Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 46 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 16. November 1<)H beseelen, intuitiver Gestaltungsdrang, der die Hand des Schiffenden leitet, tind oft entscheidend für die Wesensbestimmung des Künstlers. Das Wesen des jüdischen Künstlers ZU erfassen, liegt im Sinne der Zeit unserer Selbsterkenntnis und Selbstbesinnung. Die Entfaltung seiner Eigenart /u fördern, gehört /u den vornehmsten Auf- I. Innenraunt der Ausstellung mit Werken von I. Aschheim, Ch. Köbner, Kon und Manc Katz. Phot. C. Pfeiffer, Breslau. gaben unserer Oegenwart. Sich an dem Sehaffen des jüdischen Künstlers ZU erfreuen, heißt die eigene Sehnsucht nach höherem Erlebnis zu stillen. Deshalb wird trotz aller Mühsale unseres harten Existenzkampfes immer hörbarer der Wunsch nach kultureller und künstlerischer Leistung. Die Verbindung zwischen Publikum und Künstlern wird insbesondere durch Veranstaltung von Ausstellungen gefördert. Von solchen (iedanken geleitet, wandte sich vor wenigen Wochen der Breslaucr Verein Jüdisches Museum E.V. mit seiner „Ersten Ausstellung von Werken jüdischer Künstler in Deutschland aus Vergangenheit und Gegenwart" an die Öffentlichkeit. Schon diese erste Kunstschau genügt, um die bildnerische Phantasie der Juden erkennen zu lassen. — — In den Arbeiten der verschiedenen Generationen spiegelt sich ihre Umwelt und der jeweilige Zeitgeschmack; doch entbehrt keine einer persönlichen Note, die den Reiz, des Werkes hebt. Julius Muhr (1810—1805) sieht die italienische Landschaft in weichen Tönen und sanften Farben. Sie umfängt mit ihrem Liehreiz auch den zarten Knaben, der zwischen Gräsern und Blumen seine Flöte spielt. Der Maler war der Sohn des grollen jüdischen Gelehrten Ahraham Muhr und stammte aus Überschlesien. Er ist als Verfertiger der von Kaulbach entworfenen Fresken im Berliner Neuen Museum bekannt. Die vornehme Menschlichkeit des Künstlers tritt auch in seinen Bildnissen zutage. Der lyrische GrundtOfl seiner Bildnismalerei verbindet ihn auch mit dein Porträtmaler Moritz Oppenheim (l/W— 1882), der sonst durch lebensfrohe Sehilderungen aus dem alt-jüdischen Familienieben bekannt ist. Mit dem Franzosen Pissarro (1830— MOS), dem Holländer Josef Israels (1824—1911), den Deutschen Max Liebermann (geb. 1S47) und Lcsser Ury (1862- 1032) verbindet sich die Erinnerung an die Geburtsstunde und den Entwicklungsweg des Impressionismus und die Vorstellung vom intuitiven Kampf um die Macht des I khtes, um die I arliigkeit der Atmosphäre und um die eindringliche Sprache einer in Strahlen oder in warme Schatten aufgelösten Erichein ungsweft. Durch diese üestaltungsart klingen leise Untertöne durch, die das judisch Bedingte gleichsam ahnen lassen: Israels' stille Traurigkeit und Innigkeit in der Darstellung eines bescheiden begrenzten Lebens wurzeln wohl wie er selbst - - in dem Dasein des Judenviertels von Amsterdam. In die Vorstellungswelt des Grollstadtmalers Lesser Ury drängen immer wieder stark empfundene Bilder des Alten Testaments. Der scharfe Intellekt und (!:e ehrliche Sachlichkeit Liebermanns bezeichnen den Künstler w e den Menschen, den Sohn einer Berliner tirolikaufmannsfamilic. Die jüdische Begabung für Portritkunst, der wir bereits in den frühen Miniaturbildern begegneten, hält sich mit ungebrochen r Kraft bis in die Neuzeit. Die grolle Bildiiiskunst Liebermanns ist bekannt; in der nächsten Generation pflegt Lugen Spiro, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feierte, eine kultivierte Porträt< kunst. Er zeigt dabei eine empfindsame nuancenreiche Palette. Audi die Graphik, deren Ausübung den Juden besonders liegt, bemächtigte sich im wesentlichen der Darstellung des Menschen. So widmet i. B. Ernst Oppler seine verfeinerte Radierkunst der Wiedergabe des russischen Balletts, dessen bewegte Grazie im Gegensat] zu der sanften Ruhe eines Grat z e r sehen Kopfes stellt. Die expressionistsiche Exstase bildet nur ein Zwiseheustadium in der Entwicklung der jüdischen Künstler. Die Ausdrucksdynamik Ludwig M eidners weicht in den letzten Jahren einer frommen Verinncrlichung und Sammlung. Der Expressionismus der Farbe glimmt noch hie und da auf, wie etwa in dem Kopfe eines „Träumers" des jungen Zygmund Menkes oder des „Königs Saul" von Arno N a d e 1. Die aus dein Osten stammenden Künstler wie Chagall und Rachel S z a 1 i t verbinden oft eine mystische Vision mit der realistischen Schilderung des ostjüdischen Lebens. Wirl, lichkeit und UuWirklichkeit, das dumpfe Dasein des Qhetto und die alles befreiende chassidisehe Phantasie vermengen sich zu sonderbaren Erscheinungen. Diejenigen Maler, die ihre Tätigkeit nach Erez. Israel übertragen haben, schöpfen aus dem Boden unserer Väter gesunde Formungskraft und verstehen ein festes Bildgerüst mit einfaches Mitteln aufzubauen. Einprägsam schildern sie Leben und Zukunft Palästinas. Zu diesem Kreise gehören u.a. Struck, Steinhardt, Budko und Kulviansky. In der Breslauer Ausstellung sind die verschiedenen Gruppen jüdischer Künstler durch eine reiche Anzahl von Namen vertreten. 2. „Hirtenknabe'' von Julius Muhr, 1857. Pbol. C. Pfeiffer, Breslau. Es seien beispielsweise noch herausgegriffen: E. M. Lilien, Jtnkd Adler, Pascin, Martin Bloch, Isi Aschheim, Jos. B a I 9. Rud. Levy, Paula Grünfeld und W. Braun. Alle diese Künstler, die auf verschiedene Weise, jeder mit ei enen Voraussetzungen, Neigungen und Zielen ihre Werke schaff n, tragen bei zur Verwirklichung Idee der Kunst unseres Volkes. Dr. L B. Aschheii i. Unsere Gemeinde. Chewra-Kadischa-Fasten. Wie alljährlich, findet am 15. Kislew, das ist am Donnerstag, dem 22. November 1934, ein Chewra-FaMcfl statt. In diesem Jahr wird der Gottesdienst in der Ez-Chaim-Synagoge, Otto-Schill-Straße, abgehalten. Die Mitglieder versammeln sich morgens um 7 Uhr in der obengenannten Synagoge zum (lebet, bei welchem der Bedeutung des Tages entsprechende Sclichos eingeschaltet werden und wie am Fasttage Thoravorlesung stattfindet. N Anschluß daran begeben sich die Teilnehmer nach dem Friedhof, Berliner Straße, um auch dort die entsprechenden Gebete zu verrichten. Am Nachmittag findet um 4 Uhr der Minchagottesdienst