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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-04-12 · 15/16 (12.4.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
15/16 (12.4.1935)
Date
1935-04-12
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 ÜEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN REL1QIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG 12. April 193 , linie des Werkes klar hervor. Hie Ubersetzung zeichnet sich durch besondere Flüssigkeit aus. Mit Maimonidcs dem Philosophen befassen sich auch zwei größere Werke hervorragender Sachkenner. Das Buch von Leo Strauß: Philosophie und Gesetz, Beitrüge zum Verständnis Maimunis und der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters, nimmt das Grundproblem der mittelalterlichen jüdischen Religionsphilosophie, den Konflikt zwischen Denken und Glauben neu und selbständig auf. Die ausführliche von Maimonides als dem wahren „Klassiker des Rationalismus" im Judentum ausgehende Einleitung enthüllt die Akualität der Krage gerade in den heutigen Auseinandersetzungen um die philosophische Begründung glaubiger Haltung. Es folgt eine Abhandlung über den „Streit der Alten und der Neueren in der Philosophie des Judentums", in der es um die Gesamtauffassung der jüdischen mittelalterlichen Religionsphilosophie geht, ferner eine über „die gesetzliche Begründung der Philosophie" und schließlich eine über „die philosophische Begründung des Gesetzes". Das sehr grundsätzlich verfahrende Buch wird dem philosophisch interessierten Leser das eigentliche Anliegen des Maimonides sowie der jüdischen Religionsphilosophie überhaupt und ihre Aktualität verständlich machen. Zu diesen durch den Schocken-Verlag herausgebrachten Schriften treten andere wertvolle Veröffentlichungen. Hier ist in erster Reihe die ausgezeichnete Übersetzung des More Newuchim zu nennen, die im Verlage von Felix Meiner, Leipzig, erschienen ist: Dr. Adolf Weiß: Maimonides, Führer der Unschlüssigen, ins Deutsche übertragen und mit erklärenden Anmerkungei versehen. Die geschmackvolle, wissenschaftlich verläßliche deutsch' Übersetzung dieses Hauptwerkes des jüdisch-mittelalterlichen Den kens verbindet treulichste Klarheit des Ausdrucks mit gründlichen Eindringen in den Text. Bei Vermeidung alles Überflüssigen, tragei, die Anmerkungen wesentlich dazu bei, dem Leser das Verständnis des Buches zu erleichtern. Beherrschung des philosophischen Gedankenganges und der einschlägigen Philosophie des Aristoteles treffende und konsequente Wiedergabe der Termini, sorgfältig! Quellennachweisung zeichnen das Werk aus. Die Einleitung bringt einen eindringlichen Abriß von Maimunis Leben, stellt sein Denker in die historische Entwicklung ein und erörtert sein philosophisches System. Ist diese Gesamtübersetzung für gebildete Laien und die philosophische üelehrtenwclt gedacht, so soll eine in dem rührigen Verlage von Erich Reiß, Berlin W15, erscheinende Maimonides-Bioßraphle einem weiteren Leserkreis in volkstümlicher Weise das Leben, das Wirken und die Werke des großen spanischen Juden nahebringen. Neben diesen neueren Literaturerscheinungen bietet eine ausgedehnte ältere Maimonides-Litcratur denen, die sich mit Mose ben Maimon vertraut machen möchten, und die zurzeit noch außerstande sind, ihn im Original kennenzulernen, eine Fülle von Möglichkeit, ihm wenigstens gedankenmäßig nahezukommen. Zum Pessachfeste. Die Bibel hat doch recht! Der Auszug aus Ägypten im Lichte neuer Forschungen. In diesen Tagen des Passahfestes erzählt der Vater — der Bibelvorschrift folgend — dem Sohn die Geschichte vom Auszug Israels aus Ägvpten, die Geschichte von der Volkwcrdung der Israeliten. Die Kinder sollen fragen, die Erwachsenen