Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 13 (29.3.1935)
- Date
- 1935-03-29
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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29. März 19V l thik und Religion getan; mehr als das, keiner hat so energisch das Recht und den Staat zur Grundlage aller höheren Kultur gemacht. Alles Recht, weil es Handlung zum Inhalte hat, wurzelt für ihn in der Ethik. In der Autonomie wird auch der Einzelne Selbstzweck; -eine freie Selbstbestimmung mufl auf Selbatvcrantwortung beruhen; zur vollen Keife gelangen Moral und Religion erst im politischen henken. Leider verflüchtete sieh für Hermann Cohen zuletzt alle Wirklichkeit in Begriffe. Oer Mensch wird zur Klee der Menschheit; Ewigkeit ist unendlicher I'ortschritt sittlicher Arbeit; Gott die ,1 dee der W i d c r s p r u c h s I o s i g k e i t von Logik und Ethikl' -Mit feiner Ironie fragt Lewkowitz: Wenn diese Ideen geliebt werden können können sie auch lieben? Ist es denkbar, mochten wir hinzufügen, daß wir den Ewigen, iinsern Gott lieben sollen „mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft", ohne daß die Wirklichkeit des auch uns liebenden Gottes das Gewisseste in der Welt wäre? Und wenn diese Gewißheit nicht durch Vernunft ergiffen werden kann, so durch die Kraft des Glaubens! Cohen übersah, daß die „Summe unserer Existenz, durch Vernunft dividiert, nie ohne Rest aufgeht." Die Reihe der Denker aus der Weltanschauung des Pantheismus und der Romantik eröffnet bei unserm Verfasser Job. ü o 11 f r. Herder, der unsre Bibel die „Morgenröte der Aufklärung" nennt, und angesichts ihrer Größe ausruft: das hat kein Grieche, kein Kelte, kein Römer! Wie Winkelmann die Griechen, so entdeckte Herder die Hebräer als Schöpfer der i ii undlae.cn Europas. Da ist Fichte, dem Gott die lebendig wirkende, sittliche Weltordnung seihst ist, und der nur eine Gewißheit anerkennt: daß es eine moralische Ordnung gibt, die jedem seinen Platz anweist. Aber erst Hegel entdeckt im jüdischen Staat die entschiedene Trennung vom Natürlichen und Geistigen, wo die Natur entgöttert, Gott aber durch Rechtlichkeit verehrt wird. Eine Religion des Geistes ist ihm Judentum und der Erkenntnis der sittlichen Pflichten des Menschen als wahrer Gottesverehrung. Sein Streben allerdings, Geschichte selbst zum Gotte zu machen als „Selbstverwirklichung der Vernunft Gottes" mußte dazu führen, daß Gott durch die sögen. „List der Vernunft" auch das Böse für sich arbeiten ließe, die Menschen aber, nach Lewkowitz' treffendem Ausdruck, nur noch Marionetten würden. Eine besondere Provinz der Seele forderte S c h 1 e i e r m a c h e r für die Religion, die ihm nicht Erkenntnis letzter Ursachen oder ein System von Pflichten war, sondern Gefühl und Ahnung. Nach ihm gilt es, alles mit Religion zu tun, nichts aus Religion. Von hier führte kein Weg zum Verständnis des Judentums,! i> ihm wie eine „u n v e r w e s 1 i c Ii e M u m i e" erschien. I)asselbe Judentum hat aus der tiefen Wesensschau dieses Denkers, besonders vermittelt durch Rudolf Otto, den Reichtum seiner i ilaubenswelt an echten, religiösen Gefühlen und Ahndungen wiederentdeckt Während sodann Savigny auf die historische Durchdringung unserer Rechtsquellen und manche reformatorische Arbeit im jüdischen Leben einwirkte, gab Leopold von Rankes religiöse (ieschichtsansicht der Kultur-, Literatur- und pragmatischen Geschichte des Judentums mächtigen Auftrieb; also den Leistungen CUM Kr och mal. Zunz, tieiger, Frankel, Graetz. Diese Männer sowohl, wie die Religioosphilosophen St ein he im, Sani. llir>eh und I ornStecher sind uns neuerdings (besonders durch Max Wieners „Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation") so nahegebracht worden, daß für unsern Verfasser wenig Raum zu neuen Gesichtspunkten verblieb. Das starke Interesse lür den wiedererwachten jüdischen Nationalismus tritt auch bei ihm deutlich in der Behandlung von Moses Heß, Leon Pinsker, Ach ad ha am, Iii. Herzl und Martin Buber zutage. Erschfitternd wird besonders der Brief eines deutschen Juden an den Präsidenten des amerikanischen Kongresses wirken, den Lewkowitz aus OokinkgS .Deutschem Museum' vom Jahre 1783 (!) ans Licht zieht. L.s doppelte Forderung, daß emanzipiertes Judentum in allci Welt der jüdischen Gemeinschaftsarbeit in Pal äst in., sich nicht entziehen dürfe, die letztere aber alles vermeiden müsse, was