Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 49 (7.12.1934)
- Date
- 1934-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968799-5969470--5307-4881092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 7. Dezember 19(4 verbunden mit einem naiven Stolze der unerreichbar höchsten Stufe göttlichen Wissens anzugehören, wird bei Breuer zu unerbittlicher, nach allen Seiten vorstoßenden Polemik, die sich siegreich auf dem Plane behauptet, aber viel Befremden und nicht geringe Bitternis zurückläßt. Doch keine Empfindlichkeit darf uns hindern, dem reinen Wollen des Verfassers gerechtzuwerden und anzuerkennen, daß I s a a c Breuer seine enge Plattform als einsamer Kämpfer bewundernswürdig zu verteidigen weiß. Breuer weiß um das Verlangen unserer neu zum Judentum vortastenden, jungen und auch älteren Menschen; er weiß, wieviel Skepsis, Schwanken und Schwäche ihrer in den verschiedenen jüdischen Gruppen harrt, die sich ihnen zur Wahl darbieten. Darum führt er seinen Sprecher, der freilich kein Meister, sondern ein im Laufe der Gespräche in seine Aufgabe hineinwachsender Jünger ist, mit Vertretern aller übrigen Richtungen zusammen, und läßt sie teils mit Spott und Ironie oder milder Herablassung, teils aber auch mit tief durchdachten, philosophisch bedeutsamen Darlegungen seine Überlegenheit fühlen. Ohne jedes Gewicht sind für seine allzu durchsichtige Einkleidung die meisten Namen: Alfred Roden, dessen Familienname diesen deutsehen Klang erst seit kurzem hatte, als Sprecher; der Sohn eines erfolgreichen, dem Judentum völlig emtfremdeten Bankiers (Werner Sombart würde ihn den jüdischen Willcnsmcnschen nennen), aber von der tiefen Sehnsucht ergriffen, dem urtümlichsten, vollwertigsten, allein vom Glauben her zu erfassenden Judentum zu begegnen, und sich ihm als Kämpfer an/uschließen. Farblose Partner stellen sodann die beiden Hauptgruppen des Zionismus und die in der Praxis strengen, in der Theorie skeptischen Orthodoxen ins Feld.; eine auch schriftstellerisch sehr anfechtbare Rolle ist den beiden Rabbinern einer Linheitsgemeinde, die das liberale und das konservative Prinzip einer solchen vertreten, zugewiesen. Uber dem Ganzen schwebt der Genius von Samson Raphael Hirsch, dessen Lnkel bekanntlich der Verfasser ist. Den genialen Begründer der jüdischen Neuorthodoxie begreift Breuer aus dem (ieiste des alten Meisters in Jehuda halcws Kusari. Und seine Anschauungen sind im wesentlichen noch die gleichen, die der spanische Dichterphilosoph hier vor StMi Jahren niedergelegt hat. Ls konnte höchstens Breuers Bestreben sein, zu beweisen, daß auch die Philosophie der seither verflossenen Jahrhunderte keine l'berwindung des Heidentums in seinen vielfachen Gestalten Kehracht habe. Er mußte zeigen, daß auch seither die Völker* geschiente ein grausames Schauspiel darbiete, eingehüllt in die „Lohe des Schwertes": das Los der Schwachen immer noch die Unterdrückung sei, und bei allen Fortschritten der Erkenntnis und der Technik das Kulturdefi/it beständig wachse. Das nachzuweisen konnte Isaac Breuer nicht allzu schwerfallen; dazu befähigt ihn kein scharfer Blick für die Mängel des Kantischen, wie des Hegclsehen Systems; dazu gelangt er als überlegener Kritiker von Marx - Lassalle gerade aus dem Geiste des Judentums heraus. Nicht zur Verständigung unter den Völkern und zum sozialen Frieden hin bewegt sich für ihn die (iegenwart, im Gegenteil, immer ferner dem jüdischen Ideal. Das genügt ihm, um reiner „voraussetzungsloser" Spekulation über Gott und Welt, Ethik und Wirtschaft die letzte Entscheidung abzusprechen und einen anderen, zuverlässigeren Ankergrund zu suchen. Er findet ihn in einem für ihn und seiner Meinung nach für jeden Juden unabweisbaren Willcnsakt: in der Bejahung seinrr uhern eturlirhen. d. h. nur von Gott bestimmten Geschichte. Breuer nennt seinen Standort ,,metahistorisch". Sein Ausgangspunkt ist nicht das allgemein menschliche, metaphysische Hinabtauchen ins Uncrf erschliche; er will die Mythologien um das, was vor allem war, und nach allem sein wird, nicht um eine neue vermehren; er will, vom Schicksal ins Judentum gebannt, aus diesem heraus seinen Sinn begreifen und lehren. Darum sagt er treffend: „Nicht beweisbar ist Gott, sondern beweisend; Quelle des Beweises ist Gott, nicht aber Mündung." Sein Erkennen ist eins mit seinem Wollen; sein Vertrauen auf (iott ist ihm das Ergebnis einer ethischen Tat. Wollen muß der Jude auch sein Volk, das seit dem Auszuge Abrahams aus götzendienerischem Land, Volk und Haus einen klaren, überirdisch bestimmten Weg zu einem