Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-08-30 · 35 (30.8.1935) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
35 (30.8.1935)
Date
1935-08-30
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4876568-5968806-5969542--5593-4881344
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 2 30. August 1935 Anfängen, ohne große Mittel, entgegen den Widerständen größter ["eile dei Judenheit ein Werk zu so beachtlicher Höhe emporgeführt, daß in den letzten zwei Jahren 100000 Juden aufgenommen v len konnten. Und zum Zweiten: die Ausführungen von Miß Szold über die Jugend-Alijah aus Deutschland. Alle Mütterlichkeit) alle hingebende warme Fürsorglichkeit sprachen aus ihren Winten, die einen lebendigen Eindruck von der grollen und immer weiter auszubauenden Arbeit der Oberführung und Einordnung der 15- bis 17jährigen Jugend aus Deutschland nach und in Erez Israel vermittelten. Der Kongreß brachte der hochverdienten Frau, die gerade ihren 75. Geburtstag feierte, in seltener Einmütigkeit, stürmische Kundgebungen dar. Und es war nicht nur ein Bonmot, sondern her/liehe Mitfreude, als der Präsident bei Oberreichung der Olückwunschroaen sagte, daii auch Zionisten auf ihrem Weg manchmal Rosen finden. Zu Ehren von Frau Henrietta Szold soll im Süden \on Palästina eine Siedlung errichtet werden, ein Plan, der auf den Wunsch des deutschen Judentums zurückgeht Die Leitung des Kongresses liegt in der Hand von Chaim Weidmann, der auf einer der ersten Sitzungen mit überwältigender Mehrheit /um Präsidenten der Tagung gewählt worden ist. Es besteht die zuversichtliche Hoffnung, daß durch seine starke Persönlichkeit über den Kongreß hinaus ein Zusammenschluß aller Kräfte der Bewegung herbeigeführt wird. Während diese Zeilen niedergeschrieben werden, geht die Debatte nach der Ruhe des Sabbath in der Nacht weiter. Die Kommissionen beginnen ihre Arbeit. Hier wird die Haupttätigkeit zu leisten sein, die tiarin liegt, alle wichtigen Planungen, Vorhaben und Beschisse so gut vorzubereiten, dal! am Ende der Woche das Kongreß plen um nach kurzer Beratung nur noch seine Zustimmung zu geben braucht. Untere Aufgabe soll es sein, dall von dem Zionisten- Kongreß in Lu/cm, der Stadt des Lichtes, auch ein Licht ausgeht, das das Dunkel der Judenheit erhellen möge. Aus den Berichten über den Verlauf des Kongresses heben wir folgende Momente heraus: Wie schon in dem Stiinmungsbildc des Herrn Dr. Loebenstein zum Ausdruck gebracht worden ist, machte besonderen Eindruck die Ansprache des Völkerbunds-Kommissars für Auswandererfürsorge James (i. Mae Donald, der wir folgende Gedanken entnehmen: Es ist etwas Qroßes, dali in diesen Tagen, wo fast alle Länder, iliigrollten und die kleinsten, ihre Lore gegen Einwanderung fast Völlig verschlossen haben, Palästina imstande war, etwa 30000 Juden aus Deutschland ein neues Heim zu bieten. Etwas noch (iröllercs ist ein meinen Augen, wenn Palästina Zehntauseiulen, ja I lundcrttausenden von Juden in Deutschland, Polen und anderen Ländern, eine Hoffnung gibt. Diese Hoffnung ist es, die meiner Überzeugung nach die jüdischen Menschen bestärkt und ihre Solidarität herbeiführt. Ich habe in diesen Jahren immer mehr den unermeßlichen Wert der Arbeil erkennen gelernt, die von den jüdischen Körperschaften in Palästina geleistet wird, um einen Weg für eine Einwanderung grollen Stils zu bahnen. Diese Arbeit bildete die (irundlage für die außerordentliche Aufnahmefähigkeit Palästinas. Und diese Aufnahmefähigkeit wird durch die Begeisterung und das Kapital an Schaffenskraft und Intelligenz, das die junge judische Generation in das Land bringt, dauernd erhöht. Es war eine der ermutigendsten Erfahrungen in der Arbeit für die aus Deutsehland