Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 25 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG__22. Juni 1934 Alle In den Gemeinden, Männer, Krauen und Jugend, Vereine und Bunde, werden aufgefordert, mit allen ihren Kräften mit/uw irken. Die Beitragskarte ist ein Ausdruck des jüdischen Lebens- und Oeuieinschaftswillcns, der Verantwortung und des Opfers. Berlin, Schowuaus 5094. B a e c k Vorsitzender des Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau und der Zentralwohlfahrtsstellc der deutschen Juden. Die finanzielle Entwicklung der jüdischen Gemeinden und das Ansteigen der Not bei /ahlreichen üemeindemitglicdern erfordern eine außerordentliche Verstärkung aller Bemühungen zur Beschaffung von Mitteln für die Hilfsarbeit. Während bisher in vielen Oemeinden nur die großen Steuerzahler für die freiwillige Mittelbeschaffung in Anspruch genommen wurden, muß jetzt danach gestrebt werden, jedes Gemeindemitglied, sofern es seine Verhältnisse irgend erlauben, z u e in er monatlichen freiwilligen Leistung für die Qe• amtheit heranzuziehen. IHesel Ziel soll erreicht werden durch die Beitragskart c, die die Zentralwohl f a h r t sst c 11 e der deutschen Juden im Auftrage des Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau in allen Oemeinden einführt. Aach in unserer Gemeinde wird in diesen Tagen mit dem Anbieten der Beitragskarten durch unsere Helfer begonnen. Wir bitten unsere Gemeindemitglieder, ihren Willen zur Gemeinschaft zu bekunden, unsere Helfer würdig zu empfangen und die vorstehenden Aufrufe sich zu Herzen gehen zu lassen. Leipzig, den 20. Juni 1934 Der Vorstand der israelitischen Religionsgemcinde zu Leipzig. Jüdische Zeitschau. Zur Abwehr der Ritualmordbeschuldigung. Die in der vorigen Woche erschienene Nummer des „Israelitischen Familienblattes" enthält als Sonderbeilage eine Broschüre „Ritualmord?", in der Oberrabbiner Dr. Joseph Catlebach-Altona, eine der anerkanntesten Autoritäten auf dem Gebiete jüdischer Religionskunde und Religionswissenschaft, eingehend zur Ritualmordbeschuldigung Stellung nimmt Die Darstellung geht vom Gebot „Du sollst nicht morden" aus, zeigt die Wiederholung des Mordverbotes unter Androhung strengster Strafe an anderen Stellen des Pentateuchs und betont, daß dieser klaren Gesetzgebung unter keinen Umständen im Judentum durch spätere Schriften oder Erklärungen widersprochen werden darf. Anschließend daran zeigt Oberrabbiner Dr.Carlebach, in welcher Weise Talmud-Zitate entstellt oder erfunden werden, um die böswillige, haltlose Blutbeschuldigung zu stützen, zitiert die Feststellung Prof. Stracks, daß es in der jüdischen Literatur kein Geheim werk gibt, das nicht jedem Nichtjuden, der die notwendigen Sprachkenntnisse besitzt,zugänglich wäre, und weist auf die energische Stellungnahme von Päpsten, deutschen Kaisern und berühmten christlichen Gelehrten gegen die Verbreitung der Blutheschuldigung hin. Kulturhilte für Klcingcmeindcn. Der preußische Ludesverband hat gemeinsam mit dem Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau die Einrichtung von Kulturfahrtcn in Kl ein Bern ein den getroffen. Die Leitung dieser Kulturfahrtcn liegt in den Händen eines hierfür eigens eingerichteten Kulturdczcrnats beim Zcntralausschufi der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau, das von Herrn RechtsanwaH Heinrich Stern verwaltet wird. In den Landesteilen, in denen Landesverbände jüdischer Oemeinden bestehen, erfolgt die Durchführung der Arbeit gemeinsam mit diesen. In der Zeit vom 18. April bis I i. Mai haben eine ganze Reihe solcher Kulturabende in Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und der < irenzmark stattgefunden. Fs sprachen Dr. Ludwig Landau-Frankfurt O. und George Qoetz-Berlin über „Her Wiederaufbau des deutschen Judentums" und Dr. Gerhardt Ncuniann-Bcrlin über „Vom Sinn judischer Geschichte", „Berufsumschichtung und Bewertung des Geistigen", und „Seelische Erneuerung und Kuckkehr zu uns selbst". Der künstlerische Teil der Veranstaltungen wurde bestritten von den Sopranistinnen Frau Hede Türk und Frau Koch-Stabinski, dem Tenoristen Max Mansfeld sowie den Pianistin und Organisten Lichtenstein und Samuel. Als Rezitatoi wurde Herr Meinhard Maur mit dem Organisten Ludwig Altmann in die brandenburgischen Oemeinden entsandt. Nach den vorliegenden Mitteilungen der Gemeinden und den Berichten der Vortragenden haben die Kulturfahrten überaus starken Anklang gefunden. Das stellvertretende Ratsmitglied des Preußischen Landesverbandes George Goetz schildert im Verwaltung*- und Qemeindeblatt des Landesverbandes die Wirkung dieser Veranstaltungen auf die Mitglieder der vom jüdischen Kulturleben der Großstadt isolierten jüdischen Kleingemeinden. In dem Artikel heißt es u. a.: Überallhin haben diese Abende die Kunde von der ungeheueren Arbeit der Männer gebracht, die in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und in den von ihr geschaffenen und geführten Zentralstellen geleistet wird, allen voran vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, von der Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe, von der Zentralwohlfahrtsstellc, vom Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufhau und von der Reichsvertretung der deutschen Juden. Mit größter Freude und Genugtuung hat man draußen im Lande gehört, daß es kein Gebiet jüdisch-wirtschaftlicher Art gibt, auf dem wir nicht Erfolge aufzuweisen hätten, und daß auch auf jüdisch-geistigen Gebieten Bemühungen um Wiederaufbau eingesetzt haben. Einen solchen Versuch — und besitmmt einen gelungenen — stellen auch diese vom Landesverband veranstalteten Kulturfahrten dar. Sie haben den vom Schicksal besonders vernachlässigten Glaubensgenossen in den Kleingemeinden das Gefühl wiedergegeben, daß sie, trotz örtlicher Versprcngthcit, einer großer Gemeinschaft angehören, die an sie denkt, die für sie arbeitet, die sich ihrer annimmt. Diese Fahrten haben höchste und beste Kunst in die durch geistiges Darben doppelt empfänglichen Gemüter gebracht, so daß mancherorts die Kürze des den Vortrag einrahmenden künstlerischen Teils offen bedauert wurde, und sie haben schließlich auch — da der Bericht über die jüdisch-soziale Arbeit von jüdisch-kulturellen Gesichtspunkten ausgehen und zu jüdisch-geistigen Aspekten hinführen mußte — Erhebung, Aufrichtung und Aufschwung dorthin gebracht, wo bisher die Vereinsamung und daher die Resignation am stärksten gewesen waren. Moritz Goldschmidt gestorben. In Frankfurt a. M. ist der bekannte Schriftsteller Moritz Ooldschmidt im Alter von 68 Jahren gestorben. Goldschmidt, der mit zahlreichen Aphorismensammlungen, mit Novellen und einigen Theaterstücken hervorgetreten ist, entstammte einer alten Frankfurter Familie. Unsere Gemeinde. Zuschriften an die Schriftleitung des Gemeindeblattes. Sämtliche Zuschriften an die Schriftleitung des Gemeindeblattes sind In der Zelt bis zum 13. Juli an die Israelitische Religionsgemeinde, Walte r-Blümel-StralJe 10, zu richten. Erfreulicherweise ist es gelungen, fast sSmtliche jüdisch-politischen Vereinigungen Leipzigs zu einem Einvernehmen bezüglich der ordentlichen und würdigen Durchführung jüdischer Veranstaltungen zu bringen. Alle beteiligten Gruppen haben sich vor allem verpflichtet, auf ihre Mitglieder energisch einzuwirken, um Zwischenrufe und andere Störungen vollkommen zu vermelden. Es ist zu hoffen, daß auch das nicht organisierte jüdische Publikum sich entsprechend verhalten wird, so daß unerfreuliche und unwürdige Zwischenfälle künftig vermieden werden. Organisationen, die diesem Abkommen noch nicht beigetreten sind und Näheres zu erfahren wünschen, wollen sich an die Leitung des Jüdischen Jugendrings, Elsterstr. 