Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 36 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2_QEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZUJ.EIPZIO__7. September 193J 5695 Zum Beginn des neuen Jahres spricht die Reichsvertretung allen Gemeinden und allen Männern uwl Frauen in ihnen, dem alten und dem jungen Geschlecht in treuer Verbundenheil herzliche Wünsche aus. Aller Wunsch, ob wir ihn darbringen oder ihn empfangen, setzt eine Bereitschaft voraus. Zzvie fach ist sie in diesen ernsten Tagen von uns gefordert: als der Wille zur Gemeinschaft und als de Wille zum Opfer. Wir sind mehr denn je auf uns selbst getviesen, Nur wenn wir zusammenhallen, frei von Eigen sucht und Eigensinn, und nur wenn eines jeden Können, auch eines jeden Habe dem verbindenden Ganzen dienen will, nur dann toerden wir bestehen. Mahnung und Bürgschaft dessen zu sein, das ist die grosse Aufgabe der Reichsvertretung. In dem Willen zu ihr spricht der Wille zur Gemeinschaft und zum Opfer. Möge er sich im neuen Jahre bezvähren. D/e Reichsvertretung der deutschen Juden gez. Baeck ständen führten: Wirtschaftshilfe, Existen/umstellung der Älteren, Berufsumschichtung der Jüngeren. Ober all diesen Bemühungen stand als Losungswort: die Erhaltung der bedrohten Juden durch Aufbau einer den neuen Verhältnissen angepaßten Lebensform. Ein solcher kann naturgemäß nicht üi Monaten vollendet werden. Letzte Verwirklichung kann er ja schließlich erst in einer kommenden Generation linden, die in neuem Qeilte herangebildet wird. Darum wurde das jüdische Schulwerk in Angriff genommen. Aber schon heute muß die Zuversicht wirksam werden, daß es möglich sein wird, auf diesem Wege Zukunft zu gewahrleisten. In sehr weiten Kreisen muß dafür erst Verständnis und Bereitschaft geschaffen werden. So wurde die „Mittelstelle für Lrwachsenenbildung" errichtet mit der Bestimmung, die geistigen Führer dieser Erweckung mit dem Rüstzeug für die Gesinnung der Herzen und der (ieister auszustatten und für die Erfüllung des Verlangens nach Kenntnis um Juden und Judentum durch volkstümliche Bildungskurse Richtlinien aufzustellen. Die Beziehungen der Juden zu den Werken der Kunst wie überhaupt zu allem, was Geist und Sinn anregt untt erhebt, in den letzten Jahrzehnten besonders innig, bilden einen wesentlichen Teil in dem Plan des kulturellen Aufbaus. Kulturausschüsse und Bünde unterzogen sich an fast allen Orten der Aufgabe, Veranstaltungen zu treffen, die in gleicher Weise Nehmende wie Gebende zu för- Siegende Lebensbejahung. Stadtrabbiner Dr. P»ul Rieger, Stuttgart. Es ist eigentlich eine wunderliche Tatsache, daß die Menschen das wehmütige Lied vom Sterben lieber hören als den Sang vom lachenden Leben. Der fröhliche Mensch gilt im Alltagsurteil für oberflächlich, der sonnige für ein törichtes Kind. Wer mit der Miene des Weltschmerzlers kopfhängerisch, grüblerisch durch die Straße zieht, wird als tiefsinniger Denkei bewundert. Die mahnende Fredigt zur Weltflucht wird auch von den Wcltkindern andächtig angehört. Laß ein wenig Wehmut durch deine Rede klingen, sprich mit verhaltenen Tränen, zeige ein besinnliches Gesicht, und du giltst als ein Weiser. Die Welt ist schlecht, sinnlos dein Ringen, Leben heißt irren, der Schein trügt, das Sein lügt, der Tod ist ein Glück, das ist die Wechselmünze üei Alltagswcisheit, und wer sie verausgabt ist ein Weltweiser. Aus solcher Lebensverneinung spricht die Ohnmacht, mit dem Leben und seinen Forderungen fertig zu werden. Der Pessimismus ist der Dilettantismus in der Philosophie, das Versagen gegenüber den Problemen des Daseins, die Unfähigkeit, sich im Leben zurechtzufinden. Er ist geistige Enge und seelische Kurzsichtigkeit. Er sieht nur die schmale Spanne bis zur Wegwende, den steil steigenden Pfad, den Dornbusch am