Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 32 (9.8.1935)
- Date
- 1935-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEIN DE BLATT DER ISRAELITISCHEN RELlülONSCiEMEINDE ZU LEIPZIG 0. August 1935 geglichenheit getragenen jahrelangen Leiden dahingegangen war; wußte man. daß er seine Verdeutschung der Bibel nur unter kaum zu ahnender technischer Schwierigkeit festhalten lassen konnte. In langsamem Schwinden der Bewegbarkeit der Glieder konnte er, dessen Zunge gelähmt war, schließlich nur noch mit einem Glied« dei Daumens auf einem eigens konstruierten Apparat Zeichen gehen, die dann von seiner Gattin Buchstabe für Buchstabe übertragen werden mußten. Damals wußte man, daß dieser Mann in solchen Jahren nicht nur an der Bibelverdeutschung arbeitete, Hymnen des Jehuda Halcwi nachdichtete, für die Vertiefung jüdischer Bildung dachte und tat, sondern darüber hinaus einen Kreis junger strebender Juden und alter treuer Freunde in seinem Kranken/immer anregte und mit vielen vielen anderen einen regen geistigen Verkehr in Briefen pflegte; wußte man, daß seine Krankheit ihn in dem gleichen Walle, in dem sie ihn körperlich immer mehr lähmte, aus immer sich steigernder geistiger Vertiefung erleuchtende und erwärmende Strahlen aussenden ließ, die jeden beglückten, der ihm nahetreten durfte. Aber all das wußte man wie aus einem Mythos, der aus der Ferne herüberklang. Nun aber gewinnt es Leben: die Gestalt Franz Rosen/weigs ersteht vor uns in plastischer Wirklichkeit in den Briefen, die der Sehocken-Verlag in einer in jeder Hinsicht des bedeutenden Geistes würdigen Ausgabe zugänglich gemacht hat (Frau/ Rosen zweig, Briefe. Unter Mitwirkung von Ernst Simon ausgewählt und herausgegeben von Edith Rosen/weig. Schocken- Verlag. Berlin MCMXXXV), In ihnen wird der Mensch Rosen* /weii; sichtbar, der dieses Leben beherrscht hat und aus ihm sein Werk hat wachsen lassen. Line innere Biographie hat einer diese Briefsammlung genannt. Sie ist nicht lückenlos; denn - dies ein Zeugnis für die ungewöhnliche geistige Beweglichkeit des Briefschreibers — die hier gebotenen 720 Seiten enthalten nur etwa den zehnten Teil aller Briefe, die Rosenzweig geschrieben hat. Aber sie ist von beredter Geschlossenheit, um Überall die einzelnen Phasen seiner Schriften miterleben zu lassen. Wir sehen die erste Konzeption seines aus dem Felde an Hernjann (.oben gerichteten Offenen Briefes ..Zeit ists" aus dem Wunsche heran-, wachsen, dem Religionsunterrichte eine stärkere Wirkung durch eine Vertiefung des jüdischen Wissens der Lehret und durch ein betontes Herangehen an die hebräischen Quellen zu sichern. Dei Urheber der Idee rauft um ihre Erfüllung in dem von ihm gewollten Sinne ringen; gerade was ihm im organisatorischen Aufbau und in der sachlichen Zielsetzung wesentlich gewesen war, wird von denen, in deren Hände er seinen Plan legen mußte, um* gebogen: er stand ja weitab im Felde. Fr will sich schließlich, wozu Sooft die ideellen Schopfer wichtiger Einrichtungen gezwungen sind, abfinden; aber auch dann noch muß er energisch eine Grenze bestimmen, über die hinaus er eine „Verfälschung" seiner Absichten nicht dulden kann. In solchem Einblick in das Werden des Werkes und seinen Kampf Uni die endliche Gestalt rückt der Mann nahe an uns heran: wir erleben ihn. Erleben ihn in gleicher W eise in jenen lagen, da sein Hauptwerk ..Stern der Erlösung" in seinem Geiste keimt, aufgeht und dann eines Tages ihn befällt......ich habe, nach einigen ragen Sträubens und Zaudern*, ein Buch zu sehreiben angefangen, zwai nicht, mein .eigentliches-, das schreibe ich nicht eher, als ich kann darf muß. also sicher nicht während des Unbehausten Kriegsdaseins aber doch die Vorstufe da/u; mein System, muß ich wohl sagen. Es ist vor vierzehn Tagen plötzlich dagewesen und seitdem sitze ich unter einer Dusche von Gedanken". I - wird deutlich, wie das System, einmal gedanklich im Aufriß ge- Zi ichnet, I orm erhält, hier und dort in der Zeichnung gewandelt, aber in klarer Durchdachtheit wie in einem Zuge geschrieben wird. Und SO erleben wir ihn in seiner \rhcit