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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-08-10 · 32 (10.8.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
32 (10.8.1934)
Date
1934-08-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 10. August 1934 Der Trost des Volkes Roman von Schalom Asch (Bibliothek zeitgenössischer Werke, Zürich). Der Altmeister der jiddischen Literatur, Schalom Asch, hat dem Judentum der ganzen Erde ein neues Werk geschenkt, das er mit Fug „Der Trost des Volkes1' nennt. Denn fürwahr, dieses neue Werk des großen Dichters ist getragen von solcher Inbrunst des Glaubens, daß selbst jene, die sich niemals fraglos und jeden Zweifels bar niedergeworfen haben auf die Fliesen, um zu dem Herrn, der über uns ist, zu beten; daß, sagen wir, selbst die I tuen im (leiste dieses Buch als eine Erbauung und eine Tröstung hinnehmen werden, um in Demut zu erschauern vor der Demut dessen, der es zu schreiben vermochte. Als Motto steht dem Buche voran: „Der Gnaden höchste aber ist die Kunst des Glaubens". Und als Nachwort steht ZU lesen: „Der Verfasser dankt dem Herrn der Welt, daß Er ihn für würdig befunden hat, dieses Buch ZU Ende zu bringen, in dem das Leben des „Psalmenjuden" beschrieben wird — Gott zur Ehre, den bedrückten Menschenherzen zum Tröste ..." Der „Trost des Volkes" ist ein Buch der Gotteskindschaft schlechthin. Es ist die einfache Erzählung vom Leben und Sterben des gläubigen Judenknaben Jechicl, der in Gottes Schoß erwachte und in Gottes Schoß einschlief; dessen ganzes Dasein nichts war als irdisches Elend, irdische Not und Klage, dem dafür aber die himmlische Gnade und Erleuchtung zuteil ward, obwohl er es niemals, wie etwa sein älterer Bruder auch nur dahin gebracht hatte, in einer richtigen Jeschiwa zu lernen, geschweige denn wie sein Vater zu den chassidischen Jüngern des Wunderrabbi von Totnaschow zu gehören. Er hatte keine Zeit, seine Seele zu erquicken an den Geheimnissen jener geheiligten Bücher, die den jungen Bachurim in den Lehrschulen vermittelt wurden, weder dem Talmud, noch dem Sohar, noch den mysteriösen Schriften der frommen ChlSsidim. Es war sein Los, daß er als Knabe und als Jüngling der Mutter helfen und irdische, von den Frommen im Lande verachtete Arbeit verrichten, das heißt auf offenem Markte Handel treiben mußte mit Nichtiuden, auf daß wenigstens der Vater und die Qeschwister die Möglichkeit hatten, zu leben und - zu lernen. Alles, was Jechicl, das Gotteskind, auf seinem mühseligen Wege auflesen konnte, waren die mündlichen l bcrlicfcrungcn der Mischna, das Sagengui der Aggada, hin und wieder vielleicht auch einige Wundergeschichten aus der Kabbala, insbesondere aber die Psalmen, die ihm einen Pfad durch eigenes und fremdes Schicksal weisen sollten und dank denen er ehedem im BcthaUS spöttisch als l'salmengelehrter, späterhin schon verständnisvoller als Psalmenjude und am Ende seines Lebens als „heiliger Rabbi" gekannt und genannt ward. Der russische Judenknabe Jechiel, Sohn des gelehrten Chassid Boruch-Mojsche, dem die Weisen des Volkes nachgesagt halten: ..1 ■ gibt keine ärgere Sünde, als kleine Kinder nicht zum Studium der Leine zuzulassen", weil geschrieben steht „Dank den Stimmen der Kinder, die die Lehre Studieren, besteht die Welt", und der doch aus der Schule ausgeschlossen worden war, weil er seiner Mutter Rilke zuliebe hatte zum gewöhnlichen Handwerker werden