Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 2 (11.1.1935)
- Date
- 1935-01-11
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2_ GEMEINDEBCATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 11. JanuarJ93, auch in zahlreichen kleineren Gemeinden, wo die Lehrer sie dem Verständnis vermittelten, sowie in den Händen /ahlreicher deutscher Juden als Erbauungsbuch bei gottesdienstlicher und Häuslicher Andacht. Aus der Predlgtsammlung erweckt die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gehaltene Predigt: „Darf der Israelit auf volles Staats- und Bürgerrecht hoffen?" bittere Empfindungen. Die damals erhoffte, später erreichte, völlige bürgerliche Gleichberechtigung ist ja jetzt fast auf den Stand von damals zurückgeschraubt worden und lebensvollen (iegenwaitswert gewinnt die damalige hoffende Mahnung Herxheimers: „. . . wenn wir ausdauernd fortschreiten in nützlicher Arbeitsamkeit und Qewerhstätigkeit, die ja einst heimisch war in Israel; wenn wir immer weniger uns zersplittern durch Uneinigkeit, die wir ja schon so sehr zerrissen und /erstreut sind; wenn wir immer mehr uns alle auszeichnen durch Rechtlichkeit, die wir ja gewöhnlieh um eines Unredlichen gebrandmarkt werden; wenn wir immer mehr uns aneignen eine Bescheidenheit, die dem Schwächeren ziemt, immer mehr unter uns erwecken einen aufopfernden (ienieinsiun, eine durchgreifende Schulbildung, einen gediegenen Religionsunterricht, eine erleuchtete fromme Religiosität, dann kann es nicht fehlen, dal? unsere Zurücksetzung aufhört, dann müssen unsere Gegner schweigen ..." Außer durch seine Predigten in deutscher Sprache war Herxheimer auch in der inneren Ausgestaltung des Kultus ein Reformator des deutschen Judentums, besonders durch die Einführung der Konfirmation der Knaben und Midchcn, für deren synagogische Zulässigkeit und Einrichtung er in einer Abhandlung in Geigers wissenschaftlicher Zeitschrift für jüdische Theologie eingetreten war und über die er viel später, im Jahre 1860, auf der Leipziger Synode einen vielbeachteten Bericht erstattete. Seine erste, in der Synagoge in Bcrnburg am erstell Tage des Lauhhüttcnfcstcs (1832) gehaltene Konfirmationsfeier ist in Buchform erhalten und hat nach seinem eigenen Vorwort ..in der religiösen Richtung der israelitischen Zuhörer einen überraschenden sichtbaren Erfolg hervorgebracht". Hei Herxheimer und nach ihm bei vielen anderen bestand die Konfirmation aus einer ernsten, den gediegenen Unterric'n abschließenden Prüfung, aus eindringlicher herzlicher Ermahnung und weihevoller Einsegnung; es wurde ihr ein echtjüdischer Charakter gegeben, und sie wurde ein schätzbares Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes. Verketzerungen der Konfirmation, wie man sie später erlebt hat, war Herxheimer noch nicht ausgesetzt, denn selbst konservative Rabbiner, z. B R. Samuel Eger in Braunschweig, kultivierten die neue, auch in außet deutschen Ländern (Dänemark, Prankrekh, Italien, Amerika) sich einbürgernde Institution. Auch auf wirtschaftlichem Gebiete war Herxheimer ein Vorkämpfer des modernen Judentums. Nachdem er schon zu Beginn seiner seelsorgerischen Tätigkeit in seinen Kanzelreden für die Unterstützung und Förderung armer israelitischer Knaben zur Erlernung des Ackerbaues, der Handwerke, Künste und Wissenschaften warm eingetreten war, lieB er seinen Worten bald die Tat folgen und gründete einen Verein zur Erreichung der bezeichneten Zwecke, dessen Blühen schon im Jahre ISJ5 festgestellt werden konnte. Seitdem sind viele junge deutsehe Juden schon im vorigen Jahrhundert durch Herxheimer besonders dem Hamleltreiben entzogen und dem Ackerbau und Handwerk zugeführt worden, so Tagung der gesetzestreuen Rabbiner in Leipzig von Oberrabbiner Dr. Carlebach-Altona. Es ist mir ein Bedürfnis, als Schriftführer der Vereinigung traditionell-gesetZestreuer Rabbiner Deutschlands, an dieser Stelle unseren Dank und unsere Verehrung der ehrwürdigen Leipziger Oemeinde für ihre Gastfreundschaft zum Ausdruck zu bringen. Ich fühle mich darin eins mit allen Teilnehmern der Tagung, die von der Herzlichkeit deuns gewordenen Empfangs begeistert waren und es dankbar empfanden, dall nur der von der (iemeinde Leipzig geschaffene Rahmen solch schonen und befriedigenden Verlauf der Tagung ermöglicht hat. Zusammenkünfte der Rabbinen sind wahrlich kein Luxus, sondern eine Lebensnotwendlgkeii Demi die Isolierung der meisten Kollegen in kleineren und mittleren Platzen macht von Zeit zu Zeit daß er mit Recht der Vater des deutsch-jüdischen Handwerks genannt