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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-08-24 · 34 (24.8.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
34 (24.8.1934)
Date
1934-08-24
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 24. August 1934 Schrifttum erst seine tiefsten Werte zuströmen lassen, dort haben sie erst erfahren, was die Bibel zu geben vermag: sie breitete wie ein Garten im Lande Israels den Duft der alten Heimat aus und knüpfte ein geistiges Band ZU dein Boden, auf dem die Väter die göttliche Lehre verlebendigt hatten. Es ist das unverfängliche Verdienst Esras, daß die Bibel ganz, tief in das Bewußtsein der Juden einging, dall sie ihnen der kostbarste Besitz wurde, den sie wie ein unveräußerliches Qut hüteten. Und als sie dann ausziehen mußten, um eine neue Heimat zu suchen, da nahmen sie mit ihrer Bibel ein Stück heimatlichen Boden mit sich, und wenn sie In ihrer Umgebung sich fremd fühlen mußten, dann versenkten sie sich in das heilige Buch, in dem sie sich heimisch fühlten. Und immer, wenn sich das Wanderschicksal in ihnen wiederholte und wenn man sie äußerlich nur das nackte Lehen retten ließ, den inneren Reichtum ihres Buches konnte niemand ihnen nehmen. Doch blieb es nicht bei dem einen Buch: es wurde vielmehr Wurzel eines immer weiter sich verzweigenden Stammet. \\ urdc den Juden verwehrt, im Schweiße ihres Angesichts dem Erdboden das Brot abzugewinnen, sie streuten die Saat dis Geistes aus und mehrten Erkenntnis und Lebensweisheit. Sie erzogen sich zu Genügsamkeit und Bescheidenheit, wenn ihnen die (jaben der Erde vorenthalten wurden. Aber unstillbar war ihr geistiger Hunger; alle Güter der Erde ersetzte ihnen die Sättigung der Gier nach Wissen und Erkenntnis. So genossen sie Bücher und schufen Bücher und lebten in ihnen wie in einer restlos beglükkenden Welt. Aller Kummer des Daseins wurde gering in diesem geistigen Paradies. Denn wer in ihm wandelte, fühlt sich erhoben zu c\\ igen Begriffen, die die zeitlichen Beschwerden verkleinern, die das Große in den Gesichtskreis rücken und den Jammer des Alltag! In seiner Flüchtigkeit mildern gegenüber dem strahlenden Lichte des Unvergänglichen. In allen Leiden der judischen Geschichte erwies das Buch seine läuternde, beruhigende, festigende Kraft. Darum wurden die Juden »I is Volk des Buches. Des Buches schlechthin und des jüdischen Buches im besonderen. In allen Jahrhunderten haben die jüdischen Geistesgrößen die Bücher ihrer Zeit gelesen und verarbeitet, aus ihnen Gedanken geschöpft, die sie dann mit jüdischen Geisteswerten verschmolzen, und haben die I rückte ihres Denkens und ihre-. Geistes ihrer Mitwelt und ihrer Nachwelt dargeboten, um die Stärkung, che sie selbst erfahren hatten, auch späteren Geschlechtern zu vermitteln. So sind wir „das Volk des Buchet" geworden. Sehr viele Juden empfinden das gerade in diesen Tagen, die den Juden st irker, als dies in den letzten Jahrzehnten geschah, wieder auf sich selbst und sein jüdisches Sein weisen. Sie greifen in ihren Bücherschrank und entdecken buchstäblich Schatze, die ihnen lange nichts bedeutet hatten. Sic versenken sich in diese Werke und fühlen sich in eine Welt versetzt, in der ihnen keinerlei Einschränkung ihres Daseinsrechtes begegnet. Und bald regt sich in Ihnen ein besonderes Verlangen: sie halten Ausschau nach dem jüdischen Buch, das zu ihnen von der jüdischen