7, wenden. Berufsumschichtung und dann? — Wanderung wohin? Am Montag, 4. Juni, fand im überfüllten Saale des Krystall-Palastes ein Vortrag des Herrn Dr. Michael Traub über „Berufsumschichtung und dann? — Wanderung wohin? statt. In seinem fesselnden Referat zog Dr. Traub eine Zwischenbilanz des jüdischen Lebens außerhalb Palastinas und zeigte die Problematik des jüdischen Wirtschaftslebens an Hand der Entwicklung der sozialen Position der Juden in den Ländern des Ostens. Die modernen Tendenzen der Wirtschaft zerstören die überalterten und unzeitgemäßen ökonomischen Funktionen, die die Juden aller Orte innehaben, und schaffen Deklassierte und Luftmenschen. — Die lebensnotwendige berufliche Umschichtung unseres Volkes und seine Verwurzelung mit dem Boden lasse sich aber nur in Palästina verwirklichen, wo in der Tat schon jetzt eine ganz anders geartete, gesunde soziale Schichtung sich herausgebildet habe. Es sei die wichtigste Aufgabe der jüdischen Einwanderungspolitik, die gesunde Relation zwischen produktiven und vermittelnden Berufen in Palästina aufrecht zu erhalten. Dies sei aber nur dann möglich, wenn eine grundsätzliche Änderung der bisherigen Einwanderungspolitik Englands erfolgt und das Bedürfnis des Landes an Arbeitern ausreichend befriedigt wird. — So gestaltete sich der Abend zu einer imposanten Kundgebung der etwa 800 Personen zählenden Versammlung gegen die Einwanderungspolitik der englischen Regierung in Palästina. Vortrag von Dr. Ernst Simon, Haifa. Im dichtgefüllten Blauen Saale des Leipziger Kristallpalastes veranstaltete am 13. Juni die Zionistische Vereinigung Leipzig einen Vortrag von Dr. Ernst Simon, Haifa, über „Religiöses Leben in Frez Israel". Der Redner ging davon aus, daß Palästina das Land der jüdischen Öffentlichkeit sei. Wahrend hier bei uns das jüdische und insbesondere das religiöse jüdische l eben, sich heute nur noch im Verborgenen abspiele, verlange man von Frez Israel etwas ganz anderes, und vor allem stelle man an Palästina ganz besonders scharfe religiöse Forderungen. Zum Verständnis des gegenwärtigen religiösen Lebens in Palästina — so führte Dr. Simon weiter aus , sei die Kenntnis seiner Entstehungsgeschichte notwendig. Der Redner gab sodann ein ausführliches Bild von der geschichtlichen Entwicklung des religiösen Lebens im heiligen Lande vom Jahr UNK) bis zur Jetztzeit. Diese Entwicklung bedingte in neuerer Zeit eine religiöse Spaltung zwischen dem Bürgertum, das au der jüdischen Tradition festhält, und der jüdischen Jugend als der arbeitenden Klasse, die sich den Aufbau Palästinas zum Ziel gesetzt hat. Diese Abwendung der palästinensischen jüdischen Jugend von der Orthodoxie, war — wie der Redner betonte ein historische, Gebot, weil die Orthodoxie ihr nicht das volle und ganze Leben geben konnte, das sie zunächst brauchte, um mit dem Aufbau Erez Israels überhaupt erst die Grundlage zu schaffen, auf der religiöses Leben möglich ist. Die Säkularisierung der Jugend war daher nach Meinung des Referenten im Sinne der religiösen Entwicklung notwendig, kann und