Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 7 (15.2.1935)
- Date
- 1935-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEME1NDEBCATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG letzt. So verraten auch seine fünf Bilder „Jmlcngasse in Amsterdam" aus d^n Jahren nach diesem Ereignis kein spezifisch judisches Schauen, sondern wollen nur bewegte, interessante Bilder darstellen, ohne den einzelnen Juden besonders zu charakterisieren. Ebenso unterscheide! sich die „Linnenkammer im israelitischen Spital in Amsterdam" durch nichts von der eines christlichen Spilals. Der Titel zeigt nur, woher das Motiv stammt. Erst das „Judenviertel in Amsterdam" aus dem Jahre 19W verrät eine innere Anteilnahme. Die späteren Bilder nach der Bibel, wie „Samson und Delila" und die Illustrationen zum Buche „Ruth" zeigen allerdings nicht das altjudische Palästina und die biblischen Juden, sondern Menschen, wie er sie täglich sah. Mag sein, daß es Lieberniann widerstrebte, Nicht-Gesehenes nach freier Phantasie zu gestalten, mag sein, dal! er andere Gründe dafür hatte, Ruth als deutsche Bäuerin darzustellen. Diese Arbeiten scheinen ihn so gefesselt zu haben, dal! er äulierte: „Ich hätte sollen Historienmaler werden." Obwohl es sehr wenige Bilder nach Motiven der Bibel von Lieberniann gibt, so erklärte er seine Stellung zu ihr doch mit folgenden Worten: „Im Alten Testament finde ich alles, was ich brauche. Die Jüdische Zeitschau „Makkabäer von heute". Einen beachtlichen Versuch, jüdisches /eiterleben seelisch und künstlerisch zu gestalten, unternimmt die Staatszibnistischc Organisation mit einem Singspiel, das in Berlin in kurzer Zeit nicht weniger als neun überfüllte Aufführungen erlebt hat. Verfasser und Mitwirkende sind Angehörige des Berliner Hetar. Die Handlung Erlebnisse dreier Jungen auf dem Wege nach Palästina wird von einer Anzahl ausgezeichneter Songs getragen und von einer vorzüglichen rhythmischen Musik untermalt, an der Chöre, Klavier, (ieige und Saxophon teilhaben. Nach dem Bericht des Berliner Jüdischen Gemcindchlattcs bedeutet die Aufführung ein „Erlebnis außergewöhnlicher Art, das sich keiner entgehen lassen sollte". Mau darf gespannt sein, ob die demnächst auch hier stattfindende Aufführung des Stückes, die von den Darstellern der Berliner Aufführung bestritten wird, das hält, was der Bericht des Berliner Genieindeblattes von ihr erwarten läßt. Unsere Gemeinde. Pfundsammlung. Die Mitglieder unserer Religionsgemeinde werden auch an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, daß nach Vereinbarung mit der NS-Volkswohlfahrt die Sammlung künftighin durch Beauftragte der israelitischen Religionsgenieinde vorgenommen und auch durch die Gemeinde verteilt wird. Wenn doch Sammler der NS-VolkSWOhlfahrt versehentlich zu jüdischen I amilicu wegen der Pfundsammlung kommen sollten, so können unsere Oemeindemitgliedcr sich auf die im (iemeindeblatt bekanntgegebene Vereinbarung berufen. Zum ersten Male findet eine solche Sammlung am 24. d.M. statt. Sie erstreckt sich nur auf die Pfundsammlung und sonstige Sachspenden. Geldspenden und Spenden für die Lintopfsammlung -inti auch w eiterhin au das Winterhilfswerk zu richten. Kulturbund Deutscher Juden, Ortsgruppe Leipzig. Am Donnerstag, den 21. Februar 1'Jio (nicht am 2J. 2. J3, wie ursprünglich vorgesehen) tritt, wie uns von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, der