müssen, hatte auf dem einfachen Wege der Liebe zu Gott gefunden, und obwohl er keines Lehrhauses Glück genossen, trug er doch das Gotteszeichen auf seiner Stirn und hatte in der Einfalt seines Herzens längstens begriffen, was dem hochgelehrten Wunderrabbi von Kozk erst im hohen (irciscnaltcr offenbar ward, als er nämlich den (Juell des Wissens /u erforschen trachtet und ein Flammenengel ihm den Weg vertritt mit den Worten: „Das ist der Quell der Liebe, doch du darfst ihm nicht nahen denn der (^ucll der l iil'e besteht aus eitel Tranen, und Tranen besaßest du nie!" Erst im Alter, beim (.iiisamen Sabbatmahl, empfand der Rabbi von KozL. daß der 1 ropfeu einer Träne viel unergründlicher ist als das Meer des „Unendlichen". Denn nur die Trane kann ihm helfen, den Stern tdoms zu überwinden, mit dem er hochbetagl den Kampf im Himmel aufgenommen hat. Die jüdische Träne aber ist die einzige Scharfe Waffe in dem unseligen Krieg, der aller Welt verborgen zwischen dem Rabbi von Kozk und dem grausamen Russenzaren Nikoiaus I. geführt winde... Aus dieser verspäteten Erkenntnis des VX underrabbis ersehen wir Zeit und Raum, in die das .Schicksal den einfältigen Jechiel gestellt hat. dessen unerschütterliche Oberzeugung von der Allmacht, kllwissenheil und Allgüte des Herrn nicht geschöpft zu werden brauchte aus heiligen und immer noch heiligeren Schriften, aus scharfsinnigen und geheimnisträchtigen Exegesen, aus Deutungen di r Bücher und Buchstaben, sondern der vielleicht auch ohne Thora und Talmud, nur kraft der Liebe, des Leidens und des Mitleidens diu Weg gefunden hatte zu Ihm, der der Herr und Hüter Israels war und i>t und immerdar bleiben wird. Selbst wenn ein Zufallslehrer Jechiel lehrte: „Man muß krank sein vor Liebe zu Gott, wie der Mann krank ist vor Liebe zu der begehrten Frau. Einen anderen Weg. < iott zu begreifen, gibt es nicht", so entnahm Jechiel ,ui> -oh hen W orten nicht etwa ein lästerliches (ileichuis, sondern, weil er ein offenes Herz für einfache Anschauungen hatte, schöpfte er nur neue Leidenschaft für Oott daraus und gleichzeitig mit der Liebe erwachte in lechiel eine tiefe Gottesfurcht, die gleichbedeutend war mit einer Lhrfurcht vor Gottes gesamter Schöpfung. Ausgabe der Synagogenkarten. Die Erneuerung der Synagogenkarten findet bis 24. August d. J. im Gemeindeamt, Wa11 e r-BI ü m eI- Straße 10, I statt. Karten, die nicht rechtzeitig abgeholt sind, werden anderweit vergeben. Kine schriftliche Krlnnernng erfolgt in diesem Jahre nicht. Die Preise sind erheblich herabgesetzt. Eine weitere Ermäßigung erfolgt in keinem Falle; diesbezügliche Gesuche sind also zwecklos. Leipzig, den 6. August 1934. Der Vorstand der israelit. Religionsgemeinde zu Leipzig. Der Dichter Schalom Asch zeigt uns in epischer Breite, die sich doch bisweilen zu dramatischen Höhepunkten erhebt, das Leben und Leiden seines Psalmenjuden, das reich ist an Peinigungen und Prüfungen, an Pfeilen und Schleudern des Schicksals und das doch, selbst wenn es auf dem Tiefpunkt des Daseins angelangt scheint, niemals etwas anderes darstellt als Dienst an seinem (iotte, und das mehr ist als Beruf,- nämlich Berufung. Allen Kränkungen und Versuchungen dieser Erde wird der Psalmenjude ausgesetzt, und es kommt auch über ihn eine Stunde, wo selbst er, Bruder und Nachfahre des Mannes aus dem Lande Uz, des Menschen Hiob, zweifeln und verzweifeln möchte. Aber durch Buße und Kasteiung, durch Liebe