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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-08-31 · 35 (31.8.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
35 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 als es dem Anteil der Juden an der Qesamtbcvölkerung entspräche. Auf 1682 im Justizdiensl Angestellte kam kein einziger Jude. Bei den Post- und Telegraphenämtern waren zwei Juden, bei den Eisen* bahnen und Straßenbahnen 33 Juden beschäftigt. Unter den Professoren der Rigaer Universität gab es nur einen Juden. Die Pauperisierung der Massen habe einen katastrophalen Umfang angenommen. Iiis 55" ., der jüdischen Bevölkerung in Warschau, Wilna, Lemberg und anderen Städten sind aulierstande, 5 Zloty jährlich als Steuer aufzubringen. Zum Schiuli wies der Referent darauf hin, dafl durch Auswanderung dieser Not nicht gesteuert werden kann, da es keine Auswanderungsmöglkhkeiteu außer nach Palästina gibt. Die Juden in Böhmen. Im letzten Heft der Zeitschrift „Statisticky Ob/or" beschäftigt sich der bekannte tschechische Statistiker Dozent Dr. Bohäc mit der beruflichen Schichtung der jüdischen Bevölkerung Böhmens, die bei der Volkszählung im Jahre 1930 70301 Köpfe zählte, d. i. um 3476 Seelen oder 4,3h", „ weniger als 1921, wobei der Anteil des Judentums an der Gesamtbevölkerung des Landes von 1,2 auf 1,07" t zurückging. Von diesen 76301 Juden in Böhmen gehörten 38253, also die Hälfte, der Berufsgrupppe Handel und Geldwesen an, ferner entfielen auf Industrie und Gewerbe 13164, öffentliche Dienste und freie Berufe 7135, Landwirtschaft 1569, Transportgewerbe 1013, Armee 060 und auf andere Berufe und Berufslose 13677. Hierbei sind auch die Familienangehörigen mitgezählt. Bohäc weist darauf hin, daß sich die Juden in den böhmischen Ländern seit je dem Handel und den freien Berufen zuwandten, welche Tendenz sich in der letzten Zeit noch verstärkt hat, so daß 1930 bereits 50,1" ,, der jüdischen Bevölkerung des Landes der Berufsgruppe Handel und Geldwesen angehörten, gegen 47,9",, im Jahre 1921. Aber trotzdem ist, wie in allen anderen Berufsgruppen, so auch hier der verhältnismäßige Anteil der Juden zurückgegangen, und zwar von 8,35 auf 6,04" ,„ während die Juden in den freien Berufen und öffentlichen Diensten mit 1,96, in Industrie und Gewerbe mit 0,46 und im Transportgewerbe mit 0,25",, vertreten waren. Bohäc schreibt u. a.: Der langsame Verfall des Judentums, der zahlenmäßig allerdings noch durch Zuzug aus dem Osten teilweise aufgehalten wird, macht sich bereits in allen Berufen, auch im Handel und im Geldwesen geltend, obzwar sich die Juden in ihren spezifischen Berufen, besonders in der Berufsgruppe Handel und Geldwesen, immer stärker konzentrieren. Die neuen Geschäfte, die im letzten Jahrzehnt in großer Zahl zugewachsen sind, befinden sich fast durchweg in nichtjudischen Händen. 1921 gab es im ganzen Lande 9102 jüdische Warenhändler, das waren 12,8",,, sämtlicher Warenhändler, 1930 war die Zahl auf 8064 bzw. 8,5 •/, gesunken. Daß diese Entwicklung auch in Zukunft, und zwar in verschärftem Tempo vor sich gehen wird, beweist die geringe Zahl jüdischer Lehrlinge in dieser Branche. Es scheint allerdings, als ob die Juden nur aus dem Detailgeschäft verdrängt würden, während sie im Großhandel ihre Position behaupten, ja vielleicht sogar erweitern. Schwer zu bestimmen ist die Bedeutung der Juden unter den selbständig Tatigen, denn hierzu rechnen sowohl die kleinen Handwerker, unter denen es nur ausnahmsweise Juden gibt, wie auch die großen Industrieunternehmer, zu denen sich viele Juden emporgearbeitet haben, so daß das jüdische Kapital in der Industrie eine wichtige Rolle spielt. Zahlenmäßig ist in der Industrie das jüdische Clement im Rückgang und selbständig tätige Juden gab es in Böhmen in Industrie und Gewerbe nur noch 2716 gegen 3345 im Jahre 1921 (1,6 gegen 1,8 „). Gering ist die Zahl der Juden im Post- und Eisenbahudienst, wie überhaupt in den öffentlichen Diensten. Im alten Österreich war ein Jude in der öffentlichen Verwaltung und im Schulwesen eine Ausnahmeerscheinung. I )er tschechoslowakischen Staatsverwaltung liegen zwar antisemitische Tendenzen fern, aber alte (icwohnlicitcn andern sich nicht leicht. Trotzdem sind aber die Juden im Staatsdienst heute noch schwächer vertreten als vor dem Umsturz, denn An die Leser des Gemeindeblattea. Wir bitten diejenigen Mitglieder unserer Gemeinde, die noch nicht das Bezugsgeld für das Gemeindeblatt