Antwort geben. Die Worte der Frage, der Text der Antwort sind seit langem festgelegt. VC'er richtig zu fragen vermag und wer recht darauf zu antworten weiß, wer hinter den schlichten Worten ihren tiefen Sinn erspürt — versteht auch, daß nicht allein unsere Väter aus Mizrajims Knechtschaft befreit wurden, sondern daß er selbst aus Ägypten fortzog. Also wird an jedem Seder-Abend die Geschichte Israels wieder vor uns und in uns lebendig. Und es liegt nahe, daß wir an einem solchen Tage nicht nur die Frage der Haggada beantworten, sondern Antwort auch auf die Frage heischen, wie es sich mit der tatsächlichen Begebenheit der vielen wunderreichen Erscheinungen verhält, die im Zusammenhang mit dem Auszug aus Mizrajim stehen. Ist die Lr/ählung der Thora in Einklang zu bringen mit den Ergebnissen der neuesten Forschungen? Sind die Wunder, von denen die Bibel spricht, irgendwie auf natürliche Vorgänge zurückzuführen? An einigen wenigen Beispielen mag hier gezeigt werden, daß selbst hinter den wundervollsten Geschehnissen geschichtliche Begebenheiten stecken. „Awodim hojinu Ppharau b'mizrojim" — Knechte des Pharao waren wir einst in Ägypten. Genaue Jahreszahlen lassen sich für diese Knechtschaft freilich nicht nennen, aber etwa zwischen 14U0 und 1200 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung waren Hebräer Sklaven unter verschiedenen ägyptischen Königen. Ausgrabungen haben auch noch Überreste jener Vorratsstädte Pitom und Ramses zutage gefordert, an deren Bau Israeliten haben mit fronen müssen; sie wurden vor über JOIHI Jahren errichtet. Um nun den ägyptischen Pharao zur Freilassung der israelitischen Sklaven zu veranlassen, sandte Gott die zehn Plagen über Mizrajim — Plagen, die immer mehr gesteigert wurden, um schließlich mit dem Tod der Erstgeburt den Höhepunkt zu erreichen. Die Schilderung verrät eine recht genaue Kenntnis der ägyptischen Verhältnisse; denn alle diese (ieschchnissc — wenn man von der zehnten Plage einmal absieht - konnten zweifellos in Ägypten vor sich gehen, vielleicht nicht in jener schrecklich gehäuften Folge. Beispielsweise ist eine Überaus starke Verbreitung von Fröschen in Ägypten öfter — nach Überschwemmungen des Nils — vorgekommen. Als der ägyptische König nach der letzten Plage sich zur sofortigen Freilassung der Israeliten entschließt, verlassen die Hebräer geschlossen das Land. Dieser Auszug aus Ägypten wird wahrscheinlich zwischen 1225 und 1215 erfolgt sein. Während man vor wenigen Jahren noch Ramses II. für den Pharao des Exodus hielt, glaubt man heute mit großer Sicherheit, daß der Auszug erst unter seinem Nachfolger, dem König Mernephta, erfolgte. Als mutmaßliches Jahr dieses für Israel entscheidenden Ereignisses nehmen die Wissenschaftler heute 1220 vor an. Auf dem langen Weg, den die Kinder Israel nun nahmen, ging ihnen der Ewige am Tage in einer Wolkensäule voran, und in der Nacht leuchtete er ihnen in einer Feuersäule, damit sie nie den Weg verfehlten. Was hat es mit dieser seltsamen Naturerscheinung auf sich? Wir können sie heute arhr einfach erklären, wenn wir annehmen, daß ein Berg, der Sinai, vulkanisch war. Am Tage befand sich über dem Vulkan eine Rauchwolke, des Nachts aber leuchtete diese Wolke, weil sie vom Feuer aus dein Inneren des Berges erhellt wurde. Derartige Feuersäulen hat man des öfteren über Vulkanen, besonders über dem Vesuv, beobachten können. Das größte Rätsel freilich hat der Wissenschaft die Errettung Israels und der Untergang der Ägypter am Schilfmeer aufgegeben. Diese Erzählung weist eine solche Fülle von Wundern auf, daß man sie kaum für geschichtlich halten möchte. Und doch liegt ihr ein tatsächliches Geschehen in ähnlicher Form zugrunde. Übrigens hat ferade hierüber