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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-08-17 · 33 (17.8.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
33 (17.8.1934)
Date
1934-08-17
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 17. August 193 , Endungen an die Namen der Engel in Michael-, Gabriel«, Rafaelowiez. Späterhill nehmen sie auch Namen aus Kreisen des Erwerbslebens und von Gelehrtenfamilien an: Rabinowicz, Doktorowicz, Kantorowtcz, das nach einem alten dorfliehen Ort bei Krakau wohl die Familicnfolge des üuts- oder Orlssehreibers bezeichnet In Horowicz, Hurvit/, Haurwit/, das auf den Namen des mährischen Ortes Horowice zurückgeht, sind die Abweichungen von o, u, au aus der verschiedenen Transskription des hebräischen Waw zu erklären. Im Russischen wandelt sich nach dem Lautgesetz Horowicz zu Gurewicz. Denn wie im Altspanischen vor dem 1(). Jahrhundert für h ein f eintrat, also farpa harpe, Harfe, faraute für heraut, Herold, fonta für honte, Schande (auch GoHen statt Cohen), so verhärtet sich im Russischen das ihm fehlende h zu g. Also wird dort das westdeutsche Kahn zu Kagan, das ostdeutsche Cohn zu Koigen. Die Fcrndissimilation des letzten der beiden gleichen Vokale hellt das zweite dunkle o zu e auf. Diese findet sich ebenso in Mossewitsch, Samolewitsch und vielen anderen, wie in Zarewitsch, des Cäsars Sohn, und mit der I cminalendung „in" Zarewna, seine Frau. Aber auch der deutsche Sprachgeist hat sich, über die Ostgrenze hinaus vordringend, der patronymialen Endungen bemächtigt. Die entsprechende polnische enthält Salomonski, Lipmanski und viele andere. Wie in diesen, so tritt auch in dem rumänischjüdischen Namen Cosmanescu die slawische Endung gleichfalls an einen gut deutschen, nicht an den sonst üblichen romanischen Stamm, denn Cosmann ist aus Oottesmann zusammengezogen. Wie im ostischen Jargon dem Mitteldeutschen, im sephardischen Ladinisch dem Altkastilischen durchgängig hebräische Elemente beigemischt sind, so verveben sich hier altdeutscher und biblischer Sprachgeist mit den sprachlichen Formen anderer Völker zu einer sie alle überwölbenden geistig seelischen Einheit. Trotzdem drängen die Namen den Einzelnen auch dazu, den Stempel seiner persönlichen Eigenart deutlich in ihm auszuprägen. Uaher veränderte sich ihre äuliere Gestalt nach der verschiedenartigen Formkraft der Umgebung, die so vielgestaltig ist, wie das Leben selber. So wurde der Name von Moses Schwester Mirjam unter den verschiedenen Völkern zu Maria, Marie, Mary, Marian, Marianka, Maritza, Merle, Mirel und erfuhr in Frankreich die feine Abstufung vom Kosenamen Maricttc zur geringwertigen Marionette und leichtfertigen Marielle. Die Prophetenmutter Channa, der üracia gleichzustellen, wurde Anna, Hannele, Annita im Engadin zu Nannerl und andere Namen weiteten sich zu einem noch viel grölleren Umfang aus. An spärliche biblische Beispiele anknüpfend, nennen spätere jüdische Namen bisweilen Vorzüge des Leibes und der Seele, die Sehnsuchtswünsche der Mütter, mit denen sie ihre Lieblinge für den ungewissen Lebensweg ausstatteten. Rabbi Don Sautob preist in seinen altspanischen Moralsprüchen Mitte des 14. Jahrhunderts die Brünetten. Im Deutschen finden wir sie in Bruna, Breindel, Brcndlc wieder, allgemeiner klingen Schönche, Schönte neben Bcla, heile von Bella, während Chaile, Kela dem Namen der Mutter alle: Lebenden Eva zur Seite zu stellen wäre. Innere Vorzüge nennet (iitla, Oude, Gudula. Daneben finden wir Frommet, Liebele, Telzclu von dulcis, douce SüBel, Frcudel, Glückel, üeuendcl, Gnana die Wagemutige, Eifrige, Sprinze, von esperanza, die gläubig Hoffende I Kirch sinnverwandten Vergleich entstandc-n Blümche, Rosine. Feilche, Vögele, Täuhehen; Qolda, Margulia, Margolith neben Perls. Auf die natürliche Zugehörigkeit zum Boden verweisen Zu ■ammensetzungen mit Berg, Feh, Tal, Bach, Strom, Wasser, Heide Förde, Feld, Wald, Busch, Strauch, Baum, Holz, Stamm, Zweig Stengel, Stiel, Blatt, Blüte, Blume, Frucht, Beere, Traube. Sie bezeugen das innige Heimatgefühl, das die jüdischen Familien mii dem Boden ihrer Väter verbindet. All jene der zartesten Mutter liebe entstammenden wurden zu metronymisch fraulichen Familiennamen weitcrgeleitet. So entstanden neue Zusammensetzungen mit Lilie, Tulpe, Nelke, Gewürz, Apfel, Birne, Wein, Mandel, Null. Dattel, Feige, Muskat, Pomcranz, Citron, Olive, Eiche, Tanne, mit Silber, Gold, Stahl, Eisen, Kupfer, Blei, dann Perle, Diamant, Rubin, Saphir, Karfunkel, Kiesel, Stein, Sand, ferner Sonne. Stern, Feuer, auch Engel, Mensch, besonders volkstümlich war die Zusammensetzung mit