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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-04-12 · 15/16 (12.4.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
15/16 (12.4.1935)
Date
1935-04-12
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIO 12. April 1933 Fülle rabbiniachen Wissens und dem der gewinnenden, auch die schwersten Gewissensnöte verständnisvoll fühlenden Liebe dar, daß in Zcitci. gefahrvoller Heimsuchung der Glaube an die Vorsehung sieh nicht erschüttern lassen darf, und daß die Treue gegen Qott spater, wenn das drohende Gewölk sich verzogen haben wird, sich reich belohnt fühlen wird. Zu solchen ermutigenden Worten befähigt ihn die Beharrlichkeit, mit der er an sich arbeitet. Keinen Augenblick steht er still. Nicht allein Kenntnisse im Talmud und dem rabbiniachen Schrifttum, vom Vatei angeregt, erfahren ständige Erweiterung; er weil!, daß zu ihrer Vertiefung weitgehende Kenntnisse in den alliieren Wissenschaften erforderlich sind: Astronomie, Mathematik, Physik werden von ihm intensiv betrieben. Nicht weniger aber auch das Studium der Medizin, die er sich als praktische Lebensaufgabe /um Ziele gesetzt hat. Wohin er kommt, immer lenkt er die Schritte /u den bedeutenden Lehrern aller dieser Wissensgebiete, nie lallt er lieh von den schweren äußeren Sorgen niederbeugen. Was muß er mit seiner Familie alles erlitten haben, ehe sie sich im Jahre 115$ entschließen, das von ihnen so innig geliebte Vaterland Spanien zu verlassen, um eine neue Heimat zu suchen. Doch es dauert noch ein weiteres halbes Jahrzehnt, ehe der inzwischen schon gereifte, bekannte und anerkannte Maimonides in Ägypten festen Lull fassen kann. Von Fez, wo die Familie geglaubt hatti. bessere Zeiten abwarten zu können, hatte sie sich genötigt gesehen, nächtlicherweile, wie fluchtend, abzureisen. Das Schiff, «las sie bestiegen, führte sie nach Palästina. Mit inniger Andacht und begeisterter Liebe weilte Maimonides an den heiligen Stätten im Lande der Väter. Bleiben konnte er nicht. Die politischen Verhältnisse und die wirtschaftliche Lage des Landes — es war die Zeit, in der die Muselmanen die Rückeroberung Jerusalems betrieben boten keine Möglichkeiten hierfür. Erst in Eostat (Alt-Kairo) kann er sielt voll entfalten. Bald wird er, Leibarzt Saladins, mit der Würde des Nagid der ägyptischen Juden betraut. Damit sind ihm die Möglichkeiten in die Hand gelegt, die Wünsche, mit denen er einst seine geistige Entwicklung angetreten hatte, zu verw'rl-.liehen. Er bringt seine großangelegten Monumentalwerke zum Abschluß, um mit ihnen für die Vertiefung bewußt-judischen Lebens und Eühlens zu wirken. Der Mischna-Kommentar, schon viele Jahre zuvor begonnen, wird jetzt abgeschlossen. Das gewaltige Gesetzes werk, Mi sehne Tora, entsteht. Und More Newuehim, der Führer der Verirrten, beginnt seinen bis in die neueste Zeit hineinreichenden Einfluß zu üben. Wie sehr Maimonides eine Sendung erfüllen will, ist ersichtlich aus der Klage über den Tiefstand jüdischen Studiums, die er in einem Briefe an die Gelehrten von Lunel ausspricht: „Luch, meine verehrten Freunde, die ihr getrost und stark sein tnöget, muß ich nunmehr die Wahrheit sagen, daß in dieser schweren Zeit außer eurer Gemeinde und euren Nachbargemeiudeii keine mehr da sind, die das Banner der Lehre Mosches hochhalten und sieh in die Worte des Talmuds vertiefen. Weiß ich doch, daß ihr ständig die lora studiert und dabei auch alle Wissenschaften pflegt. In unsern Gemeinden hat das Thorastudium aufgehört; die meisten der größeren Gemeinwesen sind wie tot, und die übrigen sind dem Stei Den nahe. In ganz Palästina gibt es noch drei oder vier Orte, die aber auch kranken und in ganz Syrien nur eine einzige Stadt, Aleppo, wo einige gelehrte Männer verblieben sind und sich mit der Toi beschäftigen — doch auch diese setzen nicht ihr Leben für die Tora ein. In der gesamten babylonischen Diaspora mögen zwei, drei Körnchen übriggeblieben sein; ebenso wird im Jemen und im Hochlani Arabiens das Talmudstudium nur in geringem Maße betrieben. Doch haben sich einige begüterte Männer das Verdienst erworben, durch Sendboten drei Abschriften meines Buches Mischue Tora besorge! und in diesen Ländern, je ein Stück in einem Land, verteilen zi. lassen: dadurch wurde der Blick geweitet und das religiöse Leben erneuert bei allen Gemeinden bis nach Indien hin. Die Juden in Indiel wissen von der geschriebenen Tora nichts und kennen von dei. Oesetzen nur Sabbat und Beschneidung. In den Städten der Bei berei, die moslemischen Glaubens sind, lesen die Juden die geschriebene Lora und erfüllen sie nach ihrem Wortsinn. Was über du Städte Nordafrikas als