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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-07-06 · 27 (6.7.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
27 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 6. Juli 1934 über den kristallklaren Stil eines Raschl verfügen, um Raschis Schreibart begrifflich bestimmen zu können. Rasch) war der berühmteste Gelehrte seiner Zeit. Von nah und fem kamen die Talmudjünger nach Troyes, um diesem großen Lehrer zu Füßen ZU sitzen. Weit und breit in der Judenheit galt Raschi als Autorität. Seine eigenen Lehrer und diese waren die bedeutendsten Gelehrten jener Tage - erkannten ihn als Meister an. „Das Geschlecht ist nicht verwaist, das dich besitzt", schreibt ihm einer seiner Lehrer. „Mochten doch viele in Israel sein, die dir gleichen!" schreibt ihm ein anderer. Sie nannten ihn „l'arschandatha", den Gesetzeserklärer, und legten alle Hochachtung, Verehrung und Bewunderung, die sie fiir ihn hegten, in dieses eine Wort hinein. Nach seinem Tode aber eroberte sieb sein Werk die gesamte jüdische W elt. Es haben auch christliche Gelehrte den Raschi-Kommentar häufig benutzt und er wurde auch später von dem I lalleschen Pietisten Joachim Justus Breithaupt ins Lateinische übersetzt. Jüdische Historiker weisen mit einem gewissen Nachdruck darauf hin, daß Nikolaus \<>n Lyra für seine „Postilae perpetuae" eifrig den Raschi- Komment.ir benutzte und daß dadurch auch Martin Luther, dessen Bibelübersetzung ja vielfach auf Lyra fußt ein altes Sprichwort sagt: Si Lyra non lyrasset, Lutherus non saItasset: „Hätte Lyra nicht geleiert, so hätte Luther nicht getanzt" mittelbar von Raschi beeinflußt wurde. Da die Angabe stimmt, ist die Schlußfolgerung richtig. Doch alles dies bezeugt nur die Brauchbarkeit des Raschl- Kommentars, nicht aber auch die Grölte Raschis und die W irkung, die von seinem W erke ausging. Ls halt schwer, diese Wirkung /u beschreiben. „Raschi" wurde das I ernbuch für jung und alt, für Greise, Manner und Kinder. W ie in der Welt des Islams keine Stunde am I age vergeht, ohne dal) irgendwo eine Sure im Koran gelesen würde, so gab es im Judentum Zeiten, WO kein Tag im Jahre, ja vielleicht keine Stunde am Tage verging, ohne daß in irgendeinem Judenwinkel „Raschi" gelernt wurde. Siebenhundert Jahre lang und. noch etwas darüber hielt Raschi ein ganzes Volk in seinen geistigen Banden. Jahrhunderte hindurch wurde kein Talmud, keine Bibel gedruckt ohne Raschi. Das erste hebräische I »ruckwerk w ar die Bibel mit dem Raschi-Koinmcntar. Selbst die Mendelssohn'sche Bibelausgabe, deren deutsche i bersetzung und hebräischer Kommentar Raschi als veraltet und unzeitgemäß erweisen sollten, ist mit dem Raschi-Kommentar gedruckt worden; die Ausgabe hätte sonst keine Käufer gefunden. Raschi war ein untrennbarer Bestandteil der Bibel geworden. Raschis Bibelkommentar bestrickt durch seine Einfachheit. Raschi wußte offenbar um das Geheimnis, dali sich die Schlichtheit der Bibel nur durch Schlichtheit zwingen lälit. Mehr vielleicht als durch die Benutzung von Lyras „PostUlen" ist Martin Luther dadurch als Schuler Raschis anzusprechen, dali er gleich ihm den einlachen sinn des Bibelwortes durch die einfachste Wortübersetzung zu ersehließen bestrebt war. Deshalb war die Wirkung seines Werkes so gewaltig. Nicht weniger als vierzehn deutsehe Vollbibeln gab e> vor Martin Luther; keine hat sich durchgesetzt. Luthers Bibelubersetzung ward zum Volksbuch, weil sie allen verständlich, jedermann zugänglich, ich möchte sagen, weil Luthers Stil demütig war. Line hochmütige Bibelübersetzung, die den Übersetzer als W ortkünstJer legitimieren soll, wird nie und nimmer Bestand haben; sie leuchtet eine Weile, und rasch ist ihre Spur verloren. Das gleiche gilt auch von jedem Bibelkommentar. In all den Jahrhunderten seit Raschi sind unzählige Kommentare zur Bibel geschrieben worden, kein einziger hat dem Raschi-Kommentar den Rang ablaufen können. Der Zauber des Raschi-Kommentars liegt in seiner Natürlichkeit; er ist in Demut gesehrieben. Die Demut, die Raschi auszeichnet, verleiht seiner (iestalt und seinem W erkt etwas Hoheitvolles. Die Art, wie Raschi seinen Leser (oder richtiger: seinen „Lerner") unterrichtet, ist von einer Demut, die einen gefangen nimmt. Michel de Montaignes berühmtes Wort ,,(Jue sais-jeV" klingt hochmütig gegenüber Raschis oft wiederkehrender schlichter Wendung: „Das weiß ich nicht", oder: „Der Sinn dieses Wortes hat sich mir nicht erschlossen." Raschi verwendet in seinem Bibelkommentar haggadische Deutungen neben einfachen W orterkbrungen; hat