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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-07-27 · 30 (27.7.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
30 (27.7.1934)
Date
1934-07-27
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 esse am ralmud gering wurde, daB et als Lehrziel nicht mehr fesselte. Man wünschte seine religiösen Impulse aus Quellen zu schöpfen, die geeignet schienen, das Fühlen, die Gesinnung zu richten und zu führen; als eine solche Quelle kannte man den Talmud nicht. Es hat den Anschein, als ob der Abstand, der dadurch so viele Juden vom Talmud getrennt hat, heute wieder schmerzlich empfunden wird. Nicht etwa mir, weil die Angriffe auf den Talmud, ilie nie aufgehört hahen, heute wieder mit gesteigerter Heftigkeit erfolgen, und man Kerne aus eigener Kenntnis /u ihnen Stellung nehmen mochte, weil man wissen mochte, was wahr daran ist. Das Verlangen, um das Judentum ZU wissen, heute sichtlich im Wachsen, hat viele zu Schriften greifen lassen, die in die religiöse Gedankenwelt des Judentums hineinführen. Dabei mußte man die Entdeckung machen, (ÜB sie alle in breiten Teilen auf den Talmud zurückgreifen. Begnügt man sich nicht damit, die Abhandlungen zu lesen — und man sucht heute in solchen Schriften mehr als die Gedankengänge der Autoren --, sondern blickt auch in das Verzeichnis der Quellen, auf denen die Arbeiten bauen, so begegnen immer und überall die Hinweise auf den Talmud: ob man Baecks Wesen des Judentums oder Lazarus' Ethik des Judentums oder irgendein Werk aus dem ürundrill der Gesamtwissenschaft des Judentums durcharbeitet, der innige Zusammenhang aller dieser Darstellungen mit dem Talmud wird immer deutlich. Und es wird damit deutlich, dall dieses Schrifttum — der Talmud ist mehr als ein Buch, ein Werk, stellt ein ganzes Schrifttum dar — denn doch keineswegs damit erschöpft wird, wenn man bei seiner Nennung nur an die jüdische Gcsctzcsform denkt, die in ihm entwickelt wurde. Es zeigt sieh, dall die so arg vernachlässigten aggadischen Teile im besonderen, aber auch die ha lachischen Stücke, bei einer Vertiefung nach neuzeitlicher Betrachtungsweise die ganze reiche Fülle von Erkenntnis jüdischer Qeistesrichtung vermittelt, ohne die das Judentum, selbst von! Standpunkt liberaler Auffassung aus, gar nicht verstanden werden kann. Wie sollte es denn auch anders sein. Nur als gewordene und gewachsene Erscheinung darf das Judentum gesehen werden. Und da bedeutet der Talmud, wie immer man sich im einzelnen zu ihm stellen mag, diejenige Quelle, auf der alle weitere Entwicklung besteht Wer sieh etwa mit der deutschen Literatur vertraut machen will, kann sich nicht mit den Werken der Dichter des U). oder 20. Jahrhunderts genug sein lassen, er mull dein gesainten Werdegang nachgehen, inuli sich mit Edda und Nibelungenlied und Waltarilicd beschäftigen, weil sie als Ausgang wesentlich sind. Und in weit höherem Mall noch gilt das vom Talmud: er atmet ja den (leist, aus dem heraus das Judentum eines Jahrtausends die Bibel und ihre Lehre verstanden und gelebt hat, der richtunggebend wurde für die Erfassung des Judentums, wie sie im religiösen Schrifttum weiterer dreizehn Jahrhunderte niedergelegt wurde. Die ewigen Wahrheiten der Bibel haben den Erscheinungsformen, die gewiß einen breiten Teil im Talmud einnehmen, ihren Sinn gegeben; sie sind immer das Wesenhafte geblieben vom Zeitpunkt ihrer Offenbarung bis in unsere Tage: im Talmud haben sie eine Prägung gefunden, an der niemand vorübergehen kann, dem eine quellenmäßige Erkenntnis des Judentums wertvoll und erstrebenswert ist. Neben solchen geschichtlichen Aufschlüssen kann aber im Talmud eine Menge von Erkenntnissen über die jüdische Sittenlehre geschöpft werden, die mau nicht ohne Verwunderung dort entdecken wird, an denen mau meist achtlos vorübergegangen ist, und die z. T. unserem heutigen jüdischen Leben wertvolle Kräfte wecken konnten. Ein Beispiel: eine ganze Reihe von Bestimmungen gründet sich auf den Begriff: mipne darche schalom um der Bewahrung des Friedens willen. Wie hoch das sittliche (iut des Friedens unter den Menschen gestellt werden soll, wird daraus ersichtlich, dal! auf gewisse rechtliche oder moralische Forderungen verzichtet werden soll, um dem Iiieden zu dienen. Oder: immer wieder begegnet die Forderung, dall man handeln soll« lischmah um der Sache willen, dal! persönliche Beweggründe oder Rücksichten auf Menschen ausgeschaltet werden müssen, wenn die Sache