Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 41 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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12. Oktober 1934 QEMFINDER!.ATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIQ Seite 3 der Zuversicht, die dem Glauben entspringt So versuchte er uns zu festigen für das neue Jahr, von dem er so bald Abschied nehmen sollte. Es war, als hätte er schon etwas vorausgeahnt, SO unvergleichlich schöne, so warme und innige Worte schenkte er uns in dieser heiligen Stunde. Glaube und Liebe, das waren die Leitsterne seines segensreichen Wirkens. Glaube an das Leben lind an den Menschen, und Liebe ZU den Menschen und zum Judentum. Und aus diesen edlen Grundsteinen erwuchs seine schier uncrschöpfllche Güte, die alle, die ihn kannten, üi tiefer Verehrung ,u ihm aufblicken ließ. Verehrung und Dankbarkeit, die entströmen diesen Hunderten Herzen und erfüllen den heiligen Raum mit der Wärme ewiger Liebe. In diese ehrfürchtige Stimmung steigen sanft die Töne der Orgel hernieder; gewaltig, als wollten sie die Welt /um Zeugen anrufen für unseren Schmerz, und dann ganz leise, — als wollten sie ihn hinübersingen in den ewigen Schlaf. Eine schlichte Trauer* feler beginnt, — schlicht, wie er war und wie er wirkte. Klage dringt zum Himmel, und Trost erbitten wir. Tiefe Klage aus wunden Seelen, und doch schon Vertrauen auf göttlichen Trost. „Adaunoj mo odoin", — aus gewaltiger Erschütterung erheben sich die traurigen Worte. Und bis aufs Innerste ergreifend singt sodann Herr Oberkantor Lampel das „Sei still", leise, verhalten — in die weinenden Herzen. „Enausch kechozir jomow", von der unabänderlichen Vergänglichkeit des menschlichen Daseins klagt der Svnagogenchor, und dann steigt feierlich, vor geöffneter Lade, das „El mole rachamim" (Kantor Jaffe) zum Himmel, bittend für unseren großen Toten, und umklammert unser Herz in bangem Weh. Längst schon ist das ernste Nachspiel der Orgel verklungen, aber die Beklemmung weicht nicht von uns, wissen wir doch, wir müssen nun einen unserer Besten von der Stätte seines Tuns zur Stätte seiner ewigen Ruhe geleiten. Der traurige Zug bahnt sich seinen Weg hinaus an den Ort des Friedens. Bis weit vorher stehen die Getreuen, Hunderte und Hunderte, und erwarten ihren toten Führer. Die Jugend, die ihren I ehrer und Meister verloren hat, bildet das Ehrenspalier. Noch einmal schließt sie die Reihen um ihn, der so oft in ihrer Mitte weilte. Sehnsüchtig geht der Blick dieser Jungen und Mädel dem m heidenden Sarge nach, als hätten sie etwas verloren, was sie nie wiederfinden können. Wo ist, der uns geleitet? Der uns Mut gab und Kraft, uns Jungen! Und der uns Hoffnung gab und Vertrauen, uns Alten! Fast scheint es, als wollten sie ihn festhalten, so dicht schart sieh die Menge um den Wagen. Die große Friedhohhalle faßt kaum einen Teil von ihnen. Da sitzt seine grolle Gemeinde und will Abschied nehmen. Alle wollen dabei sein, denen er etwas bedeutete. Und wein bedeutete er nicht etwas? Wie vielen bedeutete er alles! Da sind die Kollegen von nah und fern, die ihn ichätzen und achten gelernt, da sind die Delegierten so vieler Gemeinden, die seinen Rat und seine Hilfe gesucht und gefunden haben, und da harrt seine Gemeinde, die ihn lieben gelernt. Zwei