Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 41 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 12. Oktober 193^ Naturwissenschaft oder was immer. So konnte er in seinen Predigten Immer aktuell sein, in seinen /ahlreichen Aufsätzen in Zeitschriften wie in einer stattlichen Reihe von Broschüren und grundlegenden Schriften immer Wesentliches sagen, was /ur Klärung innerhalb und Aufklärung auch außerhalb unserer Reihen ungewöhnlich viel beitrug. Noch im letzten Sommer verfaßte er eine (demnächst erscheinende) Schrift: „Deutschjüdische Existenz heute", die die früher erschienenen, vielbeachteten und geschätzten Werke: „W esen des Antisemitismus" (2. Aufl. 1925) und „Der Jude im deutschen Kulturkreise" (1930) fortsetzen dürfte. Es zeugt für die erstaunliche Arbeitskraft Dr. Goldmanns, daß er, neben einer so umfangreichen Wirksamkeit in den praktischen Aufgaben des Rabbinats Zeit und Konzentration zu finden wußte, um seinen Willen zu geistigem Schaffen so erfolgreich zu verwirklichen. Diese seine geistige Leistung war durchaus und immer wieder auf die lebendigen jüdischen Aufgaben gerichtet. Denn ihnen galt Dr. üoldmanns ganzes Sinnen. Mit klarem Blick sah er überall, was für Juden und Judentum notwendig war. Wo immer ihm eine Aufgabe begegnete oder an ihn herangebracht wurde, wußte er die .Wittel zu ihrer Durchführung aufzuzeigen und ihnen Wege wirksamer Förderung zu weisen. Und da sich in ihm stets Bereitschaft, sich keinem Rufe zu entziehen, mit dem Mute zu entschiedenem Einsetzen seiner Persönlichkeit paarte, ist die Zahl der Organisationen, denen er eng verbunden war, außerordentlich groß und ihnen allen war er wie ein Vater. Als ein Weiser gestorben war, fragte man einen seiner Schüler, der dem Lehrer besonders nahegestanden hatte, was dem Meister als das Wichtigste am Herzen gelegen habe. „Immer das," antwortete der Jünger, „womit er sich gerade abgab." Diese Einstellung kennzeichnet, ein wenig übertragen, auch Dr. Goldmanns Wirken. Eine jede Körperschaft, der er seine Arbeit widmete, hatte die Empfindung, als gehöre ihr sein Herz am meisten. Daher dieser edle Wetteifer aller, ihn für sich in Anspruch zu nehmen: er war ihnen wie der Vater, der jedem seiner Kinder das gleiche Maß von Liebe zuwendet, jedem die ganze Fülle seiner Erfahrung, seiner Umsicht, seiner Fürsorge zuteil werden läßt. Und in fast noch höherem Maße wetteifern Hunderte und Tausende von Mitgliedern seiner Gemeinde in dem Anspruch, ihn als ihren Freund bezeichnen zu dürfen. Sein Herz war immer aufgeschlossen für jeden Menschen, der ihm vertrauensvoll sein Herz, entgegenbrachte. Weit über den Kreis unserer Gemeinde hinaus gewann er sich durch das verständnisvolle Eingehen auf die Interessen der Menschen ein Maß von Verehrung und Freundschaft, wie es ntu ganz selten Menschen zuteil wird. Auf Dr. Goldmnnn trifft das Wort zu, daß um ihn eine Trauer wie um einen nahen Angehörigen Platz gegriffen hat, eine Trauer, die die ganze Gemeinde erfüllt. Vater war er den Armen, die ihm unermeßlichen Dank wissen. Vater den des Rates Bedürftigen, die nie ohne Hoffnung von ihm gingen. Als den Verlust des „Vaters der Gemeinde" empfinden Hunderte von Freunden, die im nahen Umgang mit ihm seine Hilfsbereitschaft kennenzulernen Gelegenheit hatten, seinen Heimgang. Kaum können wir es fassen, daß unser Gebet für das Leben Dr. Goldmanns, das in den sorgenvollen Tagen seiner Krankheit in den Leipziger Synagogen aus tiefstem Herzen emporstieg, den Todescngel nicht von ihm abgelenkt hat: die unerforschliche Weisheit des Höchsten hat ihn in die Ewigkeit gerufen. Sein Wirken wird unvergeßlich bleiben in unserer Gemeinde und in seinem Andenken Segen stiften auch in kommenden Tagen. C Abschied. Tiefe Trauer liegt über all diesen Menschen, die gekommen sind, sich ein letztes Mal um ihren toten Führer zu scharen. Ernste, weihevolle Düsterkeit steigt aus aller Herzen auf. Eine Gemeinde trauert um ihren Besten. Düsterkeit und Feierlichkeit: Feierlich gestimmt die Gemüter und feierlich das Bild: Vorn unter der Heiligen Lade liegt die sterbliche Hülle aufgebahrt, umgeben von saftigem Grün. Zu ihrer Linken und Rechten diejenigen, die Jahre und Jahre mit ihm gemeinsam zum Wohle des Judentums gewirkt haben, seine Kollegen, der Gemeindevorstand, die in ihre Reihen eine unschlicßbarc Lücke gerissen sehen, und die Jugend, deren Wege er geebnet. Dicht davor die Angehörigen, von hartem Schmerz geneugt. Und dahinter die ganze, große Trauergemeinde. Verklärt von der schönen Heiligkeit der Empfindung und umflort von den Tränen der Vergänglichkeit, gleitet der Blick noch einmal über jene Kanzel, von der aus dieser wundervolle Mensch so oft seine schlichten, klugen Worte uns ins Herz senkte. Ists doch nur wenige Tage her, da er am Kol Nidre-Abend eine ergriffen lauschende Gemeinde aufs neue in den Bann seines umfassenden Geistes zog. Vom Glauben sprach er und von der Liebe, und Tiefbetrübt geben wir hiermit Kenntnis von dem am 7. Oktober erfolgten Hinscheiden unseres 1. A. H. Dr. phil. Felix Goldniann Mit Felix Ooldmann verlieren wir den besten und treuesten unserer Bundesbrüder, der zu jeder Zeit mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit für unsere und des gesamten Verbandes Ideale hintrat. Sein überragendes Wissen, seine Hilfsbereitschaft und seine Treue machen ihn uns unersetzlich und unvergeßlich. A.H. V. „Saxo-Kavaria" K V . Landesverband Mitteldeutscher K. Cer Am Sonntag, dem 7. Oktober verstarb unser hochverehrtes langjähriges Mitglied Herr Rabbiner Dr. Felix Goldmann Der Verlust dieses ehrenwerten Mitgliedes trifft uns besonders hart und werden wir sein Andenken stets in hohen Ehren halten. Der Vorstand des Israel. Krankenunterstützungsvereines Bikur Cholim (E.V.)