die Erhaltung einer lebendigen, j ü il i s c h c n Religio n gefährden könnte, wird überall Billigung finden. Die lange Reihe von Denkern, die Lewkowitz. zuletzt der Weltanschauung des Naturalismus zuweist, wird weniger durch ein einheitliches Prinzip zusammengehalten, als durch die mehr oder minder schroffe Frontstellung gegen die idealistische Weltansiclu des Judentums. Ob es sich um den Positivismus von Feuerbach, von Herbert Spencer oder Siegm. Freud handelt, ob um den Pessimismus und Irrationalismus von Schopenhauer, Nietzsche und Bergson; oder gar um die materialistische Geschichtsauffassung von Marx und Engels — überall der gleiche Gegensatz. Wenn Feuerbach alle Religion aus dem unersättlichen Glückstreben des Menschen ableitet und in ihr nichts als Illusion und Phantastik erblickt, so ist sie in den Augen des Judentums gerichtet. Aber auch Spencers blinde, unbewußte Evolution, ohne ewige Werte über uns und ein geheiligtes Ziel vor uns, wo Gott, ähnlich wie hei Darwin, nur eine „unbekannte Weltkraft" bedeutet, entspricht bei allem optimistischen Fortschrittsglauben jüdischem Denken nicht. Schroff ablehnen müssen wir nicht minder Siegm. Freuds Kulturphilosophie, die das Gewissen und alle Kultur aus der „Zurückdrängimg der libidinösen Triebe" herleitet, und Religion als eine zwangsmäßige, neurotische E r k r a n k u n g d e r Menschheit betrachtet! Offenbar ist dem großen Psychiater die Grenzlinie zwischen gesund und krank, normal und abnorm verlorengegangen. Die materialistische Geschichtsbetrachtung von Marx -Engels brachte dem Judentum den tückischsten Dolchstoß aus den eigenen Reihen bei. Ein Denker aus jüdischem Stamme, der mit seiner Erforschung der ökonomischen Bedingungen für die Entwicklung der Gesellschaft ein fruchtbares Prinzip in die Soziologie gebracht hat, durfte andrerseits Kultur, Philosophie und Religion nicht zu bloßen Ideologien stempeln. Die einfachste Gerechtigkeit hätte ihn aber vor der Behauptung bewahren müssen, Judentum bat seinen Grund hauptsächlich in praktischen Bedürfnissen, im Eigennutz! Er mußte wissen, „daß gerade das Judentum der erste und großartigste Protest gegen Unterdrückung und Ausbeutung in jeder Form ist". Zwischen materialistischer und jüdischer Geschichtsauffassung ist ein Abstand wie von der Erde zum Himmel. Bewußt tritt das Judentum auch dem Pessimismus eines Schopenhauer (und Ed. v. Hart mann) entgegen, so sehr dieser auch zum Mitgefühl für das endlose Leiden aller Kreatur aufruft; ein solches gebietet auch die Tatreligion des Judentums. Das Verdikt Nietzsches, der uns verantwortlich fiv die Herdenmoral, für den Triumph der sozialen Instinkte machen will, gereicht uns zum Ehrentitel. Die Verkündung: „Gott ist tot" findet bei uns keinen Eingang; denn Gott lebt in uns in ungebrochener Macht, gerade heute, wo er aus dem Feuer mit uns redet. Wir erschauern vor der harten Selbstbehauptung des .Herrenmenschen gegen die Viel-zu-vielen'; vor seinem rücksichtslosen Bekenntnis zur Durchsetzung des ,W i 11 c n s zur Macht'. Wir nehmen endlich zm Kenntnis, daß Henri Bergson Religion als Vcrteidigungsmaßnahmc der Natur, insbesondere des sozialen Instinkts gegen die zersetzende Macht der Intelligenz ansieht; bestreiten aber, daß seine dynamische, „schwungkräftige" Religion und Ethik dem Judentum den fehlenden Elan geben könne. . Albert Lewkowitz hat uns die geistige Selbstbehauptung unserer Religion im vorigen Jahrhundert sachkundig vor Augen geführt, er hat aber zugleich durch klare Neuformulierung jüdischer Geistigkeit die Hoffnung in uns gestärkt, alle neuen Stürme und Kämpfe ebenso siegreich zu bestehen. Ein jüdisches Bekenntnis. Gerson Stern. „Weg ohne Ende". E. Reiß Verl. 1034. Dies Buch kam zur rechten Zeit. „Zur trostbedürftig rechten Zeit" wie Heinrich Heine zu Varnhagen sagte, als nach Raheis lode ihre Briefe im „Buche des Andenkens" erschienen. Wie sehr wir alle, ohne es zu wissen, auf ein solches Buch warteten, das zeigt sich an einer merkwürdigen Tatsache: kaum war dieser jüdische Roman „Weg ohne Ende" erschienen, als sogleich die Legende begann, sich des unbekannten Autors Gerson Stern zu bemächtigen. Es gab kluge Lippen, die ein wissendes Lächeln aufsetzten und in dem unbekannten Namen nur die Maske für einen sehr bekannten Kanzelredner und Jugendführer in der jüdischen Welt sehen wollten. — Unterdessen haben wir mehr von dem bescheidenen Mann