Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 31 (3.8.1934)
- Date
- 1934-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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!. August 1934 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG__Seite 3 Statt Karten! Wir laden hiermit Verwandte, Freunde und Bekannte zu der s. G. w. am 11. August stattfind. niXM3 unseres zweiten Sohnes S i «> jj in u n «I herzlichst ein. (Ez Chaim Synagoge). Kiddiiscii Utringitr.9,1 Dr. med. 0. Dzialowski u. Frau Cilligeb. Rosenak. Statt Karten. z. Z. Marienbad I KM OKI. K AI/r Kit Kl KT PUCKEL Verlobte Juli 1934 Leipzig Notar, dachte Ich, das ist das Gesetz in Person, da Kann einem nichts geschehen. Dafür mußte ich büßen . . . Sportverein „Schild" Leipzig im Sportbund des R. J. F. Eröffnung des Sport-Betriebs Ich stand mit Qanna vor den ineinandergeschobenen Tischen, .itif denen die lloch/citsgeschenkc /ur Schau gestellt waren. Da gab s grellbunte Sofakissen mit sezessionistischen Mustern, abenteuerlich geformte Lampenschirme, verdrehte Bronzefiguren, metallene Frösche und Hunde als Kerzenhalter, Stefanturm und Medizäergrab als Briefbeschwerer, Nymphen mit Löchern im Kopf als Partum- Maschen, venetianische Gondeln als Schreibtischgarnituren, Photoraphierahmen mit goldenen Tannenzapfen. Daneben auch Nützliches, Praktisches, Bücher, Tafclsilher, Porzellan, Anweisungen auf Wäsche und Mobiliar. Wir wollten uns ja nicht häuslich niederlassen, sondern zunächst ein Jahr lang auf Reisen gehen. Ich war sehr erbaut von den Geschenken. Noch nie hatte ich über ein solches Warenlager von Habe verfügt, von richtiger Habe. Alles erschien mir schön, alles erschien mir gut. Freilich hatte ich nicht die Empfindung von Wirklichkeit. Was war mir denn wirklich? Nicht einmal mein Hemd, nicht einmal ineine Schreibfeder. Die beständige schweigende Obereinkunft mit jenen, die das bloli Scheinende als Wahres nahmen, war ungeheuer anstrengend. Nicht nur das. Es kam mir bisweilen vor, als mordete es etwas in mir. Ich wußte nicht, was es war. Aber bestimmt mordete es etwas. I olgerichtigerweUe konnten sie ja nicht anders, als das Wahre für Schein nehmen, es war ihre Natur. Hier, am Auslagetisch der beschenke, quälte mich hinter all der törichten Sachfreude zum erstenil die Furcht, auch Qanna könnte an den fortgesetzten kleinen Mordversuchen beteiligt sein, sie, die ich führen, die ich in mein I eben aufnehmen sollte. Denn was bedeutete das Leuchten in ihren Augen, was bedeutete der Jubel? Gewiß, sie lebt mit zeri iltem Bewußtsein, halb unter den Menschen, halb unter den Sternen. Eine Prinzessin, die Hochzeit macht. Ein Märchenwesen, das in unbekannte ülückseligkeitsregionen entschwebt ist. Sie erkennt iemand mehr. Sie verwechselt Gegenstände mit Gesichtern und igekchrt. Wenn man frühmorgens mit dem Gefühl erwacht, man eine Rose oder eine besondere Wolke, kann man nicht in der wohnten Sprache mit den Menschen verkehren, man stammelt, man redet ein wenig irre. Falsche Gotik, falsches Barock, falsche I naissance: was kümmerte einen das? Es waren Liebeszeichen, geszeiehen. „Schau her," sagte sie andächtig, „das ist von Tante i ruhen, und das von Onkel Adalbert, und das von der Hofrätm l fetter, wie lieb, daß sie daran gedacht hat!" Und Gannas Ent- . cken teilte sich mir mit, als hatte sie mir einen Zaubertrank ■ ii gegeben. Und der blieb auch am Tag der