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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-10-19 · 42 (19.10.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
42 (19.10.1934)
Date
1934-10-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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|o. Oktober 1934__________GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 f lix (äoldiiiann — I;«ril«'rcr der lebendigen Kntn icklung «Ion Judentum« Die Kraft einer großen und starken Persönlichkeit ist auch il..rt wirksam, wo sie nicht an führender Stelle sichtbar wird. Die lulle seiner Arbeit und seines Strebens hat Felix Qoldmann dem Ziele gewidmet, das deutsche Judentum lebensstark /u machen. Diesem Ziele diente sein Kampf für das Recht des deutschen Judentums wie seine schriftstellerische und wissenschaftliche Leistung. Ober die Gruppierungen und weltanschaulichen Verschiedenheiten hinaus strebte er zur Einheit, die ihm als Vorbedingung erschien für die Lebenskraft des Judentums. Seinem ganzen Wesen, seiner wissenschaftlichen Einsicht und Miiicr religiösen Grundhaltung nach gehörte Goldmann dem religiösen Liberalismus an. Aber indem er den Blick auf das (ian/e gelichtet hielt, sah er auch die Grenzen des Liberalismus. Wenn diese wenigen Zeilen mehr bedeuten sollen als einen billigen Nachruf, dann gilt es, einige Gedanken üoldmanns hervorzuheben, die für die Auseinandersetzung innerhalb der religiösen liberalen Meinungswelt uns als für Goldmann kennzeichnend und für die religiös-liberale Bewegung als fruchtbar erscheinen. In einem Aufsatz, in dem er „die Grenzen des Liberalismus" .uil/eigen will, nennt er zwei Merkmale als charakteristisch für das Judentum. Es sei seinem Ursprung nach Offenbarungsreligion, seinetn Charakter nach Gesetzesreligion. Der Liberalismus, indem er die Oes Innung, das Gewissen, die Verantwortlichkeit weckt und befreit, ist immer in Gefahr, in Individualismus zu verfallen. Der Linzelmensch, der seinein Denken, seinen logischen Urteil vertraut, baut sich auf diesem Urteil seine \\ eM auf und macht sich damit zum Mittelpunkt und Herrn der Dinge. Indem Goldmann den Offenbarungscharakter des Judentums hervorhebt, weist er hin auf die Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit, liillt die Tatsache ins Bewußtsein treten, daß alle letzte, oder besser, alle erste Erkenntnis nicht Schöpfungsakt des Verstandes ist, sondern uns zukommt, ohne unser Tun, über uns kommt von einer Welt, zu der es für den erkennenden und schaffenden Verstand keine Zugangspforte gibt. Judentum verlangt die leelisctlC Bereitschaft, offen zu sein für solche Urerkenntnis, oder, in der Sprache der Religion zu sprechen, für das Wort (iottes. Jüdische Religion ist aber mehr als die wartende Haltung des Menschen, in der ihm Offenbarung zuteil, das Wort Gottes hörbar, die Qnade (iottes sichtbar wird. Der Mensch soll Antwort geben auf den Anruf (iottes. Und er antwortet durch seine Tat. Doch auch die Tat ist nicht vom einzelnen allein zu bestimmen, sie muß zur Tat aller werden, zum Leben der Gesamtheit sich gestalten. Als I eliensform des Judentums wird sie zum Gesetz, das den einzelnen verpflichtet Die Erfüllung des Oesetz CS, immer abhangig von der Kraft und dem Willen des einzelnen, gibt der Gesamtheit Leben und Einheit. Selbstredend gebraucht Goldmann die Begriffe Offenbarung and Gesetzlichkeit nicht im Sinne der Orthodoxie, „für die der (Vieubarungsbegriff sich /um Glauben an eine Verbalinspiration Umgewandelt, und aus dem Gcsctzlichkeitshegriff eine Herrschaft de- Gesetzes