Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 9 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIÜIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG l. März igy> Lande kommt, in dem die jüdische Wohlfahrtspflege hervorragend organisiert ist, aus einer Stadt wie Berlin, deren Jüdische Gemeinde die höchste und heiligste Aufgabe darin sieht, dem Menschen in ihrer Notlage zu helfen, so ist man erschüttert, hiervon nichts in der Grollstadt Tel Awiw zu sehen... Ich zweifle nicht, daß gerade die Juden, die aus Deutschland in den letzten zwei Jahren eingewandert sind, ihre erste Aufgabe darin erblicken werden, hier Wandel zu schaffen und dafür zu sorgen, daß die Zedakah, die im GemeindelebenBerlins die erste Stelle einnimmt, auch in Tel Awiw sich bewähren wird." So wie Tel Awiw heute schon das Zentrum des palästinensischen Handels ist, fuhr Direktor Stahl fort, so Wirde Haifa, dem er die grollte wirtschaftliche Zukunft /uschreihe, das Zentrum der Industrie werden. Ober die II e b r ä i s c h e Universität führte Direktor Stahl weiter aus, er habe selbst zu den Leuten gehört, die noch vor wenigen Jahren eine Hebräische Universität in Palästina als etwas Oberflüssiges angesehen haben. Der Umschwung der Verhältnisse aber in Deutschland und das Streben vieler anderer Länder, an den höheren Bildungsstätten den numerus clausus für die Juden einzuführen, hat uns bewiesen, dal! eine Universität, die den besonders begabten und befähigten jungen Menschen die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung geben soll, eine Notwendigkeit geworden ist, und wenn im Jahre 1Q30 erst etwa 130 Hörer an dieser damals wohl nur als Korschungsstätte gedachten Universität eingeschrieben waren, so muH es für uns von besonderem Interesse sein, daß es gegenwärtig mehr als 750 Hörer an der Hebräischen Universität gibt. Wir haben die Pflicht, auch unsererseits dazu beizutragen, daß der Zweck der Universität, die gegenwärtig mit einem Lehrkörper von 80 Professoren ausgestattet ist, eine allgemeine Bildungsstätte für junge Juden aus allen Ländern zu werden, sich erfüllt. Direktor Stahl würdigte hierauf die Universitäts- und National- Bibliothek, das Nathan Straullsche üesundheitszentrum und das Lehrerseminar, die landwirtschaftliche Versuchsstation und das unter der Leitung Dr. Weizmanns stehende Sief-Forschungsinstitut in Rechowoth, wo einer Reihe von Professoren und Dozenten aus Deutschland ein Tätigkeitsfeld geboten wurde. Zur Besprechung der Kolonien und landwirtschaftlichen Gemcinschaftssiedlungen übergehend, schilderte Direktor Stahl die beispielgebenden Erfolge mühseliger Kolonisation im Gebirge, wie sie in der Kolonie Kirjath Anawim bei Jerusalem geleistet wurde, die rührende Liehe, mit der in der Kwuzah Daganiah bei Tiberias Kinder aus Deutschland von den dortigen, meist von russischen Eltern stammenden Kindern aufgenommen wurden, und stellte fest, daß seitens der jüdischen Vcrwaltungskörperschaften für die Jugendlichen viel getan wird. Im Zusammenhang mit einer Schilderung der Kwuzah Giwath Brenner, In der iiii Chaluzim aus Deutsehland arbeiten, sprach Direktor Stahl den Wunsch aus, daß die Zukunft der auf National- Fonds-Boden arbeitenden jungen Mensehen stärker gesichert werde, als dabisher der Fall ist. Die Chaluzim selbst allerdings fragten nicht nach der Zukunft, sondern dächten nur an den Aufbau des Landes. 