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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-12-21 · 51 (21.12.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
51 (21.12.1934)
Date
1934-12-21
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN REL1QIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 21. Dezember 1934 Um ein zentrales Syhnhedrion. Es ist wohl nichts Zufälliges, wenn seit einigen Monaten die Frage der Errichtung eines zentralen Synhedrions, einer für die religiösen Kragen der Judcnschaften aller Lander maßgebenden autoritativen rabbinischen Behörde in der jüdischen Presse und in jüdischen Gremien aller Art vielfach behandelt wird. Im Anschluß an ein Referat, das über die halaclüschen (d. h. rcligionsgesetzlidien) Voraussetzungen zur Einsetzung einer solchen Behörde Im südwestdeutschen Rabbinerverbande gehalten wurde, veröffentlichte Max Diene mann (in der' Zeitschrift: Der Morgen, Jahrg. 10, Heft () 7) „Oedanken über ein zentrales Synhedrion". Bei der Erörterung der Frage geht Dienemann von der Tatsache aus, daß die Autorität des Qaonatt, die seit dem Verlust des palästinensischen Synhedrions in Geltung war, nicht etwa aus äußerein Zwange endete, sondern weil der Wille, sich ihr unterzuordnen, nicht mehr vorhanden war." Wenn nun heute der Wunsch nach einer zentralen Behörde auftaucht, ... so ist das eines der vielen Zeichen dafür, daß die Epoche des Individualismus, der unbedingten Freiheit des Einzelnen, zu Ende ist oder zu Ende geht, daß ein Wille zur Autorität und Einordnung neu sich formt. Der Wunsch ist Ausdruck des Unbehagens darüber, daß jüdische Lebensform allerwärts ein anderes Antlitz hat, selbst schon im Nachbarlande, und daß jeder Jude glauben darf, sein Judentum nach eigenem Maß und eigenem Urteil bestimmen und begrenzen zu können." Eine ganze Reihe von Problemen wäre zu lösen, wenn der Gedanke verwirklicht werden sollte. Als Ort für die Behörde käme aus psychologischen Orflnden nur Palästina in Krage. Aber: wird es möglich sein, auch nur für Palästina selbst die Einrichtung zu schaffen, um Rechtsfragen, die im Lande gelöst werden müssen, zu entscheiden? Wäre mit einer Regelung gewisser Rechtsfragen in Palastina etwas für die Juden außerhalb Palästinas geschaffen? Und würde es dieser Behörde gelingen, selbst innerhalb Palästinas religiöse Ordnungen zu begründen? Wäre die außerpalästinensische Judenin.it, insbesondere die des westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreises, innerlich gewillt, sich ihr zu fügen? Auf alle diese Probleme weist Dienemann hin. Nicht aber, um im Hinblick auf die nicht zu verkennenden Schwierigkeiten vor einer Verfolgung des Gedankens zu warnen. Auch er erachtet die Einrichtung als wünschenswert; denn sie „wäre ein großer Gewinn und eine Stärkung. Die Buntscheckigkeit der religiösen Ausdrucksformen würde aufhören, der Willkür in der Anerkennung des religiösen Brauches ein Gegengewicht gesetzt sein; Kragen, die seit Jahrzehnten nach einer zentralen Lösung verlangen, z. B. gewisse Erfordernisse des judischen Lherechts, könnten gelöst werden. Es wäre eine moralische Autorität vorhanden, die heute nicht da ist, Autorität welliger der nichtjudischcn Welt als den Juden selbst gegenüber. Man würde über eine gewisse Erstarrung hinwegkommen. Man hat den Schulchan Aruch, die maßgebende Kodifizierung des Religionsgesctzes, einmal ironisch einen papierenen Papst genannt, womit man sagen wollte, daß eine lebendige Persönlichkeit noch so beharrender Art doch immer die Möglichkeit hat, neuen Notwendigkeiten in der vollen Autorität der Eigenart einer bestimmten Qcmeinschaffsform Rechnung zu tragen, daß aber dem Judentum diese Möglichkeit genommen ist, weil ein Buch und nicht die Persönlichkeit im Mittelpunkt steht. Eine religiöse Zentraliiistanz könnte hier mehr Beweglichkeit geben. Noch mehr! Ihr Vorhandensein würde lim-n Irrglauben forträumen, unter dem wir leiden. Heute glauben viele das Märchen, daß die Juden irgendwo in der Welt eine geheime Oberinstanz hätten, die sie politisch führe. . . . Eine vorhandene, sichtbare Zentralinstanz, würde in ihrem täglich zu beobachtenden Wirken deutlich machen, daß es nur eine religiöse Einheit der Juden gibt, daß nur um die Einheit der jüdischen Lebensform gerungen wird und nicht um eine politische nicht für die Kragen der eigenen Existenz und nicht für die politischen Kragen der Welt. Man verstehe richtig: nicht daß man die Zentralbehörde schaffen müsse, um jenem törichten (ierede, jenem Irrglauben die Spitze abzubrechen, aber wenn man aus inneren Gründen jüdischer Notwendigkeiten zu ihrer .