Mann, und ihren Vorzügen wie Ehren, Preis. Edel, Wert, Bieder, Treu, Gerade, Gleich, Gerecht, Frisch, Frank. Mutter, Lieb, Gut, Selig, Frieden, Demut, Fromm, Freundlich, Fein, Leise, Still, Wohl, Nobel, Hübsch, Blank, Rein. Sephardischc Familien haben nur vereinzelt Übertragungen ähnlicher bürgerliche! Namen angenommen wie Bonwitt von Bonfils (Gutkind) oder von Bonavita (Wohlleben, chajim towim). Sonst fehlen den in ihrer alten Heimat günstiger Gestellten jene in Deutschland schon im frühen Mittelalter angenommenen schmückenden Namen gänzlich. Dagegen finden sich in schwedischen, rein arischen Familien sogar Namen wie Lorbcerzweig, Zederström, Rosenlöwe, Bärensohn, Ehrenstrahl (Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Familienforschung, Heft 3, S. 55, H. 32, S. 505). Die in den räto-romani sehen Tälern des Engadin erhaltenen Namen wie Stern, Spiegel usw. gehen unter den Juden auf Hauszeichnungen im Frankfurter Ghetto zurück (ebenda S. 504). So wetteifern die Kinder der Ghettobewohner mit den vereinsamten Tiroler Bauern im zähen Bewahren echt deutschen Kulturgutes durch ihre gleichlautenden Namen. Nicht der liebliche Klang und funkelnde Glanz.; nicht Gewinnsucht noch Geltungsbedürfnis, romantisches Schwärmen oder eitle Selbstgefälligkeit haben die zuletzt aus dem ästhetischen Idealismus unserer klassischen Zeit hervorgegangenen deutschen Modenamen in Umlauf gesetzt. Als die staatsgesetzliche Verfügung von den Juden zwar die Führung bürgerlicher Namen forderte, aber Namen untersagte, die im Volke schon zahlreich vertreten waren, rang ihre jüdische Seele danach, die ihnen zugedachte Verächtlichmachung durch die von Goethe geforderte Ehrfurcht vor sich selber, die gemeinsame Bestimmung, den gemeinschaftlichen Eigenwert zu überwinden. Trauerfeier für Reichspräsident von Hindenburg. Am Sonntag, den 12. August, veranstaltete die Israelitische Religionsgemeindc gemeinsam mit dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in der gutbesuchten Gemeindesynagoge eine Trauerfeier zu Ehren des verstorbenen Reichspräsidenten von Hindenburg. Nach einem Orgelvorspiel und Gesang des Synagogenchores ergriff Herr Rabbiner Cohn das Wort. Er gab zu Begmn der tiefen Trauer Ausdruck, in die mit dem gesamten deutschen Volke auch die deutschen Juden durch das Hinscheiden des Herrn Reichspräsidenten versetzt worden sind. In warmen Worten hob sodann Herr Rabbiner Cohn die hohen menschlichen Werte des großen Toten hervor: die Schlichtheit und Demut seines Wesens, die tiefe und echte Gottesfurcht, die ihn beseelte, seine große Selbstentäußerung und die Hingabe an das Vaterland und seine Zukunft, solange noch ein Funken Kraft in ihm war. Der Grundzug seines Wesens war die Treue — sich selbst, seinem Vaterlande und seinem Volke. Er übte stets Gerechtigkeit und hatte volles Verständnis für alle diejenigen, die wahrhafte Leistungen vollbrachten und sich für ein größeres Ziel einsetzten. So übte er auch Gerechtigkeit gegen die deutschen Juden, die in treuer Pflichterfüllung dem Rufe des Vaterlandes gefolgt waren. Ein Zug seines Wesens aber war besonders bedeutsam: in dem Alter, in dem andere glauben, einen Anspruch auf Ruhe ihres Lebensabends zu haben, hat Hindenburg erst die ganze Kraft seines Könnens gezeigt. Obschon er zweimal geglauot hat, sich zurückziehen zu können, hat er immer wieder dem Rufe des Vaterlandes Folge geleistet und sich gerade in den Jahren des Alters bewährt, von dem auch unser Schrifttum sagt, daß ihm Ehrfurcht gebührt, weil Weisheit und Lebenserfahrung ihm zur Seite steht So hat seine reife Bedachtsamkeit und Abgeklärtheit stets ausgleichend und mildernd gewirkt — Herr Rabbiner Cohn wies darauf hin, daß wir gerade in diesen Wochen im Gottesdienst die Abschnitte über das Scheiden Moses lesen, der auch, wie Hindenburg, sein Werk nicht vollenden konnte. Doch lag auch seine Größe nicht in der Vollendung, sondern in der treuen und verantwortungsbewußten Pflichterfüllung bis zum Ende. Als Vertreter des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten sprach sodann Herr Rechtsanwalt Dr. Hans J a c o b y. Er gedachte Hmdenburgs als des Generalfeldmarschalls und großen Heerführers, der „einem Meteor gleich" zu Beginn des Weltkrieges auf den PI» trat und dem die jüdischen Frontkämpfer mit gleicher Begeisterung und Treue folgten, wie ihre anderen deutschen Kameraden. Der Redner hob insbesondere die große Treue, die unerschütterlich* Vaterlandsliebe, die tiefe Gerechtigkeit und persönliche Lauterkeit hervor, die der große Verstorbene jederzeit sowohl als General-

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