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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-08-23 · 34 (23.8.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
34 (23.8.1935)
Date
1935-08-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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£6. ö Auflage 3900 Stück (Bcmcinö cbktt DER ISRAELITISCHEN REUGIONSGEMEINDE ZU 1 Xml D71CL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLIl AfllV7 DER GEMEIN DEVERWALTUNG« Schriftleitung i Qemeinderabbiner Qustav Cohn, Leipzig Walter-Blümel-Str. 10. - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Qenebmlgung des Verlassen gestattet Nummer 34 - lahrgang 11 23. August 1935 Anzelgenannähmet E. Qoldfreund, Leipzig OS, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 60 77! Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. „Wie stelle ich mir Palästina vor?" Eine Besprechung von Schülerarbeiten. Vom Dr. Josef Burg. Die erste jüdische Schiffahrtsgesellschaft, die Palestine Stripping Company, lief) vor einigen Monaten durch die jüdische Presse ein Preisausschreiben veröffentlichen, das all d e n Schillern eine freie Fahrt nach Palästina gewährte, die jeweils an ihrer Schule den besten Aufsat/ Über das Thema: „Wie ich mir Palästina vorstelle-' schreiben. Kur/ vor Beginn der großen Ferien wurde nun auch an der Ephraim-Carlebach-Schule sowie in den oberen Klassen der jüdischen Volksschule dieser Aufsatz geschrieben. In allen Klassen begann /ur gleichen stunde der „Klassenaufsatz", zu dessen Anfertigung, je nach der Altersstufe der Schuler. zwei bis fünf Stunden zur Verfügung standen. Weil der Aufsatz zugleich als Deutscharbeil geweitet werden sollte, wurde in jeder Klasse außerdem ein •allgemeines Thema gegeben. Es war also niemand gezwungen, über Palästina ZU schreiben. Trotzdem hat kein Schüler der oberen drei Klassen von dieser Möglichkeif Gebrauch gemacht, alle schrieben über Erc/. Israel. Dagegen haben in den unteren Klassen ungefähr fünfzehn Schüler das andere Thema gewühlt. Vielleicht hielten sie sich nicht im Besitz des notwendigen Wissens oder sie fühlten sich der „Konkurrenz" der älteren Schüler nicht gewachsen und gaben das Kennen von vornherein auf. Andererseits muH berücksichtigt werden, dall die Schüler der höheren Klassen fast ausnahmslos hündisch erfaßt (und leider auch oft schon in innerjüdischer HinsciM politisiert) sind, so daß für sie der Palästina-Aufsat/ eigentlich das Naheliegendste war. Den Schwierigkettet] der doppelten Beurteilung nach deutschem Autsatzstil und jüdischem Wissen suchte man zu begegnen, indem Deutseh- und Religionslehrcr gemeinsam ihre Eindrücke besprachen. Nicht immer konnte das Problem der gerechten Zensur auf einfache Weise gelöst werden, denn nicht immer sind Lebendigkeit der Schilderung verbunden mit Tiefe der Oedanken, vor allem der jüdischen Ideenwelt. Das Thema war überdies nicht eindeutig. „Wie ich mir Palästina vorstelle" kann entweder bedeuten eine Schilderung des heutigen Erez Israel, wie es nach Meinung des Schülers ist, oder aber kann es heißen eine Darlegung, wie die palästinensischen Verhältnisse sein sollen oder dereinst sein werden. Es ist interessant, daß nur einige wenige Schüler der Oberklassen das Thema im /weiten Sinne Palästina als noch zu erfüllende Aufgabe — aufgefaßt haben. Die überwiegende Mchr/ahl hat das Thema im Sinne einer einfachen, „landläufigen" Beschreibung des heutigen Palästina aufgefaßt. Die Art der Behandlung