1)k Eindrücke seines mehrwöchigen Aufenthalts in Palästina zusammenfassend, wiederholte Direktor Stahl, daß die Reise für ihn ein großes Erlebnis gewesen sei: „Nur mit größter Achtung und größter Anerkennung kann ich von dem, was geleistet wurde, sprechen, ich kann nur den Leuten, die die Initiative zu den Einrichtungen gegeben haben, Dank sagen, und ich stehe persönlich auf dem Standpunkt, daß wenn Palästina im Jahre 1933 nicht durch die Vorarbeit der Zionisten das gewesen wäre, was es ist, gerade wir deutschen Juden heute uns nach einem Lande, das Aufenthaltsmöghehkeiten bietet, sofort hätten umsehen müssen. Aber all das Israelitische Religionsgemeinde Aufklärungsabend Vortrag des Herrn Dr. Ernst Kaufmann „Gesunde Zähne - gesunder Körper" Donnerstag, 14. März, 20.15, im Felix Goldmann-Heim Dank an die jüdische Bevölkerung. Unser Wohlfahrtsamt hat im Einvernehmen mit der NS Volkswohlfahrt zum ersten Male in umfassendem Maße eine Pfundsatnmlung zu Gunsten unserer hilfsbedürftigen Glaubensgenossen durchgeführt. Das Ergebnis dieser Sammlung war sehr gut, besonders wenn berücksichtigt wird, dass uns nur unvollständiges Adressenmaterial und wenig Zeit für die Vorarbeiten zur Verfügung standen. Allen jüdischen Familien, die sich durch Spenden beteiligten, sprechen wir hiermit zugleich Im Namen unserer hilfsbedürftigen Glaubensgenossen unseren Dank aus. Es ist uns ein besonderes Herzensbedürfnis, an dieser Stelle den jüdischen Organisationen: dem Bar-Kochba und seinen Verbfinden, dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und seinen Verbfinden, dem Jugendring und seinen Bünden für ihre freudige und überaus eifrige Mitarbeit zu danken. Die jüdischen Organisationen haben bewiesen, daß sie fähig und jederzeit bereit sind, sich In die große soziale Gemeinschaftsarbeit zu Gunsten unserer Armen einzureihen. In allen Bezirken hat eine mustergültige Ordnung geherrscht. Die Sammler und Sammlerinnen haben sämtlich Ihre Pflichten ausgezeichnet erfüllt. In der gleichen uneigennützigen Weise haben unsere Bezirksleiterinnen und -lelter und die ihnen zugeordneten Obmänner dazu beigetragen, das Ergebnis sicher zu stellen. Ihnen allen gilt unser herzlicher Dank. Wir hoffen, bei der nächsten Sammlung auf das Interesse und die gleiche Opferbereitschaft unserer Glauben sgenossen rechnen zu können. Leipzig, den 25. Februar 1935. Der Vorstand der Israel. Religionsgemeinde zu Leipzig. anerkennen, bedeutet nicht die Schwierigkeiten übersehen, denen der Siedler von jeher gegenüberstand, und die, zum Teil bereits von mir hervorgehoben, sehr groß sind." Direktor Stahl erwähnte in diesem Zusammenhang die klimatischen Schwierigketten, die Araberfrage, von der er erwarte, daß schließlich ein Ausgleich zwischen beiden Hevölkerungselementen gefunden und vielleicht jenes schöne Kapitel jüdischer (ieschiehte wiederholt werden wird, das vom Entstehen einer hohen Kultur durch Zusammenarbeit von Juden und Arabern berichtet, die Möglichkeit sozialer Kämpfe und einer Krise. Die führenden Männer Palästinas seien überzeugt, daß eine solche Krise überwunden werden wird. Die Krage, ob man nach Palästina auswandern soll, sei dahin ril beantworten, daß für junge, arbeitswillige Menschen, die auch gesundheitlich ausreichend gefestigt sind, die Möglichkeit der Arbeit und die Gewißheit, sich sorglos ernähren zu können, besteht, allerdings vorläufig nicht eine Vorsorge für ihre späteren Jahre. Für ältere Menschen sei von vornherein die Aufgabe gegeben, den in Deutschland gewohnten Lebensstandard zu verlassen und ihre Ansprüche in vielen Beziehungen erheblich herunterzusetzen. Die Auswanderung nach Palästina müsse also der allergrößten Überlegung und Vorsicht anheimgestellt werden. Die Juden in Deutschland hätten die Pflicht, sich den hier gegebenen Verhältnissen anzupassen und zu versuchen, ihre Existenz hier zu erhalten. Gleichzeitig aber mögen sie sich bemühen, die jüdische Verwaltung in Palästina bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu unterstützen.