neugegründete Leipziger Kulturbund mit einem Konzert des Berliner Kulturbund Orchesters unter Leitung von Eugen Rosenstock unter freundlicher Mithilfe von I ran Tanja Ury zum erstenmal an die Öffentlichkeit. Muß man sagen, daß die Gründung des Kulturbundes notwendig ist, daß wir, und gerade wir Juden ganz besonders, über materiellen Sorgen und Kümmernissen nicht vergessen dürfen, daß wir, und ganz besonders unsere Kinder, auch weltliche Kultur brauchen! Wir brauchen, um seelisch nicht zu verkümmern, gute Konzerte, hochstehende I heaterkunst. Viele von uns sind \ollig ausgehungert. Wir brauchen kein Startum, aber hohe QualitätsTeistung. In erster Linie will der Kulturbund den geistigen Hunger der Hörer befriedigen. Daß er dadurch jüdischen Künstlern Arbeit und Brut gibi, ist eine erfreuliche Folgeerscheinung. Jeder mag über die Darbietungen, die nur der Unterhaltung dienen, denken wie er will; aber die Darbietungen, die der Kulturbund bringt, müssen in erster Linie ein höheres Ziel haben. Der Kulturbund will ein Bund der Juden sein. Er null! bei der so .ganz verschiedenen Zusammensetzung unserer Oemeinde den ernsten Willen haben, das Kulturbedurfiiis aller jüdischen Kreise zu befriedigen. Er wird weder liberal noch orthodox, er wird weder zionistisch noch zentralwreinerisch sein, sondern er wird versuchen, alles, was für Juden Kultur bedeutet, zu erfassen. Der Kulturbund verspricht,' das ganze Jahr hindurch in jedem Monat mindestens eine, auf einem guten künstlerischen Niveau Stehende Veranstaltung, Schauspiel, kleine Oper, Konzert, zu bringen. Was er sich dabei zumuten kann, wird davon abhängen, in welchem Maße die Mitglieder der Oemeinde ihn stützen. Je größer die Zahl der Mitglieder, um so größer die Möglichkeit, sich au Höchstleistungen heranwagen zu können. Ohne von dem Berliner Kulturbund irgendwie abliängig zu sein, darf sich der Leipziger ä Bücher Mosis, die Psalmen und das andere alles." Rein jüdisch Motive verwandte er nur, wenn die Bilder für jüdische Menschen bestimmt waren, wie etwa in der Radierung zum Kricgsgefallene* Oedenkbuch des R. j. E. oder in dem Buch „Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden". Nicht die Anzahl der gemalten Bilder jüdischen Inhalts, sondern die innere Haltung und Gestaltungskraft machen Liebermain zu einem jüdischen Künstler; nicht das, was nach außen hin ms Auge springt, sondern das, was Fundament und Gerüst seines Schaffens bedeutete: Weitblick, verstellendes Fühlen, schöpferisches Ausdrucksvermögen und internationales Können in althergebracht« reinster Wortbedeutung. Es muß auch befriedigen, dal! dieser große Künstler auch die menschliche oder besser jüdische Größe heses^n hat, nach dem Umbruch im Jahre WH sein Amt als Präsident da Preußischen Akademie der Künste von sich aus niederzulega und dies in einem Briefe in seiner kernigen Art zu begründen. Ei starb ungebrochen in seiner Schaffenskraft und hinterläßt uns aufie seinen Bildern ein Bild von sieh selbst — das seiner menschliche! Größe. Sylva Pohoryles. Kulturbund auf die freundliche Hilfe dieses großen Bruders verlassen. Trotz vieler Mühe und Hindernisse ist die Ortsgruppe Leipzig des Kulturbundes Deutscher Juden vorhanden. Wie leistungsfähig sie sein wird, hängt von der Mitarbeit und dem Vertrauen jedes Einzelnen ab. Je schneller die Anmeldungen für die Mitgliedschaft erfolgen, um so eher kann der Kulturbund seine hochgesteckten