große Lautsprecher übertragen die Feierlichkeit auf den Rasenplatz hinter der Halle, wo schon seit Stunden die Menschen warten. In atemloser Stille beginnt der weihevolle Akt, wieder schlicht, — wie beim einfachsten jüdischen Mann. So hat er's initiier gewünscht. Der Chor der Ez-Chaim-Synagoge beginnt die Liturgie, Kantor- Sesang setzt sie fort. Das verhaltene Weinen so vieler bildet die cgleitmusik. Und dann spricht Rabbiner Gustav Cohn. Kaum vermag er die eigene Bewegung zu meistern und soll doch Ausdruck geben dem, was die ganze Trauergemeinde bewegt. Aus seiner tiefen Ergriffenheit findet er herrliche Worte für seinen verehrten toten Amtsbruder. Von der gewaltigen Trauer spricht er, die das Hinscheiden unseres Dr. Felix G o I d in a n n in der ganzen deutschen Judenheit hervorgerufen hat. Von dein reichen Leben dieser großen Persönlichkeit erzählt er. Wie er das Thorawort erfüllt hat, Licht zu bringen in die Finsternis, in die Finsternis der Gegensätze und des Unvcrstehcns. Sein ganzes Sein diente der jüdischen Sache. Kraft und Zeit, ideell und materiell hat er dieser Aufgabe geopfert und hat so frühzeitig verbraucht, was ihm die Natur gegeben hatte. Wie er so oft von uns allen gefordert hatte, wirklich zu opfern, wenn wir opfern wollen, so hat er sich selbst aufgeopfert. Stets — und nicht erst heute — hat er den Wiederaufbau Erez Israels als ein hohes Ziel hingestellt, und ganz besondere Tragik des Geschicks ist es, daß wir ihn gerade an dem Tage zu Grabe tragen, da er die Reise ins gelobte Land antreten wollte. Nun hat er die Reise angetreten in jenes ewige Reich, wo irdische Wünsche nicht mehr gelten. Scharf ätzen die Worte des Herrn Rabbiners in die noch klaffende Wunde; unser Herz weint auf vor bitterem Schmerz. Nur eins kann Trost bieten über den allzu frühen Tod: zu schauen auf Unser hochverehrter langjähriger Vorsitzender und Ehrenmitglied Herr Rabbiner Dr. Felix Goldmann ist am Sonntag den 7. Oktober 1934 zur ewigen Ruhe eingegangen. Den schmerzlichen Verlust den wir erleiden, können nur die ermessen, die seine Liebe zu unserem Verein und seinen Mitgliedern, seinen nie versagenden Ratschlag und seine treue Pflichterfüllung kannten. Wir werden seiner stets in Treue und Dankbarkeit gedenken. Leipzig, den 8. Oktober 1934. Hilfsverein Israelitischer Gewerbetreibender (E.V.) Leipzig Unser hochverehrtes, liebes Mitglied Herr Gemeinderabbiner Dr. Felix Ooldmann ist am 7. Oktober in die Ewigkeit eingegangen. Unser Verlust ist unermesslich, er hat sich stets für unsere armen Schwestern und Brüder aufgeopfert. Sein Andenken wird nie erlöschen. Verein Linas Hasedek Der Vorstand: Josef Sternheim Wir beklagen den Heimgang unseres verehrten Vorsitzenden Herrn Rabbiner Dr. Felix Goldmann Sein menschliches Wesen und unermüdliches Schaffen bleiben uns dauerndes Vorbild. Gesellige Vereinigung deutsch-jüd. Berufstätiger Ein unerbittliches Schicktal entriß uns unsern Ehrenvorsitzenden, den von uns hochverehrten Herrn Gemeinderabbiner Dr. Felix Goldmann Wir verlieren in dem Dahingeschiedenen den geistigen Führer, den treuen Kameraden, dessen Einsatzbereitschaft und Hingabe für unsere junge Bewegung uns allezeit ein leuchtendes Vorbild sein soll. In tiefer Trauer Hund Den tneh-jüdischer Jugend Ortsgruppe Leipzig.