Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 28 (13.7.1934)
- Date
- 1934-07-13
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ihm die vorhandene Sprache nicht genügte, um das präzise auszudrücken, was er auszudrücken wünschte. Zu seinen Lebzeiten begannen hervorragende Obersetzer Werke der Philosophie, Mathematik, Naturkunde, Medizin u. a. aus dem Arabischen ins Hebräische zu übersetzen, sie stieBen auf /ahlreiche Worte und Begriffe, für deren Ausdruck sie im Hebräischen kein Vorbild landen und mußten sie neu bilden; damals wird mancher Über das seltsame, neue Hebräisch den Kopf geschüttelt haben, aber schließlich hat diese Sprache Anerkennung gefunden und ist spater, als die Philosophen, die Arzte und die W issenschaft Hebräisch schrieben, als ganz .selbstverständlich von ihnen Übernommen worden. Qenau so haben die Kabbalisten für ihre Bedürfnisse Worte geschaffen und die Sprache bereichert, lind so geschah es Jahrhundert um Jahrhundert und von Wissenszweig /u Wissenszweig, daß die Sprache sich veränderte, daß aus einem alteren Hebräisch ein neueres wurde. Und es hat auch eine Zeit gegeben, wo die hebräische Sprache in Verfall geriet, wo ein dein Mönchslatein entsprechendes Rabbinerhebräisch einen tiefen Niedergang herbeiführte. Aber dann kam wieder ein Aufschwung, etwa von den Tagen Moses Mendelssohn an hat sich die hebräische Sprache belebt und vervollkommnet. Heute ist sie eine lebendige Sprache, nicht etwa die Sprache einiger Literaten und Propagandisten, sondern die Sprache eines ganzen Volkes, in Palästina die Sprache, in der das judische Kind die ersten Laute hört und lallt. Linen der tiefsten Eindrücke in Palästina hatte ich im Hause eines judischen Kolonisten, wo ein noch nicht zweijähriges Mädelchen auf dein Arme der Mutter versuchte, den neuen Onkel in seine Konversation und sein Spiel hineinzuziehen - alles in einem natürlichen und korrekten Hehr, iisch. I)ieses Plappern eines Kindes /engt beredter von der 1 ebendigkeit der Sprache als ein Dutzend dicke Bände von Gedichten oder Novellen. Die Sprache ist also wirklich lebendig und null» daher alle Bezirke des Lehens umlassen. Dafür aber reicht das biblische Sprachgut nicht aus. Denn die Bibel stellt ja nur einen kleinen Pest der althebräischen Literatur dar und erwähnt nur einige wenige Gebiete lies Lebens. Nehmen wir ein ganz triviales Beispiel. In der Bibel werden Schlosser und Schmiede erwähnt, aber nicht Schneider und Schuster. Line lebendige Sprache kann ohne ilie Bezeichnungen für diese notwendigen Handwerke nicht auskommen, sie mußte sie daher aus dem „Neuhebräischen" der Mischna nehmen. Ahnlieh ging es mit tausend anderen Worten aus dem täglichen Lehen, die in der Bibel nicht vorkommen, im t iglichen Verkehr aber sicher ständig gebraucht wurden und sieh in der nachbiblischen Literatur auch wirklich häufig linden. Die Sprache unserer Zeit hat ferner einen großen Bedarf an abstrakten Worten, das ist im Fortschritt der Kultur begründet, die Bibel kennt nur wenige theoretische Auseinandersetzungen und hat es daher meist mit konkreten Bezeichnungen zu tun. Aus ihr konnte man die Abstrakte nicht entnehmen, wohl aber fand man in der reichen neuhebräischen oder späthebräischen wissenschaftlichen Literatur des Mittelalters reiches Material; dieses wurde und wird von Fachmännern eifrig studiert und für die heutige Sprachbildung verwendbar gemacht. Endlich ist zu beachten, dali Worte wie Auto und Kino, Radio und Telephon vor zwei Generationen kaum irgendwo bekannt waren und doch heute in allen europäischen Sprachen Bürgerrecht erlangt haben. So gibt es auch im lebendigen Hebräisch eine ganze Anzahl I remdwortc, „Tilpen" ist genau 10 ein hebräisches Fremdwort geworden, wie telefonieren ein deutsches. Es gibt unter den jungen Hebraisten, namentlich unter denen, die in Palastina geboren sind, eine ganze Anzahl, die jeden hebräischen Stil früherer Zeiten als veraltet ansehen und eine stark puristische Richtung vertreten. Alle diese Notwendigkeiten haben auf das heute gesprochene Hebräisch ihren Einfluß ausgeübt und haben eben die Bezeichnung „Neiihebräisch" hervorgerufen. Aber bei allen Veränderungen ist die hebräische Sprache doch hebräisch geblieben. Ich z. B. kann nicht hebräisch sprechen, habe aber mein ganzes Leben lang mich mit hebräischer Literatur beschäftigt und viele Vokabeln in mich aufgenommen, ohne je daran zu denken, daß sie zu einer lebendigen Sprache gehörten oder gehören konnten. Als ich aber nach Palästina kam, die Sprache hörte und die Dinge sah, wurden all die Kenntnisse, die unter der Schwelle des Bewußtseins ruhten, mit einem Male lebendig, die Worte stellten sich ein. und ich konnte ebenfalls sprechen. Denn hei aller Beimischung neuei W orte ist die Sprache im letzten Grunde die gleiche geblieben, Neuhebräisch ist Hebräisch, nur ein gesprochenes, lebendiges Hebräisch. In Leipzig wird (auller in vielen Zirkeln) das Neuhebräische in der von Dr. M. Woskin-Nahartabi begründeten und gegen mannigfache Hemmnisse stets opferbereit geleiteten „Hebräischen Sprach' schule" seit einer stattlichen Reihe von Jahren und mit schönen Erfolgen betrieben. Bialik gestorben. Am Mittwoch, 4. Juli, gegen S Uhr abends, ist Chaim Na dilti an Bialik in Wien, wo er sich vor kurzem einer gut verlaufenen Operation unterzogen hatte, einem Herzschlag erlegen. 