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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-07-27 · 30 (27.7.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
30 (27.7.1934)
Date
1934-07-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Auflage 4250 Stück (Bemetoö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGtrMErlN DE-ZL/ I J^|D7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL Ii Mm I ^7 der gemein deverwaltunob Schrirtleltung i Oemeind trabbin er Oustav Cohn Leipzig Walter BIDmel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Oenelimigung des Verlassers gestattet Nummer 30 ■ Jahrgang 10 27. lull 1034 Anzeigenannahme i E. Qoldfrcund, Leipzig OS, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. WoclientagsgotlesdieiiNt. Nachdem aus Ersparnisgründen mit Ende des Monats Juli der Morgen- und Abendgottesdienst in der Gemeindesynagoge an den Wochentagen eingestellt wird, haben die Beter Gelegenheit, an den Gottesdiensten in der Ez-Chaim- Synagoge in der Otto-Schill-Straße teilzunehmen. Leipzig, den 24. Juli 1Q34. Der Vorstand der israelit. Religionsgemeinde zu Leipzig. Was ist uns der Talmud? Von Rabbiner Custav Cohn Oft ist in jüngster Zeit, in unserer (iemeinde durch Vorträge, Kurse und Aufsätze unseres Dr. (ioldmann, die Frage behandelt worden: Was ist der Talmud? Die Frage sollte, mehr als dies bisher geschah, dahin gestellt werden, ob der Talmud dem heutigen Juden, der ihn nicht kennt, nicht lernen kann, von seinem Inhalt und Wesen kaum aus Büchern, die sich mit ihm befassen, unterrichtet ist, wieder etwas bedeuten kann. Es lag in der Entwicklung der Dinge, da Ii bis vor kurzem fast ausschließlich apologetische Absichten zur Beschäftigung mit der Frage drängten; und nicht etwa nur gegen die aus Unkenntnis oder bewußter Entstellung talmudischer Sätze und Lehren erfolgte Herabsetzung des Talmud von judengegnerischer Seite, sondern auch gegen schiefe und falsche Vorstellungen über den Talmud in unserer eigenen Mitte. Heute dürfen Bemühungen, Interesse für dieses alte jüdische Schrifttum zu erwecken, auf eine freudigere Bereitschaft rechnen; die Neigung, jüdisches Wissen zu erlangen, um auf ihm ein stärkeres jüdisches Bewußtsein zu begründen, kommt ihnen entgegen. Erste Voraussetzung dafür, daß eine Wiederbelebung des Talmudlernens angebahnt werden kann, wäre allerdings die Erkenntnis, daß es lohnt, ein Studium wieder aufzunehmen, das bis vor etwa einem bis anderthalb Jahrhunderten auch in Deutschland noch allgemein verbreitet war. Es war natürlich, daß die freiere Stellung der Juden im 19. Jahrhundert zu einer Abkehr vom Talmud führen mußte. Jahrhunderte hindurch war dem Talmud dogmatischer Wert beigemessen worden. Man hatte sich mit ihm, oft buchstäblich, immer aber dem Sinne nach, jomam walajlah, Tag und Nacht befaßt. Die Diskussionen der Qclchrtcn untereinander oder mit ihren Schülern hatte mau fortzusetzen sich bemüht. Und hatte dies unter zwei Gesichtspunkten getan, die einem freieren religiösen Denken und Fühlen kaum noch etwas bedeuten konnten, einem äußerlichen und einem sachlichen. Man strebte danach, es an Scharfsinn den jüdi- An die JLeser des Gemeindeblattes Wir bitten diejenigen Mitglieder unserer Gemeinde, die noch nicht das Bezugsgeld für das Gemeindeblatt für die Zeit vom 1. April bis 31. Juli ds. Js. in Höhe von RM. —.40 an uns gezahlt haben, dies umgehend nachzuholen. Postscheckamt der Gemeinde Nr. 50533. Leipzig, den 24. Juli 1934. Der Vorstand der israelit. Religionsgemeinde zu Leipzig. sehen Lehrern des Altertums gleich Zutun; denn in den Diskussionen des Talmud geht es darum, die Überlieferung von Formen jüdisch-religiösen Lebens zu klären, gegensätzliche oder abweichende Sätze über das, was der religiöse Jude als sein Religionsgesetz zu üben habe, durch kritische Vergleiche auf die ursprünglich wahre Form zurückzuführen und damit Zweifelsfragen der Kasuistik auszuschalten. Diese ungewöhnlich tiefschürfende Denkarbeit hat etwas reizvolles an sich; wer diesen logischen Deduktionen folgt, kann es verstehen, daß die Juden, denen ein anderes Schulwerk als Cheder und Jeschiwah mit Mischnah und Talmud als Lehrstoff nicht zur Verfügung stand, ihnen verfielen und gleichzukommen trachteten. Und dies um so mehr, als ja der Talmud die Quelle für die Kenntnis jener Übungen darstellte, die als so lebenswichtig galten, weil sie das Leben des Juden in all seinen Beziehungen regelten. Wer mit dem Talmud vertraut war, wußte, auf welche Gefahren möglicher Übertretung er zu achten hatte, welche Gesichtspunkte bei den einzelnen religiösen Riten zu beachten waren: er konnte seine jüdische Lebensform als ein Wissender leben. Aber in diesen Vorgängen lag auch der Keim für die gegensätzliche Haltung dem Talmud gegenüber, die dann im 1<J. Jahrhundert Platz griff. Man war dahin gekommen, den Talmud mit Scharfsinn um des Scharfsinns willen zu lernen, statt um aus ihm den Geist des jüdischen (iesetzes zu erforschen. Und: mau hatte im Talmud nur „gelernt", um zu der genauesten Kenntnis der technischen Einzelheiten bei den Riten zu gelangen, und hatte gar zu gerne all das übergangen, was nicht unmittelbar diesem Ziele diente. So kam es, daß man ein ganz falsches Bild vom Talmud gewann: man kannte in ihm nur die Halachah, die Teile, die sich mit dem Weg, mit der, aufgrund einer in bestimmte Formen geprägten Gesetzgebung, äußerlich sichtbaren Lebenshaltung befassen, während man die Haggadah, in der die Begründung dieser Lebensführung aus dem Gemüte heraus oder deren Wirkung auf das Gemüt behandelt wird, fast völlig vernachlässigte. Und so ist es nur zu begreiflich, daß das Inter-

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