ein christlicher Wissenschaftler, Professor Dr. Otto ißfeldt von der Universität Halle, vor kurzer Zeit völlig neue und überraschende Dinge berichten können. Durch seine Untersuchungen kann man die bisherige Annahme, daß der Untergang der Ägypter am Golf von Suez erfolgt sei, als widerlegt betrachten. Nach Ansicht von Eißfeldt, dem viele Wissenschaftler heute schon zustimmen, dürfte jenes Wunder wohl direkt am Mittelländischen Meer vor sich gegangen sein, und zwar am Sirbonischen See, einer haffartigen Einbuchtung des Mittelmeeres in der Nähe der Landenge von Suez. Die Gründe, die Eißfeldt zu dieser Annahme führten, können hier nicht im einzelnen dargelegt werden. Aber es überrascht doch sehr, wenn er u. a. antike Geschichtsschreiber und Geographen zitiert, die berichten, daß gerade in jener Gegend — etwas nordöstlich vom Golf von Suez — viele „mit ganzen Heeren untergegangen" sind, wenn sie nicht den rechten Weg fanden. Die Gegend wird uns als besonders sumpfig geschildert, wobei das Festland fast unmerklich ins Meer übergeht. Zudem soll es hier oft Seebeben und Springfluten gegeben haben. Man kann sich also wohl vorstellen, daß die denkwürdige Errettung Israels und die grausige Vernichtung der Ägypter auf Wirklichkeit beruht, daß die Bibel auch an dieser Stelle recht bekommt. Aus der Fülle der weiteren Wunder, die im Zusammenhang mit dem Auszug stehen, soll hier nur noch das des Manna erwähnt werden. Denn auch hier liegen die Ergebnisse neuester Forschungen vor, die die bisherigen Annahmen widerlegen. Die beiden Wissenschaftler Dr. F. S. Bodenheimer und Dr. O. Theodor von der Hebräischen Universität in Jerusalem haben die naturwissenschaftliche Lösung des Mannarätsels finden können. Bisher nahm man an, daß das Manna der Bibel von einer Pflanze, der sogenannten Manna-Tamariske, herrühre, und daß es durch die Stiche bestimmter Tiere aus den Zweigen heraustropfte. Diese schon seit mehreren Jahrhunderten vertretene Ansicht hat sich jedoch nach den Untersuchungen der beiden jüdischen Forscher als falsch erwiesen. Das Manna stellt vielmehr die Ausscheidung zweier Schildlausartcn dar, die vornehmlich auf jenem Strauch leben. Diese Ausscheidung der Tiere ist zunächst klar und durchsichtig wie ein Wassertropfen, dabei aber zäh und sirupartig. Im Verlaufe weniger Tage jedoch kristallisieren die Tröpfchen und bekommen eine gelbliche oder weißliche Farbe. Die Ausscheidungen der Schildläuse bleiben an den Blättern und Zweigen der Tamariske haften und tropfen — wenn die Sonnenstrahlen darauf treffen — zur Erde. (Diese Erscheinung hat wohl frühere Forscher zu der Annahme geführt, das Manna als Ausscheidung des Tamariskenstrauches selbst anzusehen.) Im Laufe der Nacht härten sich die Körner, die etwa so groß wie eine Erbse sind. Der Geschmack dieser Mannakörner soll angenehm süß und etwa dem des Honigs zu vergleichen sein. — Heute noch — so berichten die Forscher — sammeln die Beduinen diese weißen Körner und benutzen sie gern, um damit Speisen und Getränke zu süßen. In „guten Manilajanren" kann ein Beduine täglich bis zu drei Pfund solcher Körner sammeln. Freilich ist dazu zu bemerken, daß diese Ausscheidung bei den Tieren nicht das ganze Jahr anhält, sondern nur etwa drei Monate lang. Sie beginnt - nach einem regenreichen Winter — etwa in der Mitte des Mai und dauert bis Mitte Juli. So lassen sich heute manche Wunder der Bibel aut natürliche Weise erklären. Die Erkenntnis, daß das, was unseren Ahnen einst als ein Wunder erschien, naturgemäßer Vorgang ist, hindert uns aber nicht, jene Erzählungen mit dem gleichen Ernst, der gleichen Ehrfurcht und der gleichen Ergriffenheit zu vernehmen. R. Melitz.

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