des Themas läßt wichtige Rückschlüsse für eine Typenlehre der Schüler zu. Die übliche Eorni des Aufsat/es, beinahe Schablone, ist die Schilderung einer Reise durch Erez Israel. Phantasiebegabte führen sie im Traume durch, mit jähem lirwachen und tiefei Enttäuschung. Nicht -elten kommt am Ende ein Ausruf der Hoffnung. Einige ganz Schlaue schrieben, fast wörtlich: „Wenn ich doch den Preis gewönne, dann könnte ich das Beschriebene in \\ irkliehkeit sehen." Line Reihe von Schülern lallt sich von Freunden einladen oder schildert ihren ersten lag mit der Jugendalija oder ihre erste Zeit als Chaluz im Lande. .Manche beginnen ihren Aufsatz mit dem Abschied Montag abend am Hauptbahn hof, aiulere schildern die letzte Nacht auf dem Meere und die Erwartung, die sie beseelt. Lin Unternehmungslustiger Obertertianer benützt für seine Fahrt durch das Land das Motorrad, nicht, wie die meisten anderen, den Omnibus. Die Besinnlicheren leiten ihren Aufsatz ein mit einer Analyse der Lage des deutschen Judentums, schildern sehr fein und wie könnte es anders sein -.ehr tief und wahr empfunden das Gefühl des Galuth und gehen über zur Schilderung des Heimatgefühls, das sie erfüllt, wenn sie nur zwischen Juden leben („Bankdirektor und Straßenkehrer, I euerwehr und Polizei alles Juden!"). Sehr ansprechend ist auch die historische Einleitung, ilie von der tieschichte Palästinas, seiner Stellung in der Welt des Judentums ausgeht und auf diesem Weg zur Darstellung der Gegenwart gelangt Die tiefer schürfenden und, weil mit der Materie ringend, nicht immer in sprachlicher Hinsicht einwandfreien Aufsätze weisen auf kritische Punkte des Aufbaus hin. Die tiefahren der Masseneinwanderung werden lebendig. Der eine sieht mehr das soziale Unrecht, der andere die Religionslosigkeit so mancher Einwanderer. Zusammenschließung von Vereinen mit jüdisch, wissenschaftl. oder jüdisch - künstl. Charakter. Der Sonderbeauftragte des Herrn Reichsministers Dr. üoebbels, Herr Staatskommissar Hinket, hat angeordnet, daß jede Organisation, die Kultunrranstaltungen vollzieht, ganz gleich, ob es sich um Kulturbünde oder um andere Vereine jüdisch-wissenschaftlichen oder jüdisch künstlerischen Charakters handelt, dem Reichsverband der jüdischen Kulturbünde in Deutschland vom 1. September 1935 an angehören muß. Diejenigen Organisationen und Vereine, die den Anschluji nicht vornehmen, haben nach der Auflage des Herrn Staatskommissars Hinke! und nach der eindeutigen mündlichen Erklärung, die er als Kommentar hierzu gegeben hat, damit zu rechnen, daß ihnen die Abhaltung von Veranstaltungen nicht mehr möglich sein wird. Unter jüdischen Organisationen, die als „künstlerisch oder kulturell tätige Verbände und Vereine unter jüdischer Führung" gelten, sind auch Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, Kulturaussehüssc innerhalb der jüdischen Gemeinden, Künstlcrhilfen, die Veranstaltungen unternehmen, Orchester-, Chor- und Vortragsvereinigung usw. zu verstehen, soweit es sich nicht um Lehrhäuser handelt. Da die Anmeldung zum Reichsverband der jüdischen Kulturbünde in Deutschland bis spätestens 28. August d. J. erfolgen muß, werden die in Betracht kommenden Organisationen und I 'ereine aufgefordert, sich umgehend beim Reichsverband der Jüdischen Kulturbüii'le in Deutschland, Berlin W68, Charlotten-Straße 90, anzumelden. Leipzig, den 20. August 1935. Der Vorstund der Israelit. Religionsgemeinde zu Leipzig.

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