an Jehuda I lalewi und an der Bibel. Erleben, wie Rosen/weig und Buber sich finden, sich einander verbinden und schließlich durch eine innige Freundschaft Umschlungen werden, wie Jahre zuvor gleich enges Band den einstigen Schüler Hermann Cohens mit dem l einer umschloß. Erleben, wie sich das jüdische Wesen Rosenzweigs kristallisiert: der Siebenundzwanzigjäbrige, nicht aus Gleichgültigkeit sondern aus ernstestem Durchdenken des Christentums der Taufe nahe, findet sich selbst und entwickelt sich folgerichtig ZU d e in Typus Jude, du den er sich dann mit unbeugsamer Klarheit immer einsetzt; Sttiulgeld für sämtlittie Schüler der JUd. Volksschule Die immer schwieriger weidende wirtschaftliche Lage des Leipziger jüdischen Schulwerks zwingt uns, auch von den Volksschülern, die bisher schulgeldfrei waren, mit Wirkung vom 1. Oktober an ein monatliches Schulgeld von 5RM zu erheben. Lediglich wenn mehrere Geschwister die Volksschule besuchen, kann auf Antrag das Schulgeld für die jüngeren Geschwister aus Billigkeitsgründen herabgesetzt werden. Sonstige Schulgeldermäßigungen können nur in Fällen wirtschaftlicher Not bewilligt werden. Die entsprechenden Oesuche mit ausführlicher Begründung sind nicht an die Schulleitung, sondern ausschließlich an das Wohlfahrtsamt der israelitischen Religionsgemeinde, Walter-Blümel-Straße 10, zu richten. Leipzig, den 5. August 1935 Der Vorstand des Israelitischen Schulve1%ins Leipzig e.V. keiner Partei und keiner Richtung und Gruppe verfallen, Jude in der Ganzheit jüdischen Geistes; in rückhaltloser Anerkennung der deutschen Kulturwerte, aus denen er geistige Form gewonnen, und dabei durchaus hingebungsvoll für das Paiästinaidcal begeistert, im überlieferten Gesetz wurzelnd frei von buchstabengebundener Unterwerfung; über alles aber die Einheit von Inn und Denken allein aus jüdischem Geiste fordernd. In dem ganzen unermeßlichen Reichtum einer selten starken und tiefen, eigenartigen, schöpferischen Persönlichkeit zeigen ihn diese Briefe. Und zumal in seiner menschlichen Größe. Erschüttert erleben wir auch die Entwicklung seiner Krankheit, erschüttert aber zugleich erhoben. So kann nur ein ganz in sich gefestigter Mensch ein solches Leid tragen und in ihm nicht etwa zusammenbrechen, sondern bis zur letzten Größe wachsen. „Da ich einmal krank bin," so schreibt er schon im ersten Stadium der Erkrankung, deren Ernst er durchaus erkannt hat. „will Ich's in Ruhe und mit Genuß sein.'* Und er erblickt diesen „Genuß" in dem Umstände, dafl rr lesen darf, seine Geistesarbeit nicht zu unterbrechen braucht. Und auch weiterhin keine Klage, nur das herrschende Bewußtsein, daß sich „die Zukunft unheimlich nahe" an ihn herandrängt, „so, als ob sie keine Zeit mehr hätte zu warten, daß ich zu ihr komme". Es klingt wohl übersehvr.inglich, aber es entspricht der Wahrheit, wenn ausgesprochen wird: ein kaum autzuschöpfender Schatz an befruchtenden Gedanken und menschlichen und jüdischen Anregungen ist diese Sammlung von Zeugnissen dieses wahrhaft großen Menschen. Ligenartig berührt an Franz Rosen/weig die Bedeutung, die in seinein Denken der Tod schon in frühen Jahren hatte. Einer seiner engsten I rcuiidc, I lermann Badt, erzählt eine Episode, an einem Morgen des Jahres |0<>S, an dem der 22jährige Rosenzweig aussprach, was später für ihn Wirklichkeit wurde: „Wahrhaft glücklich sei nur der zu preisen, dem es beschieden sei, mit Bewußtsein nicht nur dieses tägliche Wiedererwachen, sondern einst auch seinen Tod ZU erleben, noch wachend vom Diesseits zum Jenseits zu schreiten." Wiederholt äußert er in Briefen seinen Wimach, daß sein Hauptwerk erst posthum erscheine. Er wolle nicht seine Wirkung erleben, aber auch nicht es verteidigen müssen. Ausgabe von Njnagogen karten. Die Erneuerung der Synagogenkarten findet bis 23. August 1935 werktäglich von 9 — 1 Uhr im Gemeindeamt, Walter-Blümel-Straße 10,1, statt. Karten, die nicht rechtzeitig abgeholt sind, werden anderweit vergeben. Eine schriftliche Erinnerung erfolgt nicht. Leipzig, den 5. August 1935. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig