Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 42 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4876568-5968799-5969460--5244-4881036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIO 19. Oktober 193 Hie Finsternis des UnWittens bei Jungen und Alton aufzuhellen, war er unablässig bemüht durch Lehren in Gotteshaus und in Schule und seinen ganzen Eifer wandte er auf, um /u bewirken, dall die Kenntnis um unsere heilige Lehre in Stele und Geist des heranwachsenden Geschlechtes Grundlage jüdischer Zukunft werde. Der Finsternis der Vorurteile und der Ungerechtigkeit gegenüber unserer Lehre und unserer Gemeinschaft galt sein leidenschaftlicher Kampf. In Wort und Schrift trug er Wesentliches /ur Klarung und Aufklärung bei; mit der gan/en Festigkeit einer mutigen Tatkraft set/te er sich für die Anerkennung der Ehre des Judentunts ein und stand mit in den ersten Reihen der Bewegung, die in Stolz aut unsere angestammte Lehre und auf die Bewährung unserer Gemeinschaft in vergangenen und gegenwärtigen Zeiten Gerechtigkeit für Juden und Judentum erringen will, indem in die Finsternis des Mißvcrstchens das helle Licht wahrer Würdigung getrieben wird. L'nd verscheuchen wollte Dr. Goldmann das Düster aus den Seelen der Bekümmerten und Versorgten. Ein echtes Verstehen für alle Nöte, die den Menschen bedrängen können, öffnete ihm die Herzen und Hell ein Band des Vertrauens knüpfen, das die Gebeugten wieder aufrichtete, den Vergrämten die Hoffnung wiedergab, das sie wieder mit hellem Blick in die Tage schauen ließ. Als Lichtträger wirkte unser Dr. Goldmann. Und es kommt vielleicht dem Empfinden dieser Stunde am nächsten, wenn wir sagen: in diesem Wirken hat er sich selbst geopfert. Oft hat er in seiner Predigt und in seiner Mahnung bei der Errichtung von Hilfswerken die Forderung wirklichen Opfers, wie es in der Schrift geboten wird, erhoben: odom ki jakriw mikein, wenn ihr ein Opfer darbringt, dann darf es nicht nur ein Geben sein: Mehr tun, als nur eine Gabe darreichen, hingeben, indem man sich eines Stückes entäußert, dessen man seihst bedürfte, selbst Verzicht leisten, sich einschränken, das erst ist Opfer, wie es unsere Lehre meint. Und so hat Dr. Goldmann geopfert, Opfer gebracht an Zeit, an Kraft, ideell und materiell, Muße und Ruhe hat er geopfert, nicht an sich selbst gedacht, nur an die Aufgabe, die /u lösen war. Geopfert hat er sich selbst, wenn es galt, Hilfe zu bringen. Darum hat er den seinen Rat Heischenden auch in Stunden der Nacht sein Ohr geliehen, den Sorgeerfüllten /u jeder Zeit seine Muhen und seine Stüt/e gewidmet. Geopfert hat er sich für die Einrichtungen, die die Wohlfahrt der Ein/einen erstreben, und der anderen, die die Belange der jüdischen Gesamtheit, ihre geistige und ihre rechtliche Sicherung im Auge haben. Geopfert hat ei sich auch, indem er sich unentwegt für das von ihm als recht Er kannte eingesetzt hat, auch wenn er auf Gegnerschaft stoßei mußte. So hat er sich /.ur Entgiftung der Gegensätze zwischen den Gruppen und Parteien innerhalb der Gemeinde bekannt und besonders für den Ausgleich /wischen West- und Ostjuden gewirk: und willig Verkennung seiner großen Gedanken und Ablehnung seiner Bemühungen auf sich genommen, bis es ihm dann dani seiner Unentwegtheit gelang, bahnbrechend zu wirken. Und so Kai er auch den Aufbau von Erez Jisrael unterstützt, /u einer Zeit, als man mit solcher Anschauung vielfach noch auf Vcrständnislosigkeit stieß, als noch nicht, wie heute, jeder Jude, in dem noch echte: jüdisches Gefühl lebt, erkannt hatte, welche große Bedeutung da Land der Väter