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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-08-03 · 31 (3.8.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
31 (3.8.1934)
Date
1934-08-03
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Mordann, zu der Maximilian Harden Modell gestanden hat und bei dem der Schriftsteller Alexander Herzog, in dem er ein eigenes Selbstbildnis zeichnet, damit unbewußt seine Bekenntnisschriften fortsetzend (die letzte Fell* konnte Wassermann nicht mehr anlegen, einzelne peinlich-grelle Übertreibungen, die bei aller Verfinsterung seiner Lebensstimmung, seinem künstlerischen Verantwortungsgefühl und seinem sittlichen Ernst nicht recht gemäß sind, mögen auf diesen Umstand zurückzuführen sein.) Trägt allein Alexander Herzog Züge des Dichters — wie die Verfasserschaft des „Adam Urbas", die Kennzeichnung, daß er ein Mensch von stark entwickeltem metaphysischen Bedürfnis, aber sein Reich ganz und gar von dieser Welt sei, und andere Privatere? Steckt nicht auch etwas von Joseph Kerklioven in ihm, der um sein nahes Ende weiß und sich in der Zeitspanne, die ihm verbleibt, müht, den Menschen die Erkenntnisse seiner dritten Existenz zu vermitteln: daß seit einem Jahrtausend keine ahnlich finstere Zeit da war und daß man einem Jahrhundert, dessen Merkmal es sei, daß „böse Narren immer und überall Gehör finden", mit bloßer Humanität nicht begegnen kann. War Optimismus eine Eigenschaft des lu. Jahrhunderts und Hochachtung der Vernunft des achtzehnten, so muß man jetzt in jene aufgerührten Schichten eindringen, in denen Cilaube und Wahn positiver und negativer Pol der gleichen Strömung sind, und die Kräfte des Glaubens zu wecken. Der Satz aus dem „Etzel Andergast": „Eines der Grundgesetze, denen die Existenzen unterworfen sind, ist das der Begegnung" gilt in erhöhtem Maße für den Kcrkhovcn-Roman. Wie die Begegnung mit Johann Irlen, dem er aus menschlichem Erbarmen das tödliche Gift gibt, Kerklioven im „Etzel Andergast" zum Seelenarzt und Parazelsus-Jünger wandelt, so ward der „glaubenslose Märtyrer" Alexander Herzog in „Joseph Kerkhovens dritter Existenz" durch die Begegnung mit Kerklioven zum Anhänger des deutschen Mystikers Tauler, der vor sechshundert Jahren von der „Vernichtung" des Menschen gegenüber der Gottheit und der Vernichtung des Bösen und der Vernichtung des Todes sprach. Mit dem Zusammenbruch Joseph Kerkhovens, als er entdeckt hatte, daß sein Ereund und Schüler Etzel Andergast ihn mit seiner geliebten Erau Marie betrogen, setzt der Roman ein. Der Menschlichkeit wirkende Kerklioven ist im Elcmentartarsten seiner Existenz getroffen: als Mann. Er wird in das Ghaos gestürzt, in dem menschliche Obereinkunft nichts gilt. Ein Qlaubenserlebnis befreit ihn aus dieser Krise: der Anblick der betenden unglücklichen Mutter seines jungen I reundes, den er stellen wollte. Vom „Kaspar Hauser" bis zum „I all Maurizius" hatte Jakob Wassermann gegen die „Trägheit des Herzens" gekämpft, das Fehlen der Gerechtigkeit, das er erlebt hatte, trieb ihn, das Geschehen in der Welt an der Idee der Gerechtigkeit zu messen. Auch im Kcrkhovcn-Roman kommt ein Rechtsfall vor, wird ein Fehlurteil aufgehoben: im „Fall Mauri/ius" führte der sechzehnjährige Etzel Andergast den Kampf, in „Kerkhovens dritte Existenz" wird der Rechtsirrtum durch eine medial veranlagte Patientin Kerkhovens aufgedeckt. „Joseph Kerkhovens dritte Existenz" ist ein Kompendium des Irrationalen. in den „Selbstbetrachtungen" hatte Wassermann ••ine stelle des Etzel-Romans, die Anstoß erregte, noch rechtfertigen müssen: ..1 tzels Verrat wird begangen aus dem unbewußten Trieb, sich mit dem geliebten Meister in jedem Sinn zu vcrnämlichcu, und das echt unheimlicherweise so weit, daß er sich des einzigen Wesens glaubt bemächtigen zu müssen, das diesem lebensnotwendig ist. Hier sind Geheimnisse, die, weil sie kaum ausgesprochen werden können, sich ins Bild flüchten müssen". Das war wohl kommentiert, aber mehr gedacht als gestaltet . In „Kerkhovens dritte Existenz" hat diese Wendung Raum und Hintergrund: Als ein Akt dämonischer Entfaltung ist Maries Ehebruch dem Umkreis des leichtfertigen Treubruchs entzogen. Als „Weib" schämt sich Marie Kerklioven beim Lesen von Alexander Herzogs Auszeichnungen über dessen erste Frau Ganna. Als Hexenwahn erscheint die Gewissensqual der Jeanne Mallery, einen 'Wunschmord begangen zu haben, nach der Befreiung aus der Haft. Einen stark hervortretenden Zug von Hexenhaftigkeit nimmt man bei einer anderen Patientin Kerkhovens wahr. Vorzeitliches Sein, vergessene Träume, dunkle