Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 47 (23.11.1934)
- Date
- 1934-11-23
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 23. November 193! Aires /. B. — einein sehr wichtigen Auswanderungspunkt — wird angegeben: Währung, Kosten für Wohnung and Verpflegung; Lebensmittelpreise; Kos'.sn der Bekleidung; ortsübliche Lohn- und Gehaltssätze; Steuern und Sozialversicherung (S. 11—42 des erwihnteh Kortespondenzblattes). Sehr wichtig ist es, dali der I lilfsvercin bemüht ist, in Verbindung mit den Eingewanderten zu bleiben, die ihn nun auf Grund Ihrer Ortskenntnisse und persönlichen Erfahrungen mit sehr wertvollen Auskünften versehen, die wir auch in den Korrespondenz« blättern in I orm von Briefen finden. Es sind dies lebendige Schilderungen der Verhältnisse, die für die Nachkommenden von besonderem praktischen und moralischen Wert sind. Briefe, die den Hilfsverein /. B. aus Kuala Lumpur in Hinterindien, aus Kampala in Uganda, Windhoek in Südwestafrika, Teheran und Mesehed in Peisien erreichen, liefern beredte Zeugnisse für die Pionierarbeit, die dor' geleistet wird. Aber auch aus den alten Einwanderungszentren, aus New York, Buenos Aires, Rio de Janeiro, Sao Paulo, Johannesburg, Kapstadt usw. kommt Nachricht von Neuankömmlingen, die bereits imstande sind, die in der Heimat zurückgebliebenen Familienmitglieder nachholen zu lassen. Die Umstellung ist oft übei aus schwer, die neuen Lebensbedingungen sind außerordentlich! hart, aber der Wille, sich /u bewähren, ist stark. Jüdisches Leben entsteht, wo es längst fast verschollen war, /. B. in Zentralamerika und Persien und in neu sich erschließenden Ländern wie Kenja (Britisch-Ostafrika). Wo jüdische Menschen leben, sei es in Oemeinden oder auch nur einzeln, finden die neu Einwandernden vielfach bei Glaubensbrüdern Hilfsbereitschaft und Entgegenkommen. Diese erhebende seelische Erfahrung hat manchen in der heutigen Not aufgelichtet. Und wenn solche Personen, denen durch den Hilfsverein ein guter Rat erteilt wurde, ihm aus der l erne ihrereits hellen wollen, andere zu beraten und zu stützen, so beweisen sie ihren unbeirrbaren starken Oemeinschaftswillen. Auller nach Obersee geht eine Auswanderung nach kontinentalen europäischen Ländern; aber es muß gesagt werden, daß die Aussichten für eine dauernde Niederlassung in Europa angesichts Die Bevölkerungsbewegung unter den Juden in Deutschland. Auf der Internationalen Büro-Ausstellung in Berlin (9.—16. September) wurden Veröffentlichungen des statistischen Reichsamts vorgeführt, die interessante Einblicke in die Bevölkerungsbewegung der juden gestatten. Den Berichten der Jüdischen Telegraphen- Agentur ist darüber folgendes zu entnehmen: Eine Gegenüberstellung der Zahlen von 1933 und 1925 läßt für Preußen eine Abnahme von 10,5 "o erkennen. Die Zahl der Juden ist von I I IIb auf 361 826 gesunken. Am schwächsten (7»n) ist die Abnahme .1 Berlin, was sich aus der Zuwanderung aus anderen Landetteilen erklärt, am stärksten in Schleswig-Holstein (25' n). in Ostpreußen (22"u), in der Grenzmark (19,2%) und in Pommern (ls.')",,). Die Gcsamtahiiahmc in der Provinz (Preußen ohne Berlin) beträgt 30 312, d. s. 13,20,,. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung Preußens ist von 1,06% im Jahre 1925 n:f 0,91 »,'o im Jahic 1933 zurückgegangen. In den einzelnen Provinzen Preußens hat dieser Ruckgang der jüdischen Bevölkerung zu erheblichen Verschiebungen geführt. Während bei der Volkszählung des Jahres 1925 über dem durchschnittlichen Anteil der jüdischen Bevölkeiung in Preußen von lj06o/o Berlin mit l,29"„ und Hessen-Nassau mit 2,2(111 ,i lagen, und nur die Grenzmark Posen-Westpreußen mit 1,03 0',, an den durchschnittlichen Anteil der Juden Preußens an der Gesamtbevölkerung fast heranreichte, betrug der jüdische Anteil an der Berliner Bevölkerung im Jahre 1933 3,78«o, in Hessen-Nassau 1,62",i. Dem durchschnittlichen Anteil von 0,91 <>o kam wiederum die Grenzmark mit 0,82% von allen übrigen preußischen Provinzen am nächsten. War im Jahre 1925 in der Provinz Sachsen mit 0,25" ii der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung der einzelnen preußischen Provinzen am kleinsten, so war 1933 Schleswig-Holstein mit 0,2011 ii die Provinz mit den wenigsten preußischen Juden. Die Abnahme der jüdischen Bevölkerung betrug dort 25'>■,. In Württemberg lebten nach der Volkszählung von 1925 10 827 Juden, d. h. 0.42% der Gesamtbevölkerung. Nach der Volkszählung von 1933 waren es nur noch 9938 Personen jüdischen Bekenntnisses oder 0,37% der Gesamtbevölkerung. Die Abnahme betrug wahrend