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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-08-23 · 34 (23.8.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
34 (23.8.1935)
Date
1935-08-23
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 0EME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 23. August 1935 „Tel-Awlwhrt" — das rasende Wachstum Tel-Awiws, die Landflucht und das Stadtlebcn mit ihren moralischen, wirtschaftlichen sowie volkspolitischen Gefahren werden richtig gesehen. Klar erkennen diese jungen Menschen schon, daß Palästina heute noch nicht das Erez Israel ist, daß sie sich eigentlich erhofften. Fast alle Aufsät/e zeigen Vertrautheit mit Land und Lebe n. Diese Kenntnis beruht auf eifriger Lektüre, auf der nicht ZU unterschitzenden Aufklärungsarbeit der jüdischen Zeitungen aller Richtungen und vor allem auf der Arbeit der Bünde. Die Arbeit der Bünde birgt aber in sich auch einen großen Nachteil: die kleine Perspektive, Beschränkung des Blickfeldes auf Dinge des Bundes b/w. der eigenen Bewegung. Sogar noch in den Oberklassen gibt es viele, für die im Grunde Palästina neben Tel-Awiw Jerusalem mit Klageinauer und Juden mit Kaftan und Bart entweder nur aus Kibbuz Rodges (Misrachi-Siedlung), Giwat Brenner (Habonim) oder Daganja (I. P. D.) besteht. Andere Bewegungen und deren Leistung scheinen völlig unbekannt. Der Grund für diese Erscheinung liegt darin, daß jeder Bund, um die Begeisterung seiner Leute zu erhalten, immer nur sein e Leistung hervorzuheben sucht. Noch schlimmer — und wenn die jungen Menschen nach Eitz Israel kommen, oft tragischer zeigt sich der Widerspruch zwischen der nüchternen Betrachtung der W | r kl i C h keil auf der einen Seite und den Notwendigkeiten der Propaganda andererseits (auch der Zionismus hat dieses Problem noch nicht gelost). Das Feuer der Begeisterung und kühle, sachliche Betrachtungsweise h/w. ilie persönlichen Erfahrungen vertragen nicht immer einander. I lerzl-Zitate. wie sie nicht selten schon in den Aufsätzen Llfjähriger zu finden waren, sind verderblich, wenn sie zur Liniform, ja /iini Ersatz des persönlichen Denkens werden. Auch der Palästina- Film, der kurz bevor der Aufsatz gesehrieben wurde, in Leipzig lief, hat in diesem Sinne nicht gut gewirkt. Wie leicht beeinflußbar das jugendliche Gemüt ist, erhellt daraus, daß über die Hälfte der Aufsät/e den Begriff „Land der Verheißung" verwendet, der zugleich ihr Titel des Filmes war. Wie oft konnte man besonders ii Mädchenaufsitzen lesen: das Lied — „steter Begleiter bei der Arbeit, weicht nicht von den Lippen, hallt täglich über den Lmek dahin". Ilorra, übrigens ein ursprünglich rumänischer Nationaltan/, und ein immer fröhliches Gesicht scheinen mit dem Begriff des Chaluz eng verbunden zu sein, eine nicht unbedingt gesunde R o in a n t i k. Der Leser sieht zwischen den Zeilen der Aufsätze die wachsenden Probleme des Palästinaaufbaues. Wa< wird der kleine Junge, der sich heute freut, weil in Tel-Awiw Bankdirektor und Straßenkehrer Juden sind, morgen sagen, wenn er, im Gegensatz vielleicht ZU seinem jet/igen Schulfreund, nicht den Anschluß an die so/ial und ökonomisch gehobenen Gesellschaftsschichten wird finden können? — Ein dreizehnjähriges Mädchen schreibt: „Am schönsten wird der Sch ah bat sein! Ober all Ruhe, betende, feierlich gestmimte Menschen. Oberhaupt hat das Gebet in Erez-Israel einen anderen Sinn, denn jeder versteht ja dort, was er sagt." Eine Schülerin derselben Klasse schreibt: „Auf den Schabbat freue ich mich -chon die ganze Woche. Da fahren (!) wir nämlich an den Strand und baden." Wird es eine Verständigungsmöglichkeit geben für die verschiedenartige Weltanschauung und Lebensgestaltung dieser zwei Madehen'- Wer wird stärker sein, wer den anderen beeinflussen? Auch ilie Araberfrage taucht nicht selten auf, wenn auch nicht in Die Errichtung eines jüdischen Lehrhauses in Leipzig steht bevor. Die in den beiden vergangenen Wintern von der Gemeinde veranstalteten Bildungskurse sollen im bevorstehenden Winter 1935/36 zu einem jüdischen Lehrhaus ausgestaltet werden, in dem außer den bisher aussei.ließlich gepflegten jüdischen Wissensgebieten auch allgemein bildende Lehrgänge eingerichtet werden sollen. Es wird gebeten, an das Gemeindeamt, Leipzig, Walter-Blümel- Straße 10, mit der Bezeichnung „betrifft Lehrhaus" Wünsche und Anregungen über die Ausgestaltung des Lehrplanes des Lehrhauses möglichst bald