Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 37 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 14. September 1934 im modernen Menschen vermindert, den Bezirk, über den es Gewalt hat, stark eingeschränkt. Ohne daß damit die Bedeutung anderer Strömungen, seien sie nationaler oder sozialer Art, angetastet wird, gilt aber für das Judentum als Ganzes der Satz, daß Religion sein Mittelpunkt ist, und für das Judentum von heute die Erkenntnis, dati auch jene Kreise weitab von diesem Kriterium gelandet sind, die sich, um sich und ihre Meinungen von anderen abzugrenzen, selbst religiöse Juden nennen. Das Judentum stellt heute vielfach das religiöse Bekenntnis der Religionslosen dar. Es ist Kategorie und Aushängeschild, aber kein seelischer Besitz! In der Zeit der jüdischen Not, als nach der Revolution die Gesetzgebung dem Juden einen Teil seiner bisherigen Rechte nahm, schien es einen Augenblick, als ob das herbe Schicksal eine Ilmkehr erzwungen hätte! Man konnte glauben, daß es eine Selbstbesinnung gab, die zur Innerlichkeit hätte führen kpnnen. Äußerlich entdeckte der Jude, dem Würde und Selbstbewußtsein das Weilen an den Stätten der Öffentlichkeit verboten, sein Eigenes, das jüdische Haus; die Gotteshäuser wiesen etwas größeren Besuch auf, der in den Werken der Liebe sich offenbarende religiöse Sinn trat etwas stärker hervor! Man glaubte an einen Beginn! Aber es war schon ein Ende! Die Umkehr blieb in den ersten Bemühungen stecken. Und die äußere Lage der Gemeinden gestattete nicht, einen Rahmen zu schaffen, den neuerwachender, religiöser Wille hätte füllen können. Im Gegenteil! Die Sparsamkeitsmaßnahmen, zu denen manche Gemeinden sich notgedrungen verstehen mußten, machten auch vor religiösen Institutionen nicht Halt, und manche althergebrachte Einrichtung, in unserer Gemeinde beispielsweise das tägliche Minjan in der üemeindesynagoge, der Chor und der Zweiggottesdienst für den liberalen Teil der Gemeinde, sind stark eingeschränkt oder abgeschafft worden. Das Feuer neuer religiöser Begeisterung, das die Revolution als Reaktion in der jüdischen Seele und der jüdischen Gemeinde hervorgerufen hatte, war nur ein Strohfeuer! Die Umkehr nur eine Geste, und keine Bewegung! Man könnte vielleicht lächelnd fragen, ob einer der Hoffnun sei, daß ein Fcsttagsartikel bewirken könne, was nun einmal das die jüdische Seele so unendlich stark beeindruckende Geschehen der Zeit nicht fertiggebracht habe! Ein so frivoler Optimismus ist uns gewiß nicht eigen! Aber die klare Feststellung eines Tatbestandes hat auch ihr Gutes! Jüdisches Leben ist — geschichtlich und vom Standpunkte der Ewigkeit gesehen — ohne religiöses Leben nicht denkbar. Und daraus ergibt sich die bedauerliche Tatsache, daß wir das jüdisch gefärbte Treiben, dessen Betriebsamkeit nicht unterschätzt werden soll, falsch einschätzen! Es ist Geschäftigkeit, aber kein Leben! Das muß erkannt werden! Die Umkehr in der Gesinnung geht der Umkehr auf dem Wege voran! Da aber alle Verinnerlichung nur aus äußerem Antrieb fließt, wird die Festesforderung aus der dunklen Unbestimmtheit der Stimmung in das helle Licht der praktische,-, Verwirklichung gerückt werden können. Umkehr tut praktisch not in der Gestaltung der ü e m e i n d e v e r h ä 11 - nisse, in der Schaffung und Autrechterhaltung der religiösen Institution. Wieder muß liebevolle Sorgfalt dem Gottesdienste und dem Gotteshause gelten, wieder muß ah Hauptaufgabe einer Gemeinde der Einfluß auf die Seelen erkannt werden, den die Harmonie zwischen Sittlichem und Künstlerischer.: in den Formen gottesdienstlkher Verehrung hervorbringt! Das ist die Umkehr, die wahre Umkehr, weil sie auch den Boden für Selbstbesinnung und Verinnerlichung bereitet. „Umkehr, Gebet und Liebeswerke wenden das böse Verhängnis ab." Das Kernwort der hohen, heiligen Tage weiß schon die rechte Reihenfolge! Wahre Umkehr geht auf dem Wege über das Religiöse zum Sittlichen! Umkehr zur Religion ist die Voraussetzuni,' jüdischer Zukunft! Unsere Gemeinde. Der Keron Kajemcth im Neuen Jahr. Am vorigen Mittwoch sprach der Leiter des KKL in Deutschland, Herr Dr. Ernst Mechner, als Auftakt zur diesjährigen Rosch- Haschanah-Aktion, über seine Erlebnisse und Erfahrungen, die er aut seiner soeben beendeten Palästinareise gesammelt hatte. 