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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-09-27 · 39 (27.9.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
39 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlülONSGEMEINOE ZU LEIPZIG 27. September 1935 Unsere Gemeinde erachtet es als Ehrenpflicht, der Trauer um den Heimgang des Oberabbiners von Palästina Rabbi Abraham Jizchak Kuk öffentlich Ausdruck zu geben. Es wird deshalb die Predigt am Schabbath Schuwa in der Synagoge Otto-Schill-Straße mit einer Gedenkfeier für den großen Entschlafenen verbunden werden. Sabbath, den 5. Oktober 10.15 Uhr. Leipzig, den 24. September 1935.J Der Vorstand der Israel. Religionsgemeinde zu Leipzig. Jüdische Schulen Das Schulgeld und der Heizungsbeitrag für den Monat Oktober und die sonstigen Schulgeld-Rückstände sind bis zum 5. Oktober 1935 zu entrichten. Der Heizungsbeitrag von RM. 1,— ist auch von den Freischülern zu zahlen. Diejenigen Kinder, für die Schulgeld und Heizungsbeitrag, nicht pünktlich gezahlt wird, werden nicht mehr zum Unterricht zugelassen. Leipzig, den 24. September 1935. Der Vorstand des israelitischen Schulvereins Leipzig e.V. Was aber taten sie? Wenige hatten alles und vielen fehlte das Brot für den Hunger, das Kleid für die Külte. Ausgeliefert waren nun die Armgewordeneil den Reichen und sie verkauften ihnen ihr Leben. Und aus Bruder und Bruder wurde Sklave und Herr. So hatte der Mensch sieh selbst das Letzte genommen: die Freiheit des Nächsten." So klagte Gott über die Menschen des Reichtums. Wieder und wieder erschauerte der Jude. Noch aber entließ ihn der Herr nicht; noch hatte der Jude das Volk mit der Qabc des Olücks nicht geschaut. Und als sie sich dorthin gewandt hatten, brauchten sie nicht lange zu suchen. Himmelwärts ragende Fiuste schaute ihr Auge, höhnendes Lachen und dröhnendes Fluchen trafen ihr Ohr. Und abermals mußte der Herr den Weg seiner tieschöpfe deuten. „Menschen gab es, denen jeder Wunsch sofort erfüllt wurde. Eben noch hatte ihr sehendes Auge sich einen herrlichen Palast erdacht; da, in Jahresfrist, stand er noch schöner vor ihnen. — Viele zu sein, war ihr Stolz. Und in der Kürze der Zeit war ihr Zelt voll von jungen kräftigen Stimmen. Tief in die Geheimnisse der Natur einzudringen strebte ihr forschender Sinn; und begreifen durften sie, was selten sich Menschen 'erschließt. Sie lernten die Gesetze der Natur verstehen und damit sie zu beherrschen. Am Ende, so dachte ich, steht der Dank. Dank dem Herrn, der Pracht und Kinder und Weisheit ihnen verlieh. Was aber stieg da trügerisch auf in der Brust der Frechen? „Wer ist der Herr?" so riefen sie einer dem andern. „W i r haben gebaut, unser sind die Kinder, uns bleibt nicht ein (icheimuis der Welt verborgen, wir sind die Herren der Erde." Das waren die Flutte, die frech sich emporwagten; Fauste, geballt gegen den, dem dankbares Liehen sie geschuldet." Der Herr schloß das Fenster, Stille lag zwischen ihm und dem Juden. Er, der zu fragen hatte, konnte nicht mehr fragen. — — „Nun, hast du Sehnsucht nach den (iütern der Welt?" „Herr, viel wage ich, aber ich m u ß es wagen. Sind jene denn Schuldige? Hast du nicht viel zu schwere Gabe ihnen gegeben? Hast du ihnen denn gesagt vom doppelten Gesicht ihrer Güter; von deren Kraft und von deren Gefahr?" „Da ich ihnen ausgeliefert das Gut, das sie ersehnt, habe ich lauge mit ihnen gesprochen; habe sie gewarnt und gemahnt. Sie wollten das Gut trotz der (iefahr; jetzt ist nichts als Gefahr trotz des Guten." Der Jude begann noch einmal seine Rede: „Sag', Herr, und ist denn jetzt gar keine Rettung mehr da? Gibt es denn gar keine Möglichkeit mehr, das Böse zum Guten zu wenden?" Lauge schaute der Herr auf den Juden; und als er ihm dann antwortete, war ihm die Stimme schwer und voll von Enttäuschung. „Es gibt eine Hilfe; wenn es Menschen gibt, die sie den anderen bringen wollen. Menschen mit großem Willen und starker Liebe müßten es sein. Sie müßten alle das Böse schauen, so wie es ist. Sie müßten einmal begriffen haben, wie es dazu kam. Dann aber müßte der Glaube in sie einziehen, daß, trotz der schlechten Verwaltung der Güter durch die Menschen, doch noch das Gute in ihnen schlummert. Das, was ich diesen Menschen, die die Rettung bringen wollen, zu geben habe, ist das Trau in e n. Träumen und immer wieder träumen müßten sie vom Guten am Ende. Sehen und hören und spüren an sich selbst müßten sie all das Böse. Müßten spüren die l aust des Starken, müßten wandern und dienen als Skaven, müßten hören das Spotten und I luchen der andern. Und immer dann müßten sie trotz alledem träumen und glauben den Traum. Schwer ist der Traum, noch schwerer, ihn