Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 39 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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11. Jahrgang - Nr. 39 Auflage 3800 StQck 27. September 1935 Ä DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Zum Neujahrsfest 5696 Wir Juden stehen im beginnenden Jahre vor einer großen Gesamtaufgabe: der Wiederbelebung und Schaffung jüdischen Eigenlebens. Gemeinsame Pflichten geben dem Leben Sinn, heben über die Sorgen des Einzelnen hinaus; gestärkter Einheitswille schafft Allen, dem Ganzen und seinen Gliedern, Halt, Mut und Vertrauen. Wir wünschen unseren Gemeindemitgliedern, da(? sie, die Zeichen der Zeit erkennend, die Kraft haben, in Gottvertrauen, Würde und Gemeinschaftsgeist die verantwortungsaber auch verheißungsvolle Aufgabe zu fördern. Der Vorstand und das Rabbinat der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. DIE GEWALTIGEN TAGE -■»•-*•«-' „Die gewaltigen Tage", diese Feste eigener Art, im Monat des Feste gelegen, das unter den Festen der Volksgemeinschaft das Zur-Ruhe-kommen zum Inhalt hat, sind ausgezeichnet vor allen anderen Festen dadurch, daß hier und nur hier der Jude kniet. Was er dem Perserkönig weigerte, was keine Macht der Erde ihm abtrotzen darf, was er aber auch seinem Gott an keinem Tag des Jahres sonst bei keiner Handlung seines Lebens schuldig ist; hier tut ers. Und zwar nicht im Bekenntnis der Schuld, nicht etwa im Gebet um Vergebung der Sünden, welchen allen diese Festzeit doch vornehmlich gewidmet ist, sondern nur im Schauen der unmittelbaren Gottesnähe, also in einem Zustand, der über die irdische Bedürftigkeit des Heute hinausgehoben ist; ähnlich wie ja schon das Hauptgebet am gewöhnlichen Sabbat die Bitte um Vergebung der Sünden fortließ. Mit gutem Recht heißt der große Versöhnungstag, in dem diese zehntägige Festzeit der Erlösung aufgipfelt, Sabbat der Sabbate. Erinnernd erschwingt die Gemeinde das Gefühl der Gottesnähe in der Schilderung des einstigen Tempeldienstes und vornehmlich des Augenblicks, wo die Priester den nie Und lahre Rommen und vergehen. Von Ben-Chorin. Und Jahre kommen — und vergehen Und wie ein Lied verhallen Menschenleben. Du hast genommen, was Du einst gegeben, Wie könnten wir vor deinem Thron bestehen! Wir sind die Herde — du bist unser Hirt, Wir sind wie Laub im Wind, Du aber dauerst, Wir sind gebunden in ein Taggeviert, Du aber ragst von Ewigkeit ummauert. Wie soll ich, Zeitenloser, Dich begreifen, Der mich serbrach wie dürres Holz? La(? meine Demut wie ein Saatkorn reifen, La(i mich den Saum nur Deines Mantels streifen, Den leuchtenden, im Licht des Sonnengolds. Wir kennen nicht das Los, das uns beschlossen, Wir kennen nicht das Ziel, das Du gesetzt, Wir stehen, Zitternde, von Furcht umschlossen, Sdieu wie das Wild, das man zu Tode hebt. Vergifj uns nicht, vergiß nicht unsrer Toten, Weis uns den Heimweg, denn wir wurden müd: Entbiete Deinen längstverheifjnen Boten, Der wie die Feuersäule vor uns zieht. Aus dem soeben erschienenen Gedichtband i .Das Mal der Sendung" von Frife Rosen tha I (Ben-Chorin), von Franz Rosen zweig ausgesprochenen, stets umschriebenen Namen Gottes dies eine Mal im Jahr unumschrieben aussprachen und das im Tempel versammelte Volk auf die Knie fiel. Unmittelbar aber taucht die Gemeinde in jenes Gefühl in dem Gebet, das auch sonst schon sich ganz verliert in die Verheißung des künftigen Augenblicks, wo sich vor Gott beugen wird jegliches Knie, wo aller Götzendienst geschwunden sein wird von der Erde, wo die Welt befestigt wird im Reiche Gottes und alle Kinder des Fleisches Seinen Namen rufen, alle Frevler der Erde sich zu Ihm kehren und Alles das Joch Seines Reiches aufnimmt . . . So stellen die gewaltigen Tage, der Neujahrstag und der Tag der Versöhnung, die ewige Erlösung mitten in der Zeit. Die Posaune, die am Neujahrstag auf der Höhe des Festes geblasen wird, macht ihn zum „Tag des Gerichts". Das Gericht, das sonst in die Endzeit gelegt wird, hier wird es unmittelbar in den gegenwärtigen Augenblick gesetzt. Nicht die Welt kann es sein, die gerichtet wird — wo wäre sie denn in dieser Gegenwart! Sondern das Gericht richtet über den Einzelnen. Am Neujahrstag wird ihm das Urteil für das vergangene und kommende Jahr geschrieben.