Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 42 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4876568-5968799-5969460--5246-4881038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 OEME1NÜEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSQEMEINDE ZU LE1PZIQ 19. Oktober 1934 tische Anregungen zu Beben hatte. Fett im Sachlichen und entgegenkommend in der Form, war er stets von echter Kollegialität in Gesinnung und Tun und auch uns gegenüber das beste Beispiel des praktischen Judentums, das er predigte und auch sonst betätigte. l'nser aufrichtiger Dank für alles, was er uns gewesen, folgt Ihm in die Ewigkeit. Die Sächsische Rabbiner-Konferenz. Prof. Dr. Winter. Fn*ereni Felix (.oDInmim. Wenn wir an der Bahre eines geliebten Menschen erschüttert den Linien seines Lebens folgen, dann überglänzen Dank und Liebe das Bild des Toten und die Gestalt steht überhöht vor uns. In der Stunde aber, da der Centraiverein von Felix Goldmann trauernd Abschied nimmt, braucht nichts gesagt zu werden, was nicht jeder von uns empfand, solange unser Felix Goldmann unter uns weilte. Er kam zu uns in seinen jungen Jahren, weil er zu uns kommen mußte: Ein kampferischer Mensch, ein glühender Jude, ein heimatverbundener Mann, ein geborener Führer. So folgte er seiner Natur, wenn er sich in die deutschjüdische Bewegung einreihte, um bald in Oberschlesien und spater in Sachsen ihr Führer zu werden. Sein wissenschaftlicher Forschungstrieb vermählte sich mit kampferischer Gesinnung, seine wache Aufgeschlossenheit für alle lebendigen Strömungen mit unbedingter Treue zur Bewegung. Mit geschliffenem Wort und scharfer kluger Feder verwandelte er seine Erkenntnisse in den Anruf der Massen. Hundert und aberhundertmal hatte er in allen Teilen Deutsehlands zu den Menschen unserer Bewegung gesprochen. Tausenden hat er im K. C. und im C. V. den geistigen Unterbau ihres deutschjüdischen Empfindens vermittelt. Wann immer wir ihn riefen, er war zur Stelle. Aufsätze, Broschüren, Bücher sind nicht nur Zeugnisse seines Wissens und seines Fleißes; sie sind Dokumente für sein stetiges Streben, den deutschjüdischen Menschen zu formen und seine Geltung in der Umwelt durchzusetzen. So gehörte er zum engsten Kreis der modernen Apologeten, die die Fackel der Wahrheit in die Bezirke dunklen Vorurteils trugen. Wir danken dem Kämpfer Felix Goldmann. Wir danken dem Führer. Aus gütigem Herzen strömte seine Liebenswürdigkeit, aus überlegener (ieistigkeit wuchs sein schlagfertiger Humor, der selbst die zornigsten Kämpen entwaffnete. Wenn einmal über einer Auseinandersetzung die Atmosphäre schärfster Spannung lug, dann mullte Gold mann sie leiten, um sie unmerklich überlegen in sachlich-freundschaftliche Aussprache zu wandeln. Dann dankte auch, wer nicht seines Sinnes war, für die Begegnung mit einer Persönlichkeit, deren Reiz und Grolle jeder empfand. Wir danken dem gütigen Freund, der sein halbes Leben in unserer Bewegung stand, sie mit geführt und sie bereichert hat. Junge Menschen werden sich an ihm ausrichten. Die Spuren seines Geistes, tief eingegraben in die Fundamente unserer Bewegung, werden nicht verweilen. Er war uns treu und wir werden ihm treu sein. Unsere Liebe sei unser Dank, sein Vorbild unser Ansporn! Justizrat Dr. Julius Brodnitz, Vorsitzender des C-V. Den C.V. traf die Nachricht vom Verscheiden Dr. Goldmanns wie ein Keulenschlag; war doch Felix Goldmann eine der führenden Persönlichkeiten unserer Organisation. Mit heiller Liehe hing er an