dieser Jahre 889 Personen oder 8,2 "o. Ober die Verteilung der Juden auf Stallt und Land bzw. auf die versehr streng gehandhabter Aufenthalts- und Arbeitsverbote äußers: gering sind. Unter den ineist jungen Menschen, die sich nach de: kontinentalen Ländern begeben, machen diejenigen, die zu Aus bildungSZwecken — für Zwecke der Hachscharah — nach den östlichen Nachbarländern und auch nach Frankreich hinübergehen, eine recht große Zahl aus. Diesen Menschen, die sich erst umschichten, bevor sie endgültig auswandern können, werden vom Hilfsverein bei der Ausreise Zuschüsse gewährt. Zu erwähnen ist noch, daß der Hilfsverein die Bahnhofsfürsorge für die aus dem Osten durch Deutschland kommenden Aus Wanderer, sowie für die Rückwanderer aus Übersee, die den glei chen Weg nach ihren östlichen Heimatländern zurücklegen, weiter ausübt. Von dem Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof in Berlin wurden in den ersten 6 Monaten des Jahres 1931 6091 Aus- und Durchwanderer betreut und zwar 2641 Männer, 2323 Frauen und 1127 Kinder. Es handelt sich da um Interventionen bei Konsu Uten, Behörden, Schiffsgesellschaften, um die Besorgung von Qe päek und Fahrkarten, um Erfrischungen für die Durchreisenden, Fürsorge für Kranke usw. Hervorzuheben ist, dali die Beamten des Bahnhofsdienstes sich der Chaluzimtransportc, die von Litauen kommen und nach dem Anhalter Bahnhof weitergeleitet werden, besonders angenommen haben. In Leipzig war der Hilfsverein in den letzten 18 Monaten überaus tätig, was einem großen Teil unserer üemeindemitglieder nicht genau bekannt sein dürfte. So hat der Hilfsverein in 119 Fällen Zuschüsse in einer Summe von über Mk. 5000.— zur Verfügung gestellt. Von höherem Wert war auch die moralische Unterstützung des Hilfsvereins, seine Beratung und Information der Leipzig« Stellen, vor allem des Leipziger Sozialamtes und vieler einzelnei Mitglieder der Gemeinde, die sich schriftlich und mündlich an den Hilfsverein und seine Büros um Rat und Hilfe gewandt haben. Die Gegenwartsarheit des Hilfsvereins ist im obigen nur in großen Zügen skizziert; aber schon aus dieser Darstellung ergibt sich, wie sehr seine Arbeit Anerkennung und Unterstützung verdient. schiedenen Kommunalgrößen, gibt die Volkszählung von 1933 folgende Aufschlüsse: Während 24,58% der Gesamtbevölkerung in (ieineinden unter KHK) Einwohnern lebten, waren nur 10,28% der württembergischeii Juden - und zwar in 39 Gemeinden dieser Größenklasse von weniger als 1000 Einwohnern — ansässig. Auf diese Klasse entfielen insgesamt 1022 Juden. Die Gemeindegrößenklasse von 11 •' bis 10000 Einwohnern umfaßt mehr als -10»/o der Gesamtbevölk rung Württembergs, während von der jüdischen Bevölkerung nur rund 2011 ii mit 1969 jüdischen Einwohnern in 96 Kommunsigemein< den dieser Größenklasse vorhanden waren. In der Gemeindegrößenklasse von I0(KK) bis 100000 Einwohnern finden sich nur rund 2<)"ii der (iesamtbevölkerung, dageg n lebten über '_5<>o der Juden Württembergs — 2539 Juden — in 24 Gemeinden dieser Klasse. Die Gesamtbevölkerung in der Großstadt Stuttgart betrug 1933 414 791 oder 15,39% der gesamten württembergischeii Bevölkerung; demgegenüber konzentrierten sieh mehr als 41 ",u aller württembergischen Juden, nämlich 4408 I'' rsonen. in Stuttgart. In konfessioneller Hinsicht zeigen den veröffentlichten 1 rgebnissc der Volkszählung von Württemberg die anhalten k Schrumpfung der Synagogengemeinden. Von 160 Orten mit jüdischer Bevölkerung lebten in 130 weniger als 50 Juden, d. h. üi 130 von 160 Fällen (81.25 %) waren praktisch lebensfähige Synagogengenieinden nicht mehr vorhanden. Nur 17 Gemeinden mit zusammen 1305 Seelen erreichten eine Größe von 5(1 bis 100 Seelen pro Gemeinde, damit also die knappe Grundlage, die <las Eigenleben einer Synagogengemeinde erfordert. Eine noch ge* ringere Anzahl, nämlich 13 Gemeinden, hatten größeren Umfang. Auf diese fiel das Gros der württembergischeii Juden mit 7(>22 Seelen, von denen, wie sich aus obigem ergibt, über die Hälfte allein in Stuttgart ansässig war. In Baden lebten nach der Volkszählung vom Jahre 1921 24 064 Juden, d. h. 1,05% der Gesamtbevölkerung. Im Jahre 1933 war die jüdische Bevölkerung auf 20 617 Seelen oder 0,85 »o der gesamten Einwohner Badens zurückgegangen. Die Abnahme betrug 3447 Personen oder 14,3 <V0 . 20,70% der (iesamtbevölkerung Kr dens lebten in Gemeinden unter 1000 Einwohnern. Nur 4,51 % der badischen Juden - nämlich 930 Personen waren in 58 Gemeinden dieser Größenklasse vorhanden. In der folgenden Größenklasse von 1000 bis 10000 Einwohnern waren 40,40% der Gesamt-