Hochzeit wirksam, einem nieedurchwirbelten Januartag. Meine Erinnerung, laßt mich nachiken, ruft mir stundenlangen, unbeschreiblichen Lärm zurück, tischende Frauenstimmen, mißtönige Männerstimmen, Tellerklirr, Stühlerücken, Pfropfenknallen, Bratengerüche, süßen und Liren Geschmack auf der Zunge, unabläßliches Auf und Zu von ren und Kommen und Gehen, phrasenhafte Telegramme, Hände. man drücken mußte, trockene und feuchte, fleischige und dürre, irme und kalte, rauhe und glatte, bewegliche und starre. Eine iiiungszeremonie, demütigend und verletzend, weil hohle Formeln!i anmaßten, die sittliche Freiheit zu beschränken, wie wenn Mi einem Sträfling die Gefängnisordnung vorliest. Das Bild einer uiia ferner, die weiß angetan schlafwandlerisch über dem Erdbi leu zu schweben schien und mit dem eigentümlich schamhaft -senden Lächeln der konventionellen Bräute an der Tafel saß. auf dem Platze an der Wundtstraße*) Sonntag, den 5, August 1934 vormittag« 141.»4» Mir mit einem Fußball-Wettspiel Anmeldungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen schriftlich unter Angabe der Sportart an Sportkamerad Dr. Aron, Leipzig Gl, Gottschedstraße 7, oder auf dem Platze. Dort werden auch alle Auskünfte erteilt. *) Straßenbahn: 1, 12, 22, 24, Haltestelle Körnerstraße Das Bild der Mutter auch, wie sie den Arm um meine Schultet legte, mich in eine Fensternische und auf eine dort befindliche Bank zog und, umtobt vom Getriebe, mit schreckhaft abirrenden Augen und unheimlichem Lachen krause, unerwartete Dinge sagte, Gespenst in einer Festversammlung, von niemand gehört und wahrgenommen außer von mir. Es war ein beharrender, werterbohrender Eindruck. Dann Tischrede auf Tischrede. Reden der Schwäger, die mit Bildung und Gelesenem prunkten; der Hausfreunde, die sich ilarauf vorbereitet hatten, witzig zu sein; eines Kollegen des Professors von der philosophischen Fakultät, der wie bei einer Denkmalcnthüllung mit Donnerstimme Gannas Tugenden pries; eines Feldzeugmeisters schließlich, leibhaftigen Generals, noch nie war ich mit einem General hei Tisch gesessen, der den „begabten und sympathischen jungen Gatten" hochleben ließ und den Wunsch ausdrückte, er möge „fürderhin wie bisher auf der Bahn der Wissensehaft und Kunst fortschreiten" . . . Alles zusammen, überleg ichs heute, war wie der konzentrierte Abriß einer Sittengeschichte der Zeit. Leben des reichen Bürgers als Nachmittagsvorstellung unter Begleitung eines leicht angesäuselten Orchesters von vier Mann. Ich fühlte mich aber durchaus nicht als unbeteiligter Zuschauer. Ich war im Spiel, ich wirkte tätig und ergriffen mit. Als zuletzt die sechs Töchter und die eingesessenen Schwiegersöhne nebst einem halben Dutzend eigens zu dem Zweck herbeigeholter Enkelkinder am Stuhl des Professors vorühcrdcfüierten, um ihn nach seiner markigen Schlußansprache auf die Stirn zu küssen; als er sich dann erhob, ragend in ihrer Mitte, königlicher Patriarch und unumschränkter Herr des Krals, so daß man im Geist die Qeschlechter- An alle! Die blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau ist ein Ausdruck des jüdischen Lebens- und Oemeinschaftswillens, der Verantwortung und des Opfers! Wer sich zu unserer Gemeinschaft bekennt, muß im Besitz einer Beitragskarte sein! Wer noch nicht im Besitz einer Karte für Hilfe und Aufbau ist, wolle sich telefonisch beim Isr. Gemeindeamt (Anschluß Nr. 21382) melden.