18 Monate deutsche Aliiah. IS Monate lang strömen Juden aus Deutschland nach Palästina. Während sie früher nur 2—3<Mb bildeten, machen sie jetzt 25" o der Einwanderung aus. Dieser Riesenzustrom hat auf die Entwicklung des Landes und vor allem auf die städtische Entwicklung größten Einfluß gehabt. Tel-Aviv, die moderne (iroßstadt, für deren Aufblühen das Wort „amerikanisch" ein viel zu blasser Begriff ist, zählt jetzt bereits 1Ü0U00 Einwohner. Die ungeahnte Prosperitv, deren jähes Anwachsen von vielen mit Bedenken verfolgt wird, muß nach menschlicher und nationalökonomischer Voraussicht noch durch Jahre hindurch anhalten. Nicht zuletzt ist dies durch die Kanitalcinwanderer bedingt gewesen, deren Kapital allmählich in das Getriebe der wirtschaftlichen Unternehmungen des Landes zu fließen beginnt. Allerdings gibt es auch wie Bei jeder Kolonisation nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten. Die rapide Entwicklung der Stadt verlockt den Einwanderer zum Bleiben und entblößt in vielen l allen das Land von Siedlern und landwirtschaftlichen Arbeitern, die durch die höheren Löhne in die Stadt gelockt werden. Diese Landflucht kann das Aufbauwerk sc hu erstens gefährden, steht sie doch in schärfstem (iegensatz zu jener „königlichen Idee" des Zionismus, wenigstens an einem Orte der Welt — in der neuen jüdischen Heimat eine gesunde normale wirtschaftliche und berufliche Schichtung der Juden zu erreichen. Line solche gesunde (iliederung kann nur auf Grund der Verwurzelung im eigenen Boden geschehen. Hier liegt unsere Hauptaufgabe: Unser Volk braucht Kod^n, um festen I HD fassen zu können. Der in Privathand befindlicne Boden kommt leider nicht immer den nationalen Erfordernissen des Landes und seiner Menschen zugute. Die maßlose Bodenspekulation in I cl-Aviv mußte die ernstesten Befürchtungen heraufbeschwören. Der KKL dagegen fuhrt seinen Boden, der jüdisches Nationaleigentum ist, restlos dem einen Zwecke zu: Ansiedelung des neuen jüdischen Menschen auf eigener jüdischer Scholle. In Haifa, der aufblühenden Stadt am Mittelmeer, die jetzt im Mittelpunkt unsrer Rosch-Haschanah-Kampagne steht, hat der KKL bereits größere Bodenflächen in seinen Besitz gebracht und kann heute segensreich das Gespenst der Bodenspekulation bannen. Gerade die deutschen Einwanderer haben das Wunder erlebt, auf ebendemselben Boden angesiedelt zu werden, den sie selbst einst durch KKI.-Aktionen zu erwerben halfen: Nahalal ist ihnen zur /weiten Heimat geworden. Das neue Jahr muß neuen Boden bringen, um neue Menschen auf jüdischem Boden ansässig machen zu können. Der KKL richtet an alle, aus welchen Kreisen, Schichten und Richtungen sie auch stammen mögen, die eindringliche Aufforderung: Der Aufbau von Erez Israel ist höchste Pflicht eines jeden Juden, ganz gleich welcher Richtung er auch angehört. Hinter dieser gebieterischen Forderung tritt jeder andere Entwand zurück. Jeder gebe nach besten Kräften, um jüdischen Boden erlösen zu helfen. Jeder werbe für die große Idee des eigenen jüdischen Landes. Die Ausführungen gipfelten in dem dringenden Appell: Der Boden, d.e n du erwerben hilfst, ist dein Eigentum, oder sicher das deiner Kinder. Kein Jude, der nicht seine Pflicht gegenüber dem Lande tut. Gib auch du in der Rosch-Haschanah-Woche zur Boden-Aktion des Kercn Kajemcth Lejisrael. Kinderbeschenkung. Trotz der Not der Zeit hat der Hilfsvercm Israelitischer Gewerbetreibender e. V. den festen Willen, auch in diesem Jahre die Kinderbeschenkung durchzuführen. Ober die Notwendigkeit braucht nichts gesagt zu werden, denn in heutiger Zeit wird es Hunderte von Familien gehen, die ihren Kindern warn > Unterkleidung und Schuhe zu kaufen nicht imstande sind. Um günstig einkaufen zu können, hat der Hilfsverein eine große Summe als Anleihe aus dem Vermögen des Vereins aufgenommen. Die Kinderbeschenkung wird also gesichert sein. Schon heute aber bitten wir alle Freunde und Gönner unserer Sache, uns die T rette ZU wahren und wiederum durch Spenden das Werk zu forden. Der Hilfsverein Israelitischer Gewerbetreibender e. V. hat das Po :- scheckkonto Nr. 520 65). _ Die Höhere Israelitische Schule - Jüdische Volksschule Leipzig übergibt uns folgenden Aufruf: Wie alljährlich wollen wir auch in diesem Jahre unser Schulfest feiern. Wir beabsichtigen die Aufführung des großen jüdischen Oratoriums „Licht und Volk", welches die Erlösung der Juden durch Makkabi zum Inhalt hat und durch eine großartige moderne Tonsprachc gestaltet. Zur Schaffung eines wirkungsvollen Klangkörpers bedarf es außer der durch die Schulen gestellten Kinderchöre für Gesang und Deklamation noch einer größeren Anzahl von Erwachsenen für einen gemischten Sing- und Sprechchor. Wir wenden uns zu diesem Zwecke an alle Freunde des jüdischen Schul wer ks, die sich im obigen Sinne uns zur Verfügung stellen und damit dem Schulwerk einen Dienst erweisen wollen. Da die Zeit dringt, bitten wir herzlich um umgehende Meldung mit der Angabe, ob als Sänger oder Sprecher, bei den Herren Jaf te, Funkenburgstr. 15 (Tel. 228 77) oder Felix Carlebach, Funkenburgstr. 16 (Tel. 297 35). Ver Vorstand der Isr. Rel.Gemeinde hat freundlicherweise das Protektorat der Aufführung übernommen. 1. Gesangsprobe: Donnerstag, 13. September, 20 Uhr. 1. Sprechprobe: Donnerstag, 13. September, 21 Uhr, im Musikzimmer der Höh. Isr. Schule, Gustav-Adolf-Str. 7, Hofeingang. Der Direktor: Dr. Carlebach.