geworden ist''. Für ihn sind diese Begriffe vielmehr rii litunggebcnde Prinzipien und Instrumente der Entwicklung. In dem Hervortreten solcher Grundanschauungcn und I ordernden des Judentums hat Goldmann am Schaffen des liberalen Judi ntunts seinen Anteil, der um so wertvoller ist, als gerade dort, wo die Schwächen des Liberalismus sichtbar werden, seine Arbeit ■i - t/t und so fördernd und auf bauend wirkt. Aus der I ulkder G< anken und Anregungen, die von Goldmann ausgegangen sind, Sollte das eine Beispiel zeigen, wie er durch sein Schaffen zu den 1 r luern des Judentunis gehört. Sein Name wird unter den Lehrern des Judentums genannt werden, die durch den (ieist der Erki ntnis und der Liebe die lebendige Entwicklung des Judentums Bei rdert haben. Dr. Albert Wolf. Rabbiner Dr. Felix Goldmann s. A. hat vom Beginn seiner Li i'/igcr Amtstätigkeit an im Sächsischen israelitischen Gemeinde- Verband mitgearbeitet und, wie er jede jüdische Tätigkeit wichtig fall u, auch uns mit ganzer Kraft gedient. Er vertrat die Sächsische Rabbinervereinigung im Ausseist!!! und wirkte zunächst darauf hin, da 11 der Verband eine Organisationsforin erhielt, in der die religiösen und schulischen Belange der Sächsischen Judenheit lebensvoll?ur Geltung kamen. Dringt von der Tätigkeit des Verbandes an sich schon wenig in die Öffentlichkeit, so erfuhr "diese am wenigsten von der Fülle ■ei Arbeit, die Felix Goldmann im Verband geleistet bat, und die doei: so reichen Segen brachte. Sein Verdienst war es, daß vor Jshren die Verordnungen über den Schulbesuch an Sabbathen und [eieitagen geändert wurden und dadurch den Kindern die Heilig- Hhung von Sabbathen und Festtagen wieder ermöglicht wurde. Ata!! erwirkte er die Anerkennung der Bedeutung des jüdischen Religionsunterrichtes durch den Staat, so daß die Note für den •wMionsunterricht wieder Aufnahme in das allgemeine Schulzeugn,s gefunden hat. Mit größtem Eifer half er bei der Abfassung der sorgfältig ausgearbeiteten, umfangreichen Denkschrift, mit der unsere Forderung ■Ml Staatszuschüssen entsprechend denen, die die christlichen Religionsgesellschaften erhalten, begründet wurde. Einen Erfolg hat leider diese mühselige Arbeit nicht gehabt. Aber auch bei den allgemeinen Arbeiten und Beratungen des Verbandes beteiligte sich (i o I d in a n n mit der Regsamkeit und dem Sinn für das Praktische, die alle an ihm kannten.'' Dabei zeigte sieh so recht seine vielseitige Begabung, die über seinen eigentlichen Beruf hinaus sich auch auf Verwaltung und Rechtekenntnis erstreckte. Besonders warm setzte er sich für die Versorgung der infolge ihres Alters dienstunfähig gewordenen Beamten der Sächsischen Kleingemeinden ein, sie schulden ihm auf immer Dank. Wir werden künftig in unseren Körperschaften den Rat und die unermüdliche Arbeitskraft des Entschlafenen schmerzlich vermissen. Aber ganz besonders nahe geht es uns, dall wir diesen herrlichen Menschen verloren haben, den wir alle liebten. Er vereinte in sich Klugheit, Weisheit und Qrundgüte des Herzens. Dazu war sein ganzes Wesen durchtränkt von einem sonnigen Humor, der nicht zum wenigsten dazu beitrug, daß alle unsere Beratungen im Geiste der Versöhnung und des Friedens ausklangen. Sächsischer israelitischer Gemeindeverband. Carl Goldschmidt. Das Sein und Wirken einer so hochwertigen Persönlichkeit, wie es Felix Goldmann war, läßt sich in einem knappen Gedenkwort nicht erschöpfend würdigen. Wie später in l.eip/ig, hat Goldmann auch in den seiner dortigen Amtstätigkeit vorangegangenen zehn Jahren, den ersten seiner Arbeit