Ausgewanderten, die jungen Männer und Frauen zu sehen, die in Deutschland in freien Berufen, im Handel oder in Buros beschäftigt waren, wie sie sich zu einfacher produktiver körperlicher Arbeit im jüdischen Heimatland vorbereiteten. Is war eine der Hoffnungen meines Lebens, Palastina zu besuchen. Manche von Ihnen mögen es seltsam finden, dal! ich;n den zwei Jahren, in denen ich das Amt eines Oberkommissars I idete, nicht dort war. Der Grund hierfür ist einfach. Wir alle wissen, dali Palästina nicht eine Oesamtlösung für das Problem der in Deutschland lebenden Juden sein kann. Es war meine Aufgabe, in iii rseeischen landein Ansiedlungsmöglichkeiten oder Arbeitsmöglichkeiten in Europa für Sic zu finden. Zu diesem Zwecke habe ich fast alle Ländei Europas besucht und war auch in Mord- und Smlanu rika. Ich habe gesehen, dali die Ansiedlungcn in Palästina mit Hilfe der Zionistischen Organisation und des Büros für die Ansiedlung deutscher Juden, das von ihrem großen Führer, Dr. Chaim V. izmann, geleitet wird, von dem ich hoffe, dall ich ihn meinen Freund nennen darf, ununterbrochen fortschreiten. Ich hatte das Empfinden, dali ich in Palästina nicht viel helfen könnte, sondern dali meine Anstrengungen darauf gerichtet sein müßten, die jüdischen und, was noch schwerer ist, die nichtjüdischen Körperschaften in Europa und Amerika dazu anzuspornen, ihr Teil an der Lösung beizutragen und an der Auffindung von Möglichkeiten in anderen Landern mitzuhelfen. Ich hoffe, dali ich Ihnen bei Ihrem großen Unternehmen, in Amerika eine gemeinsame Aktion für Palästina und für Hilfeleistung an Juden in Europa zustandezubringen, von einigem Nutzen sein konnte. Ich hatte auch den Vorzug, einige Male mit dem Minister für die Kolonien und dem High Cominissioncr für Palästina Unterredungen Über die Stellung Palästinas führen zu können, und ich hoffe, daß diese Verhandlungen einigermaßen fruchtbringend waren. In seiner großen, wiederholt von stürmischen Zustimmungskundgebungen unterbrochenen Eröffnungsansprache beschäftigte sich der Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, Nahum Sokolow, mit den Fortschritten, die die zionistische Bewegung in ihrer inneren Struktur und ihrer Anerkennung von außen zu verzeichnen habe. Die Entwicklung seit der Zeit des letzten Zionistenkongresses weise sichtbare und meßbare Taten auf. Die Einwanderung indischer Arbeitskraft und jüdischen Kapitals habe sich ungeheuer gesteigert. Noch wichtiger als der materielle Fortschritt seien die kulturellen Errungenschaften des Zionismus. Er schloß mit einer eindringlichen Mahnung, die staatsbildende Kraft des Zionismus, die aus methodischem, konstruktiven Schaffen auf dem Gebiet der Landwirtschaft, aus sorgfältiger Aufmerksamkeit für die Entwicklung der Industrie, aus der Bildung des (Charakters, aus der Entfaltung der eigenen Sprache erwachse, zur letzten Entfaltung zu führen, weil nur so der begonnene Weg zu Ende gegangen werden könne. Nach den Begrüßungsansprachen erstattete Nahum Sokolow sein großes Referat über das Thema „Die Lage des jüdischen Volkes und der Zionismus". U. a. stellte er fest, daß die Entwicklung der letzten Zeit die bisherige Existenzgrundlage der Juden vielfach erschüttert hat. Er gab nach einem Hinweis darauf, dali der Zionisteukongreß sich mit den politischen Angelegenheiten der verschiedenen Linder nicht befasse, zu Fragen der internationalen Politik nicht Stellung nehme und es nicht zulassen dürfe, daß der Inhalt der zionistischen Bewegung als Waffe in dem Kampf zwischen den Mächten benutzt werde, einen Überblick über die Entwicklung der antisemitischen Bew egung, der er den jüdischen, von den Propheten verkündeten Olauben an den Menschheits- und