Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 3 (18.1.1935)
- Date
- 1935-01-18
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18. Januar 193 Jüdische Bibelübersetzungen. Von Gemeinderabbiner Gustav Cohn. Vor kurzem ist nach langjährigen Vorarbeiten, die durch eine vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Herlin eingesetzte Kommission durchgeführt worden sind, der erste Teil einer neuen deutschen Bibelübertragung erschienen, unter Mitarbeit hervorragender Sachkenner herausgegeben von Harry Torc/yner. (Die Heilige Schrill. Neu ins Deutsche übertragen. Erster Hand. Tora Fünfblich. 1934. J. Kauffraatm Verlag. Frankfurt a. M. Sonderausgabe hergestellt für die Jüdische Buchvereinigung.) Mit ihr sollte eine Übersetzung geschaffen werden, „die in Schule und Haus die veralteten jüdischen wie die von christlichein (leiste getragenen Übertragungen" ersetzt, und damit eine Forderung erfüllt, die seit Jahrzehnten immer erneut ausgesprochen wurde: es fehlte eine Übersetzung, die in gleicher Weise allen Ansprüchen an Tcxttrcue, wissenschaftlicher Textdeutung und schlicht-flüssigem, unserem Sprachgefühl entsprechendein Ausdruck genügt. Der Ruf nach der deutschen Bibel für das jüdische Haus wollte nicht verstummen. Nun, da dieser erste Hand vorliegt, gewinnt sein Erscheinen eine weitreichende Bedeutung und drangt, neben der Prüfung, inwieweit sie geeignet erscheint, ihre Bestimmung zu erfüllen, ZU allgemeiner Hetrachtung. Übersetzungen, und wären sie noch so vollendet, können immer inu als ein Ersatz gelten. Die Feinheiten einer Sprache sind nie in eine, anderen Sprache wiederzugeben. Jede Sprache trägt den Duft und die I arben des Volkstums, aus dem sie gewachsen ist; die Landschaft, auf der die Menschen, die sie gebildet haben, lebten, die Anschauungen, in denen sie die Fragen des Daseins sahen, die Kultur, in der >ie sich bewegten, geben dem Wortschatz, dem Rhythmus, dem Satzbau jeder Sprache ihr eigenes Oepräge. Darum kann eine Übersetzung nie au den Urtext eines Werkes herangelangen. Wer die Hibel wahrhaft kennenlernen, sich nicht mit einem oberflächlichen Eindruck begnügen, sondern ihren Geist auf sich wirken lassen will, m u II zum hebräischen Text gehen. Ihre Schönheit, rein sprachlich gesehen, ihre Gedankentiefe, ihre sittliche Kraft, ihre in Jahrhunderten bewährte religiöse Gewalt läßt ihr Letztes nur auf den übergehen, der sie in der Sprache ihrer Entstehung, der Sprache des jüdischen Volkes liest. Diese Feststellung mag nicht als eine V erkenn UOg der Tatlach) verstanden weiden, dali weitesten Teilen der deutschen Juden die Kenntnis des Hebräischen mangelt, und dall es mit Recht den Alten und sehr vielen Alteren als aussichtslos erscheint, selbst bei eifrigem Bemühen soweit in der Erlernung vorzuschreiten, dall sie die Sprache wirklich beherrschen. Aber den Jüngeren und Jungen kann nicht eindringlich genug ans Herz gelegt werden, die Sprache der Hibel zu lernen, um sich dieses tiefste Erleben unserer heiligen Hüchel zu sichern; und die Eltern mögen ihre Kinder an- [cuern und bestärken, dall sie sich aneignen, was der älteren Generation fremd geblieben oder geworden ist. Diesen Alten und Alteren und den Jüngeren und Jungen, die erst lernen, muH, als ein Notbehelf, die Ubersetzung gegeben werden. Sie soll ihnen Inhalt, Sinn und Schönheit der Hibel nahebringen. Das ist auch die Absicht der Übersetzer gewesen, die ausdrücklich ihr Bestreben betonen, „nicht die hebräische Hibel zu ersetzen". Es wäre ungerecht, in der Notwendigkeit einer Bibelübersetzung i ine Verfallserscheinung gerade des letzten Jahrhunderts zu erblicken, als wäre in den früheren die Vertrautheit mit dem Hebräischen eine Selbstverständlichkeit für jeden Juden gewesen. Die erste, von Mendelssohn geschaffene Übertragung der Hibel ins Hochdeutsche war keineswegs die erste für Juden in Deutschland bestimmte Übersetzung schlechthin. Schon im 13. lö. Jahrhundert sind aul deutschem Boden Übersetzungen der heiligen Büchel in dir jüdisch-deutschen Umgangssprache der Juden entstanden (das berühmte, um l'2t)!