Vergangenheit spricht, oder von den Problemen der jüdischen Gegenwart, von der Eigenart jüdischer Lebensgestaltung und der ihr zugrundeliegenden Gefühls- und Anschauungswelt. Überall, wo wir mit Juden zusammentreffen, ist dieses neuerwachte Interesse für das jüdische Buch zu beobachten, und es zeugt vom verständnisvollen Erfassen der jüdischen Gegenwart, daß der Jüdische Frauenbund seinen diesjährigen Kunstkalender unter das Motto „Das jüdische Buch" gestellt hat (5(>95—1934 J5. Das Jahr des Jüdischen Frauenbundes. 0. Jahrg.). In geschickter Zusammenstellung alter und neuer Äußerungen über das Buch, belebt durch Bildproben aus jüdischen Büchern alter und neuer Zeit liegt hier ein anregender Wegweiser vor, der nicht nur die Freude am jüdischen Buch zu steigern geeignet ist, sondern auch manchen wertvollen Hinweis auf lesenswerte Werke gibt. In der Geschlossenheit der einzelnen Textstellen und Beispiele von Dichtungen und der, hei aller Verschiedenartigkeit der Bilder in Technik und Inhalt, doch durchlus gelungenen Einheitlichkeit des künstlerischen Bildes erklingt geradezu ein Hymnus auf das jüdische Buch. Schon die Lehrer des Talmud kennen den Wert des Buches: den Ptalmvera (112,3): „Habe und Reich tum ist in seinem Hause, und sein Verdienst besteht immer", wird gedeutet: das bezieht sich auf den. der gelernt hat und lehrt oder auf den, der die heiligen B ü che: abschreibt und sie anderen leiht. Und es galt schon in jene: Zeit als eine feststehende Gepflogenheit, daß die Gemeinden Büchel zur allgemeinen Benutzung bereitstellten: „Was ist das Eigentun der Stadt? es sind der Marktplatz, die Synagoge, das Badehaus, die Lade und die B ü c h e r." (Nedarim V, 5.) Welche Aufgabe dat Buch bei den Juden erfüllt hat, ist von Johann Reuchlifl außer ordentlich treffend gekennzeichnet worden: „Die Juden habet ihre Schriften sich selbst zur Erlernung und zun Schirm ihrs Glaubens geschaffc n." Und mit feinem Empfinden weist er darauf hin, daß manchem Juden „Bücher ebenso lieb wie Kinder" sind. Hinweise dieser Art, nicht minder aber die kürzeren und längeren Ausschnitte aus neueren und neuesten Werken des jüdi sehen Schrifttums zeugen für die Liebe, mit der der Jude das Buch umfing; noch mehr aber die Ausgestaltung, die er seinen Werke:i gab. Sehr frühzeitig wurden jüdische Schriften in kunstvolU I Schi ifttechnik hergestellt und mit Bildbeigaben ausgestattet. Schon im 10. Jahrhundert sind hebräische Bibelkodizes illustriert worder,, und eine Reihe von Machsorim (Festgebets-Handschriften) uiul Pessach-Haggadahs aus dem Mittelalter zeigen die gleiche liebevolle Behandlung. (Die hiesige Universitätsbibliothek birgt in ihrem Schatz an alten Handschriften auch ein solches Machsor, zwei grol'^ Bände aus dein 14. Jahrhundert. Durch freundliches Entgegenkommen des Jüdischen Frauenbundes sind wir in der Lage, eine Abbildung dieser Machsorhandschritt [die im Kalender des Jüdischen Frauenbundes enthalten ist] wiederzugeben.) Sehr bald nach der Erfindung des Buchdrucks haben die Juden ihn in den Dienst ihrer Bemühungen um das Wissen gestellt und ihren Schriften in gleicher Weise durch die Ausbildung der Druckcharaktere wie durch die Anwendung der illustrierenden Drucktechniken (Holzschnitt, Kupferstich usw.) auch ein kunstle- Vorbeterpult. Machsor der Leipziger Universitätsbibliothek. 14. Jahrhd.

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