Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 39 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN REL1QIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG__27. September 1935 Ewiges Leben in unserer Mittel Von George Götz, Berlin. „Am Neujahrttage wird es geschrieben, und am Versöhnungstage wird es besiegelt, wie viele vergehen, wie viele geboren werden, wer leben wird und wer sterben, wer sein Ziel erreicht und wer vor seinem Ziele stirbt, wer im Feuer und wer im Wasser . . ." Wieder kam die Zeit, da wir in tiefster Ergriffenheit diese Worte lesen; wir hören sie und singen sie selber mit in jener herzandringenden Melodie, in der wir seit unseren Kindertagen sie kennen; wir lauschen ihnen diesmal in besonderer Hingegebenheit, denn, auf das sie weisen, das kommende Jahr und unser aller Zukunft liegt ungewisser vor uns als je zuvor. Ja: „Wer wird leben und wer sterben, wer an seinem Ziel und wer vor seinem Ziel?" Seltsam, dali wir bei diesen Worten in früheren Jahren eine Frage nie gestellt haben. Wir dachten an uns, an unser persönliches Schicksal und an das Ergehen unserer Lieben, deren Glück und Unglück ja auch unser eigenes Glück und Unglück bedeutet. Wir dachten individualistisch, wie die gan/e Zeit rings um uns her; und es ist auch kein Zweifel, dal! dieses Gebet individualistisch gemeint ist: es hat das Schicksal der vielen Ein/einen im Auge. Und doch hatte es für den Verfasser des Gebetes — nach der Sage hat Rabbi Amnon aus Main/ es vor seinem Märtyrertode verfallt - wie für uns alle so nahe gelegen, einmal ZU fragen: Wir Juden sind ein aites Volk: könnte nicht auch uns das kommende Jahr die Sterbestunde bringen? Wir Juden haben eine Aufgabe mitbekommen auf iinsern Weg durch die Geschichte; könnte es nicht sein, dali wir vor dem Ziele sterben? Wir Juden sind von manchen Gefahren umgeben; könnte es nicht sein, dal! wir der einen oder der anderen erliegen? Erstaunlich genug, aber gerade deshalb /um Nachdenken anregend: zweimal hat man uns Staat und Land genommen; alle je und je im Laufe der Geschichte gewonnenen Positionen haben wir /um Schiuli immer wieder räumen müssen; furchtbaren Verfolgungen waren wir ausgesetzt aber der Gedanke des Unterganges hatte niemals eine Stelle im Judentum. In seinem Schrifttum nicht und nicht in seiner Seele. Und wenn nun jeder Ein/eine um seine Zukunft bangt sollte nicht das Schicksal seiner Gesamtheit ihm die Sicherheit wiedergeben? In den Tagen, da jeder um seine eigene Existenz, um sein persönliches Schicksal sich sorgt, muß es einmal ausgesprochen werden, dal! dieses Schicksal der jüdischen Gesamtheit und die damit verbundene geschichtliche Erfahrung von der Unzerstörbarkeit des Judentums mehr ist als eine blasse Predigt, die uns für wenige Stunden erbauen will; sie ist eine geschichtliche Realität und als solche von lebendigster Wirksamkeit, eingreifend in das Leben eines jeden von uns, unser Schicksal bestimmend und deshalb unseres Nachdenkens, unserer Selbstbesinnung mehr wert als manche Erscheinung der Außenwelt mit ihren wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen. Diejenigen in unseren Reihen, die so skeptisch sind gegen unsere Religion, weil sie sich an die Realität der harten Gegenwart halten, sollten endlich erkennen, daß der Vergangenheit eine wahrlich nicht geringere Realität zukommt als der Gegenwart; Geschichte ist das, was wirklich geschehen ist; es wirkt fort und hinein in unser aller Leben. Und nicht um eine tote Buchweisheit also handelt es sich, sondern um etwas, das mich und dich und uns alle angeht, indem es uns über uns, über unser Leben und unsere Existenz etwas sagt, was wir nicht verstehen und überhaunt nicht wissen können, solange wir uns nicht als Glieder