1 )er I lichter, dessen ücsundheitszustaiul nach der Operation völlig zufriedenstellend war, hatte sich auch an diesem Tage durchaus wohl befunden. Er verbrachte ihn mit Zeitungslektüre und unterhielt sich mit seinen Besuchern angeregt und gut gelaut scherzend. Plötzlich wurde er von einem Unwohlsein befallen, griff mit der Hand nach der Herzgegend und war wenige Sekunden darauf verschieden. Die Nachricht von dem unerwarteten Ableben Bialiks verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt und wurde in allen jüdischen Kreisen mit tiefster Bestürzung aufgenommen. Die gerade tagende Sitzung des Präsidiums der Wiener israelitischen Kultusgemeinde wurde sofort abgebrochen, die Mitglieder des Präsidiums eilten an das Sterbelager des Dichters, wo sich auch sämtliche Wiener Rabbiner einfanden. Chaim Nachmalt Bialik war am Januar 1873 in dein wolhynischen Dorfe Rady geboren. Mit sieben Jahren verlor er seinen Vater; sein Großvater führte ihn zuerst in das hebräische Schrifttum ein. Seine Fortbildung erfuhr er im Beth hamidrasch der litauischen Juden in Shitouiir und in der Uorloschincr Jeschiwa, wo er mit der modernen hebräischen Literatur und den Ideen Achad Haams bekannt wurde. IS<)1 erfolgte ilie erste Veröffentlichung eines Gedichtes von Bialik in Odessa in Rawnitzkis „Pardcs": El ha Zippor (An den Vogel). Im Verlaufe der neunziger Jahre schrieb er dann zahlreiche Gedichte, die IS'17 gesammelt herauskamen. Lr Übersiedelte nach Odessa und gründete 1905 den grollen hebräischen Verlag „Moriah". In den folgenden Jahren errang sich Bialik die Stellung der fuhrenden (iestalt der hebräischen Literatur. 1921 verlieb er endgültig Rulilaud und ubersiedelte, nach zweijährigem Aufenthalt in Deutschland, wo er seine verlegerische Tätigkeit im Verlag „Dwir" fortsetzte, nach Palästina. Bialik ist der bedeutendste Lyriker der modernen hebräischen Literatur; seine reichste Kraft zeigen, neben den die Liebe und das Naturleben behandelnden Gedichten, diejenigen Dichtungen, in denen er sich mit Problemen des jüdischen Volkslebens befaßt. Hierher zahlt seine erste gröllere Dichtung Ha Matmid (Der Büffler), eine Schilderung des ew ig lernenden, von der Welt abgewandten Juden, dein dieses Lernen höchster Lebenssinn wird; sie entstand wahrend seiner Tätigkeit als Lehrer in Sosnowice. Ebenso die 1902 in Odessa geschriebene epische Dichtung Mete Midbar (Die Toten der W üste), in der er der Tragödie des (ialuth Ausdruck verlieh. Unter dem Liudruck des Pogroms von Kischinew entstand das Gedicht A! Har Schechita (Nach dem Morden). Ungewöhnlich wertvoll sind die zahlreichen Lssays und Erzählungen, die in mehreren Sammlungen erschienen sind. Mit diesen dichterischen Schöpfungen und nicht zuletzt mit einer Reihe von Übersetzungen — von ihm stammt eine hebräische Bearbeitung des „Don QuknOte", eine l bertragung von Schillers »Teil" u. a. hat sich Bialik neben der unvergänglichen Leistung für die hebräische Literatur auch hervorragend sprachschöpferisch für die Belebung und Beseelung der hebräischen Sprache verdient gemacht. Schließlich darf nicht die überaus fruchtbare Tätigkeit übergangen werden, die Bialik in Belebung des klassischen jüdischen (icistesgutes entfaltet hat: in seinem Sefer Aggadah hat er den ungeheuren Schatz der Aggadah wieder zuganglich gemacht; seine Bearbeitungen von Stoffen der Bibel, der Aggadah und anderer wichtiger Literatur für die Jugend, entzuckende Versbucher und kleine Märchenhefte für Kinder haben Liehe zum alten jüdischen (ieistesschaffen verbreitet und vertieft. Zu seinem 5(1. Oeburtstage erschien eine Jubiläumsausgabe seiner Werke in vier Bänden. Seine (iedichte und Schriften in fast alle europäischen Sprachen, auch ins Esperanto, übersetzt. In deutscher Sprache liegen vor; Gedichte, ubersetzt von Lrnst Müller (2. Aufl., Wien lü'2'2); (iedichte, übersetzt von Louis Weinberg (Berlin 1920); Jiddische (iedichte, übers, von Ludw. Straull (Berlin 1920); Lssays, übersetzt von Viktor Kellner (Berlin 1925). Der Bürgermeister von Tel Awiw, Meir Dizengoff, hatte telegraphisch die sofortige Oberführung der sterblichen Oberreste Bialiks nach Tel Awiw verlangt. Daraufhin wurde die Leiche in der Zeremonienhalle der jüdischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofes aufgebahrt: dort fand auch die Leichenfeier statt. Im Anschluß geleiteten die Teilnehmer den Sarg zum Südbahnhof, von wo aus er nach Palastina überführt wird.