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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-01-25 · 4 (25.1.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
4 (25.1.1935)
Date
1935-01-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 25. Januar 1935 dar. Es besteht ein Bedürfnis, so führte er aus, nach einem Ordnungss ystetn, das Menschen zusammenhält. Und doch erlebt der Mensch darüber hinaus, daß ihn etwas bindet und verpflichtet, das über alles Berechenbare hinausgeht, ihn aus einer tieferen Tiefe erfaßt und ihn bleibender und lebendiger bestimmt als das Rationale. Aber Rationales und Irrationales schließen sich nicht aus, mc gehören zusammen. Menschen leben in Konventionen. Sie sagen: man tut das. Demgegenüber ist Tradition nicht Sache der Gesellschaft, sondern der Gemeinschaft. Pas „Wir" tritt in den Vordergrund. Konvention ist notwendige Anpassung. Tradition ist die Fähigkeit, sich nicht anzupassen. Beide können sich miteinander vertragen. Der religiöse Konservatismus hat ein Gefühl für Tradition. Beim Liberalismus besteht die Gefahr, daß er kein Verständnis für sie hat. Der Konservatismus fühlt sich an das Höhere gebunden. Der Liberalismus läuft Gefahr, daß er diese Bindung verliert. Und doch gibt es keinen echten Konservatismus ohne ein gewisses Maß von Liberalismus. Es war die Gefahr der Orthodoxie, daß sie das Irrationale rationalisierte. Den religiösen Liberalismus bestimmte zu sehr die Konvention. Die Orthodoxie war mehr Religionsgeseilschaft als -gemeinsehaft. Es ist der Sinn des Sabbath, den Sinn für das Irrationale und die Tradition wachzuhalten. Seine Begründung in der Thora ist irrational. Soziale Gedankengänge spielen hinein: der Sabbath läßt den Menschen mit anderen Menschen gleich sein, weil alle ruhen. Der Sabbath ist der Tag der Freiheit. Denn der Mensch ist immer frei, wenn etwas aufhört und etwas anfängt. Am Sabbath aber hört die Woche auf und fängt sie an. Das große Problem aber ist der freie Jude. Ein Jude, der nicht immer wieder Freiheit gewinnt, hört auf, Jude zu sein. Wir sind der Orthodoxie Dank dafür schuldig, daß sie im 19. Jahrhundert den Sabbath gehalten und ihn dadurch bewahrt hat. Das dürfen wir offen aussprechen. Die Orthodoxie ist dem Liberalismus etwas Ungeheures schuldig: daß er das Judentum vor dem Atheismus bewahrt hat. Unsere Zeit ist gekennzeichnet durch einen Einbruch der Natur in die Tradition, in die Geschichte und in das Irrationale. Wenn wir den Sabbath bewahren, halten wir das fest, was über das Natürliche hinausreicht. Es gibt, so schloß Dr. Baeck, keine Juden ohne das Judentum und kein Judentum ohne den Sabbath. Dr. Seligsohn ging davon aus, daß dem religiösen Liberalismus unmittelbar nach dem Umbruch keine besonderen Aufgaben gestellt worden seien. Jetzt, wo die geistige Selbstbesinnung des emanzipierten deutsehen Juden beginne, sei das anders geworden. Der religiöse Liberalismus hat den religiösen Sinn und Zukunftsglauben der deutschen Juden zu stärken. Eines der im Vordergrund stehenden Mittel ist die Neugewinnung des Sabbath. Man muß das religiöse Gefühl im liberalen Juden und das jüdische Gemeinschaftsgefühl wecken; man muß jüdisches Wissen vertiefen. Diese Tendenzen durchdringen sich wechselseitig, das Lernen ist das Wichtigste. Die Neugewinnung des Sabbath habe bei der Jugend einzusetzen. Das Problem des Sabbath sei verschieden in (iroß-, Mittel-, Klein- und Kleinstgcmcindcn. Dr. Seligsohn erörterte weiterhin ein Schema für die Ausgestaltung der Sabhath-Feicr. Er sprach sich gegen einen besonderen Jugend-Gottesdienst aus, und hielt den Freitagabend-Gottesdienst mit einer Erklärung des Wochenabschnittes für besonders wichtig. Für den Sonnabend schlug er eine Stunde des jüdischen Wissens vor, die für alle schulpflichtigen Kinder obligatorisch sein müsse und den Oneg Schahhath. Dr. Seligsohn wandte sich gegen den allzu frühen Verbrauch der jungen Rahbinergencration, deren Überlastung zu keiner fruchtbringenden Tätigkeit führen könne. Dr. Seligsohn schloß: Wenn deutsches Judentum in deutschen Landen erhalten werden soll, dann ist der Sabbath ein Mittel hierzu. Jüdische Zeitschau Reichsvertretung der deutschen Juden, Pressestelle. Die Presse- Melle der Reichsvertretung der deutschen Juden teilt mit: Der Haushaltsausschufl dir Reichsvertretung hat nach zweitägiger, von größtem Ernst und Verantwortungsbewußtsein getragener Beratung unter Leitung lies Vorsitzenden dei Reichsvertretung, Ministerialrats i. R. Dr. Hirsch den Etat der Reichs Vertretung einschließlich desjenigen des Z e n t r a I a II s s c h u s s e s der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau, auf der Grundlage der ihm vom l'rasidialausschuß vorgelegten Ziffern für die Zeit bis Ende Wi'i verabschiedet. Auf Wunsch der Landesverbände und Gemeinden wurde eine von der bisherigen Regelung abweichende Verteilung der Kosten für die Berufsausbildung und -Umschichtung sowie für die Auswanderung vom 1. April ds. Js. ab beschlossen; an ihnen werden künftig die (iemeinden bzw. Landesverbände zur Hälfte teilzunehmen haben. In Übereinstimmung mit dem PräsidialaUSSChuß sprach sich der Uaushaltsausschuß nachdrücklich für die Zuaa muten legung der für Hilfe und Aufbau, Wirtschaftshilfe und \X ohlfahrtswcsen tätigen zentralen Stellen mit der Reichsvertretung aus. Die von einer solchen straffen Organisation zu erwartenden erheblichen Ersparnisse im Verwaltungs- und Personalttat wurden in dem verabschiedeten Haushaltsplan bereits berüeknhtigt. Bezugsgeld für das Gemein deblatt Wir fordern alle Gemeindemitglieder, die das Bezugsgeld für das Gemeindeblatt noch nicht bezahlt haben, letztmalig aul, dasselbe bis zum 15. Februar ds. Js. an unsere Gemeindekasso zu entrichten oder auf unser Postscheckkonto Leipzig Nr. 50533 einzuzahlen. Auch diejenigen Gemeindemitglieder, die bisher nur einen Teil des Bezugsgeldes entrichtet haben, werden gebeten, daß bis zum 31. März ds. Js. fällige Bezugsgeld umgehend zu begleichen. Wir weisen nochmals daraufhin, daß das Bezugsgeld seit 1. April 1934 monatlich RM. —.10 beträgt. Bei denjenigen Gemeindemitgliedern, die bis zu dem genannten Tage dieser Aufforderung nicht nachkommen, wird das Bezugsgeld durch einen Gelderheber zuzüglich Einzugsgebühren in Höhe von RM. —.30 eingezogen. Leipzig, den 21. Januar 1935. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Die erforderlichen Mittel sollen durch eine Umlage auf die Landesverbände (Gemeinden) in Höhe von mindestens RM. 1,5(1 auf den Kopf der jüdischen Bevölkerung beschafft werden; die Gemeinde Berlin hat sich schon jetzt bereit erklärt, einen Kopfbeitrag von RM. 2,— zu leisten, der dadurch nicht gedeckte Rest durch freiwillige Leistungen aufgebracht werden. Die Reichsvcrtretung wird hterwegen alsbald mit den Landesverbänden und Gemeinden sich ins Benehmen setzen. Verlauf und Ergebnis