windigerem Wetter in den schönen Waldanlagen, und die unter sachgemäßer Leitung vorgenommenen gymnastischen Uebungen, die auch möglichst im Freien stattfinden, steigern den Appetit der Kinder, sodaß die Gewichtszunahmen bei der sehr guten Ernährung (auf Butter, Obst und Gemüse wird besonderer Wert gelegt) erfreulich gut sind. Es bleibt noch zu bemerken, daß das Heim rituell geführt wird (es steht unter Aufsicht des Herrn Oberrabbiner Dr. Carlebach, Altona). Aber nicht nur rituell, sondern auch im jüdischen Geist wird es geleitet, so daß Kinder, weibliche Jugendliche und die Angestellten unseres Heims, sich in dieser Atmosphäre stets besonders wohlfühlen. Anmeldungen für die nächsten Winterkurperioden werden an das Büro des Jüdischen Frauenbundes, Berlin N 24, Monbijouplatz 10, Aufgang IV, erbeten.

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