für die Zeit vom 1. April bis 31. Juli ds. Js. in Höhe von RM. —,40 an uns gezahlt haben, dies umgehend nachzuholen. Postscheckkonto der Gemeinde Nr. 50533. Leipzig, den 23. August 1934. Der Vorstand der israelit. Religionsgemeinde zu Leipzig. die Zahl der Juden in der staatlichen und öffentlichen Verwaltung einschließlich Justiz hat sich von 310 im Jahre 1921 auf 131 im Jahr 1930 und im Schulwesen von 222 auf 198 vermindert. Die Zahl de: selbständigen jüdischen Ärzte und Advokaten hat stärker zugenommen als der allgemeinen Zunahme entsprechen wTirdc. Nur vereinzelt findet man Juden in der Landwirtschaft. Sie machen mit 0,9, also nicht einmal ein ganzes Promille der landwirtschaftlichen Bevölkerung aus und sind hauptsächlich Gutspächter (106) und Guts besitzer (403), aber auch ihre Zahl hat sich gegen 1921 stark vermindert. Die soziale Gliederung der Juden ist — bemerkt Bohäc abschließend — völlig verschieden von der sozialen Schichtung der tschechischen und auch der deutschen Bevölkerung des Landes. Die Juden besitzen keine Landwirte und ihnen fehlen Arbeiterschichten, die mit den Landwirten überall den Kern der Nation bilden, aus dem sich diese regeneriert. Sie waren genötigt, sich einseitig dem Handel zuzuwenden; sie erwarben zwar große Vermögen und erlangten einen vorherrschenden Einfluß im Wirtschaftslehen, aber sie unterliegen auch sehr stark den degenerativen Einflüssen de-- Milieus der vermögenden Bourgeoisie. Die einseitige rationalistische Richtung unserer Zivilisation hat ihre traditionelle Frömmigkeit untergraben und damit ihre Existenz bedroht. Die Assimilation und die freiwillige Unfruchtbarkeit der hourgeotsen Schichten bedeuten schließlich den Untergang des Judentums in den böhmischen Ländern. Aufhalten kann ihn lediglich ein Zustrom aus dem Osten, den wir besonders in Prag beobachten können; aber diese Emigration scheint vorläufig nicht stark genug zu sein, um eine Regeneration der Juden in den böhmischen Ländern bewerkstelligen zu können. Dem Andenken Ch. N. Bialiks. 7. ttemeindeabend. Der 7. Gemeindeabend, der am 28. August in der außerordentlich gut besuchten Gemeindesynagoge stattfand, war dem kürzlich verstorbenen hebräischen Dichter Chajim Nach man Bialik g»- widmet. Herr Rabbiner Dr. Emil Bernhard (John-Berlin gab iii seiner Gedenkrede ein lebensvolles und fesselndes Bild des Dichter-; und Menschen Bialik: In Wolhynien, der Wiege des Chassidismus als Sohn eines gelehrten Juden geboren, wurde der junge Bialil; schon frühzeitig mit dem jüdischen und philosophischen Schrifttum bekannt. Mit 16 Jahren verließ er die Heimat und trat in ein ■ Talmudschule in Litauen ein. Das Talmudstudium schärfte scmc;i Geist und löste ihn vom Chassidismus, Bialik wurde zum Aufklärer. Er lernte russisch und vertiefte sich in die neuhebräische Dichtung. Mit 20 Jahren wurde er Holzhändler, gab aber diesen Beruf schon nach vier Jahren wieder auf und betätigte sich als Lehrer und BiblU - thekar. Das Progroin von 1904 übte auf Bialik eine tiefe Wirkun | aus und diente ihm später vielfach als Stoff in seinen Dichtung«.. Wo er konnte, leistete er in dieser Zeit seinen verfolgten Glaube-nsbrüdern Hilfe, unterstützte sie insbesondere bei der Auswanderun}.. Er ging dann nach Odessa, wo der eigentliche Aufstieg des Dichter-. Literaten und Menschen Bialik begann. Dort veröffentlichte <r seine ersten Gedichte, im wesentlichen Kinder- und Volksliede.. Im Krieg und in der Revolution zeigte sich wiederum die grol(<' Hilfsbereitschaft Bialiks. Er betätigte sich in der Krieger- und Flüchtlingsfürsorge und blieb noch auf dem Posten, als alle flohen. 1921 folgen seine Jahre in Deutschland, wo er sich teils in Hornburg v. d. H., teils in Berlin aufhält. Er gründet den ersten he« brauchen Verlag in Homburg, den er dann in Berlin fortführt. Nunmehr siedelt Bialik nach Palästina über, wo Tel Aviv seine neue l*rosse Freude bereiten Sie Ihren Angehörigen und helfen gleichzeitig einem großen Kreis unserer Gemeindemitglieder, wenn Sie Ihrer Frau oder Ihren Kindern zn den Feiertagen eine „blaue Karte" für ..Hill«' und Allfbail66 schenken. Die Beitragskarte für „Hilfe und Aufbau" ruft alle Juden in Deutschland auf zur Tat durch Hilfe zum Aufbau. Keiner, der noch ein Einkommen hat, darf sich dieser Pflicht entziehen. Karten sind erhältlich bei der: iMraelitiMchen KeligionMgemeinde xa Leipzig, Wo Ii I fa hr tum m t (Telefon 213 H2)

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