> vcrfalite „Sefer Chassidim" empfahl die Anwendung dieser Sprache sogar für das Gebet). Und es hl Inzur „/.cum Renne", die seit Anfang des 16. Jahrhunderts iiii' große Ausbreitung gewann, eine stattliche Reihe solcher jüdisch-deutscher Übertragungen vorgenommen worden, die doch sicherlich nur einem vorhandenen Bedürfnis entsprangen. Und dieses gleiche Bedürfnis bestand immer und überall, seitdem Juden, über die Linder zerstreut, die Sprachen der Völker reden: ja selbst im alten Heimatlande war schon frühzeitig, nael manchen scholl zu Esras Zeiten, die Übertragung der Thoravor lesung ins Aramäische durch den Meturgeiuan ei forderlich, da di< Menge des Hebräischen nicht genügend mächtig war, um den Sinn des verlesenen Abschnittes zu erfassen. Aus solchen mündlich vorgetragenen Übersetzungen entstanden die aramäischen Targu mim: Targum Onkelos, nach Zünz zur Zeit Philoa (I. Jahrhd.) ü Palästina verfallt: Targum jeruschalmi, mehrere Tcilübcr Setzungen, ein Propheten-Targum, ein I lagiagraphen-Targiim u. I Mir die in Syrien lebenden Juden wurde im 4. Jahrhd. die P e schitta (syrisch) hergestellt. Der berühmte babylonische Ge setzesichrer und Religionsphilosoph der (iaon S a a d j a übertrug di< Hibel ins Arabische; im 13. jahrhd. entstand eine persisch« Übertragung. Eine gerade Linie führt vou den alten zu den neuen und neue steil Bibelübersetzungen. Sie alle wollten und wollen die heiligen Bücher denen nahebringen, die sie nicht in der Ursprache lesen können, und wollen damit den Willen zur Beschäftigung mit dein Hebräischen wecken. Immer sind sie aus dem Verlangen nach einer Beziehung zur Bibel hervorgegangen, und haben immer zum tieferen Durchdringen der Bibel angeregt. Verstehen wir die Zeichen der Zeit recht, so liegt auch heute in dem heißen Mühen um eine Bibelübersetzung der Beginn eines Aufblühens für das Studium unserer Bibel, auch in der hebräischen Sprache ihres Ursprungs. Eine neue Liebe zur Bibel zu wecken, ist die neue Übersetzung gewill besonders deeignet. Sie tritt neben die von Martin Buber und I ranz Rosenzweig begonnene, seit des Letzteren Tode von Buber allein fortgeführte Obersetzung; aber sie geht von anderen Grundsätzen aus, will anderes als jene. Stellten sich Buber uiui Rosenzweig als Ziel die peinlichste Treue gegenüber dem Texte, die sie besonders in der Beachtung der „Herkunft der Wörter um! ihrer sprachgeschichtlichen Verwandtschaft"' pflegten, so sehen Tor cyner und seine Mitarbeiter neben der gewissenhaften Prüfung des Textes, vor allem aul Schlichtheit des Stiles. Sie wollen ein Bucl geben, das gelesen werden kann, das auch ohne eine neue Obersetzung der oft sehr geistvollen, aber doch erst durch Rückgreifen auf das Hebräische verständlichen Neuprägungen. Und, soweit die nach Stichproben gesagt werden darf, es ist in vollem Umfang gelungen, eine Übertragung zu schaffen, die Volkstümlichkeit er langen wird. Auch sie muBte neue Worte prägen, aber ihre Eorn ist so gewählt, dall das Ganze flüssig bleibt, dall der Sinn ohn Mühe verstanden wird. Einige Gegenüberstellungen mögen die Besonderheiten verdeutlichen: Buber-Rosenzweig Neue Obersetzung n.M. ig, i: In der dritten Mondneuung Am dritten Neumond nach nach der Ausfahrt der Söhne dem Auszug der Kinder Jisra* 1 Jiftracls vom Land Ägypten, geaus dem Land Miz.raim, an di< nau auf den Tag, kamen sie in sein Tag kamen sie in die Wirst» die Wüste Sinai. Sinai. III. M.7, 11 ff.: Und dies ist die Weisung der Und dies ist die Weisuii : Friedmahlschlachtung, die einer vom Mahklopfer, das man dem IHM darnaht: Darnaht er sie zu Ewigen darbringt: Wenn er es/i einem Dank, nahe er zur Dank- Huldigung darbringt, so bringe Schlachtung I ladenkuchen, mit er bei dem Huldigungsopfer un- < il verrührte, I ladellscheiben, mit gesäuerte, mit Ol eingerührte Ku- Ol bestrichen, und I einmehl, chen und ungesäuerte, mit Ol wohlvermengt, als Kuchen, mit bestrichene Fladen dar, sowie Ol verrührt, zu Kuchen von gewohlverrührtes, feines Mehl. :* s säuerten) Brot soll er Nahrung Kuchen, eingerührt in OL Nebst darnahen, zu seiner Frieddank- Kuchen von gesäuertem Brot Schlachtung. bringe er sein Opfer dar, zugleich mit seinem Huldlgungsopfermahl. Diese Beispiele lassen die grundsätzlichen Verschiedenheiten kku erkennen: Buber-Rosenzweig schaffen den Rhythmus des Hebräischen nach, prägen den Ursinn des hebräischen Wortes im Deutschen, heben damit ihre Übertragung unverkennbar zu einer packenden dew all; doch all dies, nicht ohne manches an Einfachheit und Verständlichkeit zum Opfer zu bringen. Torczyner und seine Mitarbeite! verzichten auf den oft zu Künsteleien zwingenden Versuch, den Charakter des Hebräischen im Deutschen erkennen zu lasse ., be-