er einmal der rabbinisch-haggadisch-hyperbolisehen Auslegung zu viel getan, so verfehlt er nie hinzuzufügen: „Unsere Rabbiuen deuteten, wie sie deuteten, aber der einfache Sinn des Schriftverses bleibt zu Recht bestehen." Im Talmudkommentar macht er einmal zu einer seiner Erklärungen die Bemerkung: „Mir scheint hier etwas ausgelassen; ist jedoch die Lesart richtig, so ist es auch ineine Erklärung." Diese Vorsicht bei der Wahl des Ausdrucks, diese Behutsamkeit im Erklären macht den Raschi-Kommentar z.u einem Buch, bei dessen Lektüre man die Mittelbarkeit des schriftlichen Unterrichts nicht merkt. Der Einfluß Raschis auf die Entwicklung des rabbinischen Judentums ist unwägbar und unschätzbar. Aus den mit der altjüdischen Kultur verwurzelten Judenkreisen, insbesondere aus der im Ghetto eingeschlossenen Geistessphäre, läßt sich Raschi überhaupt nicht wegdenken. Der einzige geistige Nährboden dieser Menschen war Bibel und Talmud, und da war ihnen Raschi das Licht, das die Dunkelheiten des Talmud erhellte, da war ihnen Raschi der der Pförtner, der die Geheimkammern der Schrift aufschloß. Ohne Raschi, das fühlten sie, wäre ihnen der Talmud siebenfach versiegelt geblieben, ohne ihn hätten sie das Gotteswort nicht in seiner Klarheit erfaßt. Ein Sprachgebrauch, der allenfalls als Zeichen der Popularität gewertet werden darf, verdient Erwähnung. Es handelt sieh um einen sonderbaren Sprachgebrauch, der um so rätselhafter wirkt, als er sich auf zwei grundverschiedene Persönlichkeiten, auf einen Gelehrten und einen Philosophen bezieht, nämlich: auf Raschi und Aristoteles. Bei Raschi und Aristoteles vollzog man im Ghetto eine Qeschlechtsumwandlung, man sagte „die" Raschi und „die" Aristoteles. Unter „die Aristoteles" verstand man wirklich den griechischen Philosophen, gebrauchte aber diesen Namen in stehender Redensart nur in bezug auf eine Frau, nie auf einen Mann. „Die Aristoteles" nannte man im Ghetto jede Frau, die klug war, und über eine, die sich klug dünkte, spottete man: „Sie bildet sich ein, eine Aristoteles zu sein." Unter „die Raschi" verstand man den Raschi-Kommentar, wobei vermerkt zu werden verdient, daß das Wort Kommentar sowohl im Hebräischen wie im jiddischen „der Perusch" heißt, mithin männlich ist. Wenn aber zwei Lernende über eine schwierige Talinudstelle oder über die Bedeutung eines Schriftwortes lange genug herumgestritten hatten, so sagten sie zu guter Letzt: „Laßt uns sehen, was „die" Raschi sagt." Ich registriere diese Tatsache mit dem raschimäßigen Vermerk: Der Sinn dieser grammatischen Gcschlcchtsvcrwechslung hat sich mir nicht erschlossen. Es ist aber auch ganz gleichgültig, ob man der, die oder das Raschi sagt: man ineint immer dasselbe. Denn in Wirklichkeit: wer ist Raschi? Raschi ist ein Kommentar, der diese Bezeichnung trägt. Raschi selber, das heißt Rabbi Schelomo Jizchaki, hat sich in den Hintergrund zurückgezogen. Raschi verschwindet ganz hinter seinem Werk. Es steht so ganz, für sich, als bestünde gar kein Abhängigkeitsverhältnis /wischen dem Werke und seinem Verfasser. Raschi stellt das Werk aus sich heraus, groß und eigenständig, daß man vor lauter Raschi den Rabbi Schelomo Jizchaki nicht sieht. Wenn einer spricht: „Raschi sagt", so denkt er nie an Rabbi Schelomo Jizchaki, immer nur an Raschi, an den Kommentar, der diese Bezeichnung führt, an jene in pittoresker RaSchi-Schrift den Talmud- und Bibel ausgaben beigedruckten Erklärungen, von denen man nicht recht weiß, wer sie eigentlich hingesetzt hat und wann sie hingesetzt worden sind und ob sie nicht am Ende gut eine Ewigkeit, seit die Thora am Sinai gegeben wurde, an dieser Stelle stehen. In früheren Zeiten hat es in jeder größeren oder kleineren jüdischen Gemeinde in den östlichen Ländern, und wohl auch m mancher Gemeinde des Westens, einen Rascbi-Verein gegeben. Diese Vereine unterschieden sich ganz wesentlich von allen anderen Vereinen und Gesellschaften, die an den Namen irgendeines Geistesgroßen geknüpft sind. Der Zweck der Raschi-Vereine war nicht, zu erforschen, wann Raschi geheiratet hat, ob er in glücklicher oder unglücklicher Ehe gelebt hat, ob er ein tüchtiger Weinhändler gewesen ist, und ob er an dieser oder jener Stelle vor oder hinter das Und ein Komma gesetzt hat; der Zweck der Raschi-Vereine war, „Raschi" zu lernen. Die Mitglieder waren keine Gelehrten, keine Talmudisten, keine Raschikenner, sondern Kaufleute, Händler, Kleingewerbetreibende, Handwerker — gemeines Volk. Die ganze Woche hindurch ging ein jeder von ihnen seinem Erwerb nach,

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