hat, nicht nur als der Boden, auf dem unsere Lehr' gewachsen ist, sondern auch als das Land, das vielen, vielen ein« neue Gegenwart gibt, und vielen eine neue Zukunft bieten wird. I i hat auch darin den Kampf nicht gescheut, nicht geachtet dei Kräfte, die er erforderte: denn das erst war ihm rechtes Wirken, das Opfer mit sich brachte. So hat er im Opfern sich aufgezehrt und ist im Opfern so früh dahingegangen, viel zu früh für uns alle, für die Seinen, für Unsen Gemeinde, für das deutsche Judentum. Und es liegt eine tiefe Tragik darin, daß wir ihn gerade heute ZU seiner Ruhe geleiten, an dem Tage, au dem er langgehegten Wunsch sich erfüllen zu sehen hoffte, an dem er die Reise nach Palästina anzutreten gedachte. Es sollte ihm nicht mehr beschieden sein. Statt in das Land der Väter zieht er nun in das Land ein, in dem es keine Sehnsucht, keine Wunsehe gibt, in seine Ewigkeit Uns bleibt nur, trauernd und wehmutsvoll ihm unseren Dank mitzugeben in seine Ruhe: borucii atto b' wauecho, gesegnet warst du bei deinem Kommen. Als unser verewigter Dr. Goldmaiin in diese Gemeinde kam, brachte er in sie den Segen seines Wirkens, den Segen, den er in all die Tausende von Herzen säte; ihre Uetx und Verehrung brachten sie dem Lebenden als Dank dar und gaben ihm damit auch in schweren Stunden die Kraft, zu über winden. Und Liebe und Verehrung geleiten ihn in dieser Stunde uworuch atto be/eßeeho, gesegnet sollst du auch sein, da du scheidest. Der Styjcn, der von ihm ausströmte, soll unvergessen bleiben, der Geist seiner Persönlichkeit soll und wird nachwirken in unserer Mitte: das wird der Segen sein, mit dem er von uns geht. Amen. Rabbiner seiner Gemeinde war Felix Goldmann; er hat ihr mit ganzer und steter Hingabe gedient, und er erblickte in ihr seinen Platz. Aber er war zugleich ein Rabbiner des deutschen Judcntums geworden durch seine Leistung sowohl wie durch einen bestimmenden Zug seines Wesens. Denn er hatte die Gabe und den Willen, das Ganze früher und lebendiger zu sehen als den Teil, und er sah darum stets den Teil im Ganzen, als Bestandteil des (ianzen: seine Gemeinde im deutschen Judentum und im deutschen Lande, sein deutsches Judentum im Klall Jissroel, in der Gesamtheit Israels, sein Heimatland in der Menschheit. Daher hat er es vermocht, ein gerechter Mensch zu sein; denn das ist doch Gerechtigkeit, das Ganze, das Eine, das Verbindende zu begreifen, das zu erfassen, was über dem Einzelnen steht, über seinen Wünschen und seinen Nützlichkeiten, und mehr ist als der Einzelne. In allem, was Felix Goldmann dachte und wollte, sprach diese wahre, echte Gerechtigkeit, und in ihr hat sich darum dieses Doppelte geeint: sie war das Kämpferische, das Fordernde und Entscheidende seines Wesens, die eifernde Sehnsucht und Wahrheitsliebe seines Lebens, und sie war zugleich die tiefe Wärme und Herzlichkeit seines Persönlichen, das heiße Verlangen, zu helfen, das in ihm war und ihn immer bewegte. So war sein Denken denn auch; in der Schärfe, in der eindringenden Prägung suchte es Ausdruck und Form, und im Geniute, in der Innerlichkeit hatte es die Wurzel. Ein jjutiger Mensch der Gerechtigkeit, das war Felix Goldmann oder, um es mit einem Worte des Propheten (Jesaja ItJS) zu sagen: „mehir zedek", „einer, den es zum Rechten trieb". L. Baeck. Rabbiner l>r. Felix <*oldmann nnd die Jugend von Rabbiner Dr. Carlebach. In diesem für die judische Gemeinde Leipzig so schicksalsschweren Tagen ist mir vor allem eine besonders ernste Trauer und tiefe Ergriffenheit über das uns allen so unverständliche Walten der göttlichen Vorsehung bei der