Zielt verwirklichen. Jeder, der es irgend kann, trete ihm bei. Das Bure des Kulturbundes befindet sich im Grundstück üoethestraße 1. Bd trittskarten sind bei der Handelsbank Iwria, in den jüdischen Re staurants, Buchhandlungen, Zigarrengeschäften und im jüdische Jugendheim zu erhalten. Zum Konzert des Leipziger Kulturbundes. Einem mehrfach an uns herangebrachten Wunsche entsprechend, geben wir für das am 21. Eebruar st.itt findende ()rchesterkonzert eine kurze Einführung it die Werke. Die Schriftlcitung. Die Egmont-Ouvertftre op. 84 von Beethoven, du das Konzert eröffnet, ist im Kähmen der Musik zum „Goethe sehen Egmont" geschrieben. Sie beginnt mit einem großen breiten Thema und geht in Steigerungen zum Allegro über, wo Bcethowi die ganze schwere Dramatik des Gedichtes sich entfalten und in einem gewaltigen Stretto enden läßt. Das A-moll-Klavierkonzert op. M von Robert Schumann entstand in den Jahren 18-11 44. Der erste Satz, in da Form etwas freier gehalten, ist ein Nachzügler aus der Stumi- und Drangperiode des Meisters. Sein Hauptthema, mehrfach umgebildet, kehrt im Verlaufe des Ganzen immer wieder und gibt ihm somit einen einheitlichen Charakter. Die Grundidee des Werkes ist der Gegensatz zwischen Schwermut und Erohsinn; sie wird ic einem regen Wechselspiel zwsiehen Solo und Orchester entwicl.elt und klingt im Schlußsatz in Fröhlichkeit aus. Die C-dur-Sinfonle Nr. 7 von Franz Schubert, die irr Jahre 1828 entstand, wurde erst 1SJQ von Rob. Schumann im Wiener Archiv gefunden. Er schickte sie an Felix Mendelssohn, der sie in Leipzig im selben Jahre zur Uraufführung brachte. Groß und breit in der Anlage, reich in der musikalischen Erfindung, vott einem schwärmerischen Zug durchwebt, ist sie von großem romantischem Reiz, (deich das majestätische Hornthema des ersten Sat/ö versetzt uns in feierliche Stimmung. Es gellt nach einem feurige Crescendo zum Allegro und erreicht nach kurzer Überleitung Ol zweite Thema, dessen melancholischer Grundzug ungarischen I influß verrät. In die Durchführung mischen sich verhaltene Klängt der Posaunen, und nach einer Wiederholung des ersten Allej roteils erscheint in vollem Glänze nochmals das Einlcitungs-H rnthema. Nach einigen Akkorden beginnt die Oboe den zweiten Sat mit einer wehmütig sanften Melodie. Dazu tritt eine neue, ruhij dahin fließende gesaogvoUc Melodie in den Vinlinen. die länger aus gesponnen wird, wie überhaupt der ganze Satz an Länge zunim« und einen mehr versonnenen Charakter trägt. Der dritte Satz, ei« Scherzo, ist von echt wienerischer Art, mit einschmeichelnden law lerartigen Tanzmclodicn. Der Mittelteil ist liedartig gehalten. Imposant baut sieh wieder der letzte Satz auf, der unter Zufluß ImnW neuer (iedanken sich zu wirklich „himmlischen Längen" — die Sin fonie hat durch Robert Schumann die historische Bezeichnung „J Sinfonie der himmlischen Längen" erhalten — entfaltet. tt- Verein selbständiger jüdischer Handwerker zu Leipzig. AI 21. Januar fand die diesjährige Generalversammlung statt. W I.Vorsitzende, Kollege Schmeidler, eröffnete und begrüßte die Vit Sammlung und gab dem 2. Vorsitzenden, Kollegen Singer, zd Jahresbericht das Wort. Dieser führte u. a. aus: „Der politische und wirtschaftliche U* bruch Anfang des Jahres 1933 und die sieh daraus ergebenden I sj gerungen, wie Abwanderung einzelner Vorstandsmitglieder IM ließen den Verein ohne jede Leitung, so daß er vorübergehend sein'