Wegrande. Er denkt nicht daran, daß sich hinter der Wegwende das sonnige Tal weitet, daß der steinige Pfad zum Höltenblick auf die Wunder der Bergwelt leitet, daß der Dornbusch am Rande nur für den Augenblick die Schau auf das blühende Land hemmt. Dem Pessimismus fehlt die Blickweite, die Fernschau, das Visionäre. Er klammert sich ängstlich an den Einzelfall, den ersten Fehlschritt, die erste Enttäuschung. Der Optimismus schaut aus offenen Augen über die Einzelerfahrung und dem bestimmt waren, den Nehmenden Stunden edlen Genusses, den Gebenden Gelegenheit zum Spiel ihrer Kräfte zu vermitteln. So wurden mannigfache Wege eingeschlagen, um an den notwendig gewordenen Aufbau heranzugehen. Es ist kein Anlaß, gramvoll und hoffnungslos zu ermatten; im Gegenteil: es ist ein Zeichen des unverwüstlichen jüdischen Optimismus, daß trotz aller Schwere des Jahres so viel Aufbauendes unternommen werden konnte; ein jugendfrischer Zug hat gerade in dieser Zeit Einrichtungen hingestellt, um deren Schaffung viele hingebende Männer Jahrzehnte lang vergeblich gekämpft haben. Viel hoffnungsvolle Ansätze. Doch — eben nur Ansätze. Budkos Bild ist doch, auf unsere Verhältnisse übertragen, Symbol nur erst für Erkenntnis und Willen, noch nicht für Wirklichkeit. Darum muß im beginnenden Jahre der Gedanke an den Aufbau mit aller Eindringlichkeit gepflegt werden. Es bleibt auf dem in Angriff genommenen Boden noch viel, an manchen Stellen noch alles zu tun. Noch viel Steine müssen entfernt werden, ehe die Auigabe ,die zu lösen ist, von allen verstanden, von allen gefördert wird. Ehe das Symbol Budkos für die Aufbauarbeit in Palästina auch Symbol für den hier sich vollziehenden Aufbau geworden ist. Gehen wir mutig daran, dann wird das Werk gelingen. Dazu ab r bedarf es als erster seelischer Voraussetzung der „Siegenden Lebensbejahung". G. C. Einzelerscheinung hinaus. Er läßt sich vom Einzelfall nicht beirret, sondern blickt auf die Totalität. Die Einzelerfahrung mag enttäusche i. die Einzelerscheinung mag wehetun. Aber sie sind nur der Stein a n Wege, der Dornbusch am Rande. Willst du zur Höhe, schau über il ( bange Stunde, über das erfahrene Leid hinaus, noch immer kam def lachende Morgen nach der düsleren Nacht, der sonnige Frühling nai h dem nahen Winter, das große Auferstehen im Frühjahr nach dem Winttrsterben. Meistere dein Schicksal, indem du über die Stunde hinausdenk i. Optimismus ist Leidüberwindung, der Triumph über den Tod. Ban e nicht vor dem Sterben! Machtvoll ist der Strom des Lebens, das Hl;e Bett des Seins überflutend, mündend in das Meer der Ewigkeit. Glau! s: du an dich und deinen Oott, dann ist der Tod überwunden. Schaualles ringsum ist werdendes, reifendes, wachsendes Leben. Was wir Txi nennen ist Uebergang, Brücke zu neuem Land, Pforte zu neuem Se n, Wandel in neue Kraft. Willst du wahrhaft leben und den Augenbl :k besiegen, so lebe und wirke im Glauben, unsterblich zu sein! Der Pessimismus ist das Grabscheit aller Religion, hinter Weltanj,'st und Weltflucht birgt sich mangelnde Gottzuversicht. Wer das Qlflck leugnet, verleugnet die Gottheit. «Die Welt ist gut", das ist das l'rbekenntnis aller Frömmigkeit. Daseinsfreude und Lebensbejahung ist Gottvertrauen, ist Religion. Darum sagt der Talmund unter Berufung auf das Schriftwort: Als der Spielmann spielte, kam über Elisa der Geist Gottes (2. Könige 3.15). Die Schechina wohnt nicht am Orte tief Schwermut (Sabbat 30, Pessachim 117). Das sind die Kinder Gottes, die auch im Leide die Liebe des Vaters verspüren, die unbeirrt durch die leidvolle Stunde die Daseinsfreude sich wahren. Das Fest des Glaubens an das Leben, an den Sieg des Guten, an den Triumph des Göttlichen ist das Neujahrsfest. Das alte Jahr war schlecht, das neue wird besser sein; das Lied des alten Jahres war voll Disharmo-