Urmächte treiben ihren Spuk. Der Entdeckung barbarischer Urwesen unter der Decke der Zivilisation sind Bemühungen um die Erkenntnis des göttlichen Gegenspiels gegenübergestellt: daß man mit der gesunden Vernunft auf keinen grünen Zweig gekommen sei; daß es Gottes Manier sei, uns in Bewegung zu bringen, indem er uns in sein Handwerk pfuschen ließe; daß auch Gott seine Regeln vereinfachen müsse, durch die er sein tietriebe in Ordnung halte; daß die Bekenntnisse eines Gottlosen bis an die Wurzel der geistigen Existenz hinuntergraben, um den Urirrtum zu finden; daß die untersten Wurzeln des Religiösen in weit zurückreichenden Entwicklungszuständen liegen, wo von Bewußtsein noch nicht die Rede sein könne, dort „wo die für das Lebensprogramm tätigen Kräfte das seelische Wachstum des Menschen bestimmend vorbereiten"; daß es endlich eine Brücke gäbe von der sinnlichen Welt des Wahns zur übersinnlichen des Glaubens. Es ist ein sinnbildlicher Vorgang, daß die Arbeit Kerkhovens, in der er das beweist, verlorengeht. Einmal konzediert Kerklioven der Welt das Recht auf ihre Form, ein anderes Mal belehrt Bettina, der wahnlose Mensch, Ganna, die Verkörperin düsteren Aberglaubens, daß die gesamte lebende Welt ohne sittliche Ordnung und natürliches Vertrauen zerbräche. Von Marie Kerklioven heißt es einmal, sie empfinde die Bangigkeit des gestalteten Menschen vor der amorphen Masse. Eine Stelle, die aufs neue bekundet, wie innig Wassermanns Grundbegriffe Gestalt und Humanität zusammenhängen. Mit einem Mysterienspiel, in dem der Leugner und der Widergeist ihre Rollen haben, vergleicht Wassermann das Ringen seiner Gestalten um den göttlichen Glauben. In Gesprächen kommen sie zu ihren tiefsten Einsichten. Aber er bewährt sich wieder als der spannende Romancier, welcher der Entfabelung des modernen Romans abgeneigt bleibt, weil Fabulierkunst aus 1001 Nacht die Triebkraft seiner Erzählkunst ist. Auf einer höheren Spiralenwindung seiner Entwicklung richtet Wassermann an die Welt des Kaiser- und Galilaer-Wort: Deutscher und Jude! „Muß erst Schatten sein, damit Gestalt entsteht?" fragte Jakob Wassermann in seinem Nachruf auf den Freund Ferruccio Busoni. Und In seiner Gedenkrede auf einen anderen Freund seines Lebens, Hugo von Hofmannsthal, sagte er: „Unmittelbar nach seinem Tod konnte man eine überraschend.: Erfahrung machen. Plötzlich, von einem Tage znni andern, stand sein Bild in einer Reinheit da, wie wenn der Sturm von einem Berggipfel das Nebelgewölk fortbläst." Es ist, wie wenn der Dichter von „Joseph Kerkhovens dritte Existenz" mit solchen Sätzen über sein eigenes Schicksal ausgesagt hätte. L. W. Ja Ii oh \Va**eriiiaiiii: Die Hochzeit. Wir veröffentlichen nachstehend, mit Erlaubnis der Jüdischen Buch-Vereinigung, ein Kapitel aus diesem letzten Werk Jakob Wassermanns: Zwischen Weihnachten und Silvester, einige Tage vor Anbruch des Jahres 1901 und damit des zwanzigsten Jahrhunderts, wurde ich vom Anwalt der Familie Mewis zu einer benannten Stunde in dessen Kanzlei gebeten. Als ich hinkam, war der Professor bereits da, der Advokat, ein forschtuender Herr mit einem Feldwebelgesicht, begrüßte mich nicht ohne Feierlichkeit, und auf einem lederbezogenen Kanapee, wo er sich einen Platz aus Akten und juristischen Zeitschriften ausgegraben hatte, saß, eine Virginia- Zigarre im Mundwinkel, der Notar. Dieser überreichte mir ein kalligraphisch vollendet ausgeführtes Dokument, damals waren Schreibmaschinen in den Kanzleien noch nicht in Gebrauch, und dieses Schriftstück hatte ich durchzulesen. Ich gab mir Mühe, es zu tun. Die Höhe der Mitgift war ziffernmäßig berechnet; die vermögensrechtlichen und eherechtlichen Bestimmungen waren in einem vollkommen unverständlichen Deutsch abgefaßt. Es stand auch etwas von einer Widerlage, im Fall der Ehetrennung. Was das Wort zu bedeuten hatte, wußte ich nicht. Da ich nicht fragte, fand sich niemand bemüßigt, mich aufzuklären. Es langweilte mich. Ich unterschrieb. Ich dachte: der Professor ist ein Ehrenmann, weshalb sollte ich nicht unterschreiben? Es erschien mir nicht anständig, zu fragen. Fünfundzwanzig Jahre später erfuhr ich, was ich unterschrieben hatte. Ein Vierteljahrhundert verstrich, bevor mir ein Licht darüber aufging, daß man mich hineingelegt hatte. Im Geist der Familie natürlich und durchaus loyal. Ich hätte ja fragen können. Aber dergleichen k m mir gar nicht in den Sinn, gehen können. Aber dergleichen kam mir gar nicht in den Sinn. Es war das erste Mal, daß Ich mit einem Notar zu tun hatte. Ein.

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