Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-01-25 · 4 (25.1.1935) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
4 (25.1.1935)
Date
1935-01-25
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4876568-5968806-5969491--5357-4881134
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 25. Januar 193 3. Voraussetzung für die Vermittlung kaufmännischer Lehrrtellen ist die Güte ilcr gebotenen Ausbildung, die dem Lehrling gestattet, seinen Beruf möglichst überall in der Welt auszuüben. Es wird dabei die Notwendigkeit in Betracht zu ziehen sein, für die kaufmännischen Lehrlinge eine besondere zusätzliche Ausbildung in sprachlicher und beruflicher Hinsicht in die Wege ZU leiten. 4. Lehrzuschüsse werden in der Regel nicht notwendig sein. Fahrgeldzuschüsse und Unterhaltsbeihilfen werden für Lehrlinge aus Klein- und Klcinstgeuieinden in Betracht kommen, wenn eine geeignete kaufmännische Berufsausbildung im obengenannten Sinne in der Kleingemeinde nicht geboten werden kann. 5. Da es sich um ein neues Aufgabengebiet handelt, sollen die Wirtschaftsstellen Anträge dieser Art vorerst an die Zentralstelle gelangen lassen." Die Pressestelle des Zcntralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau verbindet mit der Bitte um Abdruck die weitere um eine kommentierende Stellungnahme, „mit Rücksicht darauf, dali gerade diese Trage in der letzten Zeit in zahlreichen Gremien, Organisationen, Jugendbünden usw. sehr viel diskutiert wird". Wir brauchen nur darauf zu verweisen, daß wir in unserem Gcmeindeblatt vor etwa einem Jahr die gleichen Grundsätze ausgesprochen haben (Nr. 9 vom 2. März 1934). Zur Frage des Eintritts in den kaufmännischen Beruf schrieben wir: „... es gewinnt den Anschein, als ob sich eine neue Vereinseitigung vollzieht, nur daß sie das dein früheren entgegengesetzte Extrem verfolgt. Es ist kaum noch möglich, jüdische Lehrlinge für kaufmännische Lehrstellen zu interessieren. So falsch es früher war, daß nur eine verschwindend kleine Zahl von Juden sich dem Handwerk zuwandte, so wenig sollte man heute in den Fehler verfallen, sich nun ganz und restlos dem Handwerk zu verschreiben. ... Es gibt junge Leute, ilie eine ausgesprochene Eignung und Neigung für das Kaufmännische besitzen: sie sollten die Gelegenheit, eine Ausbilduugsstätte zu erlangen, nicht von sich weisen." Mit dem gleichen Nachdruck, wie dies seitens des Zcntralausschusses in den vorstellenden „Richtlinien" betont wird, haben wir an gleicher Stelle darauf hingewiesen, daß eine möglichst gründliche Ausbildung angestrebt werden muß. „Treibende Kraft bei allen Bemühungen um den Beruf muß immer wieder die Überzeugung bleiben: nur beste Leistung wird sich durchsetzen, und beste Leistung erzielt nur, wer sich in seinem l ache die solidesten Kenntnisse und I ahigkeiten aneignet". Gemeindebeitrag. Durch Steuerbescheid haben wir Anfang Dezember v. J. von denjenigen Gemeindemitgliedern, die zur Gemeindeanlage 1033 nicht zu veranlagen waren, als Beitrag zu den Gemeindelaster Rm. 3gefordert. Diejenigen Gemeindemitglieder, die mit diesem Bei trag noch im Rückstand sind, werden gebeten, denselben unver züglich zu entrichten. Von jedem Juden wird verlangt, daß er seine Zugehörig keit zur Gemeinschaft durch die Tat bekundet. Wer den geringfügigen Betrag von RM. 3.— nicht bezahlen kann, soll wenigstens durch einen kleinereu Betrag seine Verpflichtungen gegen die Gemeinde anerkennen. Einzahlungen sind entweder an die Gemeindekasse von 9 bis 13 Uhr oder auf Postscheckkonto Nr. 50533 zu leisten. Leipzig, den 22. Januar 1935. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig Unterstreichen möchten wir den Appell des Zcntralausschusses an die Arbeitgeber - und das gilt in gleicher Weise für die kaufmännischen wie für alle anderen Betriebe —, durch Bereitstellung von Lehrstellen die Unterbringung der Schulentlassenen zu erleichtern. Einer sozialen Verpflichtung von grundlegende! Wichtigkeit muß damit genügt werden. Alle Sorgfalt einer hingebenden Erziehung in Elternhaus und Schule kann gefährdet wei den, wenn der Schulentlassene nicht unmittelbar in eine Berufsausbildung übertreten kann. Die Zukunft einer ganzen Generation steht auf dem Spiele, wenn es nicht gelingen sollte, die Oefahren, die eine Arbeitslosigkeit gerade dieser tatenfrohen jungen Menschen in sich birgt, von vornherein abzuwenden. Das aber kann nur erreicht werden, wenn alle Engherzigkeit überwunden wird und überall, wo irgendnur eine vollwertige Berufsausbildung gewähl leistet werden kann, junge Menschen als Lernende eingestellt werden. Die