auf dem Wege des Leids immer zu glauben. So nur aber, wenn einer nie daran vergißt, wie die Welt aussehen könnte wird die Welt nicht verloren sein können. — Wer aber will wählen das Schwere des Traumes und des Weges?" Da aber traten Helle und Strahlen auf die Wangen des Juden. Und als er jetzt bittend die Stimme erhob, schien er zu wachsen, während er sprach: „Herr, du suchst die Menschen des Traumes, das Volk des schweren Weges! Herr, gib mir den Traum und ich will gern wandeln den Weg! Herr, ich will gehen als Sklave und dienen als Geschlagener; ich will aber immer und immer träumen und glauben, was ich geträumt und eben geschaut." Und der Herr schaute auf den Juden und gab ihm seine Gabe. Kurz nur mehr war seine Rede: „Geh und trage und träume und glaube — und rette!" — — — Seitdem gehen Juden durch die Welt und durch die Zeiten. Doppelt ist ihr Erbteil. Weg ist es und Traum. Wenn wir jung sind, lernen wir träumen; wenn wir reif sind, müssen wir gehen. Und wenn wir gehen, gehen wir mit dem Traum. Mit dem Traum unserer Väter; mit viel gutem Willen, mit viel Kraft der Liebe. Wir gehen den Weg des Schweren und tragen das Pfand vom guten Ende trotz allem. Das neue Arbeitsprogramm der Reichsvertretung. Die Pressestelle der Reichsvertretung der deutschen Juden teilt mit: Die vom Reichstag in Nürnberg beschlossenen Gesetze haben die Juden in Deutschland aufs Schwerste betroffen. Sie sollen aber eine Ebene schaffen, auf der ein erträgliches Verhältnis zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volke möglich ist. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist willens, hierzu mit ihrer ganzen Kraft beizutragen. Voraussetzung für ein erträgliches Verhältnis ist die Hoffnung, daß den Juden und jüdischen Gemeinden in Deutschland durch Beendigung ihrer Diffamierung und Boykottierung die moralische und wirtschaftliche Existeuzmöglichkeit gelassen wird. Die Ordnung des Lebens der Juden in Deutschland erfordert die staatliche Anerkennung einer autonomen jüdischen Führung. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist das berufene Organ. Hinter ihr steht bis auf geringe Ausnahmen die Gesamtheit der Juden und judischen Gemeinden, insbesondere alle Landesverbände und Großgemeinden, sowie die freien jüdischen Organisationen Zionistische Vereinigung für Deutschland Centraiverein der Juden in Deutschland Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Vereinigung für das religiös-liberale Judentum die organisierte Gemeinde-Orthodoxie Jüdischer Frauenbund Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände. Die dringendsten Aufgaben der Reichsvertretung, denen sie in energischer Verfolgung des bisher von ihr eingeschlagenen Weges mit aller Hingabe nachgehen wird, sind: I. Das eigene judische Schulwerk muß der Erziehung der Jugend zu religiös gefestigten, aufrechten Juden dienen, die aus bewulV ter Verbundenheit mit der jüdischen (iemeinsehaft, aus der Arbeit an jüdischer Gegenwart und dem Glauben an jüdische Zukunft die Kraft schöpft, den schweren Anforderungen zu entsprechen, die das Leben an sie stellen wird. Über die Wissensvermittlung hinaus muß die jüdische Schule der planvollen Vorbereitung für den künftigen Beruf dienen. Mit Rücksicht auf die Auswanderungsfähigkeit, insbesondere nach Palästina, wird dabei die Hinführung zu handarbeitenden Berufen und das Erlernen der hebräischen Sprache im Vordergrunde stehen. Die Erziehung und berufliche Ausbildung der weiblichen Jugend muß darauf hinzielen, sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben als Erhalterin der Familie und als Mucter der künftigen Generation vorzubereiten. Ein eigenständiger Kulturaufbau muß den kunst- und kulturschaffenden Juden Betätigungsmöglichkeiten gehen und dem kulturellen Eigenleben der Juden in Deutschland dienen. 2. Dem gesteigerten Auswanderungsbedürfnis ist mit einer großzügigen Planung zu entsprechen, die vor allem Palästina, aber auch alle anderen in Frage kommenden Länder einbezieht und besonders der Jugend gilt. Hierzu gehört die Sorge für die Vermehrung der Auswanderungsmöglichkeiten, Ausbildung in den für Auswanderung geeigneten Berufen, insbesondere Landwirtschaft und Handwerk, die Schaffung von Möglichkeiten zur Mobilisierung und Liquidierung des Vermögens wirtschaftlicher Selbständiger, die Erweiterung bestehender und die Schaffung neuer Transfermöglichkeiten. 3, Die Erhaltung und Betreuung der Hilfsbedürftigen, der Kranken und der Alten muß in Ergänzung der staatlichen Fürsorge durch weiteren systematischen Aushau der von den Gemeinden getragenen jüdischen Wohlfahrtspflege sichergestellt werden.

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