«eubegründung käme, würde sich das a II c h in der angedeuteten Richtung auswirken." Darum empfiehlt Dieneinann, daß man dem Plane nachgeht. Auch wenn sie die Gesamtheit ihrer Aufgaben nicht würde lösen An die Leser des Gemeindeblattes! Wir fordern diejenigen Oemeindemitglieder, die noch mit dem Bezugsgeld für das Gemeindeblatt im Rückstand sind, auf, dasselbe umgehend zu entrichten. Die Bezugsgebühr beträgt für die Zeit vom 1. April bis 31. Juli 1934 RM —.40, für die Zeit vom!. Augu t bis 31. Dezember 1934 RM. —.50. Postscheckkonto dir Gemeinde 50533. Leipzig, den 5. November 1934. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. können: der sittliche Rückhalt, den eine zentrale Behörde zunächst für Palästina bieten würde, könne ja nicht ohne Wirktuig auf duseelische Gesamthaltung der Juden bleiben. In ähnlicher Richtung bewegen sich die Bemühungen des früheren Rabbiners des zweiten Wiener Bezirkes Dr. Max ürunwald; dieser hat sich in persönlichen Schreiben an die Obcrrabbim r Europas mit der Anregung gewendet, eine zentrale Vertretung des Rabbinertums der ganzen Welt in Jerusalem zu schaffen. Diesem Vorschlage sollen bereits mehrere bekannte Rabbiner zugestimmt haben, wie Obcrrabbiner Dr. Hertz-London, Dr. Gaster-London, Levi-Paris, Carlchach-Altona, Alcalay-Belgrad, Wiener-Brüssel, Friediger-Kopcnhagcn, Schorr-Warschau, Herzog-Graz, Zeller-Triest und Samuel-Oslo. Der Zweck der zentralen Rabbiner-Organisation soll nach den Ausführungen Grunwalds die Hebung des religiösen Ansehens innerhalb des Judentums sein, ferner die wissenschaftliche, literarische und propagandistische Abwehr jener Angriffe, denen dal Judentum in religiösen Hinsicht ausgesetzt ist, sowie ein möglichst einheitliches Auftreten des Rabbinertums auf jüdischen Tagungen. DieseGesamtvertretung aller Rabbiner der Welt soll jedoch völlig unpolitisch sein und alles vermeiden, was etwa einem Papsttum ähnlich sehen würde. Sie soll auch keine Erneuerung des alten Synhedrions und keine Beeinflussung der religiösen Einstellung einzelne/ Gruppen innerhalb des Judentums versuchen. In einer Artikelserie, die Dr. Grunwald in der Hamburger „Laubhütte" <ischeinen ließ, wurden diese Gedanken bereits näher ausgeführt und insbesondere darauf verwiesen, daß die Zentralisierung des Antesemitismus, wie sie auf dem Brüsseler Kongreß zutage trat, andererseits die Zentralisierung der Organisation anderer religiöser Gemeinschaften, die sich als geistige Stütze für ihre Anhänger in der ganz n Welt erwiesen habe, die zentrale Organisation der religiösen Führet des Judentums mit dem Sitze in Jerusalem, der Stadt, der sich die Sehnsucht der Juden der ganzen Welt zuwendet, sehr aussichtsreick erscheinen lasse. Gegen Grunwalds Schritt wendete sich scharf ablehnend der frankfurter „Israelit" u. a. mit folgendem Ausführungen: „Grunw M hat sich — und dies ist überaus charakteristisch -- mit seiner Idet nicht an die legitimen Sachwalter des Thorajudcntums, die Oedok jisroel des Ostens gewandt, sondern u. a. an die Oberrabbiner VOS Frankreich, Belgien, Jugoslawien, von Kopenhagen, Graz, Tri' -t, Prof. Schorr in Warschau, also an Männer, die man in der gan.cn jüdischen Well bei allem Respekt vor ihren menschlichen Qualitäten zumeist nicht gerade als Rabbonim alten Schlages und Interpreten reinen, ungebrochenen Thorageistes betrachten wird. Das wird begreiflich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Herr Dr. Grunwald tatsächlich von der ungeheuerlichen Möglichkeit träumt, ifc religiösen Richtungen zur angeblichen .Festigung der Thora' vereinigen zu können, sobald nur die beteiligten Herren den Beruf eines Rabbiners ausüben. Das ist die einzige Bedingung, der Herr Dr. Grunwald für seine das Synhedrion vorbereitende Konferenz zu stellen weiß: Zugehörigkeit zum ,Rabbinerstand'." Die Hamburger „Laubhütte" meint, im Gegensatz dazu, „daß die wahren Großen der Thora sich freuen, wenn sie Beziehung«1 erhalten mit denjenigen jüdischen Brüdern, welche noch den Willen haben, zurückzukehren zur jüdischen Religion und für diese etwa» zu tun. D i e Großen der Thora, wie sie sich der „Israelit" ■ seiner Einbildung vorstellt, gibt es gar nicht. Die lebenden Größe der Thora sind nicht so weltfremd, wie die Herren vom „Israelit"

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