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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-12-14 · 50 (14.12.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
50 (14.12.1934)
Date
1934-12-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Auflage 4250 Stück ® emeiuö eblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I Jtl D7lfL AMTLICHES NACHRICHTEN BLATT Lbll^lW DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schrlftleltung. OemeinderabbinerOustav Cohn Leipzig Nllltlllier 50 ■ JalirQailQ 10 Anzeigenannahme: E. Gold freund, Walter BlOmel-Str. 10. - Nachdruck nur ml: Quellen- * Leipzig O 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771 angäbe und mit Genehmigung dea Verfaaaera gestattet 14. DEZBH1D6I 1934 Druck: Druckerei der Werkgeineinschalt, Leipzig C 1. Die MagnolienstraBe. Von Doris Wittner. Die westlichen Lander Europas, insbesondere England und I rankreich, haben sich, wenn man von der bedauerlichen Episode lies Dreyfuß-Prozesscs in Frankreich zu Anfang des Jahrhunderts absieht, im allgemeinen den Juden ihrer Lander gegenüber durchaus neutral und loyal verhalten. In England sind Juden unschwer in die höchsten Staatsstellen emporgestiegen — man braucht außer Disracli, dem Lord of Bcaconsfield nur an Lord Reading (Sir Rufus Isaakt), den vormaligen Vizekönig von Indien, Sir Herbert Samuel, den früheren Highkomtnissionar von Palästina, Lord Rothschild, den intiltn Freund des verstorbenen Königs Eduard, und andere prominente Persönlichkeiten des englischen öffentlichen Lebens mehr zu > iiinern — und es hat in England, das prozentual allenfalls 0,60/o jüdische Mitbürger beherbergt, zum mindesten bis zur Beendigung <Ks Weltkrieges kaum eine akute Judenfrage gegeben. Nach dem Kriege mochte die starke Zuwanderung jüdischer Elemente aus Osti iropa hie und da Mißfallen erregen; aber niemals kam es daroh zu Kampf und politischen Auseinandersetzungen. England, von ji her erzogen in dem höchsten Maß politischer Disziplin, kennt im öffentlichen Leben nur den britischen Staatsbürger, im privaten Harn nur den Qentleman. Rasse und Konfession spielen nur untcry ordnete Rollen und gelangen selten zu einer wesentlichen, gei liweige denn ausschlaggebenden Bedeutung. Es ist darum eigentlich erstaunlich, daß schon im Jahre 1432 ein englischer Jude, namens Louia Qolding, es unternommen hat, einen soezifisch jüdischen I'' ■man zu schreiben, der an liebevollem Verständnis kaum hinter d in großen jüdischen Romancier Zangwill zurückbleibt und au echt e glischem Humor dem großen Vorbild eines Dickens nicht unv irdig ist. Dieser Roman „Die Magnolienstraße", im Urtext ert 'dienen im Albatros-Verlag, in der deutschen Übersetzung ht.ausgegeben von dem Verlag des „Europäischen Merkur4' zu Paris, umfaßt die Epoche von 1910 bis 1930 und spielt ii einer kleinen nordenglischen Stadt, einer nordenglischen Stadt, dt red Straßen alle sehr poetische Blumennamen tragen, außer der M ignolienstraße, Akazienstraße, Azalienstraße, Oleander-, Mimosen-, 1 ivendelstraße usw. In besagter Magnolienstraße leben auf der ^'•dscite in den Häusern mit den ungeraden Nummern ausschließlich Juden, auf der gegenüberliegenden Seite in den Häusern mit den geraden Nummern die eingeborenen englischen Christen. Der Autor nun hat es sich zur Aufgabe gestellt, in reizvoller Klcin- Btalerd Leben und Liebe, Krieg und Frieden, Anziehung und Ab- Ahstoßung, Unduldsamkeit und Toleranz, kurz gesagt Mensch- Iii lies-Allzumenschliches zwischen den Bewohnern beider Straßenseiten, den Trägern verschiedener Konfessionen, Traditionen und Weltanschauungen bis in das minutiöseste Detail aufzuzeichnen. Und er hat als Zeitraum seiner Darstellung die verhängnisvolle Epoche vom vorbereitenden Stadium des Welt k r i e g e s bis zum Ausbruch der Weltkrise gewählt. Die Bewohner der Häuser mit den ungeraden Nummern sind größtenteils eingewandert aus Kultland, Polen, Litauen oder ähnlichen osteuropäischen Staatsgebilden, während jene der geraden Häusernuminern von Geschlechtern her sich ihrer Zugehörigkeit zu den Vereinigten Königreichen (Großbritannien und Irland) rühmen dürfen. Die einen pochen auf ihre insularen Oberlieferungen, die anderen, die in den Häusern mit den ungeraden Nummern, haben, welchen Weges sie auch kamen, in ihren heiligen Schriften Jahrtausende alte Satzungen und Gebote mitgebracht, denen sie auch heutzutage mit Inbrunst dienen. Es ist darum nicht eben leicht, daß die eine Straßenseite die andere versteht, obwohl doch die Bewohner beider Seiten ständig, in Freud' und Leid kleinlichen Alltagslebens miteinander in Verbindung stehen, aufeinander angewiesen sind und alles mitsammen ZU tragen haben, was das Schicksal der kleinen Straße einer kleinen Stadt nun einmal auferlegt. Golding ist — wir sagten es schon — ein Meister der Kleinmalerci, und er zeigt uns die Häuser, Herzen und Hirne seiner christlichen wie jüdischen Freunde mit jener pointillistischen Kleinkunst, wie sie dereinst die Manier großer französischer Maler war. Es soll und braucht nicht verschwiegen zu werden, daß der Autoi bei der Zeichnung jüdischer Menschen, Sitten, Bräuche, jüdischer Häuser und Feiertage, wie selbst jüdischer Irrungen und Wirrungen, vielleicht ein Körnchen Liebe mehr verwendet hat als bei der Charakteristik ihrer Gegenspieler. Aber man würde dem Verfasser Unrecht tun, wollte man ihm Ungerechtigkeit gegen die christlichen Mitbürger der Magnolienstraße vorwerfen. Er hat auch sie und ihre kennzeichnenden Eigentümlichkeiten wie ihre sporadischen Schwächen mit der gleichen allumfassenden Güte des Herzens gesehen und geschildert, die ihn offensichtlich aller Menschlichkeit gegenüber beseelt. Nur daß — wahrscheinlich unter H<«r Schwelle de« Bewußtseins — die Schulmanns und die Bergmanns, die Poysers und die Edelmanns, die Winbergs und die Winters, die Scipels, die Emanuels und Reb Feivel Fleisch sind von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein, und er sich um sie nicht besonders bemühen muß, während er den Derricks, der Jessie Wright, den Coopcrs, den Turnbulls und Tregunters gegenüber sehr bewußt Gerechtigkeit und Wohlwollen entgegenzubringen trachtet. Von der Synagoge bis zum Cheder, vom Rabbi und gelehrten Talmud-Chacham bis zu den Schabbos-Goitcn, schreitet Golding die beglückende Straße jener ganz großen Liebe, deren Ursprung und Ende im Blute und ausschließlich im Blute wohnen. Aber dem großen Künstler Golding ist es gelungen, nicht bloß diesem Gesetz der Liebe, das heißt den Trieben des eigenen Stammes hörig zu werden, sondern darüber hinaus eine menschliche Gemeinschaft in Duodezformat, eingefangen

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