gefördert werden soll. Oder: die Anschauung, daß man bei seinem Urteile über Menschen und ihre Handlungen den Grundsatz, befolgen solle l'chaf s'chuth sich von Milde leiten lassen. Eine Welt von üüte und Menschenfreundlichkeit und aufrichtiger Wahrhaftigkeit tritt in den Sagen und Legenden und Weisheitssprüchen und Fabeln und Parabeln, aber auch in den Berichten über das Leben der Lehrer entgegen, die durchaus nicht überaltert erscheinen, sondern so anziehend, so innig, so packend wirken, und ihre ganze Tiefe und Schönheit in ihrer talmudischcn Prägung zeigen, daß man unendlich viel Erhebung und Ansporn, Stärkung und Beglückung aus ihnen erfahrt, und dall eine ganz, machtvolle Steigerung jüdischens Wollens und jüdischer Vertiefung erziel! werden würde, wenn man zum Talmud, dem uralten und doch so ewig jungen Born jüdischen Geistes wieder ein persönliches Verhältnis besäße. Der Verflachung der religiösen Schöpferkräfte, die nicht zum wenigsten auf die völlige Vernachlässigung des Talmudlerncns zurückgeht, würde eine Belebung der inneren jüdischen Willenskräfte durch den Talmud entgegenwirken. Doch wie kommen heutige Juden zum Talmud? Sie haben ja so häufig keine Kenntnis des Hebräischen oder doch so geringe, dal! sie nicht im Entferntesten hinreichen, um den Talmud zu lesen, und vor allem, die methodischen Schwierigkeiten zu überwinden, die das Studium des Talmud bietet. Iiier erwächst den geistigen I uhrern der Gemeinden eine Aufgabe, an die sie herangehen sollten. Ideal würde sicherlich bleiben, die Kenntnis des. Hebräischen so zu fördern, dal! jeder Jude den Talmud in seiner Sprache lernen kann. Doch dürfte das erst für die Jungeren verwirklicht werden können. Auch den Älteren mul! ein positives Verhältnis zum Talmud vermittelt werden. Hier muß die heute vorhandene Talmudübersetzung herangezogen werden. Noch fehlt die Methode. Sie muß gesucht und wird gefunden werden. Wie den Kleinen die Geschichten aus der Bibel nahegebracht werden, bevor sie sie in der heiligen Sprache lesen können, so müssen auch in systematischem Aufbau Stücke aus dem Talmud in der geläufigen Sprache behandelt werden, so dal! Schritt für Schritt Methode und Stoff des Talmuds dem Verständnis immer näher kommen. Mancher und viele werden dann die Neigung verspüren, auch zum alten Text sehreiten zu können, und werden in der Freude an der Arbeit die Hemmungen überwinden, die als ungeheuerlich erscheinen, solange nicht diese Freude geschaffen ist. Qemeindesitzung vom 2. Juli 1934. (Nach der amtlichen Niederschrift.) Herr Gemeindevorsteher Ooldschmidt eröffnet die Sitzung um 18,30 I hr und begrüßt den erstmals in der Versammlung an« wesenden Gemeindeverordneten Herrn Dr. Braude. 1. Herr Stein hat gebeten, ihn von dem Amt eines Gcmeinde- Verordneten zu entbinden. Die Beschlußfassung wird vertagt, weil Aussicht besteht, dal! Herr Stein seinen Antrag zurückzieht. 2. Alsdann gibt der Vorsitzende von dem Berieht des Rechnungsprüfers der Zentralstelle für judische Darlehttskassen in Berlin über die Geschäftsführung unserer Darlchnskassc Kenntnis. Der Vorsitzende dankt der Darlehnskommission für ihre, auch von der Zentralstelle sehr gelobte Tätigkeit. Einstimmig wird eine Ergänzung der Satzung der Darlehnskasse angenommen. i. Herr Dr. Zander berichtet über die neue Steuerordnung, die gegenüber der des Vorjahres einige wesentliche Änderungen aufweist, und erläutert dieselben.. Im Zusammenhang hiermit wird eine Änderung des Oemeindestatuts vorgeschlagen. Ein Antrag des Flerrn Dr. Lehr freund, im § 1 des Oemeindestatuts das Wort „Israelit" durch das Wort „Jude" zu ersetzen, wird abgelehnt, da andernfalls formale Schwierigkeiten entstehen könnten. Die Änderung des Gemeindestatuts wird einstimmig angenommen. Danach lautet § 1 Abs. 2 desselben wie folgt: „Mitglieder der Gemeinde sind die Israeliten, die in dein Gemeindebezirke ihren Wohnsitz oder wesentlichen Aufenthalt haben oder ein Grundstück besitzen oder selbständig ein Gewerbe betreiben, insbesondere also auch die Israeliten, die an einem im Gcmeindebezirke belegenen gewerblichen Unternehmen cinkommcnstcucrpflichtig beteiligt sind (5? 2 des Ges. vom 10. Juni 1904). Desgleichen wird die neue Steuerordnung endgültig angenommen. 4. Herr Breslauer berichtet über die Vorarbeiten für den Haushaltplan 1934 35, über den Beschluß gefaßt werden soll. Da die Vorberatung des Planes in diesem Jahre eine besonders gründliche

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