zu richten, insbesondere schon mit Meldungen für Unterrichtskurse in modernen Fremdsprachen unter Angabe der gewünschten Sprache und der schon vorhandenen Vorkenntnisse. Leipzig, den 13. August 1935. Der Vorstand der Israel. Religionsgemeinde zu Leipzig. aller Tiefe und Schärfe gesehen. Dagegen scheint die kibbuzische Form der Gcmcinschaftssicdlimg noch nicht als —' persönliches — Problem erkannt zu sein. Wer jüdische Einigkeit als das Gebot der Stunde empfindet, wird sich darüber freuen, daß auch Angehörige nichtzionistischer Bünde volles Verständnis für ilie Möglichkeiten und Notwendigkeiten Erez Israels zeigen. Andererseits soll ein Fall - ich befürchte, daß er Symptom, und nicht bloßen Einfall bedeutet - erwähnt werden, der von der Verhetzung zeugt, die manche noch nicht lassen können. Wenn ein Schüler, der Ostern schon die Schule verlassen wird, aus inner zionistischen Parteigründeu in seinem Aufsatz das Gros der Chaluzim beschimpft, dann ist das Frziehungssyttem seines Bundes anscheinend noch sehr verbesserungsbedürftig, denn für die Erziehung eines jeden jungen Menschen sollen Wissen, Können und Menschlichkeit als Ziele gelten, nicht aber Politik und unproduktiver Kampf. Gottlob sind alle anderen Aufsätze frei von derartigen Entgleisungen. Man staunt vielmehr, wie allgemein der Primat der Arbeit anerkannt wird, wobei einfache Lebensweise, Arbeit auf dem Lande, Chaluziut und Aufbau überhaupt zu einem einheitlichen Begriff verschmelzen. Sehr stark ist auch der Gedanke ausgeprägt, was Erez Israel für die Religion des Judentums bedeutet, daß dort die Möglichkeit gegeben ist, als religiöser Jude zu leben, Schabbath zu halten und eine neue jüdische Kultur in hebräischer Sprache aufzubauen. Nur wenige Aufsätze sind es, die keine innere, menschlichseelische Bindung an Erez-Israel zeigen. Für alle fast stellt Palästina mehr als ein „Nachtasyl", mehr als zufällig bedingte Zufluchtsstätte dar. Not, aber auch Sehnsucht, das Gefühl der historischen Verbundenheit des Landes mit unserer Geschichte, noch mehr: mit der Zukunft dieser jungen Menschen, ist die Wurzel ihrer Zionsliebe. Wie uns die Schulleitung mitteilt, gingen aus dem Wettbewerb die Schülerinnen Irma Krauthammer (IIb), Loni Rosner (Ib Volksschule) und der Schüler Heini Weiser (la) als Preisträger hervor. Es waren aber auch unter den nicht preisgekrönten Arbeiten recht beachtenswerte Leistungen (Gisela Buchsbaum Ib, Judith Littauer IVb, Czaczkes und Mansbach la, Horn IIa, Seelenfreund Via). (Anm. d. Red.) Jüdische Zeitschau Oberkantor Alter-Hannover nach Johannesburg berufen. Der bekannte überkantor Alter in Hannover ist von der jüdischen Gemeinde von Johannesburg Südafrika verpflichtet worden. Oherkantor Alter Wird Hannover bereits im Laufe dieses Monats verlassen. Jüdische Einwanderung nach Amerika im ersten Halbjahr 1935. Wie aus dem Halbjahresbericht der Gesellschaft für Einwanderer- Fürsorge „Hias" hervorgeht, sind vom 1. Januar bis zum 1. Mai 1935 '1222 Juden in die Vereinigten Staaten eingewandert. Von diesen wurden 1815 Personen als reguläre Immigranten und 1407 als Nicht- Immigranten registriert. 750 Personen waren teils direkt aus Deutschland, teils aas Ländern, in die sie sich von Deutschland aus lugeben hatten, gekommen. Die Weiterlcitung aus diesen Ländern war mit Hilfe des Verbandes Hicem erfolgt. In der Berichtszeit wurden an Hias 3751 Gesuche um Ausforschung von Angehörigen gerichtet. In sehr vielen Fällen gelang es, auseinandergerissene Familien wieder zu vereinigen oder in Amerika ansässige Angehörige zu bewegen, ihre in Europa zurückgebliebenen Verwandten zu unterstützen. Die Nachforschung nach Angehörigen wird in zahlreichen Fällen weiter fortgesetzt. Durch die Hias-Lmigrantenbank sind im ersten Halbjahr 1935 von 26851 amerikanischen Juden 477213,21 Dollar an Angehörige in verschiedenen Ländern überwiesen worden. Bisher unbekanntes Maimoiiides-Bildnis autgefunden. Professor Umberto Cassuto, der Inhaber der Lehrkanzel für hebräische Sprache au der Universität Rom, hat ein aus dem 15. Jahrhundert stammendes, bisher unbekanntes Bildnis des Maimouides entdeckt. Das bekannteste bisherige Maimonides-Bild wurde in dem 1774 erschieneneu „Thesaurus Antiquitatum Sacrarutn" reproduziert. Das jetzt aufgefundene Porträt ist höchst künstlerisch ausgeführt. Es ist farbig und stellt Maimonides in orientalischer Tracht dar.

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