dem Ideengut von Deutschtum und Judentum, und ihm, der, in London geboren, als Sechsjähriger nach Deutschland kam, war dieses Deutschland nicht eine zweite, sondern die Heimat geworden. Aufs tiefste wurzelte er im Innern im Judentum. Wenn irgend jemand wahres religiöses Gefühl in sich hatte, so war es Felix Goldmann, der in seinem ganzen Lebenswandel ein Mensch war, dem das Judentum Richtschnur seines Handelns war. Noch in seinem letzten deutsch-jüdischen Testament, das er vor wenigen Wochen, an der Stätte seines früheren Wirkens, auf Urlaub in Oppeln, geschrieben hatte, dem Werk „Deutsch-jüdische Existenz heute!", erklärte er, daii jüdisch* Religion nicht etwas Abstraktes sei, sondern täglich gelebt werden mUSSC und dal! jede jüdische Handlung an sich schon auf religiöser Grundlage basiere. Schon als Schüler des Berliner Sophien-Realgymnasiums und späterhin als Student setzte er sich für den deutsch-jüdischen Gedanken ein und wandte lieh aufs schärfste gegen jede Diffamierung des Judentums. Späterhin kämpfte er in starkem Malle gegen den Hochscliulantiscuiitismus und setzte sich für die Bestrebungen des K. C. ein. Das hatte zur Folge, da!5 dieser ihn zu seinem Ehrenmitglied erklarte und ihm eine führende Stellung einräumte. Im (.. V. war er seit Jahrzehnten einer der bedeutendsten Köpfe und Führer. Bahnbrechend waren seine wissenschaftlichen Untersuchungen über das Judentum und seine Umwelt. Eine grolle Reihe von wertvollen Werken ist seiner Feder entsprossen, so u. a. „Taufjudentum und Antisemitismus"; „Der Jude im deutschen Kulturkreis"; „Das Wesen des Antisemitismus"; „Der Talmud, sein Werden, sein Wesen, sein Wert!" Sein bedeutendstes Werk ist „Der Jude im deutschen Kulturkreis", das vor einigen Jahren im Philo- Verlag herauskam. Er hatte die Absicht, sein eben vollendetes Werk „Deutsch-jüdische Existenz heute!" im Buchhandel erscheinui zu lassen; das hat er nicht mehr erlebt. Unser Landesverband Mitteldeutschland verliert in ihm einen Führer, dessen ganzes Wirken auf den C. V.-Gedankui gerichtet war. Von den frühesten Morgenstunden bis tief in die Nacht hinein war Felix Goldmann oftmals für den C. V. tätig. A's im vorigen Jahr die Umwälzung kam, stand er unseren mitteldeutschen Freunden buchstäblich Tag und Nacht mit seinem wcis<n Rat und mit seiner ungeheuren Lebenserfahrung zur Verfügung. Keiner verließ ihn ohne Trost, keiner ohne Hilfe. Ein grundgütiger Mensch war der Verblichene, seelisch und wirtschaftlich hilfsbereit, weit über seine Kräfte hinaus. Was er unter ganz, persönlichen Opfern auf wohltätigem Gebiet geleistet hat, kann nur der ermessen, der sich an der Stätte seines Wirkens hiervon überzeugt hat. Seinen Mitarbeitern war er vorbildlich bn Arbeitskraft und in Gesinnung. Was er für seine Gemeinde und für die gesamte mitteldeutsche Judenheit auf seelsorgerischem Gebiet geleistet hat, ist Vollendung höchster Religiosität und höchsten Pflichtgefühls. Felix Goldmann ist dahingegangen. Um ihn trauern Zehntausende der deutschen Judenheit, sein Name verkörpert ein Programm. Er ist mitten im stärksten Wirken von uns gerissen. Noch vor wenigen Tagen lebte und webte er in der C. V.