Jugend, auch den kaum dem Ktndesaltei entwachsenen Knaben und Mädchen aufgefallen, und ich fragte mich, worauf wohl die Bindung der jüngeren Menschen an einen Mann beruhte, dessen Beruf und Lebensaufgabe doch etwas abseits lag von dem, was meist das Herz der Jugend erfüllt und ihren Sinn begeistert. Die Jugend strebt nach Freiheit, sie fühlt einen mächtigen Drang nach Selbständigkeit, der Vertreter der Religion muß aber Anerkennung religiöser Pflichten verlangen, Unterordnung unter das Diktat der ewigen, unverrückbaren Forderungen des göttlichen Sittengesetzes und der im Namen Gottes Ansprüche Stellende pflegt eher den Widerspruch als die Zustimmung junger Menschen zu finden; warum waren doch die herzlichen und aufrichtigen Beziehungen zwischen der Jugend unserer Stadt und dem Rabbiner, der da mit so tragischer Plötzlichkeit aus der Well gegangen ist? Ich glaube, das Geheimnis der Kraft, die Dr. Goldmann ausstrahlte, und der Wirkung, die er auf jung und alt ausübte, lag in der Fähigkeit, die vielen sonst klugen und . das Endziel klar in Auge fassenden Leuten abgeht, fest und bestimmt zu sein in de, Sache — aber sanft und entgegenkommend in der Form. Er batt< eine Art, sich zu geben, zu sprechen und ZU verhandeln, dk' nie manden verletzte, und dali er das fertig brachte, diese größte Kunst so meisterhaft zu handhaben und alle Klippen zu vermeiden WUÜti. an denen so viele andere auch hei bestem willen scheitern, das vei dankte er einer seltenen, ihm in reichem Maße verliehenen Gottes* gäbe - seinem Humor. Er hatte einen geradezu sprudelnden Humor, mit dem er jed< Rede, jede Unterhaltung, jede Disputation, auch die Verhandlung über ernste Probleme würzte. An seinen Ausführungen war im im das Humorvolle auch das Treffendste und das am meisten Oberzeugende. Sein Humor war kein Sarkastnus, war nicht so wie bei denen, die einen geistreichen Witz machen aber dabei Komödi spielen, die im Herzen traurig, im Gemüte verdüstert sind, währen.I das Scherzwort über ihre Lippen geht. Er hatte eine frohe un<l heitere Lebensauffassung, die für ihn selbst dem vielfach tragische i Geschehen seines Lebens den Stachel nahm. Wir wissen alle, dall so mancher Schatten über seine Lebensbahn huschte, daß er mit Trübem und Widerwärtigem Bekanntschaft machen mußte in eine i Grade, der einen anderen niedergedrückt, ihn verdrießlich gemacht, mit seinem Schicksal überworfen hätte; er kam mit Humor, mit einer unverwüstlichen Frohnatur über alles hinweg. I r konnte leiden ohne zu klagen und noch mehr, ei konnte leid; l, ohne sich in seinem Schaffen und Wirken, im Leisten und Arbeit* n heitren und beeinträchtigen zu lassen. Diese inenschlicheGröße ist wohl schon der Jugend, soweit sie dem Heimgegangenen irgendwie nah - gekommen ist, aufgegangen. Ihr besonders darf er hierin als leuchtendes Vorbild gelten. Die Jugend hat gegenwärtig mit so viel Hemmungen und Hindernissen zu kämpfen, sieht ihren Weg in die Zukunft, ihr Strebes nach Fortkommen und Fortschreiten in geistigem und wirtschaftlichem Sinne tausendfältig verbaut und verrammelt, — sie bed:irf mehr denn je eines kräftigen Mittels, um nicht zu unterliegen, sondern Mut und Hoffnung aufrecht zu erhalten, Da möge sie an des Humor denken, mit dem der selige Dr. Goldmann sich selbst und alle Menschen, die in seinen Bannkreis kamen, beglückt hat. Di* Trauer der Jugend ist ehrlich; man darf ihrem (ielöbnis glauben, daß sie diesem geist- und humorvollen Vertreter des Lehrstandes in Israel eine immer ehrende, dankbare Erinnerung bewahren, daß sie ihm im Herzen ein Denkmal errichten werde, dauernder als Erz.