ebenso vorausbestimmten Ziele zurückzulegen hat! Den stärksten Eindruck empfängt Breuers Held Alfred Roden vom 26. Kapitel des 3. Buches Mose! „Entsetzen ergriff ih n", dort das Schicksal seines Volkes i n Lande seiner Feinde, sei es in Babel oder in Rom oder u Deutschland, so klar und deutlich geweissagt zu finden, dail es ins Metaphysische weist. Jeder Dränger Israels ein Kronzeuge für die Wahrhaftigkeit der Schrift; die ganze Nation in der Verbannung ein höheres Wunder, ein Erlebnis für jedes ihrer Glieder, das sich von außen nach innen vollzieht; die am Ende stehende Rückkehr des Volkes, die noch nicht eingetroffen ist, der natürliche Schlußstein. Haben wir aber ein von Gott gesetztes üeschichtszh I, so bedurfte es eines bis ins Einzelne reichenden Programms. Nichts anderes ist nach Breuer die Sinai-Offenbarung und die von dort bis zu uns reichende, autoritative Tradition. Beide Denker, Jehuda halcvi und Isaac Breuer, kennen nur eine Offenbarung an uns, nicht in uns; auch nicht in den bevorzugttu Propheten, sondern allein von oben her. Für beide hat die Tatsache der größten Kundgebung Gottes an eine ganze Nation das unumstößliche Zeugnis der damals lebenden Generation für sich, das die heilige Schrift in glaubwürdiger Form bewahrt und das sich in das Gedächtnis der Jahrhunderte geprägt hat. Zuerst Erlebnis, alsdann glaubwürdige Überlieferung — eines mehreren bedürfe es nicht. Daß jene Offenbarung ein einmaliger Akt war, gleich der Weltschöpfung (wie der alte Kusari ausdrücklich lehrt) glaubt aucli Breuer, für den es Entwicklung nur als streng au das unverrückbaic Thorawort anknüpfende Auslegung geben darf. Für den heutigen Juden gilt, daß er als Mitglied seiner Nation der Idee nach bereits am Sinai gestanden und die Verpflichtung auf das Gottesgesetz mitübernommen habe. Gesetz, Volk und Land haben seit Abraham zusammengehört. Die Zeiten der Verbannung der Leiden und Prüfungen sollen nur die Sehnsucht steigern, diese von Gott gesetzte Dreiheit wieder zu erlangen. Darum genüge nicht Theodor Herzls Wort: der Zionismus ist die Rückkehr ins Judentum vor der Rückkehr ins Judenland; es muß heißen: die Rückkehr ins thoratreue Judentum. Religionsloser Zionismus bedeutet ihm ebenso Abfall vom Judentum, wie Liberalismus, zumal wenn dieser sich etwa in Negationen erschöpfen wollte (worin freilich sein West n durchaus nicht besteht). Und einen wunden Punkt trifft Brem;, wenn er spottet: Zionist kann man von heute auf morgen werden; ein Jude mit tahnudisehem Wissen nur in langjähriger Arbeit. Es ist hier nicht die Absicht, zu zeigen, wo die Darlegungen Breuers Angriffspunkte darbieten. Wir wollten vom neuen Lieht sprechen, das sich am alten entzündet. Da müssen wir bekenne.l, daß auch der Jude, der auf völlig anderem Boden innerhalb des gemeinsamen Judentums steht, vom neuen Kusari vielseitige Belehrung empfangen kann. Wenige werden z. B. mit Breuer die Wiederherstellung der Opfer im dereinstigen Tempel erwarten, tu d doch seiner schönen Deutung des alten Tieropfers beipflichte t. Wenige werden in den meisten Wundererzählungen der Schrift mehr als Volksdichtung erblicken; und doch Breuers feiner Unterschi idung der K o n s t e 11 a t i o n s-, der Kausalitäts- und der Intuitionswunder die Anerkennung nicht versagen. Aufschlußrei Ii und beherzigenswert für jüdische und nichtjüdische Leser sind Breuers Darlegungen über Sozialismus in biblischem Sinne; ftbet Nation und Völkerverbindung. In dieser Hinsicht wird Breuer au h das liberale Judentum ganz auf seiner Seite finden. Wenn Breuer schließlich einen Bund der Allergetreuesten inn rhalb der Thoratreuen gründen will, so ist es müßig, den Erfolg ocer Mißerfolg dieses Appells vorauszusagen. „Thora verknüpft mit Bildung" war die Parole von S. K. Hirsch; Breuer erweitert sie zum „Aufbau des jüdischen Volkstums in seiner 1 an d z u g e wandten Struktur unter der Herrschaft der Thora vor der Rückkehr ins Land". Ein weitgespannter Rahmen, in de» keines der Elemente fehlt, die zu organischer Einheit nur in langer, harter Arbeit verschmolzen werden können. Berichte über Gemeindesitzungen. Vom 1. November 1934. Herr Vorsteher Goldschmidt eröffnet die Sitzung mit einem Nachruf auf den ii die Ewigkeit abberufenen hochverehrten Herrn Gemeinderabbincr Dr. G o I um a n n, den die Versammlung stehend anhört. Er würdigt die geistigen und menschlichen hervorragenden Eigenschaften des Entschlafenen und ruft dem Heimgegangenen namens der Versammlung den Dank für seine außerorcfentlkhen Verdienste um die Gemeinde und die gesamte Judenheit in die