Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 35 (30.8.1935)
- Date
- 1935-08-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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30. August 1935 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNGB Oer 19. Zionistenkongreß. Persönliche Eindrücke von Dr. Fritz. Locbenstein, z. Zt. Luzern. Drr KongrcB ist im vollen Oange. Eben siiul gerade die großen Referate über die Kolonisation, über die Fonds und ihre Tätigkeit, über die Politik und über die jugend-Alijah gehalten. Die Generaldebatte ist noch nicht beendet, in diesem Augenblick ist es schwer, einen abschließenden Berich! zu geben. Daher will ich liier nur Stimmungsbilder, Lrlchnismomciitc mitteilen. Auf diesen Zionistenkongreß sind die Augen der gesamten Judenheit gerichtet Sagte man in früheren Jahren so etwas vielleicht mit einer gewissen Übertreibung — heute ist es ernste umfassende Wahrheit. Die zionistische (iesehichte konnte noch nie eine so grolle Kongreßbeteiligung verzeichnen; an die l' 4 Million Schekaikn sind aufgebracht worden. I taher liegt auf diesem Kongreß auch grollte Verantwortung, auf dem Kongreß und seinen Delegierten. Wenn auch das iußerc Bild des Kongresses nicht mehr die Farbenfülle der ersten zeigt, bei denen man marokkanische und kaukasische Juden in ihrer malerischen Tracht antraf, — heute ist ja alles viel sachlicher geworden —, so umfallt er doch wie keine andere jüdische Tagung die Juden heil der gesamten Welt. Juden aus allen Ländern kommen in diesen zwei Wochen der Beratung zusammen; aus Südafrika, aus ganz Amerika, natürlich aus allen Ländern Europas und am zahlreichsten aus Palästina, das mit seinen 90 Delegierten fast ein Fünftel der Gesamtheit ausmacht. Luzern, die schöne Stadt am See, erhält in diesen Tagen durch die Zionisten ihr Gepräge. Auf allen Strallen und Plätzen, auf den Dampfern des Vierwaldstädter Sees, auf den umliegenden hohen Bergen, wohin sich der Lrlioluugsuchende einsam zurückgezogen zu haben glaubt, siehst du bekannte Gesichter, hörst du Hebräisch. Die hebräische Sprache beherrscht das Leben draußen und erst recht drinnen, im Kongrcllsaal. Zwischen der Schweiz und den Zionisten bestehen alte Beziehungen; fanden hier doch die meisten Kongresse statt. So ist es verständlich, dal! Land und Stadt die Zionisten auf das herzlichste aufnehmen. Die öffentlichen Gebäude, die Häuser in den grollen Straßen /eigen neben den Landesfarben die jüdischen Farben, die blau-weiße Lahne. Und ist es nicht bezeichnend, daß der Vertreter der Schweizer Regierung in der Eröffnungssitzung das jüdische Volk mit dem Schweizer Volk verglich, indem er den Zionismus und den Freiheitskampf der Schweizer (iesehichte auf einen Nenner brachte? Jeder Kongreß bringt in seinem Verlauf Höhepunkte. Der feierlichste ist immer die Eröffnung. Dem diesmaligen Beginn sah man mit groller Spannung entgegen. Schon vier Tage vor dein Anfang waren die 2(KX( Plätze im Kongrcßhaus ausverkauft. So wurde es notwendig, daß eine Übertragung der Leier in das Stadttheater erfolgte. Auf dem großen Platze vor dem Kongreßhaus brannten in hohen Kandelabern Leslesfeuer. Das Haus selbst war mit Lahnen außen und im Innern festlich geschmückt. Von der Stirnwand im Saal grüßt das große Bild von Theodor Her/1. Der Saal füllt sich, die erwartungsvolle Erregung unterbrechen die drei Hainmerschläge, das Zeichen des Beginnes. Hereintrirt die Exekutive, geführt von An die Leser des Gemeindeblattes. Das Bezugsgeld für das Gemeindeblatt für das Rechnungsjahr vom 1. April 1935 bis 31. März 1936 ist auf RM. 1.50 jährlich festgesetzt worden. Wir bitten unsere Gemeindemitglieder, den fälligen Betrag bis zum 27. September d. J. während der üblichen Kassenstunden werktags von 9— 1 Uhr an unsere Gemeindekasse zu entrichten oder mittels beiliegender Zahlkarte auf das Postscheckkonto der Gemeinde Nr. 50 533 zu überweisen. Bei denjenigen Gemeindemitgliedern, die dieser Zahlungsaufforderung nicht nachkommen, wird das Bezugsgeld nach Ablauf dieser Frist durch Gelderheber eingezogen. Leipzig, den 22. August 1935. Der Vorstand der Israel. Religionsgemeinde zu Leipzig. dem Präsidenten Sokolow, und mit ihm kommen die Vertreter von Staat, Stadt, der Gesandtschaften und der jüdischen Körperschaften. Ansprachen der Begrüßung folgen; besonders muß die Rede des Völkerbunds-Hochkommissars für die Flüchtlinge, Mac Donald, hervorgehoben weiden, in der er der zionistischen Organisation den herzlichsten Dank dafür ausspricht, daß sie Palästina weit geöffnet hat. Denn alle anderen Länder seien, so sagte er, verschlossen. Es gäbe so gut wie keine nennenswerte Aufnahme in ein anderes Land. Lin Wort zu ernstem Nachdenken, besonders für alle die, die auch heute noch Illusionen nachjagen. Von gleichem Lrnst, aber noch viel tieferer Gründlichkeit, ist die groß angelegte Eröffnungsrede des Präsidenten durchdrungen, der in seinem bedeutenden Referat die Lage in der Gallith schilderte und dem gegenüber als die einzige Losung der Judenfrage den Aufbau vor Erez-Israel hinstellte. Nach der Leier strömte die Menge ins freie, und draußen waren im weiten Umkreis die Häuser festlich beleuchtet, während unmittelbar vor dem Kongreßsaal eine große Zahl von Jugendlichen sang und Horrah tanzte, die Horrah, dk' in ihrer Lrlebnissteigerung den Abschluß des Abends bildete. Der bisherige Verlauf - es sind erst drei Arbeitstage, da der Sabbath frei ist -, läßt bereits die Größe und Vielfältigkeit der Aufgaben erkennen. Hervorgehoben sei das großzügige Referat von Ben (i urion, der, wie mit weitem Blick für die l erne, auch die Aufgaben des Tages scharf umriß. Die Darlegungen von Ussischkin, dem Leiter des Kereu Kajemeth, der in seinem hohen Verantwortungsbewußtsein der zionistischen Bewegung ein Stück Mussar las, gipfelten in der I orderung, die großen Möglichkeiten für Bodenerwerb auszunützen. Am Wichtigsten, gerade für die Juden in Deutschland, .scheinen jedoch zwei der bisherigen Vorträge gewesen zu sein: der eine von Kuppin über 23 Jahre kolonisatorischer Tätigkeif in Lre / Israel, eigentlich ein Bericht seiner eigenen Arbeit, da er über ein Vierteljahrhundert dieses Gebiet leitet: hier wurde aus den kleinsten