Strafe für unsre Sünden verhängt wurde, i-; bekannt, und so seid es einzig ihr, o unsre Brüder, die ihr Hilfe und Rettung gewähren könnt! Seid stark und mannhaft für unser Volk und die Städte unseres Gottes; bemüht euch, wackere Männer zu sein. Von euch hängt alles ab, bei euch liegt die Entscheidung. Verlaßt euch nicht darauf, daß ich mitkämpfen kann; ich bin alt und grau, und das haben nicht die Jahre bewirkt, sondern mein kränkelnder Leib." Es war ein hartes Schicksal, daß gerade ihm Gegner zum Vorwurf machen konnten, er habe mit seinem Werke das Talmud-Studium stören wollen, gerade ihm, den der Wunsch beseelte, Kenntnis und Erkenntnis des Judentums als die Grundlagen wahrer Frömmigkeit zu verbreiten. Von dem gleichen Gedanken getragen ist ja sein religionsphilosophisches Werk. Viel Feindschaft hat ihm die Freiheit eingetragen, mit der er Stellung zu den bestehenden Glaubensansehauimgen genommen hat. Und doch hat die Entwicklung der Juden in den Jahrhunderten seit seinem Tode gezeigt, daß er auch darin auf dem rechten Wege war; denn was er darlegte, war nicht etwa Befreiung von jüdischer Oberlieferung, Lossagung vom alten jüdischen Gesetz, war vielmehr die Schaffung eines Zusamnienklangs zwischen Erkenntnis und Tun, /.wischen Übung und Gesinnung. Auch damit ist Maimonides Bahnbrecher geworden. Unendlich Vieles, was noch in den Kämpfen um Maimonides zu seinen Lebzeiten und in dem Jahrhundert nach seinem Tode ihm zum Vorwurf gemacht wurde, ist zu geheiligter Anschauung gegenwärtigen Judentums geworden. Der Sinn einer Maimonides-Feier Hegt darin, daß wir Heutigen sein Wirken geschichtlich betrachten und seine Bedeutung für das Judentum unserer Tage verstehen. Ihren vollen Sinn aber gewinnt die Feier erst dann, wenn daraus über festliehe Stunden und Tage hinaus auch der Ansporn erwächst, wieder Zugang zu den Werken dieses Großen zu suchen, um sie auch zu uns sprechen zu lassen. Mag auch nicht jeder Gedanke, den Mose ben Maimon ausgesprochen hat, jedem Juden unserer Tage etwas geben: mit ehrfurchtsvoller Bewunderung muß auch der heutige Jude durch den gewaltigen Gedankenflug bewegt werden, von dem Maimonides' Schriften Zeugnis ablegen. Rabbiner Gustav Cohn. Maimonides — der Gesetzeslehrer I l i-t unmöglich, die Bedeutung des Maimonides als Gesetzeslehrer darzustellen, ohne zuvor einen Überblick über die Entwicklung dir Halacha (religiöse Oesetzesnorm) bi> ZU seiner Zeit zu geben Das jüdische Religionsgesetz kennt neben seiner Hauptquelle, der Thora oder .schriftlichen Lehre, noch eine mündliche Oberlieferung, dir ebenso alt wir die schriftliche, erst im 2. Jahrhundert in der na fixiert wurde, die zusammen mit der Qemara den Talmud bildet. Dieser ist eine Sammlung von einander oftmals widersprechenden Meinungsäußerungen der Qesetzeslehrer und nimml selten normierende Stellung ein. Mir die praktische Gesetz es entscheigenügt daher nicht nur die Beherrschung des halachischen Stoffes, vielmehr ist es zur Aufstellung fester Normen und Ableitung abstraktei Regeln erforderlich, in den tieferen Sinn jeder halachischen I i " einzudringen Klüt diesem Bedürfnis heraus entstand bereits in den eisten Jahrhunderten nach dem Absehlull des Talmuds, dem Zeitalter der Gconini, eine halachische Literatur, z. T. in der Farm von Antworten (Tcsihuhot) auf ergangene Anfragen (Scheelot), z. T. in der Lorm von Talmudkommentaren und Sammelwerken, und seine Stellung im Judentum. die den Diskussionen der Gemara folgen, aber die dort unentschiedene I lalacha für die religiöse Praxis festlegen wollen, wobei es sich um Fragen rechtlicher, moralischer und ritueller Natur handelt. Alle diese behandelten nur einzelne Ausschnitte aus der ungeheueren stofflichen Fülle des Talmuds und ordneten sie nach den verschiedensten Gesichtspunkten. Der erste, der ein wirklich umfassendes halachisches Kompendium schrieb, war R. Isaak Alfassi (1013 1103). Er beschränkte sich auf die zu seiner Zeit praktisch noch geltenden Gesetze der talmudiseheii Tradition, unter Weglassung aller unwesentlichen I Hskussionen. Sein Werk wurde die Grundlage der spateren kodifikatorisehen Tätigkeit, diente den folgenden Dezisoren als I lauptquellc der Halacha und fand die weiteste Verbreitung. I rotzdem füllte der I U)S erschienene Mischna-Koiumcntar des Maimonides eine von den in der Praxis der gesetzlichen Entscheidungen stehenden Rabbinen tiefempfundene Lücke aus. Sein Ziel ist hier nicht, den Wortlaut der Mischna zu erklären, sondern weit darüber hinaus ihren Inhalt klarzustellen und am Ende einer jeden Mischna die für die richterliche Entscheidung maßgebliche Halacha

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