Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 37 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4250 Stück teitiöeHatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMtIN DE-ZU I £1 XyjXCwm AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL II ^1 V DER GEMEINDEVERWALTUNG» Schrlftleltungi Oemelnderabblner Oustav Cohn Leipzig Walter BIBmel-Str. 10. — Nachdruck nur all Quellenangabe und mit Genehmigung dei Verlassen gestattet Nummer 37 ■ Jahrgang 10 14. September »34 Anzeigenannahme! E. Ooldfreund, Leipzig 05, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 40771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Teschuwo! e Zum Versöhnungstage. Von Dr. Felix Goldmann. Ganz altertümlich Und unmodern klingt die Forderung des Kestes: Teschuwo! Umkehr! Und mit einem verzeihenden lächeln nimmt der Mensch von heute solches hin! Viel zu sehr schreibt der voraneilende und hastende Geist der Zeit Tempo und und Inhalt des Geschehens vor! Zur Umkehr hat der Mensch unserer Tage keine Möglichkeit, weil das Sorgen und Vorwärtstreiben die Innerlichkeit unterdrücken. Die Zeit ist seelenlos, und der Mensch wird es allmählich auch. Denn die Seele lebt in der Selbstbesinnung, die nur aus Vertiefung und Ruhe erwächst. Unil in Tagen, da der Kampf des Lebens alle Kraft verschlingt, da die Sorge übertäubt sein will, fehlt die äußere Voraussetzung für die Flucht in das Selbst und in das eigentliche ewige Sein der Seele. Leid kann doppelte Wirkung haben. Oft macht es den Bedruckten tiefer und größer! Es kann aber auch Verzweillung mehren, den Sinn für das Wahre und Ewige töten, es kann oberflächUch machen! Und verzweifelten Seelen ist schlecht Umkehr predigenI Gerade in diesem Jahre trifft das erhabene Wort des I estea ein unglücklich sich fühlendes Geschlecht deutscher Juden, dessen Mühen täglich größer werden. Und konnte man vor einem Jahre noch zweifelhaft sein, ob nicht doch das äußerliche Geschehen die Schwierigkeiten, in die uns Juden die nationale Revolution gestürzt hat, eine innerliche Umwälzung, eine Rückkehr zu di-m Ewigen in uns, eine Rückkehr zur Religion verursacht hätten, h' nte wissen wir, daß die Hoffnung getäuscht worden ist! Es ist fa .t wieder alles wie einst, und die politische Stellung der deutschen Juden brauchte sich nur ein wenig zu bessern, um genau dieselben Zustände entstehen zu lassen, wie sie vor der Revolution beklagt wurden. Die Forderung der Umkehr knüpfte sich einst an das Sündenbekenntnis, die Widduj, an. Alle einzelnen nur möglichen Sünden ühlt es auf, und der Mensch soll sich erinnern, was er an Bösem getan hat. An uns gleitet heute solche Gedankenrichtung vorüber, "ir verstehen sie nicht und können sie nicht nachempfinden, weil uns die in der Verinnerlichung erworbene Grundlage fehlt. Denn Schuldbewußtsein ist im Grunde das wichtigste seelische Gut! Erst aus der Dissonanz von Sein und Sollen, aus dem Wissen um die Unzulänglichkeit des sittlichen Wollens erwächst das Bewußtsein d^r Unfertigkeit. Alle Selbstsicherheit bedeutet im Bezirke des Seelischcn Oberflächlichkeit. Nur der Suchende und über sich selbst Hinausstrebende ist auf dem Wege zur Vertiefung! Und ist Umkehr die Forderung des Festes, so führt der Weg zu ihr nur über die Efweckung des Sündenbewußtseins! Eine seltsame Lage schafft so Wahres toben. Aus der Festdichtung des Versöhnungstages (Enosrh mah jiskch) Warum klagt der Mensch über das Leben! Ihm sollte genug sein, daß ihm vergönnt ist zu leben: Zu Mühe und Arbeit ist er bestimmt; darum sollte er sich glücklich preisen, wenn er sich im Dienste der P/licht bewähren darf. Sein Ende wird zum Zeugnis für sein Beginnen; warum sucht er sich zu läuschen! Einst muß er selbst das Siegel drücken auf sein Tun; da hilft kein Betrug, keine Lüge. Was er an edlen Taten geübt hat, geleitet ihn in sein ewiges Haus; hat er wahrer Weisheit zugestrebt — im Alter wird sie Genossin ihm sein. Frönte er aber dem Gold, der Arglist — seinen Tagen ist eine Grenze gesetzt! Wer Freude und Lust an frommer Zucht findet, steht im Greisenalter noch blühend da. Wer guten Ruf sich erringt, dessen Name besteht für die Dauer. Darum wird dem Todestage der Vorrang vor dem Tage der Geburt zugesprochen. das Fest! Es richtet die Forderung zur Umkehr an Menschen, die nicht wissen, warum sie umkehren sollen, weil ihnen jedes Sündenbewußtsein fehlt. Sie seufzen unter der Last der Sorgen, aber aut den Gedanken, daß Schicksal und Schuld in engen Bezirken in einem Zusammenhange stehen können, kommen sie nicht. Umkehr bedeutet demnach für uns nicht in erster Reihe Änderung des Weges, sondern Änderung der Oesinnung! Umkehr will Sündenbewußtsein in der Seele erwecken! Überträgt man aber dieses Gefühl von einzelnen Menschen auf die Gemeinschaft, so wird es zur Verantwortung. Das Gefühl, der Geschichte gegenüber gefehlt zu haben, der Vergangenheit nicht würdig zu sein, ist das historische Sündenbewußtsein der Masse, und der Weg der Umkehr führt zu einer Stärkung des Gefühls für historische Verantwortung! Solche Umkehr tut uns in diesem Jahre am meisten not! Des Judentums Wesen liegt, wenn man an seine Existenz den Maßstab der Geschichte anlegt, im Religiösen. Alles jüdische Leben dreht sich um Gott und das Bekenntnis zu ihm. Wohl hat die moderne Zeit, die auch in das Judentum die Wellen des Atheismus und der Religionslosigkeit gesandt hat, den Sinn für die Religion