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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-12-14 · 50 (14.12.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
50 (14.12.1934)
Date
1934-12-14
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEME1NDEBTATT DER ISRAELITISCHEN REL1QIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG In der Winzigkeit einer belanglosen Provinzstadt, mehr noch einer einzigen Straße dieser Provinzstadt, zu gestalten und als das Postulat der Magnolienstraße zu verkünden, daß über den Gesetzen der Rassen und Konfessionen, der politischen Bedingtheiten und wirtschaftlichen Erfordernissen ein größeres Gesetz obwaltet: das der Menschheit und des Menschenrechte*, „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da": dieser Satz aus der griechischen Tragödie könnte als Motto der schlichten, leisen und leidenschaftslosen Erzählung von der „Magnolienstraße" vorangesetzt werden. Goldings Buch hat in England, dem Land der politischen Vorurteilslosigkeit, seinen wohlverdienten Erfolg errungen. Den deutschen Juden, die der deutschvölkisclie Staat mit seinem Totalitätsanspruch in rassisch bedingte Schranken zurückweist, wird Goldings W erk, als ein Buch der Menschenliebe schlechthin, Trost und Erbauung bringen. Golding vertritt nicht, wie etwa seinerzeit t km hold Ephraim Lessing, mit scharf umrissener Tendenz den Gedanke i der Assimilation; er plaidiert nur in sehr eindringlichen Worten für eine Menschheit und eine Menschlichkeit, die über den Rassen un I Religionen thronen. Und obzwar wir gciade dem Schlußkapitel der „Magnolienstraße", wo diese allgemeine Verbrüderung der Meeschen von hüben und drüben, derer die in den Häusern mit den ungeraden und mit den geraden Nummern wohnen, zur Tatsache wird, ziemlich skeptisch gegenüberstehen, lieben wir doch den Dichter ui so mehr, als er heute und gerade heute einer solchen Illusion fähi, ist. Die „Magnolienstraße" sollte fortab in keiner jüdischen Biblio tbek, gleichviel ob ihre Eigentümer orthodox, liberal oder zioni irisch sind, mehr fehlen. Denn der Traum eines Dichters besitzI zuweilen mehr Realität als die Wahrheit von Völkern. Musikkultur im Leipziger Judentum? Von Barnet Licht. Sind in Leipzig Aussichten vorhanden, innerhalb unserer Gemeinde ein kulturelles Betätigungsfeld zu entwickeln? Man würde dem Leipziger Judentum ein beschämendes Zeugnis ausstellen, wenn man diese Krage mit einem glatten „Nein" beantworten müßte. Bisher hatte es freilich in Leipzig den Anschein, als ob alle Bemühungen dazu vergeblich wären; trotzdem oft sehr Gutes geboten wurde, nahm das Publikum eine unverständliche, abwartende Haltung ein. Hierin liegt aber gerade der größte Fehler; denn zu einem neuen Aufbau gehört vor allem Begeisterung und Opfersinn; kulturelle Entwicklung verlangt viele Helfer, die mit Liebe sich für ein hohes Ziel einsetzen können! Und sollten in der Musikstadt Leipzig nicht auch Menschen zu finden sein, die guten Willens sind, Kulturarbeit in unseren eigenen Reihen zu fördern? Einerseits durch regelmäßigen Besuch der Veranstaltungen, andererseits durch aktive Mitarbeit? — Ich möchte behaupten, daß hier ein guter Boden und Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden sind; denn ich weiß genau, daß viele jüdische Familien die Gewandhauskonzcrte und Kammermusiken besucht haben, ich weiß auch, daß ein großer Teil jüdischer Jugend begeisterte Besucher guter Konzerte waren! Wo ist jetzt