-Arbeit. Er ist eingegangen in die Geschichte des deutschen Judentums. Felix Goldmann, der immer Heitere und nie Verzagte, mahnt uns in der Stunde, in der wir von ihm Abschied nehmen müssen: „Arbeitet weiter im Sinne von Deutschtum und Judentum!" Kurt Sabatzky. Unserem Bandettbrnder Felix <>oldmunn zum (iSedaclitnlg. Wenn wir hier von Felix Ooldinann sprechen, so denken wir nicht an den Rabbiner und Seelsorger, nicht an den Prediger und Wissenschaftler, sondern an unseren Bundesbruder und Freund. Wir standen in einem ganz anderen Verhältnis zu unserem heimgegangenen Freunde als andere Organisationen. Wie Dr. Oold mann eine seiner Lebensaufgaben darin sah, der jüdischen Jugend Führer zu sein, so wandte er sich verständlicherweise mit einer besonderen Herzlichkeit der studentischen Jugend zu, zu der er sich bis zu seinem letzten Atemzuge selbst zählte. Was ihn zunächst in unseren Bann zog, waren die K. C.-Idcalc d. h. der Kampf um die Gleichberechtigung der deutschen Jüdin auf deutscher Erde, für die er sich sein ganzes Leben eingesetzt hat. So wurde er seinen jungen Bundesländern auf der Hochschule, die sich dort seit Jahrzehnten stärkster Anfeindung atisgesetzt sahen, in besonderem Maße ein Freund und Führer. Kaum ein Entschluß von Bedeutung wurde gefaßt, ohne daß Goldmann um Rat gefragt wurde, ohne daß er ihn gutgeheißen hätte. Kun Weg, keine Arbeit wurde ihm zuviel, wenn er damit die Möglichkeit verbunden sah, seinen jungen Freunden hilfreich zur Seile stehen zu können. Besondere Verdienste hat er sich jedoch um des K. C. in jenen schweren Kriegsjahren erworben, als die studentische jüdische Jugend ins Feld geeilt war, er die Schriftleitung der K. < •■ Blätter übernahm und damit den Zusammenhang zwischen den in alle Welt verstreuten Verbandsbrüdern aufrecht erhielt. Auch il späteren Jahren, als er längst seine Ämter niedergelegt und Jüngeren Platz gemacht hatte, blieb er einer der geistigen Führer inn rhalb des K. C. Es war uns stets eine besondere Genugtuung, daß wir ihm füf die aufopferungsvolle Hingabe zu einem kleinen Teil wenigstens insofern danken konnten, daß wir alle, vom ältesten Bundesbruiicr bis zum jüngsten ihn mit einer Liebe und Verehrung umgaben, dk ihn in unserem Kreise ganz besonders heimisch werden ließen. In unserem jugendlich-frohen Kreise suchte und fand er Entspannt! tf von den Mühen und Sorgen, die sein Beruf ihm brachte. Hier fand er unter verständnisvollen und glcichgesinnten Freunden die Möglichkeit, all das an Würden und Bürden von sich abzustreifen, was ihm im Amt unlösbar anhaftete. Unvergessen die Stunden fröhlicher Kommerse, da er in jugendlichem Übermut mit dem (jüngsten l uxen wetteiferte und einem jeden von ihnen mit einer Selbstverständlichkeit das brüderliche Du anbot. Nur wer Goldmann VC* dieser seiner menschlichsten Seite aus kennenlernen durfte, kann dk Lebendigkeit und Frische hegreifen, die so bezeichnend auch für!i'- kleinste seiner Arbeiten war. Es ist kein Wunder, dali uns I i" früher Heimgang in ganz besonderem Maße erschüttert hat. Freundschaft, Ehre, Mannesmut! Nach diesem unseren Wahlspruch hat er gelebt und gewirkt, m'cht nur in unserem Kreise: Freundschaft, die er dem Jüngsten von uns spontan entgegenbrachte, die sich in steter Hilfsbereitschaft äußerte. Eine, die er uns jederzeit mahnend ans Herz legte, als Mahnung zur Würde und Opferbereitschaft, Mannesmut, den er wie kein anderer besaß und bewies. Er wird uns unvergeßlich sein! Althcrrenverband „Saxo-Bavaria" E.V. Dr. Luft. Die Vereinigung für das religiös-liberale Judentum betrauert in Felix Goldmann einen ihrer besten Söhne, und der Schreiber dieser Zeilen einen seiner ältesten Freunde und Mitarbeiter in jüdischer Arbeit. In ihn waren gesenkt die beiden tiefen Wurzeln eines echten religiösem Liberalismus, ein zur Tat drängendes, religiöses Gemein-