Völkerfrieden der Zukunft gegenüberstellte. Das Gegenwartsprogranim des Zionismus sei auch weiterhin auf dem Grundsatz der Gleichberechtigung aufgebaut. Es handle sich hier nicht um die Frage der Judenheit eines einzelnen, sondern um eine solche der Juden aller Oaluthläudcr. Die Juden der ganzen Welt seien stolz auf ihre Zugehörigkeit zu der angefeindeten jüdischen Rasse. Die beiden vor der Friedenskonferenz, erhobenen Forderungen: Palästina und Gleichberechtigung seien zusammengehörig und einander bedingend. Gegenüber der in manchen jüdischen und iiichtjüdischcu Kreisen in dieser Hinsicht herrschenden Unklarheit müsse betont werden, daß es Unsinn sei, den Zionismus als Antithese zur Gleichberechtigung oder als ihr Surrogat zu betrachten. Ein Qhettojudentum könne nicht ein nationales Heim aufbauen. Und die Mitwirkung der Diaspora bei dem Aufbauwerk sei unerläßlich. Eine jüdische Diaspora habe es immer gegeben und die werde auch in Zukunft in größerem oder geringerem Umfang erhalten bleiben. Eine Einstellung, die Gleichberechtigung für das jüdische Volk in der Gallith für unerreichbar und nicht für die Pflicht der Völker der Welt ansieht, sei nicht Zionismus, sondern ein Zerrbild des Zionismus. Die Sorge um das Schicksal des Volkes in der ganzen Welt sei die Grundlage des Zionismus. In diesem (ieiste sei schon auf dem ersten Kongreß die Lage der Juden in allen Ländern beleuchtet worden. Alle guten Zionisten seien sich darin einig, daß der Zionismus alle Probleme des Volkes erfassen müsse. In bürgerlicher Hinsicht wolle der Jude nichts anderes als Staatsbürger sein. Als Jude und Zionist, stolz auf seine Rasse, treu seinen historischen Traditionen, stelle er dem Staate seine Intelligenz, sein Vermögen und, wenn es darauf ankommt, sein Leben zur Verfügung. Er kann und will nicht Staatenloser sein. Ändert er in Erez. Israel seine Staatsangehörigkeit, so ist dies ein freier Willensakt. Zionismus bedeutet die freiwillige Rückkehr Israels in sein Land. Eingehend beschäftigte sich das Referat mit der materiellen Judcnuot in Polen, die einen Höhepunkt erreicht hat und die ihre Erleichterung durch die Wirklichkeit Erez. Israels finde. Daran anschließend besprach Sokolow die politische Lage der Juden in Polen und gab dann eine lIbersicht über die Lage der Juden in den anderen Ländern. Die Judenfrage in Österreich ist mit der allgemeinen politischen Lage dieses Landes eng verknüpft. In der ehemals blühenden grollen jüdischen Gemeinde Wiens herrscht bittere Not. Die Kleingemeinden in der Provinz sind schwer bedrängt. Das früher wirtschaftlich starke und politisch einflußreiche ungarische Judentum ist zahlenmäßig und im Vergleich zu seiner früheren Stellung stark zurückgedrängt worden. Man ist zufrieden, dali die schärfsten Formen eines aggressiven Antisemitismus sich nicht mehr zeigen. Altrumänien ist der klassische Boden der Judenfrage, die jetzt auch in ganz Großruminien akut ist. Der Antisemitismus mobilisiert insbesondere die Jugend. Auch die wirtschaftliche Lage ist schwieriger geworden. Der Drang zur Auswanderung nach Palästina wächst und wird noch dadurch erhöht, dali die rumänischen Juden in Palästina seit langem eine wichtige und geachtete Rolle spielen. Sokolow behandelte sodann die Lage der Juden in einer Reihe von orientalischen Ländern, wobei er insbesondere die schwierigen Verhältnisse im Jemen und in Kurdisan hervorhob. In England, fuhr Sokolow fort, habe der Antisemitismus bisher nicht Wurzel fassen können. Er vegetiert kümmerlich und alle Bemühungen, ihn hochzubringen, sind bisher erfolglos geblieben. In Südafrika war Antisemitismus bis vor kurzem völlig unbekannt. In

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.