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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-03-29 · 13 (29.3.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
13 (29.3.1935)
Date
1935-03-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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OD. Auflage 4250 Stück emeino eblottr DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE-MErlN DE- ZU eiPziG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUN OB SchrlNIcItunft Oemeinderabbiner OutUv Cohn Leipzig Walter Bramel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quelleningibt and mit Genehmigung des Verlassers gesUttet Nummer 13 - lahrgang 11 29. März 1935 Anzeigenannahme! E. Qoldfreund, Leipzig 0 5, Clchorlusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Unsere geistige Selbstbehauptung. Zu Albert Lewkowltz' Werk: Das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts*). Von Rabbiner Dr. Samuel Berlin. Seminardozent Dr. Albert Lewkowitz vom Jüdisch-theolog. Seminar I ränkeischer Stiftung hat im obigen Werk seine früheren Arbeiten über Renaissance und Aufklärung in großzügiger Weise zum Abschluß gebracht. Es ist ein Buch bedeutender Gelehrsamkeit, von mächtigem Tiefgang geworden; durch seine Einreibung in den iJrundriß der Cicsamtwissenschaft des Judentums gibt es sich als Arbeit eines Akademikers zunächst für Studienzwecke zu erkennen. \n seinen Ergebnissen hat aber auch die große jüdische Öffentlichkeit Interesse. „Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug erst in der Dämmerung". Solehe ist heute für das deutsche Judentum angebrochen. Das Licht allein, das von wahrhaft jüdischen Denkern auch im vorigen Jahrhundert ausgegangen ist, vermag unser Dunkel /.u erhellen. Wir verdanken jenen die geistige Sei bst bell a u p t u n g des Judentums. Drei mächtige Weltanschauungen rangen, teils nach-, teils nebeneinander um die Vorherrschaft in dieser Epoche: der ethische Rationalismus, der Pantheismus, der Naturalismus. Waren die Träger Nichtjuden und wurden jüdische Geister in ihren Bann geschlagen, so galt es für diese, den Wesensgchalt des Judenums zu überprüfen und zu sichern; stellten Juden selbst (wie im Naturalismus), manche Wortführer, dann war eine scharfe Distancierung desto mehr vonnöten. Daß in allen diesen Kämpfen die Kräfte des Judentums wuchsen, so daß es heute reiner und stärker in unserer Seele dasteht, als wenn es von den großen, europäischen Strömungen unberührt, ein abgesondertes, stagnierendes Dasein geuInt hätte, ist gewiß. Die Epoche der Emanzipation stand unter dem Einfluß des ethischen Rationalismus Immanuel Kants. Wer auch nur oherlächlich und iu der populärsten Form mit den Haupt - I i HI e n seines Systems bekannt ist, wird den faszinierenden Ein- FluO dieses Denkers auf jüdische Menschen begreifen. Auf allgemeinullige Qesetze für vernünftig-sittliches Handeln ist seine Lehre lUSjerichtet; er will keine Erfolgs-, sondern eine ücsinnimgscthik: die Würde des Menschen verhindert, daß er jemals nur Mittel für nidere, anstatt Selbstzweck sein dürfe. Kant fordert für die Sittlichkeit Autonomie, diese voi allem auch gegen unsere iimlichen Triebe. Willensfreiheit ist ihm Grundlage aller Sittlichkeit, so daß der menschliche Wille Ursache seiner Handlungen ist; an liesem Punkte den natürlichen Kausalzusammenhang durchbrechend. so wird ihm der Mensch zum Bürger zweier Welten; über ihm steht das Wort: du kannst, denn du sollst. Wer hört da nicht überall don Unterton unserer Thora erklingen! Und wenn er erfährt, daß *) M. f* IL Marcus Verlag, Breslau 1033. Jüdische Schule Am 1. April 1935 wird das Schulgeld für den Monat April 1935 fällig. Wenn bis zum 6. April 1935 das Schulgeld nicht an die Schulkasse, Humboldtstraße 13, gezahlt ist, werden die Rückstände zuzüglich 5o/0 Einzugsgebuhren durch unsere Gelderheber eingezogen. Leipzig, 25. 3. 1935 Der Vorstand des Israelitischen Schulvereins Leipzig E. V. auch für Kant Gott Freiheit und Unsterblichkeit Ideen sind, an die auch der Vernünftigste glauben dürfe, weil sie Forderungen des zum Höchsten berufenen, aber in diese Sinnenwelt gebannten Menschen seien, so wird er die Verwandtschaft dieser Weltanschauung mit der jüdischen tief empfinden. Und doch werden wir vor Gleichsetzung schon durch das geringschätzige Urteil behütet, das Kant für das Judentum bereit hat. Er zweifelt, ob er es „Religion" nennen dürfe, da es doch nur ein System von Zwangsgeboten sei, die auf äußere Handlung abzwecken, nicht auf moralische Gesinnung. Daß seine eigenen sittlichen Energien in der Bibel wurzelten, ahnte er nicht. Erst Moritz Lazarus, an dessen Seite wir Hajjim Stein thal ungern vermissen, vollzog die nötige Korrektur. Überall auf das Wesen und die Merkmale von Nation und Volk dringend, trat er aus dem unliistorischen Denken der Aufklärung heraus, «las nach Windelband darin bestand, daß alles (ieschichtliche in seinem Wechsel und seiner Vergänglichkeit als ein Gleichgültiges oder gar Feindliches angesehen ward, dci Blick nur auf Individuum und Menschheit gerichtet, für die Zwfc schengebilde des öffentlichen Lebens (Volk, Nation, Religion) kein Silin und Verständnis vorhanden war. Indem Lazarus eine „Ethik des Judentums" entwickelte, der die Bibel zugrunde lag, bewies er, daß auch eine sogen, „theonome" Ethik die Autonomie des Menschen, seine Freiheit und Selbstverantwortung zu wahren imstande sei. Gott wird für den Menschen nicht zur fremden, äußerlichen Autorität, vielmehr zum letzten Urquell, Sachwalter und Bürgen des Guten. Der Idealismus des Judentums erleidet keine Einbuße, im Gegenteil, seine Bewahrheitung ruht iu der Anwendung auf das reale Leben des Einzelnen, wie der Gesellschaft, Daß diese Anwendung der steten Umbildung und Entwicklung unterliege, war mit Lazarus die Überzeugung des Zeitalters. Für Hermann Cohen, den Begründer einer neukantischen Lehre, wurden „Ethik des reinen Willen" und „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" zu Höhepunkten seines Schaffens. Kein Denker vor ihm hat so tiefe Blicke in den Zusammenhang von

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