der jüdischen Gemeinschaft erkennen. Ist es nicht merkwürdig, dali diejenigen, die — sei es durch Schuld ihrer Eltern, sei es aus eigenem Entschluß — unserer Gemeinschaft den Rücken gekehrt haben, bei ihrer jetzigen Ausgliederung aus der Allgemeinheit es am schwersten haben? Sie wissen nicht, warum alles dieses sie trifft, sie haben eine Gemeinschaft weder dort noch hier; und so könnte ein jeder lernen, dall ein Tor ist, wer die jüdische Gemeinschaft verläßt, um damit einem schweren Schicksal zu entfliehen. Diese Flucht ist es, die ihn gänzlich in Alleinsein treibt und in Hilflosigkeit. Denn ihm fehlt der Halt, den unsere Gemeinschaft, ob sie gleich klein und schwach ist, dennoch ihren Gliedern gewährt. Und ihm fehlt vor allem, das, um detsentwillen ein jeder, der bei der jüdischen Gemeinschaft verblieb und zu ihr gehört, sich segnen darf —: unsere Gegenwart ist schwer, unsere Zukunft ist uns gewiß. Warum? weil wir da sind und leben wollen? O nein — das will ein jedes Lebewesen, das will eine jede Gruppe. Und doch ist es Naturgesetz, daß alles Geschaffene einmal endigt. Dagegen nützt kein Lebenswille. Und auch wir Juden könnten unserer Zukunft niemals gewiß sein, wenn wir nicht erkennen würden, daß unser Lebenswille mehr ist, als rein naturhafter, rein geschöpflicher Art. „Durch deine Nachkommen sollen gesegnet sein alle Völker der Erde" — dieses Bundesweit Gottes au Abraham, das wir am zweiten Neujahrstage aus der Heiligen Schrift lesen, zeigt uns: dem Judentum ist eine Aufgabe zugewiesen innerhalb der Menschheit, die sich vollendet durch uns — gleichgültig, ob wir es wollen oder nicht, und sogar dann, wenn viele von uns es nicht einmal wissen. An diese ewige Aufgabe ist unser Lehen geknüpft. Das Lehen der jüdischen Gemeinschaft vollzieht sich — wie das einer jeden echten Gemeinschaft unabhängig von dem Wissen und Wollen des Einzelnen; ja - oft genug müssen die Einzelnen gegen ihr individuelles Wollen der Gesamtheit dienen; selbst mit seiner Opposition noch ist der Einzelne ein Werkzeug seiner Gesamtheit! Und so ist es denn wahr, daß viele unter uns von der Aufgabe, von der welthistorischen Funktion des Judentums nichts wissen, und daß wir als Gesamtheit dennoch immer und zu allen Zeiten dem uns vom Lenker der Geschichte zugewiesenen Auftrag dienen. „Durch deine Nachkommen sollen gesegnet sein alle Völker der Erde" - - so ward es dein Abraham gekündet, so dem Isaak wiederholt, so dem Jakob bestätigt. Tausend Jahre später erst aber wurde der Sinn dieses Bundes offenbar in jenem Schriftstück, das das allerberühmteste Kulturdokument der Menschheit geworden ist, das auch der Ungebildetste und Unbelesenste noch kennt: das Zehnwort vom Sinai. Woher aber diese Berühmtheit? Weil es in wenigen Sätzen das enthält, was die Menschheit nicht besitzt und ohne das sie dennoch nicht leben kann! Das „Töte nicht, brich die Ehe nicht, stiehl nicht, verleumde nicht, begehre nicht" und ebenso das „Halte den Ruhetag", „Ehre Vater und Mutter" ist das Fundament aller Kultur und Zivilisation — —: die Menschen sind nicht wie dieses Wort, aber sie sollen so sein; der Geist dieses Wortes erhebt die Welt zu dem, was mehr ist als Welt, hebt die Menschen über sich hinaus. Aber nun: dieses Wort, gerichtet an alle Menschen und Völker, trägt die Einleitung: „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Egypten führte"; das ist an Israel allein gerichtet, wie auch der dem Zehn wort vorangehende Befehl: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." Wenn aber die Menschen nicht heilit? sind, wie sollte Israel, wie sollten die Juden es sein? Sie sind „Dies ist die Lehre". Gemälde von Paula Neufeld »Berlin. Aus dem „Kalender der jüdischen Künstlerhilfe Wib W37 56»>() bW, k