Größe der Aufgabe kann sogar gewisse Opfer forden:, die im Interesse der Gesamtheit gebracht werden müßten: es tun delt sich um das Wohl und Gedeihen derer, die berufen sind, einan unserer Stelle zu stehen. Hule. I ber „die neue Aufgabe des jüdischen Volkes" wird uns voll maßgebender zionistischer Seite Folgendes geschrieben: Der Name Hule bisher den meisten ein inhaltloser Begriff — wird in der modernen Geschichte des jüdischen Volkes eine besonders hervorragende Stellung einnehmen. Vor wenigen Wochen ging die Konzession für das 5/000 Dunam umfassende Oebict in jüdische Hände über. Die zionistische Organisation hat sich in jahrelangen Verhandlungen um den Erwerb dieses durch seine Malariagefahr berüchtigten Bodenkomplexes bemüht, und die gesamte palästinensische Öffentlichkeit feiert die Gewinnung der Konzession als ein nationales Ereignis von größter geschichtlicher Bedeutung. Von den t/OIKI Dunam entfallen 17000 auf den fischreichen Mcromsec, etwa 37000 Dunam werden für die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation vorbereitet, und der Rest wird von Juden zur Ansiedlung der spärlichen und unter armseligsten Verhältnissen lebenden arabischen Bevölkerung des Gebietes verwendet werden. Der neumrarhene Landstrich stellt heute die gefährlichste Malaiiagcgcnd und deshalb auch eines der am schwächsten besiedelten Gebiete Palästinas dar, und doch hat das jüdische Volk sich mit der Hule- Konzcssion den fruchtbarsten Boden des Landes erworben. Der Wasserreichtum der Hule-Oegend, der durch jahrhundertelange Vernachlässigung zum Fluch des Landes geworden ist, wird für die bevorstehende Umgestaltung des Bodens durch planmäßige jüdische Arbeit die wichtigste Vorbedingung darstellen. Was bedeutet Hule für das Judentum? Die praktische Bedeutung des neuen Kolonisationsgebietes ist außergewöhnlich. Für einige Tausende neuer jüdischer Siedlerfamilien wird Platz geschaffen, und damit die Position der ländlichen Kolonisation gegenüber dem bedrohlichen Überwuchern der Städte erheblich gestärkt. Darüber hinaus gewinnt ein besiedeltes Hulegebict dank seiner geographischen Grenzlagc ein großes politisches Gewicht: die Möglichkeit einer friedlichen, kolonisatorischen „Grenzsprengung" nach dem Ostjordanland und dem Libanon zu kann überhaupt erst nach dem Aufbau einer derartigen Position in Erwägung gezogen werden; heute sind aber diese Hoffnungen nocil verfrüht, noch besitzen wir von Hule nichts als eine papieren Konzession, die dem Judentum vor sich selbst und vor der Wer mehr Verpflichtungen als Rechte gibt. Das Land muß erst »Ol i jüdischen Volk durch die schaffenden Hände seiner Pioniere e obert werden. Gerade darin liegt aber die entscheidende Bcdei tung der neuen Aufgabe; die Art unserer Besitzergreifung VOi eigenen Boden, die Art, wie die Juden mit den Problemen des I Inl gebietet fertig werden, ist entscheidend für die Zukunft Palistinas und damit des jüdischen Volkes. Die Chaluzim haben sich imm< die Trocknung von Sümpfen und Bewässerung von Wüsten zi; Aufgabe gemacht und es ist nicht das erste Mal, daß Juden : ein derartiges Werk herantreten. Gerade heute, wo Unverstai I oder Böswilligkeit am jüdischen Menschen jegliche Schöpferkra I und Bodenständigkeit zu vermissen glaubt, wird eine junge Getier. - tion von Juden das Gegenteil erweisetr denn es gibt keine produktivere Leistung als die Umgestaltung von Sümpfen zu fruchtbar« r Erde, der Neuaufbau des Landes ist seine legitimste und würdigste Besitzergreifung und offentia.t zugleich die tiefste Verwurzelung des Menschen in seinem eigen, fl Boden. Was geschieht mit den Arabern? Noch nie wurde es so deutlich, daß der Aufbau Palästinas für seine sämtlichen Bewohner gleichermaßen Vorteile bringt. Seit zwanzig ahren ruhte die Hulekonz.cssion in den Händen syrischer Effendis. New landfremden arabischen Großgrundbesitzer, die oft mehr in Nizza als in Palästina lebten, waren nicht imstande, zur Ameln ' sierung des Landes auch nur das geringste zu tun. Das Schicksal der wenigen nomadisierenden Beduinen, der armseligen arabischen Fischer und Schilfflechtcr war ihnen gleichgültig; es zeigte sich, dal die Hulekonzession von rein materiellen Interessen aus nicht erfüllt werden konnte. — Heute, wo das jüdische Volk mit nationalem Aufbauwillen und nationalem Kapital das Land in Angriff nimmt, werden gleichzeitig die Araber bodenständig gemacht: Statt „Vertreibung der Araber" - also Hebung ihrer kulturellen Position, statt „Verdrängung arabischer Bauern" — Ansiedlung arabischer Nomaden!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.