dieses Musikpublikum? Das Verlangen nach guter Musik ist doch bestimmt noch da, und der Wunsch, wenigstens einmal monatlich eine ausgezeichnete Veranstaltung zu besuchen, sicherlich auch! Es sei dabei das in unseren Kreisen eingerissene Grundübcl betont, daß man nämlich leider allzu oft nur dem Starsystem gefrönt hat, niemals aber in Erwägung gezogen hat, daß der kulturellen Förderung bessere Dienste geleistet werden, wenn man sich an Gcmeinschaftsmusik (Chorgesang, Quartett- und Orchestermusik) fleißig selbst beteiligt. Hier also müßte die kulturelle Arbeit einsetzen! Es bestehen ja in Leipzig zwei gute Einrichtungen zur Kunstpflege, der „Psalterion-Chor" und das „Jüd. Orchester", wo sich Gelegenheit zur praktischen Ausübung bietet, und wo Dillettantcn, die aus Liebhaberei singen und Musik betreiben, sich einreihen und mitarbeiten können. Ein hohes Ziel, eine schöne Aufgabe, vermögen dem Menschen das bitterste Leid und die größten Sorgen zu lindern; man wird dem kleinen Alltagsleben auf einige Stunden entrissen, wenn man sich begeistert mit Kunst beschäftigt. Und dann darf man vor allem nicht vergessen, daß aus solch eigener Betätigung mit guter Kunst der Jugend dauernde Werte vermittelt werden. Man erzieht sie dadurch systematisch zu ernstem Kunst geschmack, so daß sie später von selbst jene seichte Kunst ablehnen werden, deren Ausübung in einem jüdischen Hause und um so mehr in jüdischen öffentlichen Veranstaltungen unbedingt ausgemerzt werden müssen. Eine weitere wichtige Seite der Beteiligung an künstlerischen Werten wäre, daß durch das eigene Erleben und Vertiefen in die Musik auch das Interesse am Vollendeten geweckt würde. Ja, man hat selbst die Schwierigkeiten großer Kunst verstehen gelernt, man wird bescheidener — es wird sich nicht jeder, der etwas streichen oder singen kann, für einen Solisten halten —, und beurteilt wahres Können ernster. Ich glaube fest daran, daß nach solcher Sclbsterziehung zum künstlerischen Erleben es unmöglich noch vorkommen kann, daß eine Lotte Leonard vor leerem Saale singt; im Gegenteil, ein Feuermann, ein Frenkel, Schey oder Kreutzer wird volle Säle haben, denn durch die größere Zahl des herangebildeten Publikums könnten ja voi allem die Eintrittspreise billiger gestaltet werden. Außerdem würde durch die Pflege von Chor und Orchester den jungen jüdischen Komponisten Gelegenheit gegeben, ihre Werke aufgeführt zu hören, sowie Ansporn zu Neuschaffung. Ich persönlich wünschte mir, daß sich junge Komponisten mit Textdichtern verständigen möchten, Texte aus dem jüdischen Leben wählen und in Kantatenform mit Orchester etwa, schreiben sollten. Jedoch eine leichte Orchesterbesetzung im Kammerorchesterstil, und zwar deshalb, weil eine Compöse moderne Besetzung in den wenigsten Städten durchführar wäre, da man über größere jüdische Orchester selten verfügt und die Aufführungen damit illusorisch würden. Ein Stammpublikum zum Besuch solcher Konzerte wäre vorhanden in den obenerwähnten Gewandhaus- und Konzertanhängern; jedoch würde sieb dieser Kreis ganz bedeutend dadurch erweitern, daß von den gesamten Mitwirkenden die Familien und Freunde herangezoger, würden. Viele, die diese Zeilen lesen, werden leise lächeln und zweifeln! Wir wollen doch aber nicht vergessen, daß manche großen kultti reiten Einrichtungen aus kleinem zähem Liebhaberkreis entstände! sind, und warum sollen wir Leipziger Juden nicht auch einen Grund stock zu kulturellem Aufbau bilden