als selbständiger Rabbiner, in unserer Kleingemeinde Oppeln nicht nur als Rabbiner, sondern auch als Menschenfreund und Helfer eines jeden zu reichem Segen gewirkt. Wir Wulften, was wir verlieren, als der Verewigte vor 17 Jahren nach Leipzig berufen wurde. Der 1<)()7 an erste Stelle vom Vorstaude vorgeschlagene und einstimmig von der Repräsentanz gewählte junge Rabbiner ging mit warmem Herzen und Pflichteifer an alle ihm obliegenden oder sonst von ihm als lebensnotwendig für das Gedeihen des Judentums im engeren und weiteren Kreise erkannten Aufgaben heran. Gottesdienst und Schule, Charitas im altjüdischen Sinne, Literaturverein, Fortbildung der Jugend, Ausbau der Wandererfürsorge, (iefangenenfursoi ge, mühevolle Forschungen im Interesse Passloser und in Aggunotnöten, die ungeheure Arbeit in den Lazaretten und im grollen Gefangenenlager auf dem Truppenübungsplatze Lamsdorf während des Krieges, sind Marksteine am Wege seines hiesigen Schaffens. Im Verkehr mit den Behörden und der Umwelt wahrte unser Dr. Felix Goldmann die Ehre der jüdischen Gemeinschaft. Ungeachtet seiner liberalen (irundeinstellung hatte unser lieber Freund volles Verständnis für die Belange der konservativen Minderheit, die Errichtung der (iemeinde-Sukkoh ist'seiner Initiative zu verdanken, Sein Wirken als Wissenschaftler wird von berufener Seite gewürdigt werden. Auch die 17 Jahre seit seinem Fortgange bewies er seine innige Verbundenheit mit unserer Gemeinde durch die alljährlichen Besuche, die stets ein freudiges Ereignis für uns waren. Wir danken ihm viel, sehr viel. Vorstand und Gemeindevertretung der Synagogengemeinde Oppeln. Georg Wiener. Salo Lewy. Felix Qoldmann war bei uns, nein, er war unser, die ganzen 17 Jahre seiner fruchtbringenden Wirksamkeit in Leipzig, bewährt in unserem Kreise wie einst im Oberschlesischen Rahbinerverband, wie als einer der stärksten Mitarbeiter im Hauptvorstand des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland. Die letzte Tagung unseres Verbandes fand in seiner Wohnung statt, wo er die (fliegen gastfreundlich bewirtete. Was er uns war, sollen wir nicht sagen. Er hat sich jede Ehrung verbeten. Wir brauchen es auch nicht auszusprechen. Es steht in der Thora, in der Sidra der Woche, in der wir den erschütternden, tief ergreifenden Abschied von ihm genommen haben. Lasen wir doch da von den „Toldoth" des „Zaddik" Noah. Sind die „Toldoth" der Sinn der ganzen Genesis, so bedeutet nach Rasehi die „Toldoth Noah's" seinen Ruhm, denn die Grundbedeutung der Toldoth von Gerechten sind „gute Taten", ist das ganze Leben des Rabbiners, der über die Kraft scliiei „gute Taten" geübt, ist der Satz, des weisen Spruchdichters: „Das Andenken des Zaddik ist zum Segen". Der Mitteldeutsche Rabbinerverband. Kahlberg, Halle a. d. S. Mit dem Hinscheiden unseres Kollegen Felix Goldmann-Leipzig verliert unsere Vereinigung ihren Begründer und stellvertretenden Vorsitzenden, ihren Hauptvertreter im sächsischen Israelitischen Gemeindeverband und ihren tätigsten Mitarbeiter. Er berief unsere Zusammenkünfte und führte die Protokolle, er formulierte die Beschlüsse und straffte die Besprechungen; er hatte stets Gewichtiges zu sagen. Seine außergewöhnliche Arbeitskraft, seine Hilfsbereitschaft und wissenschaftliche Leistung sind so auch unserer Vereinigung zugute gekommen. Darüber hinaus war er jedem einzelnen von uns ein hochgeschätzter Amtshruder, der aus der Vielseitigkeit seiner Persönlichkeit und seiner Tätigkeit stets wertvolle praktische und theore-

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