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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-08-31 · 35 (31.8.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
35 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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8.34. Auflage 4250 Stück (Semeiuö eblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGION SGtrMtl N DE- ZU I <|—|D7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT l«LirX«IV7 DER GEMEINDEVERWALTUNGB Schrlftleltungt Oemeinderabbiner Oustav Cohn Leipzig Walter Blümcl-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Nummer 35 ■ lahrgang 10 31. August 1934 Anzeigenannahme! C. Qoldlreund, Leipzig 0 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C I. Die ökonomische Lage der Juden. In Genf tagte eine Konferenz zur Vorbereitung eines jüdischen W eltkongresses. Der Plan dieses Kongresses, schon 1022 angeregt) hat sich bisher nicht verwirklichen lassen, da der Oedanke in wesentlichen jüdischen (iruppen aller Lander lebhafte Gegnerschaft findet. VI le Immer man dem Plane gegenübersteht, verdienen die Darlegungen des Leiters der wirtschaftlich-statistischen Sektion des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts, Jakob L e s l s c h i n s k y , ii her die Rückwirkungen der modernen Wirtsc h aftse n t W l C k 1 u n g auf die ökonomische Lage des jüdischen Volkes unser Interesse. Lestschinsky zeigte in seinem Vortrag, daH im Gegensatz zur Blütezeit des Kapitalismus, in der die objektiven Bedingungen und die persönlichen Fähigkeiten der Juden es ihnen ermöglichten, eine die allgemeine Wirtschaftscntvvicklung fördernde Rolle zu spielen, die heute, in einer Zeit des Verfalls des Kapitalismus und der Unterbindung freier Entwicklung der Produktivkräfte herrschenden Wirtschaftstendenzen sich durchaus ungünstig auf die Wirtschaftslage i r Juden auswirken. Zu Heginn des 10. Jahrhunderts hätten die europäischen Agrarvölker, insbesondere auch in Mitteleuropa, ein als Ferment wirkendes Element zur Überwindung veralteter patriarchalischer Lebensformen, zur Anknüpfung internationaler Beziehungen, zur Erweckung von Bedürfnissen in den breiten Konsunientenmassen braucht Es galt, in schnellem Tempo Einrichtungen zur Umwandlung der dörfischen Naturalwirtschaft in eine nationale Wirtschaft zu schaffen. Aus verschiedenen historischen Gründen waren die Juden die Berufensten, die treibenden Kräfte in dieser Wirtschaftsentwicklung besonders in Mitteleuropa zu sein. Diese Mission haben du Juden ausgezeichnet erfüllt. Die gebundene Wirtschaft dagegen, »He Formen der Zwangswirtschaft, die Verstaatlichung ganzer Wirtschaftszweige, das Wiederaufleben der mittelalterlichen Zünfte, der ■ rtschaftlkhe Nationalismus - dies alles ist von katastrophalen -Igen für die Juden begleitet gewesen; sie sind mit einem Mal I;i-nide, Entbehrliche und Ungeeignete in dieser reglementierten, Monopolisierten und vertrusteten Wirtschaft geworden. In den Nationalstaaten trägt der wirtschaftliche Nationalismus den Charakter d> i' Autarkie und in den Nationalitätenstaaten zeigt er die Tendenz 'u wirtschaftlicher Expansion der nationalen Mehrheit auf Kosten der nationalen Minderheiten. In den neu entstandenen Staaten ist die nationale Mehrheit den Minderheiten gegenüber sozial rücket uidig gewesen. Jetzt wird Staatskapitalismus und Zwangswirtschaft von den herrschenden Mehrheiten benutzt, um den Kredital>l'arat und alle Arten der Regulierung und Reglementierung des Staates für ihre eigenen nationalen Interessen zu gebrauchen. In dem so entstandenen Gewirr sozialer und nationaler Kämpfe, j|'r Lestschinsky fort, habe sich die landlose jüdische Minderheit am wenigsten widerstandsfähige erwiesen. Ihre tragische als die Schwäche habe sich in nationaler Beziehung darin gezeigt, dali sie in ihrem Kampf um Gleichberechtigung nach dem Kriege fast völlig allein geblieben ist, und in sozialer Beziehung habe sich diese tragische Schwäche darin bekundet, dali die Judenheit, während die dünne oberste Schicht ihrer Bourgoisie die Illusion eines reichen Judentums schuf, einen weit höheren Prozentsatz an deklassiertem Mittelstand aufweist als alle übrigen Völker, dali ihre verarmten untersten Schichten sich noch nicht in das Fabriksproletariat eingliedern konnten und in den I landwerkei Werkstätten stecken geblieben sind und dali sie mehr als jedes andere Volk mit einem Lumpenproletariat belastet ist. An Hand von Ziffern schilderte der Redner sodann den Ablauf des in Mittel- und Osteuropa im Gange befindlichen Prozesses der Ausschaltung der Juden aus ihren bisherigen Wirtschaftsposiüonen und wies auf die persönliche Tragik hin, die mit dieser Entwicklung dort verbunden ist, wo sie durch umfassende staatliche Maßnahmen jäh und unvermittelt beschleunigt wurde. In den osteuropäischen Ländern, in denen die Juden sogar in der besten Zeit in solchem Elend lebten, daß der leiseste Stoli sie zur Verzweiflung bringen mußte, habe der dort am stärksten entwickelte Staatskapitalismus der Privatwirtschaft 20—30% des Handel- und Industrieumsatzes abgenommen. Da 80" „ der dortigen jüdischen Bevölkerung in Handel und Industrie tatig sind und Juden weder als Beamte, noch als Angestellte oder Arbeiter in den staatlichen und kommunalen Unternehmungen beschäftigt werden, bedeutet dies die absolute Verdrängung der Juden aus den verstaatlichten Wirtschaftszweigen. Auch die von den Regierungen gestützten Genossenschaften haben etwa 10—15" ,, des früheren Privathandelsumsatzes an sich gerissen. Die Regiertingen dieser Länder entziehen sieh nicht nur der Pflicht, für die durch diesen Vcrdrängungsprozeß deklassierten Elemente zu sorgen, sondern benutzen sogar noch den staatlichen Kreditapparat, um den niehtjudischen Händlern im Konkurrenzkampf gegen die Juden beizustehen. Was die freien Berufe betreffe, .so seien hiei die Juden in der Medizin und der Advokatur konzentriert, denn der jüdische Ingenieur, Chemiker und Architekt werde weder vom Staat, noch von der Stadt, noch von der vertrusteten Großindustrie beschäftigt. Aber auch gegen die beiden noch Übriggebliebenen jüdischen Akademikerkategorien wird ein Kampf geführt. In den Universitäten wird faktisch der Numerus clausus angewendet, der Prozentsatz der judischen Studenten sinkt ständig. In Ungarn und Lettland ist er um mehr als die Hälfte, in Polen um zwei Dritte! gefallen. Besonders für die jüdische Jugend sei die Lage in den Ländern Ost- und Mitteleuropas aussichtslos. Als Beamte werden Juden nicht zugelassen. Charakteristisch seien die diesbezüglichen Verhältnisse in Lettland: Nach der Volkszählung v. J. 1025 gab es unter $201 Staats beamten in Lettland nur 21 Juden, d.i. 0,t° 0, /wolfmal weniger

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