können, der in späteren Jahrer ein Kulturfaktor unserer Gemeinde werden könnte? Warum wollet wir kleinmütig sein! — Mir schwebt noch viel Größeres vor, näm lieh ganz Mitteldeutschland kultureil eng aneinander zu verbinden damit auch in den kleinen Orten gute Kunst geboten wird! Docl Näheres darüber später. Unsere Gemeinde. Zum Wegzuge des Rabbiners Feldmann aus Leipzig. In den nächsten Tagen verläßt Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Feld mann, einem ehrenvollen Rufe nach Manchester folgend, unsere Stadt. MM den Wegzüge dieses Mannes, mit dessen Namen ein Viertel« jähr hundert segensreichen jüdischen Wirkens in unserer Gemeinschaft aufs engste verknüpft ist. vollzieht tich eine weitere, sehr bedeutsame und schmerzliche Veränderung im I einziger Rahhinat, unter deren Zeichen die letzten Monate standen. In Rabh. Feldmatm sieht nicht nur der gesetzestreue Teil unserer Gemeinde einen markanten Vertreter tiefgründiger und umfassender jüdischer Gelehrsamkeit, einen östlichen Raw großen Formats, der sich durch die Herausgabe diverser Werke, insbesondere des rühmliehst bekanntgewordenen und weitverbreiteten „fcldmannschen Kizzur" einen ..Namen unter den Großen" gemacht hat, aus seiner Mitte scheiden. I ■ verlieren vielmehr die Synagogen „Ahawas Thora" und „Chewra Mischnajoth" ihr geistiges Oberhaupt, ihren Rabbiner, dem sie in aufrichtiger Liebe, Verehrimg und Dankbarkeit zugetan waren. Daruber hinaus bedauert auf das lebhafteste seinen Wegzug der große Kreis derer, die durch Umgang oder Berührung mit ihm Gelegenheit fanden, dessen hohe menschlichen (Qualitäten, seinen klaren Verstand, sein gesundes Urteil, seinen Realitätssinn, seinen überlegenen und doch liebenswürdigen rabbinischen Humor, seine Bescheidenheit und sein zugängliches Wesen, das sich niemand versagte, zu bewundern. Den größten Verlust erleidet jedoch jene vor ihm ins Leben gerufene und von ihm geleitete Lehranstalt, fü deren Bedeutung erst die heutige aufwühlende Zeit bei vielen da- Verständnis schuf, das zur Zeit ihrer Gründung noch völlig fehlte die Talmud-Thora. Der jüdischen Jugend galt seine ständige, vor nchmliche Sorge, ihr eine Stätte zu sichern, in der sie an die Quel len der jüdischen Lehre herangeführt werden sollte, galt sein unab lässiges, edles Mühen, dem der Frfolg nicht versagt blich. Dies»- Institut, das die Krönung seines Lebenswerkes darstellt, dessen Erhaltung und Ausbau seine ganze aufopfernde Liebe und Hin gäbe gehörte, stellt heute einen nicht wegzudenkenden Bildungfaktor in unserer Gemeinde dar, so daß man sich zu der Hoffnun:, berechtigt glaubt, daß sein Weiterbestand nicht gefährdet ist. Sein segensreiches Fortwirken wird immer für den Mann zeugen, dei sich mit seiner Gründung ein dauerndes Denkmal setzte. Unlösbar mit seinem Namen verknüpft ist aber auch eine andere, für eine jüdische Gemeinde lebenswichtige Institution, deren Entstehen und Fortbestand ihm zu verdanken ist: die Mikweh. So sind es die zwei so überaus wichtigen Gebiete, das der jüdischen Erziehung und das der Pflege der jüdischen Faniilienreinheit, für die Rabb. Feldmann sein großes Können und seine ganze Kraft stets eingesetzt hat. Es lehren unsere Weisen: „Wer die Gesamtheit im Guten fördert] dem wird kein Fehltritt zustoßen, wer ferner in reiner Frömmigkeit die Gesamtheit zum Frommen führt, dem wird das Verdienst der Gesamtheit angerechnet" (Sp. d. Väter V 21). Möge

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