und Leid findet er immer wieder den Weg zurück in die Gottesherrlichkeit, um die er Jahrzehnte so eifervoll gerungen. Und er gilt schließlich dem ganzen Volke als ein heiliger Rabbi, für den sie alle als für einen Gerechten vor dem höchsten Oerie hl Zeugnis ablegen. Zeugnis dafür, daß der Rabbi Reh Jechiel seine Sendung redlich und vollkommen erfüllt habe. Schalom Asch bezwingt in seiner Geschichte vom „Psalnienjuden" selbst etwa widerstrebende und ungläubige Gemüter. Denn dieser Kraft des Glaubens, dieser eingeborenen, niemals zu erschütternden I römmigkeit gegenüber muß jede ratio zuschanden werden. Hier geht es ja nicht etwa um eitlen Lippeudienst, sondern hier wird des Menschen Seele mit (iott gefüllt für und für. Hier wird eine Totalität des Gottesbegriffes gegeben, die den Menschen, die Erde und alles auf ihr (ieschaffene umfaßt. Es bleibt kein Raum, kein noch so winziger Spalt, um dem Ringe dieser ungeheuren (iöttlichkeit und der von ihr ausstrahlenden Gesetze zu entweichen, lind wenn Schalom Asch seinen Psalmenjuden sterben läßt, läßt er ihn als letzte menschliche Freude das Gefühl empfinden, in das Allerhciligste zum < lottesdienste im Tempel zu Jerusalem einzuschreiten, läßt er die Seele des armen einfältigen Jechiel erfüllt werden von unzähligen Seelen, ganz wie beim Berge Sinai, als Israel die Lehre empfing. Und als die fremden Schriftgelehrten. ja selbst die vormals hochmütigen Chassidim, die herbeigeeilt waren, um dem nicht zünftigen Bruder in (iott im Todeskampf beizustehen und dem Sterbenden noch einmal die Einzigkeit Gottes in Erinnerung zu rufen: Höre Israel, der Ewige, unser (iott, der Ewige, is' einzig! Gelobt sei die Ehre .seines Königreichs immer und ewig, und als Jechiel unter dem großen Posauuentoii des \\ iddeilnmii verschied und der Tag der Vergebung vorüber war, sprach man von ihm wie einst von dein Zaddik llenoch: „Er ist nicht hier (iott hat ihn zu sich genommen." Es tut gut, in einer zerrissenen Zeit wie der unsrigen, sich hie und da in ein Buch vertiefen zu dürfen, das nichts weiß von der Klugheit und Klüglichkeit, den Lüsten und Listen der Mensch« n sondern das erfüllt ist ausschließlich von (iott, dem Glauben an Ihn Und der Demut vor Ihm. Ucradc in der Schlichtheit der Kompt silion und Diktion dieses Werkes liegt Schalom Aschs DichtergrODe. Ein grandioses Werk, das vielleicht gestaltet und geformt werden konnte nur VOfl einem Ostjuden, dem die westeuropäischen Skrupel zu seinem (duck fernbleiben durften. Schalom Asch hat g( - halten, was er im Titel seines Romans versprach. Er hat dein Volke Israel, gleichviel ob es in der Zerstreuung lebe oder schon wieder auf der Väter Hoden Fuß gefaßt habe, einen neuen „Trost" zugeführt. Dafür gebührt dem Juden wie dem Künstler Schalom Asch Dank und Preis. Doris Wittner. Immobilienmarkt und Realkreditwesen. Die F. W. J. (Gesellschaft zur Förderung wirtschaftlicher Interessen von in Deutschland wohnhaften oder wohnhaft gewesenen Juden) veröffentlicht den ersten ihrer Wirtschaftsberichte, die sie, vielfachen Wünschen folgend, in regelmäßigen Abständen herausgeben will. In diesen Berichten sollen alle wichtigen Fragen des Wirtschaftslebens der deutschen Juden nach den Erfahrungen der Arbeit der F. W. J. behandelt werden. Wir entnehmen dem Bericht die folgenden Ausführungen, die weitgehendes Interesse beanspruchen dürfen:

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