der Beratungen zeigen erneut den festen Willen aller Beteiligten zu aufbauender Gemeinschaftsarbeit. „Totalitätsanspruch der Gemeinden". Unter der Überschrift „To talitätsanspruch der Gemeinden" wird im Leitartikel der letzten Nummer des Gemeindcblattcs für die jüdischen Ge m e i n d e n Preußens die Anwendung des Totalitätsbcgriffi* auf das Leben der deutschen Judenheit untersucht und die Ansicht vertreten, daß der Totalitätsansprueh des Judentums sich nicht an den jüdischen Menschen, der trotz gesetzlich auferlegten Beschritt kungen sich auch in Zukunft von dem Leben der Umwelt nicht ab schließen, sondern an diesem weitmöglichst teilnehmen werde, bc zieht, sondern auf die besondere für die jüdische Gemeinschaft in leistende Arbeit. Auf diese Arbeit erhebe aber unter den im jii dischen Leben wirksamen Faktoren in erster Reihe die Jüdisch Gemeinde, die die ursprüngliche Organisationsform der Judenh.it sei, einen Totalitätsansprueh. Hat schon jeder Mensch — so wird in dem Artikel aus geführt die Verpflichtung, sich um die Kulturentwicklung seiner Zeit zu kümmern und zu mühen, so muß gerade der sich auf sein Judentum besinnende Jude — aus Totalitätsanspruch der Religion! - alle Zeitcrscheinungcn mit seinem Blick und mit lebendigster An teilnähme umfassen. Wir dürfen deshalb auf die hinter uns Ii« gende Epoche keinen Stein werfen: Goethe und Hegel, Beethoven und Dürer, gehören so gut zu unserer Kulturwelt, wie zur Kult r weit aller und verhängnisvoll wäre es, wollten wir luden, weil dieser Kultlirzusammenhang uns bestritten wird, uns auf den tu: n Kreis der jüdischen Eigenwerte zurückziehen. . . . Deshalb null) auch bei den Verhältnissen, unter denen wir jetzt leben, HDS( Streben sein: bei aller bis an letzte Kraft und letztes Opfer gehenden Steigerung der jüdischen Arbeit dennoch a i geschlossen zu bleiben allem Wesentlichen und Wich tigen um uns. Der Totalitätsanspruch des Judentums kann seh deshalb niemals auf den jüdischen Menschen beziehen; um so stärker ist seine Berechtigung gegenüber aller jüdischen Arbeit. Es wird sodann auseinandergesetzt, daß als legitime Vertretung der Judenheit von allen Weltanschauuugsgruppen die Gemeinde betrachtet wird und daß sich deshalb in dieser die gesamte jüdis he Arbeit konzentrieren müsse. Ebenso wie im öffentlichen Lci>ci Wohlfalirts- und BUdungawesen immer mehr kommunalisiert wuriiettj ebenso sei die entsprechende Arbeit bei den Juden immer mehr am die (iemeinden übergegangen. So werde die Gemeinde immer niehl zum Träger jüdischer Eigenarbeit. Daß hierbei — so wird in den Artikel weiter ausgeführt die einzelne Gemeinde kein inselhaites Sonderdasein führen will, sondern ihre Kräfte mit denen aller Dbn gen Gemeinden verbindet, versteht sich von seihst. Aus djescj Grunde stützen sich die jüdischen Gemeinden in Preußen heute stärker als je auf den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, der seinerseits alle seine Kräfte mehr als je in den DiesJ der Gemeinden stellt und, soweit erforderlich, darüber wacht, d« auch die Reichsvertretung und alle jüdischen Zentralstellen, dK der Landesverband hat ins Leben rufen helfen, oder in denen er vertreten ist, alle Gemeinden darin unterstützen, Mittelpunkte des dischen Lebens zu sein. Palästina im Film. In einigen j.ulisdieu Gemeinden werde« neuerdings wieder Palästinafilme gez.' gt, unter anderem die Ars*

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