werden kann. Bei aller seelsorgerischen und sozialen Wirksamkeit blieb Herxheimer stets ein treuer Diener der Wissenschaft. Außer dei Veröffentlichung zahlreicher kleinerer jüdisch-pädagogischer und Kultus-Schriften widmete er zehn Jahre seines Lebens unter Preisgabe seines Augenlichts bei dem damals noch üblichen Ölum! Kerzenlicht in den Jahren 1811 -1S50 der Bibelübersetzung und -erkllrung. „Die 24 Bücher der Bibel im hebräischen Text int! worttreuer Übersetzung, fortlaufender Erklärung und homiletisch benutzbaren Anmerkungen" sind ein Werk, durch das er die alten wissenschaftliche Exegese popularisiert, ihre Erfolge in weite Kreisi getragen und die Herzen seiner Stammesgenossen, besonders dir der lehrenden, dein Bibelstudium wiedergewonnen hat. Darin lieg' mit der Schwerpunkt seines einflußreichen Strebeiis. Dieses Bibelwerk entsprach seinerzeit durch seine klare, verständliche, tradi tionsgemlBe Obersetzung, durch eine vielseitige, gewissermaßen den Extrakt aller früheren Kommentare bearbeitenden Erklärung, durch seine knappen, gedankenreichen, homiletischen Anmerkungen und andere Vorzüge einem langgefühlten Bedürfnis. Es ist ein Werk, das über den Parteien stand, von Juden und Christen gleich günstig beurteilt wurde, von Konsistorien den Pfarrern empfohlen wurde und in den meisten Universitätsbibliotheken Deutschlands zu finden ist. Und dennoch konnte es sich nicht Bahn brechen und. bis auf den Pentateuch, nicht den Weg in das Publikum finden, obwohl nach den Worten des Verfassers „der täglich zunehmenden Zerfahrenheit, der Indifferenz und Verfärbung des Judentums einerseits und der Verknöchei ung des judisch - religiösen Lebens an dererseits nicht gründlicher entgegengewirkt werden kann, als durch Verbreitung der Bibel mit ihrem Lichte und ihrer Wärme, mit ihre versöhnenden, friedenbringenden Erkenntnis", Dabei wird durch seine erbaulichen homiletischen Anmerkungen das Lesen der Bib<! anziehender und fruchtbarer gemacht und werden dem Lehrer für den Unterricht, sowie dem angehenden Prediger nützliche Andeutungen gegeben. Fürwahr das keineswegs veraltete Werk verdient es, dal! sich ein verständnisvoller Bearbeiter für eine Nctihcrausgah' finden möchte. Das Leben dieses opferfreudigen, selbstlosen, dabei schlichten und friedliebenden Mannes verlief im großen und ganzen ruhig un i friedlich und war, besonders bei seinem fünfzigjährigen Amlsjub - läum, reich an wohlverdienten Anerkennungen und Ehrungen si teus seiner Glaubensgenossen, des Herzogs Friedrich von Anhalt und auch der christlichen Geistlichkeit. Bei dieser (icicgcnlu I überbrachte ihm auch der in Leipzig unvergessene Wohltätci Jacob Plaut den Grundstock zu einer „Dr. Saloinon Herxhcimc - Stiftung" zur Unterstützung jüdischer Lehrer, die vom Deutsch- Israelitischen (iemeindchund verwaltet wird. Eine eigenartige Schicksalsverkettung ist es, daß Herxheim r schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts sich für seine bedrängten und darbenden (ilaubensgeiiossen im Orient, besonders in Pal - stina, mit großem Eifer einsetzte und Männer dafür zu begeistern verstand, den Juden in Palästina, wie allen türkischen Juden die bürgerliehe Oleichberechtigung zu erwirken, sowie Schulen Und gemeinnützige Anstalten unter ihnen zu errichten, während die Nachkommen seiner jetzt noch in Deutschland lebenden Enkelkinder schon seit Jahren in Palästina leben und die Früchte jener ersten neujüdischen palästinensischen Kulturanfänge genießen. einen gegenseitigen Gedankenaustausch zu einem unbedingten I r* fordernis. Es ist weniger wichtig, welche praktischen Resolutionen und gemeinsamen Beschlüsse eine solche Tagung in die Welt hinausträgt; wesentlich ist vielmehr, daß die Getrennten durch eine gründliche Verständigung und offene Aussprache sich der Übereinstimmung mit der Mehrheit ihrer Amtsgcnosscu bewußt werden Auf dieser Tagung standen drei Fragenkomplexe im Brennpunkt der Beratungen: einmal galt es, Klarheit und Überblick über die aktuellen religiösen Probleme Palästinas zu gewinnen, über die wir täglich Auskunft geben sollen; zweitens dir Lage des g e s e t zc s t r c u e n Judentums, sowohl geistev geschichtlich-theoretisch als auch für die praktische Wirksamkeit des Rabbiners, zu erkennen; endlich von dem ins Leben so tief einschneidenden Spezialproblem der Schechita zu wissen, wie weit die wissenschaftlichen Versuche, wie weit die lialaclüschen Diskussionen darüber gediehen seien. Es war von vornherein gedacht, die auf diese Gebiete bezüglichen Referate auch der Öffentlichkeit zu-